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Bosch: Azubis gegen Schmalspurausbildung

Gießen | Die vorletzte Betriebsversammlung bei Bosch hatte es in sich. Erst kündigt die Betriebsleitung den ca. 400 Anwesenden einen neuen Ausbildungsberuf an: Die zweijährige Ausbildung zur Fachkraft für Metalltechnik. Damit solle auch Hauptschülern eine Chance auf eine qualifizierte Ausbildung gegeben werden.

Und dann die Überraschung: Am Ende geht einer der Azubis ans Mikrophon und fragt die Geschäftsleitung, wie sie denn eine hochwertige Ausbildung in zwei Jahren anbieten wollen und ob es da nicht eher um Sparmaßnahmen gehe. Von den Führungskräften gibt es kein Statement dazu, aber Beifall von der Belegschaft.

So was habe ich in meiner langen Berufszeit nicht erlebt. Ich ging später noch in die Lehrwerkstatt, um den Azubis meine Solidarität zu bekunden, und traf auf kämpferische Stimmung: Für die nächste Betriebsversammlung sollte eine Präsentation vorbereitet werden, die allen verständlich macht, weshalb die Schmalspur-Ausbildung für uns alle Nachteile hat. Der Betriebsrat sei hellauf begeistert, hörte ich.

Ich bot meine Mitarbeit an und gemeinsam trugen wir die Fakten zusammen: keine „sozialen“ Motive des Betriebs, sondern Sparmaßnahmen während und nach der Ausbildung. Kurze Ausbildung und schlechtere Bezahlung würde das Lohnniveau im ganzen Werk langfristig senken, der Konkurrenzdruck würde erhöht und das Klima verschlechtert.

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Das bestätigten auch Berufsschullehrer und Gewerkschafter, die bereits schlechte Erfahrung mit dieser Ausbildung gemacht haben. Offenbar soll unser Werk eine negative Vorreiterrolle bei BOSCH spielen und die Schmalspurausbildung zur Regel werden. Das muss verhindert werden.

Der große Tag kam: auf der nächsten Betriebsversammlung standen zehn Azubis auf der Bühne und trugen vor versammelter Belegschaft ihre Argumente vor. Sie ernteten während und auch noch nach der Versammlung großes Lob. Nur die Betriebsleitung war still und funkelte böse in Richtung Bühne. Sie hatten keine Worte für die Azubis übrig, aber das war ihnen Beweis genug, dass sie genau ins Schwarze getroffen hatten.

Zwar hatte nicht alles ganz so geklappt wie vereinbart, einige hatten aus Angst vor Kündigung oder Nicht-Übernahme sich nicht mehr getraut. Dennoch war es eine grandiose Aktion, die wir alle, insbesondere auch die „alten erfahrenen Hasen“ unterstützen müssen! Diese jungen Kollegen verdienen und brauchen unsere Solidarität.
(Der Verfasser möchte nicht mit Namen genannt werden)

Kommentare zum Beitrag

Jutta Skroch
12.678
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 16.02.2017 um 19:09 Uhr
Ein Betrieb sollte stolz sein auf solche Azubis, denen eine qualifizierte Ausbildung wichtig ist.
Ich probte während meiner Lehrzeit auch öfter den Aufstand, weil man uns zuviel mit Dingen beschäftigt hat, die nichts mit der Ausbildung zu tun hatten und eigentlich Aufgabe eines sogenannten Laufmädchens (Mädchen für alles) war, wie Geschirr für die gesamte, überwiegend männliche Abteilung zu spülen. Meist aber für die Anderen, für mich selbst habe ich das eher weniger geschafft.
Als ich mal eine Woche lang nur "Pausen abgeheftet" in mein Berichtsheft geschrieben hatte, war mein Lehrherr sauer, das könnte ich nicht schreiben. Meine lakonische Antwort: Dann lassen sie es mich nicht machen, dann brauche ich das nicht reinzuschreiben. Ich habe damals auch nur eine 2-jährige Lehre als Teilzeichnerin machen können, also ohne Werkstattpraxis, wie bei den Jungen. Die nachfolgenden Jahrgänge hatten dann mehr Glück.
Birgit Hofmann-Scharf
10.042
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 16.02.2017 um 19:09 Uhr
Schüttelkopf!!
Bosch hat doch in 2016 bereits Schlagzeilen wegen ihres Arbeitsplatzabbaus gemacht ( wie weitere größere Arbeitgeber in der Industrie )
Michael Beltz
6.921
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 26.02.2017 um 12:12 Uhr
Früher hießen die Azubis Lehrlinge.
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