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"Wohltätigkeit ist das Ersäufen des Rechtes in der Jauchegrube der Gnade!" *

.... es wabbert der Nebel durch unser Land
.... es wabbert der Nebel durch unser Land
Gießen | In Giessen erschien von einer bestimmten Lebensmittelkette (Name tut nichts zur Sache, denn fast alle größere Ketten arbeiten mit dem Bundesverband der Tafeln zusammen) zum letzten Wochenende die üblicherweise in den diversen Werbezeitungen eingelegte Wochenwerbung (auf Seite1) mit der Abbildung von reichlich gefüllten Packpapiertüten mit dem Aufdruck „Gemeinsam Teller füllen – Wir helfen vor Ort“ und einem Text Spendentüten für 5 Euro zu kaufen, welche dann von der Firma der örtlichen Tafel zugeführt wird.

Ich lehne diese Tafelaktion auch in diesem Jahr (erinnere mich, dass etwas Ähnliches vor Jahren schon einmal lief) kurz vor Weihnachten aus prinzipiellen Überlegungen ab.

1. Der dahinter steckende Appell an die Gutmenschen "gebt den Armen zu Weihnachten etwas von eurem Überfluss ab“, mag zwar für die Firma verkaufsfördernd sein, ist aber das gesellschaftlich falsche Signal. Keine Almosen, sondern mehr einklagbare Rechte brauchen die arm Gemachten.

2. Tafeln führen seit einigen Jahren keine Nischenexistenz in der BRD mehr. Wer sie stärkt, fördert - bewusst oder unbewusst - dass die Hartz-IV-ler bzw. Menschen, welche auf Grundsicherung angewiesen sind, sich früher oder später anhören müssen: Was meckert ihr an den Zuschüssen rum, geht doch zu eurer Tafel um die Ecke, da bekommt ihr für ein paar Euros zumindest Lebensmittel.

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Weihnachten (466)Tafel (41)Foodsaver (1)Discounter (1)
Bin ich jetzt der hartherzige Mensch, der den Armen nicht einen kleinen Beitrag zur Linderung ihrer Not gönnt?

Da wäre etwas dran, wenn ich nicht gleichzeitig mich dafür engagiere, dass dieses Wirtschaftssystem namens Kapitalismus (welches ja erst die Massenarmut geschaffen hat) durch neue Modelle abgelöst wird.

Es ist schön, dass viele Mitbürger etwas für die arm Gemachten machen wollen. Da gibt es aber andere Möglichkeiten: z.B. Förderung von Organisationen, die die politischen Kräfte bekämpfen, welche systematisch weitere Bevölkerungsschichten in der BRD arm machen wollen.

In der Onlineausgabe der Giessener Zeitung erschienen schon mehrere Berichte zur Tafel. (Diese Artikel sind einfach per Eintrag „Tafel“ im Suchfenster zu generieren.) Dort wurde im Detail auch der Frage nachgegangen, ob die Tafel nicht so etwas wie eine Notfallorganisation darstellt (dann hätte sie ja ihre Berechtigung) oder ob sie eher zur Verfestigung der ungerechten Reichtumsverteilung beiträgt. Diesen Gedanken in diesen Artikel einzufügen würde ihn zu lange machen.

Wer kann sich das noch leisten .....
Wer kann sich das noch leisten .....
Zum Ende meines Artikels will ich kurz auf den von mir gewählten Titel noch eingehen.

Ich halte über mehrere Jahrzehnte gesehen es für einen Fortschritt, dass in der BRD die allgemeine Wohltätigkeit durch ein sich entwickelndes Recht auf staatliche Unterstützungsleistungen abgelöst worden ist. (Einmal davon abgesehen, dass die Rechte zu schwer durchzusetzen sind und die Leistungen hinten und vorne nicht reichen.) Das wird seit einigen Jahren Stück für Stück wieder zurück gedreht. Ich frage mich, wo soll das eigentlich enden? Sind die Tafeln nur eine Zwischenstufe? Fallen wir in die Jahre zurück, wo Hunderttausende mit einem Blechnapf vor der Suppenküche um ein dünnes Süppchen betteln mussten? Ich weis es nicht, aber der Pessimist in mir hält es für im Bereich des Realen.

Wer das nicht will, der sollte sich überlegen, all die politischen Kräfte zu unterstützen, welche den Motor dieser Entwicklung - den Kapitalismus - stoppen wollen.

Oder ein ganz praktischer Vorschlag: Das Eine nicht sein lassen und das Andere auch machen. Deswegen eventuell die 5-Euro-Tüte bei ….. kaufen und dann zu Hause eine Spende für eine kapitalismuskritischen Organisation spenden?

Grundinformationen über die Giessener Tafel (überwiegend) aus einem aktuellen Lokalzeitungsartikel (da die Homepage gerade überarbeitet wird) :

Buch zum Thema
Buch zum Thema
http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/tafel-fuer-drei-wochen-im-zelt_18326785.htm

((Dieser Artikel ist am 18.11. in der Printausgabe der Giessener Zeitung erschienen.))

in Giessen im Jahr 2015 gegründet; erst Ausgabe 6.12.15 – ca. 300 Mitarbeitern - über 2200 bedürftige Menschen verteilt - Anzahl der Menschen auf der Warteliste („geprüft“, aber nicht wegen mangelnde Kapazitäten zum Zuge kommend); z.Zt. werden die Zahlen nicht veröffentlicht) –Zugangskontrolle, zugelassen werden nicht nur Harz-IV-ler oder Menschen mit Grundsicherung, sondern auch Menschen die leicht über dessen monatlichen Sätzen liegen – geringer Kostenbeitrag pro Lebensmittelausgabe - verwaltungsmäßig organisiert von einem Sozialkonzern einer der Amtskirche; Ehrenamtliche selbst organisiert – die Giessener sind dem Bundesverband angeschlossen – von Giessen werden verwaltungsmäßig „Filialen“ im Landkreis mit organisiert

Passend zum Thema möchte ich noch kurz auf zwei (kein Anspruch auf Vollständigkeit) zusätzlich sich in Giessen etablierten Möglichkeiten hinweisen für ein paar Groschen bzw. kostenfrei Lebensmittel bzw. Essen zu erhalten.

Alternative - Lebensmittel selber herstellen (Fragezeichen)
Alternative - Lebensmittel selber herstellen (Fragezeichen)
Abschließend noch ein (von sehr vielen zur Zeit gegebenen) Hinweisen auf Möglichkeiten durch bessere Planung bzw. Koch- / Konservierungstechniken (gekaufte / geschenkte) Lebensmittel für sich zu nutzen bzw. dem Verfall zu entziehen.
Siehe auch den Beitrag: Elf Millionen Tonnen Lebensmittel für die Tonne - http://www.giessener-zeitung.de/heuchelheim/beitrag/121260/elf-millionen-tonnen-lebensmittel-fuer-die-tonne/ - vor ein paar Tagen hier in der Onlineausgabe der Giessener Zeitung!


1. Giessener Gruppe der FoodSaver
(zu Deutsch: Lebensmittelretter – nicht verkaufte Lebensmittel vom Giessener Markt und von Bäckern)

https://www.facebook.com/FoodsharingGiessen/

Start: Frühling 2014 – sieben Ausgaben an fünf Tagen in der Wochen – zusätzlich 5 Standorte von Kühlgeräten in denen Lebensmittel für Mitbürger eingestellt werden können (sog. FAIR – Teller) – aktuelle Teilnehmerzahl mir nicht bekannt -– keine Zugangskontrolle – kein Kostenbeitrag – selbst organisiert

Buch zur neuen Armut
Buch zur neuen Armut

2. Suppenküche der katholischen Giessener Albertus - Kirchengemeinde

http://dcms.bistummainz.de/bm/dcms/sites/pfarreien/dekanat-giessen/pvpg/pv_giessen/pfarr_st_albertus/gruppen/suppenkueche.html

seit Okt. 2013 (Start mit 6 Gästen) – einmal im Monat – aktuelle Teilnehmerzahl zwischen 30 und 40 Personen – keine Zugangskontrolle – kein Kostenbeitrag – von der Gemeinde organisiert


Aktion „Reste retten“

Hinweis darauf aus aktueller Werbung bei einem großen Discounter (von mir keine Schleichwerbung)

https://www.einfach-weniger-wegwerfen.de/

Zitat von der Internetseite:

(…) Lebensmittel retten ist einfach
Viele Lebensmittel werden zu früh und somit unnötig weggeworfen – das schadet nicht nur dem Geldbeutel, sondern auch der Umwelt. Dabei wird auch oft vergessen, wie viel Arbeit in der Herstellung der Lebensmittel steckt. Hier erfahren Sie, wie Sie Lebensmittelverschwendung vermeiden können, um einen Beitrag für unsere Umwelt zu leisten. Außerdem zeigen wir Ihnen, wie wir uns gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen und stellen die größten Mythen zum Thema Lebensmittel auf den Prüfstand. (….)

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Wer kann sich das noch leisten .....
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Buch zum Thema
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Kommentare zum Beitrag

2.135
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 20.11.2017 um 09:49 Uhr
Lebensmittel spenden--oder sich politisch für mehr einklagbare Rechte einsetzen?
Das muss sich nicht ausschließen!
Politische Veränderungen brauchen Zeit. Arm "gemachte" Menschen, wie Herr Wagner sie so treffend bezeichnet, wollen jetzt essen und sich zu Weihnachten vielleicht ein bisschen mehr leisten.
Gegen Spenden ist Nichts zu sagen, wenn man nicht meint, sich damit von der Verantwortung frei kaufen zu können, die wir alle tragen!
Nicole Freeman
8.646
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 20.11.2017 um 09:53 Uhr
genau so ist es!!!
Stefan Walther
4.201
Stefan Walther aus Linden schrieb am 20.11.2017 um 17:12 Uhr
Gut dargestellt Martin.

"gut gemeint und schlecht gemacht", das gilt vielleicht für die, die sich als Ehrenamtliche bei der Tafel engagieren, die darf man nicht mit den Firmen auf eine Stufe stellen, die noch mit solchen Aktionen "vom Kalender über Spendensammlungen usw." Werbung betreiben.

Sicher, Veränderungen kann es nur als gesellschaftliche Veränderungen geben, dies setzt natürlich auch voraus, dass man gerade auch unter und mit den "Bedürftigen" politische Arbeit betreibt... wie lange es dauern wird bis sich etwas ändert wissen wir natürlich alle nicht, aber wenn man immer nur sagt "das dauert..." und sonst nichts tut ausser vielleicht spenden und damit evt. das eigene Gewissen beruhigt, dann wird sich natürlich auch so schnell nichts ändern...
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Martin Wagner

von:  Martin Wagner

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Martin Wagner
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