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Irreführende Begrifflichkeiten in den bürgerlichen Medien – Teil 3

Gießen | Es gibt Begriffe, Phrasen oder Floskeln, mit denen versucht wird, die wahre Bedeutung zu verschleiern, zu verharmlosen oder gezielt Einstellungen darüber zu manipulieren. Heute:

Nicht „sozial Schwache“, sondern „finanziell Benachteiligte“.


Oft werden arme Menschen als „sozial Schwache“ bezeichnet, obwohl es keinen Zusammenhang gibt zwischen Einkommen und seinem zur Verfügung stehenden Vermögen auf der einen und der sozialen Kompetenz des bezeichnenden Menschen auf der anderen Seite. Treffender hier ist die Bezeichnung „finanziell Benachteiligte“.

Der Begriff „sozial Schwache“ für arme Menschen impliziert, dass ein Mensch mit wenig Geld zugleich auch soziale Probleme schürt oder besitzt, wie z.B. Kriminalität, Alkoholkonsum oder mangelnde Kommunikationskompetenzen. Deshalb ist der Begriff diskriminierend. Einen generellen kausalen Zusammenhang herzustellen, dass weniger Geld gleich weniger Mensch bedeutet, ist menschenverachtend.

Finanziell ärmeren Menschen werden somit generelle Eigenschaften zugewiesen, ohne sie direkt als arme Menschen oder Unterschicht klassifizieren zu müssen.

Die Beschreibung „sozial schwach“ für ärmere Menschen suggeriert außerdem, dass sie auf Kosten der Allgemeinheit leben. „Sozial stark“ wäre demnach jeder Steuerzahler. „Sozial“ wird also hier oft als Maß für finanzielle Beteiligung an der Allgemeinheit bezeichnet.

Als „sozial“ im eigentlichen Sinne werden Menschen mit Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit und Altruismus beschrieben. „Sozial schwach“ sind im eigentlichen Sinne des Wortes eher Menschen, denen das Leid anderer völlig egal ist. Also Menschen mit grenzenlosem Egoismus, ausgeprägtem Kosten-Nutzen Kalkül und ein Verhalten, das andere Menschen zur eigenen Profitmaximierung ausbeutet.

„Sozial schwach“ verschleiert zudem die gesellschaftlichen Gründe dafür, arm zu sein, bzw. zu werden. Es entsteht der Eindruck, dass den Betroffenen der Zugang zu den Fleischtöpfen der kapitalistischen Gesellschaft aufgrund des eigenen Unvermögens verwehrt bleibt, es also ihre eigene Schuld sei. Die strukturellen Bedingungen eben dieser Gesellschaft und der daraus resultierenden Armut werden ausgeblendet.

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Kommentare zum Beitrag

2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 13:48 Uhr
Was genau bezeichnen Sie als bürgerliche Medien?
H. Peter Herold
29.497
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 14:18 Uhr
Ich nehme an die Medien allgemein.
Kurt Wirth
3.495
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 17:54 Uhr
Unter Berücksichtigung des Einwurfs von Frau Barthel: Der Begriff ist nicht nur in den "bürgerlichen Medien", sondern überhaupt irreführend (z.B in den Beschlüssen von Kommunalparlamenten, in Erhebungen und Untersuchungen, vielleicht auch in Gesetzes- und Verordnungstexten). In dieselbe Richtung geht auch der "soziale Wohnungsbau", die "Sozialwohnung". Wer unter einer diesbezüglichen Anschrift wohnt, wird bei der Schufa und anderen Auskunfteien automatisch abgestuft.

Es gibt auch andere Beispiele, wo ursprüngliche Bezeichnungen durch vermeintlich vornehmere Umschreibungen ersetzt wurden: Aus der Volksschule wurde die Grundschule, aus dieser die Hauptschule und aus dieser wiederum die Mittelschule (zumindest in Bayern). Man versuchte, das Problem mit anderen Begriffen schönzureden. An der Sache hat sich nichts geändert.

Ähnlich ist es mit dem "Altersheim", das zum "Seniorenheim", dann zur "Seniorenwohnanlage" und dann gar zur "Seniorenresidenz" aufsteigt. Ändern tun sich allenfalls die Preise.
H. Peter Herold
29.497
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 18:14 Uhr
Nachdem die Leistungen der Pflegeversicherung erheblich erhöht wurden sind es Residenzen. Nur das Personal hat nichts davon.
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 18:53 Uhr
Ja, Herr Wirth, die Medien, ob bürgerlich oder nicht, greifen nur die von der Politik vorgegebenen beschönigenden Ausdrücke auf.
Was die sogenannten "Sozial Schwachen " betrifft, so hat eine Untersuchung ergeben, dass Menschen mit geringem Einkommen auch geringere Chancen haben, ihre Interessen durchzusetzen als Wohlhabende.
Insofern sind sie also tatsächlich sozial schwach. Trotzdem ist der Begriff irreführend, denn die Ursache dieser "Schwäche" ist ja die finanzielle Benachteiligung.
Oder sollte man vielleicht einfach "Armut" sagen?
Es gibt zwar einen Armutsbericht, aber Arme ehrlich so zu benennen , dazu
fehlt uns der Mut!
Christian Momberger
11.308
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 01.06.2017 um 21:02 Uhr
Immer wieder gut und zutreffend die Erläuterungen irreführender Bergriffe, die Uwe hier einstellt.
Ebenso kann ich mich den Vorrednern im grundsätzlichen nur anschließen.
Uwe Lennartz
199
Uwe Lennartz aus Gießen schrieb am 02.06.2017 um 13:42 Uhr
Bürgerliche Medien möchte ich wie folgt definieren:

Medien sind institutionalisierte Systeme um Kommunikation zu organisieren. Sie haben ein spezifisches Leistungsvermögen und eine gesellschaftliche Dominanz, können also Menschen beeinflussen.

Der bürgerliche Staat (oder das Bürgertum) repräsentiert politisch die Lebensbedingungen in der Marktwirtschaft, gründet also auf dem Privateigentum und den Besitzverhältnissen der Bürger.

Bürgerliche Medien übernehmen somit in unserer kapitalistischen Gesellschaft zentrale Aufgaben der Herrschaftssicherung und Meinungsbildung des Bürgertums.
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 04.06.2017 um 13:09 Uhr
Ganz schön lang haben Sie gebraucht, um mir als Antwort auf meine Frage ein paar Leersätze (kein Rechtschreibfehler!) aus Ihrer Bibel herzubeten.
Inzwischen hatte ich ja schon von Herrn Wirth eine adäquate Antwort erhalten!

Das Thema, mit dem Sie sich beschäftigen, ist ohne Zweifel interessant.
Deshalb denke ich, Sie sollten selbstkritisch auch einmal die Phrasenhaftigkeit der von Ihnen verwendeten Begriffe "Bürger" und "bürgerliche Gesellschaft" hinterfragen.
Mit freundlichen Grüßen von einer Bürgerin, die kein Problem damit hat, sich als Teil der bürgerlichen Gesellschaft zu verstehen!
Uwe Lennartz
199
Uwe Lennartz aus Gießen schrieb am 04.06.2017 um 22:36 Uhr
Sehr geehrte Frau Barthel, wie konnte das nur passieren, dass Sie auf meinen Kommentar vom 02.06. fast 48 Stunden benötigt haben, um darauf zu antworten? … Ich hatte ja schon mal an anderer Stelle angemerkt, dass ich leider die Regel bezüglich der Reaktionszeit zum Antworten hier in der GZ noch nicht gefunden hatte. Habe ich übrigens immer noch nicht.

Ich wollte nun in meiner Bibel (was Sie auch immer damit meinen mögen) nachlesen, aber Sie haben heute zu einem anderen Artikel einige Kommentare geschrieben, in denen Sie die Grundhaltung der bürgerlichen Medien wie Verfälschung von Wahrheiten, Verschweigen von Fakten und Manipulation von Meinungen sehr treffend beschreiben: „Mich stören vor allem die irreführenden und schönfärberischen Aussagen. Mich stören die hohlen Phrasen.“ „Die Presse hat sich auch recht wenig dafür interessiert.“ „Aber in den Nachrichtensendungen? Nein, dort, und auch in den meisten Zeitungen wurde kaum etwas, und das Wenige auch nur sehr oberflächlich, berichtet.“

Also haben Sie meinen Beitrag mit dem Kommentar sehr wohl verstanden. Was ist nun Ihre Kritik an diesem?
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 05.06.2017 um 09:39 Uhr
Gut gekontert, Herr Lennartz.
Was mich an Ihrem Beitrag und überhaupt an Ihrer Grundeinstellung stört, ist
Ihre Verwendung der Begriffe "Bürger" und "bürgerlich".
Karl Marx ist lange tot, die Gesellschaft hat sich seitdem weiter entwickelt ,
die Machtverhältnisse auch.
Und das Kapital, das heißt die Macht des Kapitals, ist gewachsen, tritt aber in
neuen und gefährlicheren Formen auf.
Diesen Entwicklungen können Sie mit Ihrer Schwarz-Weißmalerei nicht gerecht werden.
Die "bürgerlichen " Medien--was wäre der Gegensatz dazu? Etwa die "sozialen" Medien?
Medien?
Übrigens hatte ich ein Problem mit meinem PC, das ich selber nicht lösen konnte.
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 09.06.2017 um 09:19 Uhr
Irreführende Begriffe gibt es übrigens in allen Bereichen. Was halten Sie zum Beispiel von"homo sapiens"?
H. Peter Herold
29.497
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 09.06.2017 um 09:43 Uhr
Den Begriff hat einer davon geschaffen :-))
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Uwe Lennartz

von:  Uwe Lennartz

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