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Am 1. Juli: Vierte Umsonst-Demo durch Gießen lädt Bundestagskandidat*innen ein

Stilecht: Gerettetes Essen aus der (sauberen) Tonne serviert
Stilecht: Gerettetes Essen aus der (sauberen) Tonne serviert
Gießen | Dreimal liefen sie schon durch Gießen, dreimal wurden große Mengen gerettete und containerte Lebensmittel, Kleidung, Spiele, Haushaltswaren, Bücher, aber auch Musik, Umarmungen, Lose und vieles mehr umsonst verteilt. Am Samstag, den 1. Juli, wird es zum vierten Mal soweit sein. Dann soll die nächste Demonstration des Schenkens durch die Gießener Innenstadt ziehen. Start ist um 15 Uhr am Café Amelie (Ecke Walltorstraße/Asterweg). Von dort geht es über Kirchen- und Marktplatz durch den gesamten Seltersweg. Das Ziel ist dabei nicht nur, noch Ess- und Nutzbares an Menschen zu verteilen, die es brauchen, sondern auch auf die Brutalität des hinter der Verschwendung stehenden Wirtschaftssystems hinzuweisen. Eine Rednerin formulierte es beim vergangenen Umsonstzug so: „Wir leben in einem System, in welchem wirtschaftlicher Erfolg kein Indikator von echter Kreativität sondern von Skrupel- und Rücksichtslosigkeit ist. Wir wollen aber eine solche Welt nicht. Wir glauben nicht daran, dass die Ingenieure schon eine Lösung für die drängenden Probleme finden werden. Wie sollten sie auch? Sie arbeiten an Profitoptimierung und an unsinnigen Produkten.“
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Als Besonderheit des Juli-Umsonstzugs wurden an alle Direktkandidat*innen der kommenden Bundestagswahl eingeladen. An zwei Stopps sollen sie zu konkreten Forderungen Stellung beziehen, zum einen zur Frage der Lebensmittelverschwendung und der Kriminalisierung des sogenannten „Containerns“, also der Entnahme von Lebensmitteln aus dem Müll, zum anderen zur Streichung des Schwarzfahr-Strafparagraphen und Einführung des Nulltarifs in Bussen und Bahnen. Die Aktivist*innen aus dem Umfeld der Projektwerkstatt Saasen, von der aus die Einladung an die Politiker*innen rausging, sind gespannt auf die Reaktion: „Politprofis mögen keine konkreten Forderungen, denn sie wollen lieber mit nebulösen Ankündigungen punkten. Damit werden sie bei uns keine Chance haben – wir wollen klare Ansagen!“
Ein weiteres Thema wird die städtische Reglementierung der Straßenmusik sein. Schon beim Juni-Umsonstzug kam es zu einer starken Solidarisierung zwischen Musiker*innen und den Teilnehmenden an der Schenkparade. Auch hier haben die Aktivist*innen klare Forderungen an die Stadt, die Verordnung zu beerdigen. „Sonst melden wir hier jeden Tag eine Demo an und innerhalb derer können dann so viele musizieren, wie sie wollen – und zwar für lau und ohne Regeln!“ Deutlich ließen auch Passant*innen ihrer Wut freien Lauf: „Wenn es hier keine Straßenmusik mehr gibt, gehe ich woanders einkaufen“, formulierte eine Person in das mitgeführte Soundsystem mitten auf dem Seltersweg.
Wie üblich sollen auf dem bunten Umzug Essen, Kleidung und vielen anderen Dinge frei verteilt werden. Die Gießener Foodsharinggruppe wird wieder mit ihren Fahrradhängern voll gerettetem Essen dabei sein. Eingeladen sind aber alle Menschen: Wer etwas zu verschenken hat, kann es zum Umsonstzug bringen und dort selbst verteilen oder auf den vielen mitgeführten Wägen auslegen. Doch nicht nur um Sachen geht es: Reichlich sollen auch Musik, Theater, Tanz, nette Gespräche, Angebote für Weiterbildung und Beratung verschenkt werden. Per Flugblätter und Redebeiträgen werden Informationen zu den dauerhaften Angeboten des Schenkens und Verschenkens weitergegeben, so über die Fairteilung von geretteten Lebensmitteln in Gießen, über den Umsonstladen sowie Fahrrad- und Bastelwerkstätten, den Aktionsraum und die Projektwerkstatt, die Räume und Ausstattung zur ständigen Nutzung vor Ort bereithalten. Den Organisator*innen ist wichtig, ein starkes Ausrufezeichen gegen Massenproduktion, Ressourcenverbrauch, Reichtumsgefälle, Wegwerfen und Konsumstress zu setzen. „Wir wollen nicht die Brotkrümel besser verteilen, die von den Tischen der Reichen und Mächtigen fallen, sondern die Tischsitten ändern!“ Daher sind auch Redebeiträge geplant, die eine klare Kritik an den Machtverhältnissen und der Art des Wirtschaftens formulieren. Schon am Vorabend (Treffpunkt ist 22 Uhr vor dem Uni-Hauptgebäude in der Ludwigstraße) sind wieder alle aufgerufen, in und um Gießen die Lebensmittelcontainern zu durchsuchen. Direkt nach dem Umsonstzug findet dann in Gießen die diesjährige Nachttanzdemo statt. Wenn alles klappt, soll der Umsonstzug genau dort enden, wo das Musikevent dann startet. Alle Informationen finden sich auf facebook.com/umsonstzug.

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von:  Jörg Bergstedt

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