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Redebeitrag zur Ehrenbürgerschaft des Nazis Hermann Schlosser

von Michael Beltzam 17.03.20171110 mal gelesen3 Kommentare
Gießen | Dem Antrag der Koalition, mit dem sich die Stadt von der Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Hermann Schlosser distanziert, ist zuzustimmen. Aber er geht noch immer von der unrichtigen Behauptung aus, dass eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod automatisch erlischt. In den Richtlinien zur Verleihung ist darüber nichts enthalten.

Das Rechtsamt der Stadt ignoriert völlig, dass es bundesweit üblich ist, eine Ehrenbürgerschaft nachträglich abzuerkennen wie u. a. die von Hitler, die von mehr als 100 Städten und Gemeinden entzogen wurde, zuletzt in Bayreuth 2013, Bad Oeynhausen 2014 und in Tegernsee 2016. Genau so ist es üblich, posthum Ehrenbürgerschaften zu verleihen wie z.B. die Stadt Berlin, die 2002 die Ehrenbürgerwürde an die 1992 verstorbene Marlene Dietrich verliehen hatte.
Im Übrigen sind nach Auffassung des Rechtsamtes auch alle anderen Ehrenbürgerschaften inzwischen Verstorbener „erloschen“ wie die von Prof. Richter und Albert Oßwald.

Dass das Stadtparlament 2015 einen Antrag von SPD und Grünen zur Aufarbeitung der Berechtigung und der Hintergründe der Verleihung der Ehrenbürgerschaft beschlossen hat, ist anzuerkennen, war aber nicht notwendig.

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Dass Hermann Schlosser bekennender Nazi und Vorstandsvorsitzender der Degussa war, die sich an geraubtem Gold jüdischer Häftlinge bereicherte und das Giftgas Zyklon B an das Vernichtungslager Auschwitz lieferte, ist hinlänglich bekannt und in den Nürnberger Prozessen sowie dem Auschwitz Prozess dokumentiert. Das muss nicht erforscht werden. An dem Geld, das Schlosser so großzügig spendete, klebt das Blut und Leid der KZ-Häftlinge, der Ermordeten und der Zwangsarbeiter.

Spätestens im Jahr 2003, als der Skandal Schlagzeilen machte, dass ausgerechnet die Degussa an den Arbeiten zur Errichtung des Holocaust-Mahnmals beteiligt war, hätten auch die Gießener Parlamentarier über Schlosser nachdenken können. Während überregionale Medien genau dies, einschließlich der Gießener „Ehrenbürgerschaft“, thematisierten, hat man hier weggeschaut.

Damit setzt die Stadt Gießen ihre zögerliche Haltung gegenüber Faschisten fort, indem sie nicht einmal den Versuch unternimmt, Nazi-Aufmärsche zu verbieten (auch wenn Gerichte dies später aufheben sollten) und indem sie Faschisten so lange in Ehren hält, bis der öffentliche Druck sie zu halbherzigen Korrekturen veranlasst wie beim Greif-Denkmal, beim Otto-Eger-Heim, auf dessen Namensnennung sie auf der Ehrentafel des Alten Friedhofs beharrt.

Der mehrfach von verschiedenen Fraktionen gestellte Antrag, Hitler die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen, wie es zahlreiche andere deutsche Städte taten, wurde stets abgelehnt, so 1982 unter dem CDU-OB Görnert, 1987 unter dem SPD-OB Mutz und zuletzt unter dem CDU-OB Haumann.

Wie ist diese Verweigerung einer grundsätzlichen Distanzierung von Faschisten und Verurteilung ihrer Verbrechen zu interpretieren?
Erst recht vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig mit der Verlängerung der Frist auf 20 Jahre, nach der Ehrungen möglich sind, eine „Lex Ria Deeg“ geschaffen wurde, um die Würdigung einer der konsequentesten und verdienstvollen Gießener Antifaschisten zu verhindern.

(gehalten im Schulausschuss des Stadtparlaments am Donnerstag, dem 16. März 2017)

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.227
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 18.03.2017 um 11:18 Uhr
Michael, ich begrüße es, wenn du herausarbeitest wie alle bürgerlichen Parteien seit dem Krieg - auch in Giessen - die "13 Jahren" völlig falsch angehen.

Was Ria Deeg betrifft vermisse ich eine klare Aussage von dir. Die örtliche "S"PD (sicher auch die anderen bürgerlichen Parteien, aber die verstecken sich geschickt) unter der Führung der OB kämpft gegen die Ehrung mit den fiesesten Tricks. Michael - bitte immer "Ross und Reiter nennen".

Dir persönlich wünsche ich, dass du so alt wirst, dass du (20 Jahre - wann sind die rum - wahrscheinlich mit Rollator) am Ria-Deeg-Denkmal vorfahren kannst.
Peter Herold
25.521
Peter Herold aus Gießen schrieb am 18.03.2017 um 12:42 Uhr
Aberkennung von Ehrenbürgerschaften in Wikipedia, siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ehrenb%C3%BCrger

Das Thema insgesamt ist in Gießen wohl sehr schwer zu lösen!
Michael Beltz
6.803
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 22.03.2017 um 16:42 Uhr
Ein Beitrag fehlt.
Hallo Lieber Leser
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