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Kommentar: "Pflegekräfte sind Täter!"

Diskussion in der ARD-Sendung "hart aber fair" am 9. Oktober 2017
Diskussion in der ARD-Sendung "hart aber fair" am 9. Oktober 2017
Gießen | Am Montagabend stand in der ARD Diskussionsveranstaltung „hart aber fair“ mal wieder das Thema Pflege im Mittelpunkt. Nachdem im vorangegangenen Wahlkampf dieses Thema öffentlich wahrnehmbar keine Rolle gespielt hatte (s. TV-Duell), ist es gut, dass Pflege wieder eine größere Aufmerksamkeit bekommt. Und das wird auch die nächsten 30 Jahre so bleiben. Die geburtenstarken Jahrgänge („Baby-Boomer“) kommen ja erst ins pflegebedürftige Alter und wer dann noch für die Pflege da ist - außer ein paar syrischen Flüchtlingen - ist noch nicht beantwortet.

Dass das Thema medial präsent ist, zeigt sich auch in der Lokalpresse. Dort erscheinen bekanntlich in schöner Regelmäßigkeit sog. „Hilferufe“, zuletzt in der Gießener Allgemeinen vom 9.9.2017, wo zwei Pfleger aus der Uniklinik mal wieder über die allgemeinen Zustände klagten.

Die Probleme in der Pflege sind dabei längstens bekannt: zu wenig Personal, zu wenig Geld, zu viel Dokumentation, zu hoher persönlicher Stress. Daraus resultieren Überforderung, Burn-Out, gesundheitliche Probleme, Unzufriedenheit und die Tatsache, dass gerade in der Altenpflege Pflegekräfte im Durchschnitt nach zehn Jahren ihren Beruf beenden. Eine Spirale, die den Personalmangel noch verschärft.

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Das eigentliche Problem der Pflege wurde zwar in der ARD-Sendung am Montagabend deutlich, auch wenn es überhaupt nicht genannt wurde. Schon die Auswahl der Gäste bot ein Indiz. Statt einer echte Expertenrunde traf sich eine „Betroffenen“-Runde, quasi eine Selbsthilfegruppe via TV.

Da war zunächst ein Krankenpflegeschüler im zweiten Lehrjahr, der vor drei Wochen große mediale Aufmerksamkeit erregte als er in einer Wahlkampfveranstaltung Bundeskanzlerin Angela Merkel in jugendlich-forscher Manier mit den eklatanten Zuständen in der Pflege konfrontierte und dafür überall heftigen Beifall bekam. Irgendwie ist es beschämend, dass dieser Aufschrei in dieser Härte von einem Anfänger kam, während die etablierten - scheinbar schon abgestumpft und erschöpft - schwiegen.

Dann war zu Gast die Tochter eines dementen Vaters und TV-Journalistin, die genauso wie Samuel Koch - bekannt aus der Fernsehsendung „Wetten dass…?!“ - das „Promi-Ticket“ löste.

Daneben saß dann außerdem ein Wirtschaftslobbyist und dafür aus der Pflege selbst ein Vertreter des Heimträgerverbands VDAB und aus der Politik eine frisch gewählte Bundestagsabgeordnete der SPD.

Was die Gästeauswahl offenbart: die noch junge Profession Pflege hat es sehr schwer, sich in Deutschland zu etablieren. Sie wirkt fremdbestimmt. Zum Thema Pflege vermag scheinbar jeder etwas beizutragen. Anders als beispielsweise in den USA kämpft die Professionelle Pflege hierzulande immer noch um ihre Anerkennung. Das hat historische Gründe und ist ein grundsätzliches Problem für den Zustand der Pflege heute.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass in der TV-Runde kein einziger Pflegeexperte, zum Beispiel ein Vertreter aus den Pflegewissenschaften, mit am Tisch saß.

Der zweite Aspekt betrifft das Verhalten von Pflegekräften, wann immer sie sich an die Öffentlichkeit begeben, wie zum Beispiel in dem Artikel vom 9.9.2017. Da werden Zustände beklagt, Verantwortlichkeiten verschoben und lamentiert, dass sich seit gefühlten 20 Jahren nichts ändere, kombiniert mit den endlosen Vorwürfen und Erwartungen an die Politik, es endlich besser zu machen. Kurz: Pflegekräfte stigmatisieren sich in der Öffentlichkeit hervorragend als Opfer; als Opfer eines von Bürokraten und Gesundheits-Ökonomen bestimmten Systems:« unterbezahlt und ausgebeutet. Dafür bekommen sie dann viel Zustimmung und Ermutigung, einen aufmunternden Schulterklopfer bis hin zu bemitleidenden teils bewundernden Blicken, sich trotz aller Widrigkeiten aus lauter Idealismus und Empathie für diesen Beruf einzusetzen.

Das wirkt wie Balsam auf die Seele - ändert aber nichts!

Pflegekräfte sind keine Opfer. Pflegekräfte sind Täter. Sie üben eine aktive Rolle aus, ohne die das System nicht so funktionieren kann wie es läuft. Als Täter sind sie verantwortlich, nach professionellen Gesichtspunkten zu handeln. Hier grenzt sich die Domäne einer professionalisierten Pflege stark von dem großen Bereich der Laien-Pflege ab. Dies beinhaltet Pflege nach aktuellen wissenschaftlichen Standards („state of the art“) unter Berücksichtigung ethischer Dimensionen.

Die Rahmenbedingungen dafür schafft die Politik. Dass dafür mehr Geld in das System muss - ob privat oder staatlich spielt keine Rolle - ist eindeutig. Innerhalb des Systems jedoch hat die professionelle Pflegekraft die Aufgabe wie der Arzt auch ein berufliches Selbstverständnis zu entwickeln und dieses nach außen zu behaupten. Als Pflegefachkraft mache ich in zuerst meine Arbeit und zwar auf der Grundlage meiner professionellen Sichtweise. Ich kann als Pfleger nicht die Welt retten und erst recht nicht das Gesundheitssystem. Ich kann aber so arbeiten, dass das, was ich tue, meinen professionellen Erwartungen genügt. Dafür muss ich Prioritäten setzen. Denn dazu bin ich aufgrund meiner Profession sowie meiner Ausbildung in der Lage.

Nimmt man diese professionelle Haltung nun zum Ausgang und überträgt sie auf die oben aufgezählten, immanenten Problemfelder der Pflege, so ergibt sich hieraus eine simple Lösung des Dilemmas für die Handlungsanleitung der Pflegekraft. Beim Thema „überbordende Dokumentationspflichten“ lautet das Motto „Mut zur Lücke“. Wofür ich keine Zeit habe, weil die Versorgung Pflegebedürftiger eine höhere Priorität genießt, das fällt dann unten durch. Wenn ich als Pflegefachkraft keine Zeit habe, die erforderlichen hygienischen Maßnahmen mit der notwendigen Sorgfalt durchzuführen, kann ich dann unter professionellen Gesichtspunkten es verantworten, nicht sorgfältig, also unhygienisch zu arbeiten mit den möglichen Konsequenzen?

Das Ergebnis wäre ein Pflegefehler. Juristisch spricht man von grob fahrlässigen Verhalten mit den entsprechenden zivil- und strafrechtlichen Folgen. In diesem Fall blieben nur zwei Alternativen übrig: Die Pflegedokumentation zu fälschen oder die Veranwortung für diese nicht zu vertretene Maßnahme abzulehnen. Leider entscheiden sich die meisten Pflegekräfte immer noch für die erste Variante und machen sich damit selbst zu Tätern.

Der Appell an die Pflegekräfte muss also lauten: Hört auf zu lamentieren! Nehmt eure Verantwortung endlich wahr und handelt danach unter professionellen Gesichtspunkten!


Der Autor ist staatl. ex. Altenpfleger bei der Sozialstation Wettenberg und Inhaber eines Lehrauftrags am Bildungszentrum für Pflegeberufe der Königsberger Diakonie Wetzlar. Kontakt: jakob@gs80.de

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Kommentare zum Beitrag

Florian Schmidt
4.241
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 11.10.2017 um 21:55 Uhr
Was würde denn mit einer Pflegekrafrt passieren die sich bei jedem Patienten ihre 30 Sekunden zum Händewaschen nimmt? wie lange würde sie in der Einrichtung überleben wenn sie signifikant langsamer wird als ihre Kollegen/innen, die unter dem gleichen Druck stehen?
2.135
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 20.10.2017 um 10:35 Uhr
Vor einigen Jahren war ich Teilnehmerin eines Kurses über Astronomie.
Dort wurde auch über einen reichen Förderer berichtet, der sich beim Kauf eines großen Teleskops beraten ließ, das er dann für den Fachbereich zur Verfügung stellte
Es gibt große und kleine Teleskope. Ein Großes kostet sehr viel Geld.
Wir erfuhren, dass dieser Förderer das Geld für sein Teleskop und sein privates Observatorium durch den Betrieb eines Altenheims verdient hatte.
Damals wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass man an einem Altenheim
richtig gut verdienen kann.
Eine Untersuchung hat gezeigt, dass es in fast allen Altenheimen Mängel gibt. Eine Ausnahme scheinen kommunale Altenheime zu sein.
Der Fehler liegt meiner Ansicht nach im System: Einrichtungen der medizinischen Grundversorgung sollten kostendeckend und nicht gewinnorientiert arbeiten.
Die Versorgung alter Menschen ist aber bei uns offenbar ein lohnendes Geschäft , und so werden immer neue Einrichtungen gebaut, die mich von ihrer Aussenansicht her mehr und mehr an Gefängnisse erinnern.
Da gibt es keine Balkone, die Fenster sind bis zur halben Höhe vergittert,
und lassen sich wahrscheinlich nur kippen. Alles Sicherheitsmaßnahmen,
damit man nicht zu viel Zeit in die dort lebenden Menschen investieren muss.
In einem Buch las ich neulich von einer Seniorenresidenz, in der man die Möbel in den Zimmern festgeschraubt hatte.
In dem kommunalen Altersheim, in dem meine Mutter ihre letzten Jahre verbracht hat, konnte man wählen zwischen einem Zimmer mit Erker, mit Balkon, oder einem ebenerdigen Zimmer mit einem kleinen Stück Garten.
Man konnte einen Teil seiner eigenen Möbel mitbringen.
Behinderte konnten den ganzenTag über in einer Gruppe betreut werden.
Auch in den letzten Monaten vor ihrem Tod, als meine Mutter extrem anspruchsvoll wurde und sehr häufig ihre Klingel betätigte, ist immer schnell eine Betreuungskraft zu ihr gekommen. Das war möglich, weil die Station
nachts doppelt besetzt war und sich die Pflegerinnen abwechseln konnten.
Zuletzt war meine Mutter ein Pflegefall. Vorher hatte ihre Beamtenpension die Kosten gedeckt, und ihr sogar ermöglicht, Ersparnisse anzulegen.
Diese idealen Zustände gab es in einem kommunalen Heim in einer Dorfgemeinde.
Ich bin siebzig Jahre alt. Wenn ich an einem dieser Heime ( oder "Residenzen", eine beschönigende Bezeichnung, die ich als Hohn empfinde) vorbei gehe, empfinde ich wirklich Angst und hoffe immer, dass ich meinen körperlichen und geistigen Verfall noch rechtzeitig selbst bemerke, um einen selbstbestimmten Abgang zu machen.
Ist man erst einmal in einer solchen Einrichtung, sind die Fluchtwege dieser Art versperrt, dafür ist immerhin gesorgt.
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von:  Jakob Handrack

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