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70 Jahre VVN - Mit Erfahrung in die Zukunft. Gegen Faschismus, Rassismus und Krieg

Peter Christian Walther
Peter Christian Walther
Gießen | Bericht von der Landesversammlung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), der älteste und größte überparteiliche Zusammenschluss von Antifaschistinnen und Antifaschisten in Deutschland.

Peter Christian Walther begrüßte die 53 Teilnehmer, bestehend aus Mitgliedern und Gästen in Gießen in der Kongresshalle.
Die Räumlichkeiten waren mit großen Rollplakaten geschmückt, die die Fotos der Gründungsmitglieder mit ihren Biografien zeigten.

Begrüßt wurden (hier in alphabetischer Reihenfolge):

Michael Beltz, Kreisvorsitzender DKP Gießen,
Arne Beppler, Kreisvorsitzender DGB Lahn Dill,
Malte Clausen , vom Landesverband deutscher Sinti und Roma Hessen,
Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirates Hessen,
Uwe Hartwig, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz
Gaby Kailing, Bezirksvorsitzende des DGB Hessen/Thüringen,
Matthias Körner, Regionsgeschäftsführer des DGB Mittelhessen,
Gaby Prein, Peter Ripken, aus dem Vorstand des „Studienkreises Deutscher
Widerstand 1933 – 1945“,
Ernst Ewald Roth, Abgeordneter des hessischen Landtag für die SPD,
Jan Schalauske, Landesvorsitzender „Die Linke“,
Daniela Wagner, Landesvorsitzende „Bündnis90/DIE GRÜNEN“


Peter Christian Walther las die Grußworte von der Gießener Oberbürgermeisterin Grabe- Bolz (SPD) (1. Grußwort) und des Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) aus Gießen vor (2. Grußwort), die leider verhindert seien, aber der Veranstaltung Erfolg wünschten.

Den im letzten Jahr verstorbenen VVN Mitgliedern wurde durch eine Gedenkminute gedacht.

Rosi Steffens, Norbert Birkwald und Peter C. Walther wurden als Versammlungsleiter gewählt.

Hier nun die zusammengefassten Inhalte der persönlich vorgetragenen Grußworte in der durchgeführten Reihenfolge:

3. Grußwort: Gaby Kailing (DGB)

Sie fürchte sich am meisten vor den Faschisten in der Maske der Demokraten und berichtete von der Situation in Frankreich und erwähnte andere Nachbarländer. Sie warte auf die Bundestagswahl und erhoffe, dass die Menschen anfangen nachzudenken und selbst feststellen wie die Argumente der AfD zu werten seien.
Es finde ein sozialer und wirtschaftlicher Abstieg statt und deshalb seien die Ängste der Menschen berechtigt. Der DGB fordere soziale Gerechtigkeit und versuche deshalb diese Menschen zu erreichen, damit ein Umdenken stattfinden könne.
Gaby Kailing
Gaby Kailing

4. Grußwort: Jan Schalauske (Die LINKE)

Er bedankte sich zuerst für die Einladung und dann bei der VVN für 70 Jahre konsequente antifaschistische Arbeit, trotz der erlebten Ausgrenzung und demokratischer Neuordnung. Er erinnerte daran, dass der Grundcharakter der hessischen Verfassung verteidigt werden müsse. Er forderte, dass die Opfer des Radikalenerlasses endlich rehabilitiert werden müssen. Er berichtete von Erfolgen im Marburger Parlament und betonte wie wichtig es sei, gemeinsam gegen alte und neue Nazis, Rechtspopulisten und Rechtsextreme aufzutreten. Der Nährboden dafür müsse bekämpft werden und deshalb müsse auch die NPD verboten werden. Gleichzeitig bleibe das KPD-Verbot bestehen, was nicht sein dürfe. Dies betone den Stellenwert und die Ernsthaftigkeit gegen Rechts vorgehen zu wollen. Faschismus sei nun mal eine Herrschaftsform, das dürfe man nicht vergessen und die Gefahr müsse man vor Augen haben. Er rief auf den Ostermarsch zu unterstützen, dies sei auch eine Form Widerstand zu zeigen.

5. Grußwort: Ernst Ewald Roth (SPD)

Er begann sein Grußwort mit der
Jan Schalauske
Jan Schalauske
Aussage, dass es schade sei, dass es die VVN geben müsse. Alle Demokraten sollen gemeinsam gegen die Rechten auftreten. Er habe den Widerstandskämpfer Georg Buch (SPD) persönlich als junger Theologe kennengelernt, der ihn nachhaltig beeindruckt habe. Er bedankte sich für die Einladung und ermuntere die VVN weiter zu arbeiten.

6. Grußwort: Daniela Wagner (Grüne)

Sie betonte, dass es eine gute Entscheidung gewesen sei, die VVN zu gründen. Es sei damals sicher nicht klar gewesen, dass die aktuelle Situation die Arbeit einer VVN wieder nötig mache. Sie blickte in die Nachbarländer wie Ungarn, Italien, Frankreich und Russland und fragte, wie auch dort mit Minderheiten umgegangen werde. Sie betone, wie wichtig eine überparteiliche Arbeit aller demokratischen Kräfte gegen menschenverachtende Ansichten sei. Man müsse vor allem im Netz schauen, denn auch da sei der Nährboden für rechtes Gedankengut. Sie bedankte sich für 70 Jahre Engagement.

7. Grußwort: Enis Gülegen (Ausländerbeirat)

Er begann mit dem Art 3. Absatz 3 des Grundgesetzes, denn es werden wieder Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Gesinnung, ihrer Religionszugehörigkeit, ihrer politischen Gesinnung, ihres Aussehens und wegen ihrer
Ernst Ewald Roth
Ernst Ewald Roth
körperlichen Behinderungen diskriminiert. In so einer Zeit brauche man erst recht eine Vereinigung aller Menschen, die gegen diese Verbrechen aufstehen. Man dürfe keine Festung um Europa bauen. Alle Menschen, die verhungert sind, alle Menschen, die auf dem Weg in die Sicherheit ertrunken sind, all diese Menschen wurden ermordet. Die Faschisten dürfen sich verbreiten und sind mitverantwortlich für dieses Elend. Alle Faschisten gehören aus diesem Grund auf die Müllhalde der Geschichte.

8. Grußwort: Michael Beltz (DKP)

Er beglückwünschte auch die VVN zu ihrem 70 jährigen Bestehen und stellte fest, dass diese immer noch notwendig sei. Die DKP sei selbst in vielen Bündnissen gegen Faschismus tätig. Man stelle zwar eine linke Resignation fest, was aber nicht davon abhalten dürfe aktiv zu sein.
Er berichtete von dem eingestellten Strafverfahren des Stadtverordneten Jordan (AfD) gegen die Herausgeberin des Gießener Echos, weil sie ihn als Faschist bezeichnet habe. Jordan darf ganz offiziell als Faschist bezeichnet werden. So etwas wäre vor 30- 40 Jahren nicht passiert, da war das nicht möglich. Michael Beltz berichtete von den Gießener Gründungsmitgliedern Walter und Ria Deeg, die er beide persönlich kennen gelernt habe. Ria
Daniela Wagner
Daniela Wagner
habe zwar die goldene Ehrennadel der Stadt Gießen erhalten, aber ein Platz konnte nicht nach ihr benannt oder eine Stele neben anderen Widerstandkämpfern positioniert werden. Die Stadt Gießen und die oben zitierte Oberbürgermeisterin haben dies leider verhindert. Sie haben einfach die bisherige Frist, nach der nach dem Ableben der Persönlichkeit jemand erinnert werden kann, von 10 auf 20 Jahre erhöht.

Bei den ganzen Diskussionen gegen den Faschismus darf man nicht vergessen, dass der Kapitalismus den Faschismus gebiert.
Es gelte immer noch: Ob Schröder, ob Kohl ist ganz egal - in Deutschland herrscht das Kapital.
Er beglückwünschte die VVN und bekräftigte, dass sie genau deshalb weiter existieren müsse.

9. Grußwort von Jürgen Lambrecht, der Naturfreunde Hessen, wird verlesen.

Es folgte ein musikalischer Beitrag von Erich Schaffner, der wie gewohnt gekonnt und souverän rezitierte und sang und von Erika Krapp professionell auf dem Akkordeon begleitet wurde.
Zur Auswahl gehörten Stücke von Brecht, Weinert, Mühsam und andere Künstler.
„Die Rohheit kommt nicht von der Rohheit, sondern von den Geschäften, die ohne sie nicht mehr gemacht werden können.“ ( Bertolt Brecht)
http://www.erichschaffner.de/satire%20unterm%20beil/satire-unterm-beil.htm

Enis Gülegen
Enis Gülegen
Anschließend folgte das Referat von Dr. Ulrich Schneider, Bundessprecher der VVN-BdA. Er startete den Vortrag zwischen den Plakaten der VVN-Gründungsmitgliedern Cilly Schäfer, Hans Mayer und Georg Merle, zu denen er eine persönliche Beziehung hatte. Ulrich Schneider berichtete, wie es zu der Gründung der VVN kam und auf welche Widerstände die Mitarbeiter stießen. So gab es gleich am Anfang Verbotsanträge gegen den neuen Verein.
Er beschrieb die Zielsetzung des „überparteilichen Zusammenschluss“ von Frauen und Männern des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, von überlebenden NS-Verfolgten, aber auch von Angehörigen der nachfolgenden Generationen:

· aus der Vergangenheit zu lernen,
· für die „Vision einer antifaschistischen Zukunft“ einzutreten,
· „für eine Welt ohne Rassismus, Antisemitismus, Nazismus und Militarismus, ohne Ausgrenzung, ohne Faschismus und Krieg“ tätig zu sein.

Da die Zeitzeugen immer weniger werden, muss das Anliege der Vereinigung erweitert werden:

1. Bündnisarbeit mit allen Kräften gegen Rechts,
2. Aufklärung und das Verhindern der Opferdebatte,
3. Nicht nur gegen etwas kämpfen, sondern für eine gerechte, friedliche und freie Welt.
In diesen Anliegen bezieht sie sich die VVN auf den Schwur von Buchenwald als historischen Ausgangspunkt.

Michael Beltz
Michael Beltz

10. Grußwort von Klaus Seibert wird verlesen.


Um 12 Uhr gab es eine Aussprache. Eine Wortmeldung beinhaltete, dass es nicht reiche demokratisch zu sein, es nicht genüge, wenn sich die demokratischen Kräfte vereinen. Es gehe darum zu kapieren, dass der Faschismus mit dem Kapitalismus zusammenhänge. Der Faschismus kann erst durch den Kapitalismus entstehen.

Die Dokumente, die Grußworte und die Ergebnisse sollen in einer Broschüre zusammengefasst werden.

Nach der Mittagpause ging die Veranstaltung im Kerkrade Zimmer für die Mitglieder weiter. Es wurden die Berichte verlesen, der Landesausschuss und die Kassiererin entlastet und ein neuer Vorstand gewählt.

Im Anschluss wurden die Anträge besprochen und abgestimmt.

Hier die Titel der Anträge:
Die Inhalte sind auf der Homepage der VVN-Hessen (siehe unten) nachlesbar:

• Mitgliedergewinnung anstreben! einstimmig!
• Gemeinsam gegen Rassismus und Rechtsextremismus! einstimmig!
• Wir verteidigen die Hessische Verfassung! einstimmig!
Erich Schaffner und Erika Krapp
Erich Schaffner und Erika Krapp
• 45 Jahre Radikalenerlass – Rehabilitierung und Wiedergutmachung stehen immer noch aus
• einstimmig!
• Kampf gegen Neofaschismus ist notwendiger denn je! Für NPD Verbot- einstimmig!
• Keine Ehrung der lettischen Waffen-SS!
Aufruf zu internationalen Protestkundgebungen


Zu der gleichen Zeit fand im Nebenraum die Gelegenheit statt sich durch Dieter Bahndorf zu einem Stammtischkämpfer ausbilden zu lassen. In diesem Training erarbeiteten die Teilnehmer Strategien, wie sie den Parolen der AfD und ihrer Anhängern Paroli bieten, Hetzsprüche von rechts entkräften und Maßnahmen und Methoden entwickeln können, wie man dem in der Öffentlichkeit begegnen kann.
Diese Ausbildung zum Stammtischkämpfer wird demnächst auch in Gießen angeboten. (http://www.aufstehen-gegen-rassismus.de/kampagne/stammtischkaempferinnen/).


Alle zusammen sangen zum Abschluss der Veranstaltung vereint das Moorsoldatenlied.


http://hessen.vvn-bda.de/landesversammlung-2017/

Hier der Aufruf zum Ostermarsch: http://www.friedenskooperative.de/termine/ostermarsch-frankfurt-2017

( Text und Fotos: Martina Lennartz)

Peter Christian Walther
Gaby Kailing
Jan Schalauske
Ernst Ewald Roth
Daniela Wagner
Enis Gülegen
Michael Beltz
Erich Schaffner und Erika Krapp
Rosi Steffens, Norbert Birkwald
Erika Krapp
Dr. Ulrich Schneider
Der neue Vorstand

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Kommentare zum Beitrag

Michael Beltz
6.798
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 23.02.2017 um 10:13 Uhr
Die Gießener Allgemeine hat bisher nicht über diese Veranstaltung berichtet. Mal sehen, ob noch etwas kommt.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Martina Lennartz

von:  Martina Lennartz

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Interessensgebiet: Gießen
Martina Lennartz
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