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Religionsfreiheit in Europa: Wohin steuert Russland???

Professor Dr. Gerhard Besier referierte zum Thema Jehovas Zeugen in Europa
Professor Dr. Gerhard Besier referierte zum Thema Jehovas Zeugen in Europa
Gießen | Frankfurt am Main - Das Recht auf Religionsfreiheit ist wirklich ein wertvolles Gut. Die Regierungen vieler Länder haben dieses Recht fest in ihre Verfassung aufgenommen. Trotzdem ist die Religionsfreiheit besonders in Ländern Osteuropas stark gefährdet. Zu diesem Resümee kamen die Professoren Dr. Gerhard Besier und Dr. Katarzyna Stoklosa, die zu einer Veranstaltung in das Historische Museum in Frankfurt eingeladen hatten. Das Publikumsinteresse war so groß, dass viele der 400 Anwesenden stehen mussten und manche gar keinen Einlaß mehr erhalten konnten.
An der Veranstaltung nahmen auch einige Personen aus Büdingen und der Region teil. Die Veranstaltung stand unter dem Motto „Religionsfreiheit in Osteuropa? Vorwärts in die Vergangenheit!“.
Professor Besier ist Direktor des Sigmund-Neumann-Institutes in Dresden. Er sprach auch darüber, warum Jehovas Zeugen vielerorts bekämpft werden. Wenn es schief liefe, versuche man die Schuld auf Minderheiten zu schieben. Dabei wolle man den Eindruck vermitteln, sie gehörten nicht zur Gesellschaft. Die Großkirchen in der BRD bedienten sich dabei ihrer Weltanschauungsbeauftragten
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Religionsfreiheit (4)Jehovas Zeugen in Europa (1)
bzw. ihrer sogenannten Sektenexperten. So sei man in den 1990er Jahren empört darüber gewesen, dass Jehovas Zeugen Bluttransfusionen ablehnten, heute sei man in dieser Sache deutlich stiller geworden. Man bediene sich gerne Themen, die spontan Empörung erzeugten, nach dem Motto: „Die Mehrheit macht alles gut, Minderheiten sind aber gefährliche Leute“. Er kam zu dem Schluß: “Unser Erziehungssystem lässt es nicht zu, dass man aus der Reihe tanzt“. Die Stigmatisierung von Minderheiten verhindere die Öffnung für die Argumente anderer. Auch sagte er:
„Minderheiten werden oft von Minderheiten verfolgt. Obwohl die Großkirchen keine Opfergruppe waren, reklamierten sie gleich den Status von Widerstandskämpfern“.

Prof. Dr. Katarzyna Stoklosa von der dänischen Universität Sonderborg berichtete über eine europäische Vergleichsstudie zu den Methoden staatlicher beziehungsweise großkirchlicher Repression gegenüber religiösen Minderheiten am Beispiel von Jehovas Zeugen.

Wolfram Slupina vom Zweigbüro Zentraleuropa erinnerte an die Verfolgungsge-schichte der Zeugen Jehovas in der früheren Sowjetunion bzw. Russland.
Schon der erste Zeuge Jehovas wurde im Jahr 1925 sofort in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Wie sieht die aktuelle Lage in Russland aus?
Professorin Dr. Katarzyna Stoklosa stellte eine europäische Studie zu den Methoden staatlicher bzw. großkirchlicher Repression gegenüber religiösen Minderheiten vor
Professorin Dr. Katarzyna Stoklosa stellte eine europäische Studie zu den Methoden staatlicher bzw. großkirchlicher Repression gegenüber religiösen Minderheiten vor
Seit dem Jahre 2010 wurden über 1600 Zeugen Jehovas festgenommen. 200 Hausdurchsuchungen wurden durchgeführt und 100 Gottesdienste gewaltsam aufgelöst. 75 gewalttätige Übergriffe sowie 70 Fälle von Vandalismus wurden bei der Polizei zur Anzeige gebracht. Diese weigerte sich aber einzuschreiten. Dies alles wurde mit dem im Jahre 2002 eingeführten Extremismusgesetz begründet, dass aber gar nicht für religiöse Aktivitäten gedacht war. Sogar katholische und protestantische Bibelübersetzungen wurden vom Zoll beschlagnahmt. So soll von der Staatsanwaltschaft sogar die Neue-Welt-Übersetzung der Bibel, herausgegeben von Jehovas Zeugen, als extremistisch erklärt werden. Die Staatsanwaltschaft rechtfertigt ihr Vorgehen mit der Behauptung, dass nur die Bibelübersetzungen als Bibel gälten, die gemäß den „heiligen Traditionen“ der Russisch-Orthodoxen Kirche angefertigt werden. Darüberhinaus hat Russland, als einziges Land der Welt, die beliebte Website www.jw.org für den Nutzer gesperrt. Dies geschah mit dem Hinweis, die Internetseite enthielte „extremistische Publikationen“.
In dem Bezirk Taganrog, Oblast Rostow, hat das Bezirksgericht das Urteil der ersten Instanz bestätigt, 16 Zeugen Jehovas wegen ihrer Anbetung zu verurteilen. In Taganrog ist es zum Beispiel verboten mit anderen Leuten über die Bibel zu sprechen. Wer sich nicht daran hält hat empfindliche Gefängnisstrafen zu befürchten.
In mehreren Bezirken hat die Regierung örtliche Rechtskörperschaften der Zeugen Jehovas aufgelöst, was zur Folge hat, dass man illegal seinen Glauben bekundet.
Königreichssäle wurden konfisziert und versiegelt.
Jehovas Zeugen haben bei mehreren übergeordneten Gerichten Einspruch erhoben. Beim Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte wurden von Jehovas Zeugen 28 Anträge eingereicht. Die Entscheidungen stehen noch bevor. Man befürchtet, dass die Ereignisse in Taganrog einen über ganz Russland entstehenden Flächenbrand auslösen könnten, der dann das Verbot von Jehovas Zeugen zur Folge haben wird.
Daß man es damit ernst meint kann man an der Drohung des Generalstaatsanwaltes erkennen, das Verwaltungszentrum von Jehovas Zeugen in der Nähe von St. Petersburg zu schließen. Die Ironie dabei ist, dass Jehovas Zeugen im Jahre 1961 eine amtliche Rehabilitierungsurkunde überreicht wurde und heute ein Drohbrief des Chefanklägers eingegangen ist, dass Zweigbüro - auch wieder von Amts wegen - zu schließen.

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