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GELUNGENE INTEGRATION

von Fedor Weiseram 31.10.20161479 mal gelesen2 Kommentare
Gießen | Gelungene Integration
Bereits integrierte Flüchtlinge berichten später eingereisten Landsleuten
Beifall brandete auf, als Mohamad Osman seine – in arabisch gehaltene – Rede schloss. Auf die fragenden Blicke der deutschen Teilnehmer berichtete er: „Ich habe meinen Landsleuten gesagt, dass sie sich in Deutschland wie die Botschafter ihres Landes verstehen sollen.“
Osman war vor drei Jahren aus dem syrischen Aleppo nach Deutschland geflohen, er arbeitet inzwischen als Flüchtlingshelfer und selbstständiger Fotograf. Er hat bereits im Gießener Stadthaus ausgestellt. Damit besitzt er eine Vorbildrolle für viele Flüchtlinge, die später gekommen sind und jetzt mit ähnlichen Ankommensproblemen kämpfen. Gemeinsam mit der aus Eritrea stammenden Haben Kidane berichtete er den Flüchtlingen zweier Qualifizierungs-Kurse, welche Schwierigkeiten sie anfangs hatten und wie sie diese langsam abbauen konnten.
„Nach einem ersten Sprachkurs habe ich schon nach vier Monaten mit einer Berufsausbildung begonnen“, erzählt Frau Kidane. „Dabei konnte ich die deutsche Sprache dann so praxisbezogen lernen, dass mir der abendliche Sprachkurs bald nichts mehr gebracht hat.“ Frau Kidane war als 16-Jährige allein aus Eritrea geflohen, sieben Jahre später ist sie Inhaberin eines Dolmetscher-Büros und gehört dem Gießener Kreistag an.
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Bereits integrierte Flüchtlinge berichten später eingereisten La (1)
In der vom Institut für Berufs- und Sozialpädagogik (IBS) organisierten Veranstaltung wendet sie sich direkt an die anwesenden Frauen: „Zuhause habe ich erlebt, wie Frauen geschlagen wurden, wie sie als zweite Klasse behandelt wurden. Das habe ich nicht ertragen und das müssen Sie hier auch nicht hinnehmen. Sie können hier genauso wie die Männer leben: etwas lernen, eine Ausbildung machen und eine Arbeit aufnehmen, ihnen stehen viele Möglichkeiten offen.“ Bei ihrer Ansprache wird Frau Kidane hierfür selbst zum lebhaften Beispiel.
„Ich hatte viel zu viel Zeit“, ergänzt Mohamad Osman. Als junger Mann war er in einem kleinen mittelhessischen Dorf angekommen, in dem vor allem alte Menschen leben. „Als ich einen Gleichaltrigen gesehen habe, der mit seinem Hund spazieren ging, bin ich direkt auf ihn zugegangen und hab ihn gefragt, ob wir ein bisschen reden können.“ Osman berichtet, heute etwa gleich viele syrische wie deutsche Freunde zu besitzen.
Die Wohnungssuche war schwer, zerrte an Frau Kidanes Nerven: „Ach, das sind sie.“ „Ja, das bin
ich.“ Diesen Dialog führte sie mehrfach, wenn sie sich – nach ihren Telefonaten – an der Haustür vorstellte. Ihre guten Sprachkenntnisse hatten sie nicht als Ausländerin erkennbar gemacht. Um solch peinliche bzw. verletzende Ausflüchte zu vermeiden, war sie schließlich dazu übergegangen, ihre Herkunft schließlich gleich bei der Kontaktaufnahme anzusprechen.
Nachdem ein Teilnehmer, der vor zehn Monaten aus Syrien nach Deutschland gekommen war, von den Fortschritten des Lehrgangs berichtete, drückte Joachim Kühn, Bereichsleiter des Gießener Jobcenters, seine Anerkennung aus: „Wenn ich mir vorstelle, ich müsste in so kurzer Zeit ihre Sprache lernen, unmöglich!“ Kühn stellte gemeinsam mit David Glunde (Arbeitsvermittler der Gießener Arbeitsagentur) die Eingliederungshilfen vor.
Fedor Weiser (IBS), der diese Veranstaltung vom 11.10.2016 leitete, fasste zusammen, welche Punkte es schon den früheren Flüchtlingen anfangs schwergemacht haben
– Sprache, Arbeit, Wohnung und Umfeld – und was ihnen schließlich geholfen hat.
Zu dem Thema „deutsches Umfeld“ erklärte Mohamad Osman, noch ganz mit den später Geflohenen mitfühlend, „ohne Ehrenamtliche können wir es nicht schaffen!“ Und ergänzte abschließend: „Deutschland ist schön. Und wenn wir noch ein paar bunte Farbtupfer hineinbringen, dann wird es noch schöner.“
Im Namen des Podiums schließt Frau Kidane die Veranstaltung, indem sie die Flüchtlinge in ihrer Muttersprache ermutigt, bei ihrer Integration Geduld zu haben und zunächst zu lernen – dies werde sich letztlich lohnen.

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Kommentare zum Beitrag

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Petra Haunert aus Allendorf (Lumda) schrieb am 05.11.2016 um 11:23 Uhr
Der Artikel macht Mut! Den deutsch Flüchtlings Unterstützern- vielleicht auch den gefohenen Menschen. Es braucht mehr Veranstaltungen wie diese. Einheimische und "Neue" müssen miteinander in Kontakt gebracht werden-gut so.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Fedor Weiser

von:  Fedor Weiser

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