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Gießen in hundert Jahren. Eine fantastische Begegnung

Gießen | Kürzlich begegnete mir in unserer größten Einkaufsstraße ein netter Herr von etwas seltsamem Aussehen. Seltsam war vor Allem seine Kleidung, die offensichtlich aus einem anderen Zeitalter kam, und seine überaus höflichen Manieren.
So etwas kennen wir heute nicht mehr.
Er fragte mich, wo man denn in dieser Stadt wirklich gut essen könne, und so landeten wir bei meinem Lieblingsitaliener, und während wir es uns bei Antipasti, Nudeln, gegrilltem Fisch und exzellentem Wein gut gehen ließen, erzählte er mir seine Geschichte.
Er war nämlich Besitzer eines ganz besonderen Verkehrsmittels:
Einer Zeitmaschine. Und zwar eine, die es ihm ermöglichte, nicht nur die Zeit, sondern auch den Ort beliebig zu wählen. Sie war technisch viel besser und differenzierter und auch schneller als die Maschine von H. G. Wells, etwa wie ein modernes Auto mit allen technischen Finessen im Vergleich zu einer Pferdekutsche. Und sie konnte auch die Größe wechseln, und so klein werden, dass er sie in seinem Brillenetui immer bequem bei sich tragen konnte.
Mit dieser Zeitmaschine reiste er nun schon eine ganze Weile, genau gesagt, seit dreitausend Jahren durch die Zeit und um die Welt.
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"Zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts war ich in Wien", erzählte er. "Dort lernte ich einen reichen Bauunternehmer kennen, der mich einlud, in seinem Palais an der Ringstraße zu wohnen. Und dort lebte ich dann als Hauslehrer seiner vier Kinder und auch als Freund des Hauses.
Später ging ich mit dem ältesten Sohn des Hauses nach Triest, wo er als Molluskenforscher tätig war.
Aber als der Krieg begann, versteckte ich mich in Tibet, und dort schlief ich einige Jahrzehnte.
Erst vor Kurzem bin ich wieder aufgewacht. Ja, und jetzt bin ich also hier in Gießen. Keine besonders wichtige Stadt, oder?
Vielleicht ist mir beim Programmieren meines Fahrzeugs ein kleiner Fehler unterlaufen? Können Sie mir denn etwas über diese Stadt erzählen?"
Während wir uns schwarze Triangoli , gefüllt mit Krebsfleisch und in einer köstlichen Limettensauce, auf der Zunge zergehen ließen, gab ich ihm einen kurzen Überblick über die Stadtgeschichte.
"Meinen Sie, dass sich das Leben verbessert hat seit den beiden großen Kriegen, die ich zum Glück verschlafen habe?", fragte er mich.
"Ja, sicher! Hier bei uns gab es schon lange keinen Krieg mehr.
Wir sind gesünder, leben länger und können uns Dinge leisten, von denen unsere Vorfahren nicht einmal träumen konnten, und wir essen Speisen aus aller Welt."
Er nickte zustimmend. "Zumindest das mit dem Essen ist ein großer Gewinn. Wenn ich nur an die Unmengen ungesunder und übermäßig nahrhafter Speisen denke, die ich bei meinem Wiener Gastgeber vorgesetzt bekam!"
"Entschuldigen Sie die indiskrete Frage, aber warum leben Sie
eigentlich noch?", fragte ich ihn. " Auch wenn Sie zwischendurch viele Jahre verschlafen haben, müssen Sie doch insgesamt länger auf der Welt sein, als die Lebenszeit eines Menschen beträgt."
"Aber nein, die Frage ist nicht indiskret, sondern durchaus berechtigt. Ich bin nämlich unsterblich. Bestimmt haben Sie schon öfter von mir gehört oder gelesen. Ich bin der ewige Jude oder der fliegende Holländer oder der Renaissancefürst, der sich durch einen Zaubertrank Unsterblichkeit verschaffte. Aber anders als diese literarischen Figuren bin ich, deren Vorbild, durchaus zufrieden mit meinem Schicksal. Es gibt so viel Interessantes zu sehen und zu erleben. Und wenn ich mit der Erde fertig bin, kann ich mich mit den anderen Planeten und den
Exoplaneten beschäftigen. Traurig ist nur, dass alle Menschen, zu denen ich Zuneigung fasse, vor mir sterben müssen!"
"Unsterblichkeit würde mich wohl überfordern", antwortete ich ihm, während ich mir ein Stück besonders zarten Wolfsbarsch schmecken ließ.
"Uns wird das ja von den Religionen versprochen, oder angedroht, je nachdem."
"Ja, ich weiß. Da ist es doch besser, zu wissen, dass am Ende der Zeiten einfach nichts von mir bleiben wird."
So unterhielten wir uns, und beim Espresso erzählte ich ihm, dass ich so gerne wüsste, wie die Welt, oder unser Land, oder auch nur unsere Stadt in hundert Jahren aussehen würde.
"Könnte ich mir denn nicht Ihre Zeitmaschine einmal ausleihen?"
"Kein Problem!"
Er erklärte mir die Bedienung. Ich brauchte einige Zeit, um sie zu begreifen. Dann holte er sein Brillenetui aus der Westentasche und nahm einen kleinen Gegenstand heraus.
Ich drückte auf einen kleinen Knopf an der Seite und der Gegenstand entfaltete sich und hüllte mich ein, sicher, aber nicht zu eng.
Und dann bin ich in die Zukunft gereist. Gießen in hundert Jahren!
Wie es war?
Es gibt Dinge, über die man besser schweigt!
Ich bin jedenfalls froh darüber, jetzt, weder früher noch später, zu leben!

Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
19.465
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 02.04.2017 um 08:44 Uhr
Super! Dass Sie über die Zukunft, die Sie besucht haben, nichts erzählen wollen, verstehe ich gut. Bei all den Trumps und Erdogans usw. - da kann die Zukunft nur schlimmer werden. Manchmal bin ich froh, dass ich schon im fortgeschrittenen Alter bin und manches nicht mehr erleben muss.
Jutta Skroch
12.442
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 02.04.2017 um 10:04 Uhr
Gertraud, gut, dass du lieber im Hier und Jetzt leben möchtest. Wir haben sowieso keine andere Wahl und "früher war alles besser", das hat man bisher noch von jeder Generation gehört.

Ingrid, so ähnlich ging es unseren Eltern und Großeltern sicher auch. Als Uroma mache ich mir auch Gedanken, welche Zukunft meine Enkel und Urenkel mal haben werden. Insofern bin ich auch froh, dass ich das nicht mehr erleben werde.
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 02.04.2017 um 12:13 Uhr
Danke schön!
Ich hätte ja alle möglichen Dystopien schildern können.
Aber erstens soll man der Fantasie der Leser noch etwas Spielraum lassen,
zweitens gibt es zu viele mögliche Szenarien. Manche davon übersteigen nicht nur meine Vorstellungskraft.
Wie Ihr auch sagt, man soll das Hier und Jetzt schätzen.
Trotzdem sollten wir uns einmischen, wenn uns eine Entwicklung schlecht erscheint. Das sind wir unseren Enkeln schuldig!
Peter Herold
25.332
Peter Herold aus Gießen schrieb am 03.04.2017 um 19:02 Uhr
Liebe Frau Barthel, ist doch schon ärgerlich. Da kommt einer und möchte was über Gießen wissen und sie müssen zum Italiener gehen. Also ich wüsste nicht wohin ich in Gießen zum Essen gehen sollte um zum Beispiel gute Hessische Küche zu genießen.
Das gelang mir mal vor Jahren aber nicht in Gießen, nein in Allendorf/Lumda im Künstlerhof Arnold. Aber leider gibt es dort nichts mehr.
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 03.04.2017 um 20:27 Uhr
Wie ich auch geschrieben habe, ein großer Vorteil unserer Zeit ist, dass man bei uns Speisen aus aller Welt genießen kann.
In Hungen gibt es übrigens auch ein Lokal, wo man gut hessisch essen kann!
Peter Herold
25.332
Peter Herold aus Gießen schrieb am 03.04.2017 um 20:34 Uhr
Ich muss mal gleich bei mir in der Frankfurter Straße zu Mutter Schmidt gehen. Werde berichten.
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 03.04.2017 um 22:02 Uhr
Aber, ehrlich gesagt, als ich vor mehr als dreißig Jahren das erste Mal in Gießen essen war, habe ich eine Art Kulturschock erlitten. Seitdem ist doch Vieles besser geworden!
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 05.04.2017 um 14:05 Uhr
Und nicht zu vergessen, die vielen italienischen und türkischen, und spanischen,und portugiesischen...Restaurants, die ich nicht missen möchte!
Ob ansonsten die Zukunft besser als die Gegenwart oder vielleicht ganz schrecklich sein wird, hängt von den jetzt lebenden Menschen und ihrem Verhalten ab!
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 06.04.2017 um 09:29 Uhr
Am meisten fürchte ich die"Smarte Diktatur"(Titel eines Buchs von Harald Welzer).
Wenn z.B. Geldscheine abgeschafft werden, wie Herr Schäuble es fordert, können zwar illegale Geldtransaktionen besser überwacht werden, aber eben auch die ganz legalen ganz normaler Bürger.
Noch schwerwiegender als eine staatliche könnte die Kontrolle und Manipulation der Menschen mit Hilfe der Daten sein, die sie leichtfertig in sozialen Medien oder bei Einkäufen im Internet preisgeben
Amazon strebt eingestandener Maßen die Kontrolle über alle Lebensbereiche an--und hat gute Chancen, das auch zu erreichen!
Jedes Mal , wenn Sie im Internet etwas kaufen wollen, steht Amazon schon an erster Stelle in der Liste der Anbieter. Andere gibt es auch, aber die zu finden, kostet eine gewisse Anstrengung und ein bisschen mehr Zeit.
Und so könnte Amazon eines Tages vorschreiben, was seine Nutzer kaufen, essen, wohin sie gehen, und was sie denken sollen. Und die merken vielleicht nicht einmal, dass sie fremdgesteuert werden.
1.999
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 06.04.2017 um 12:38 Uhr
Ja, wenn man vernünftig damit umgeht.
Den Städtebau ganz auf den Autoverkehr auszurichten, war z.B.sicher ein sehr unvernünftiger , weil unkritischer Umgang mit den neuen Möglichkeiten des Verkehrsmittels Auto.
Mit den Möglichkeiten des Internets sollte man auch kritisch umgehen.
und diese Warnung sollte man an jeden Einzelnen richten!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Gertraud Barthel

von:  Gertraud Barthel

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Interessensgebiet: Gießen
1.999
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