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Hand in Hand gegen den Hausarztmangel im Landkreis Gießen

Prof. Dr. Erika Baum, Gesundheitsdezernent Dirk Oßwald und Maja Zink von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen informieren über die Hausarzt-Versorgung.
Prof. Dr. Erika Baum, Gesundheitsdezernent Dirk Oßwald und Maja Zink von der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen informieren über die Hausarzt-Versorgung.
Gießen | „Als ich das Ressort 2011 übernommen habe, war die Sicherung der ärztlichen Versorgung in unserer Region noch kein Thema“, erinnert sich Dirk Oßwald, der Gesundheitsdezernent des Landkreis Gießen. Fünf Jahre liegt das zurück. Seitdem hat sich die Situation grundlegend geändert. Laut einer Versorgungsanalyse liegt der Altersdurchschnitt der niedergelassenen Hausärzte im Kreis Gießen bei fast 57 Jahren. Das bedeutet: In den nächsten zehn Jahren werden mehr als die Hälfte aller 189 Hausärzte in Stadt und Landkreis in den Ruhestand gehen, bis 2030 sogar 122 von ihnen. Dank hessenweit vorbildlicher Kooperation aller Akteure in der Region gibt es aber bislang keine Versorgungslücken. „Im Gegenteil: Für alle 33 Hausärzte, die seitdem in Ruhestand gegangen sind, konnten Nachfolger gefunden werden“, zieht der Landkreis zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bilanz.

Anstatt in der Hausarztpraxis auf dem Land arbeiten viele junge Mediziner oft lieber in Kliniken größerer Städte. Für mehr als 3.000 Praxen vor allem im ländlichen Bereich gibt es deutschlandweit aktuell keinen Nachfolger. Der Landkreis hat die drohende Versorgungslücke erkannt und steuert seit 2012 aktiv gegen, gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV Hessen) und allen anderen regionalen Akteuren, wie sich bei einem Ortstermin herausstellt – passenderweise in einer klassischen Landarztpraxis.

Prof. Dr. Erika Baum arbeitet in dieser Praxis in Biebertal seit 34 Jahren. Die Leiterin der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Philipps-Universität Marburg betreibt sie in Gemeinschaft. „Wir sind so etwas wie die Zehnkämpfer der Medizin“, sagt die Ärztin. Ihr macht das breite Spektrum und die Arbeit mit vielen Patienten Spaß. „Viele Mediziner haben aber Angst davor.“ Das wirkt sich auf die Abschlüsse aus: Nur jeder zehnte Facharzt wird Allgemeinmediziner. Und nicht nur das. „Für zwei ausscheidende Ärzte brauchen wir drei, wegen der veränderten Arbeitszeiten - Stichwort „Work-Life-Balance“.

„Dieses Problem kann nur gemeinsam mit allen Beteiligten gelöst werden“, betont Dirk Oßwald. Die ärztlichen Rahmenbedingungen müssten passen. „Nur so können wir junge Ärzte motivieren, eine Praxis auf dem Land zu übernehmen.“ Das frühe Gegensteuern greift. „In den vorangegangenen drei Jahren haben wir alle 33 freigewordenen Hausarztpraxen nachbesetzen können“, berichtet der Gesundheitsdezernent. „Das ist ein großer Erfolg.“ Ausgehend von der allgemeinen Planung, wonach 1.671 Einwohner von einem Hausarzt versorgt werden, sieht die hausärztliche Situation im Landkreis Gießen sehr gut aus.

„Die KV Hessen konnte in enger Zusammenarbeit mit dem Landkreis und den betroffenen Bürgermeistern einen Neuzuschnitt von Planungsbereichen vornehmen und damit zum Beispiel die Neuansiedlung von zwei Hausarztsitzen in Reiskirchen ermöglichen“, berichtet KV-Teamleiterin Maja Zink. Die Gemeinde war bis dahin diejenige mit dem niedrigsten Arzt/Einwohner-Verhältnis. Der Landkreis hatte die Initiative für eine neustrukturierte Bedarfsplanung gegeben, die die KV in Abstimmung mit den Bürgermeistern von Lich, Hungen und Reiskirchen umsetzte. Reiskirchen etwa hatte mit 49 Prozent und nur zwei Hausärzten eine akute Unterversorgung.
„Im Ergebnis wurden zwei neue, zusätzliche Sitze in der Planung geschaffen und bisher schon 1,5 davon neu besetzt, auch mit Hilfe des Förderprogramms“, sagt Dirk Oßwald. Damit werden Anreize dafür geschaffen, sich auf dem Land niederzulassen. Bis zu 50.000 Euro können junge Ärzte beispielsweise für neue Ausstattung erhalten, wenn sie sich in Regionen mit Versorgungsbedarf ansiedeln.

Weitere Problemregionen im Osten und Norden des Landkreises sind aktiv angegangen worden. So gibt es neue Arztsitze und Zweigpraxen in Laubach, unter anderem im 2012 eröffneten Gesundheitszentrum Laubach und weiteren Praxen sowie zwei psychotherapeutischen Neuansiedlungen in der Ostkreiskommune.

Eine Versorgungsanalyse für Lumdatal wurde 2014 mit den Kommunen beauftragt und Arbeitsgruppen eingesetzt. Das Ergebnis: Für Allendorf steht ein konzipiertes Ärztehaus kurz vor der Realisierung. Der Bauantrag ist gestellt, zusätzliche Projekte im Lumdatal sind am Entstehen und werden in Kürze der Öffentlichkeit vorgestellt. „Für diese strukturschwache Region bedeuten die Lösungen eine dauerhafte Sicherung der gesundheitlichen Versorgung“, sagt Oßwald.

Eine Versorgungsanalyse für Hungen ist im vergangenen Jahr zusammen mit der Stadt beauftragt worden mit dem Ziel, auch dort moderne Strukturen zu schaffen. „Ziel dieser Initiativen ist es“, so Dirk Oßwald, „moderne, zukunftsfähige Arbeitsbedingungen für Mediziner und Therapeuten zu schaffen sowie Praxen und Verbundlösungen zu finden, die es jungen Medizinern attraktiv machen, auch in Zukunft auf dem Land zu praktizieren.“

Ein Weiterbildungsverbund im Landkreis mit dem Evangelischen Krankenhaus und der Asklepios Klinik Lich verknüpft die Weiterbildung in der Klinik und Allgemeinpraxen des Kreises. „Wir unterstützen auch die Weiterbildung durch unser Kompetenzzentrum für die Weiterbildung Allgemeinmedizin, damit die Studierenden gleich einen Anschluss haben“, sagt die Ärztin Erika Baum. Das Wahltertial Allgemeinmedizin im Praktischen Jahr wird durch die KV gefördert. Dabei können junge Mediziner die Arbeit in der Allgemeinpraxis besser kennenlernen.

Weitere Informationen zu dem Thema „Ärztliche Versorgung auf Land“ sind bei Iskender Schütte, Gesundheitskoordinator des Landkreises, unter Telefon 0641 9390-1611 oder per E-Mail an iskender.schuette@lkgi.de erhältlich.

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.568
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 01.04.2016 um 08:26 Uhr
Im Artikel steht: (...) "Bis zu 50.000 Euro können junge Ärzte beispielsweise für neue Ausstattung erhalten, wenn sie sich in Regionen mit Versorgungsbedarf ansiedeln." (.....)

So richtig aufregen kann ich mich über solche Sätze eigentlich nicht, aber so ganz unkommentiert will ich das auch nicht lassen.

Da bekommen (junge) Unternehmer (Nichts anders sind doch Ärzte) Geld dafür, dass sie sich ihre dicken Autos und Luxusurlaube (in ein paar Jahren) auch wirklich leisten können. Und das aus Steuergeldern oder Kassengelder (steht nicht im Artikel), also von den kleinen Leuten!!

Dicke verdienen wollen und dafür nicht ohne "finanzielle Anreize" auf dem Lande leben wollen - in was für eine Welt leben wir eigentlich?

Wahrscheinlich sind das genau die Menschen, die behaupten, dass die Hartz-IV-ler zu viel Geld bekommen.
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