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Matinée zum 100. Geburtstag von Peter Gingold

Peter Gingold
Peter Gingold
Gießen | Da sich im März 2016 der Geburtstag des im In- und Ausland bekannten Frankfurter Antifaschisten und Kommunisten Peter Gingold zum 100. Mal jährt, luden die Ettie-und-Peter-Gingold-Erinnerungsinitiative und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e. V.) Frankfurt am 13. März von 11 – 13 Uhr zu einer Matinée in das Haus Gallus (Frankenallee 111 in 60326 Frankfurt am Main) ein.

Wir besuchten diese emotionale Matinée, an der gut 500 Freunde, Genossen, Mitkämpfer und seine Verwandten teilnahmen. Diese Veranstaltung hat neben vielen Anwesenden auch mich sehr berührt und dazu motiviert in seinem Sinne weiter zu kämpfen; aus diesem Grund schreibe ich diesen Bericht.

In diesem Beitrag veröffentliche ich zuerst einen kleinen Text mit weiteren Links zu seiner Person, folgend einen Text zum Ablauf der aufrührenden, mahnenden und zugleich fröhlichen Matinée.

Zu Peter Gingold:

Als Peter Gingold am 8. März 1916 in Aschaffenburg als Sohn einer aus Polen emigrierten jüdischen Familie geboren wurde, existierte noch das deutsche Kaiserreich. In der
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widerstand (27)VVN-BdA (15)Résistance (2)Peter Gingold (3)Krieg (99)Kommunist (1)Judenvernichtung (7)Faschismus (38)Esther Bejarano (1)DKP (74)Antifaschismus (70)
Zeit des darauf folgenden ersten Versuchs einer bürgerlichen Republik gehörte er, inzwischen in Frankfurt am Main lebend, zu denjenigen Jugendlichen, die sich mutig und gemeinsam dem drohenden Faschismus in den Weg stellten. Dafür, dass das angekündigte tausendjährige Reich nach zwölf Jahren an der Macht zerschlagen wurde, kämpfte Peter Gingold mit aller Entschlossenheit im Exil in der französischen Résistance. Nach der Befreiung vom Faschismus am 8. Mai 1945 kehrte er nach Frankfurt zurück und setzte sich als Kommunist und Antifaschist (Mitbegründer der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes) mit aller Kraft für ein demokratisches und antifaschistisches Deutschland ein. Auch die erneute Verfolgung nach dem Verbot seiner Partei, der KPD, oder die zeitweise Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft konnten ihn so wenig beugen wie die Folter der Faschisten. Die Lehren seines Kampfes gegen den Faschismus, die Notwendigkeit eines entschlossenen Zusammenstehens gegen jedwede faschistische Entwicklung, vermittelte er als Zeitzeuge vor ungezählten Schulklassen und Jugendgruppen, auf Demonstrationen und Kundgebungen im ganzen Land. Wo auch immer er gebraucht wurde, war er zur Stelle. An diesen Menschen, an seine Erfahrungen, an seine Lehren und seine, viele Menschen tief beeindruckende Freundlichkeit wollen wir mit einer Matinee anlässlich seines 100. Geburtstages erinnern.

Mathias Meyers
Mathias Meyers
Weitere Links zu seiner Person:
http://www.widerstand-portrait.de/portraits/peter-gingold.html
http://www.jungewelt.de/2016/03-08/080.php

Zur Matinée:

Das Haus Gallus war voll, der Hausmeister musste weitere Stühle organisieren. Der obere Rang war ebenso besetzt, der ein oder andere konnte nur noch auf der Treppe einen Platz finden.

Mathias Meyers eröffnete die Feier und stellte das Programm vor. Er nannte alle Unterstützer und Sponsoren, die diese Veranstaltung mittrugen und auch finanziell unterstützt haben. Bruni Freyeisen und er sind Mitglieder der Etti-und Peter-Gingold- Erinnerungsinitiative und letzten Endes die maßgeblichen Organisatoren, denen wir es zu verdanken haben, dass diese Feier in diesem Rahmen stattfinden konnte.

Die jungen Musiker der Klezmer-Band "Tacheles & Schmu" spielten zwischen einzelnen Beiträgen traditionelle und neuere jiddische Partisanenlieder. (Das Gründungsmitglied Joscha ist Sohn von Silvia Gingold)

"Tacheles&Schmu"
"Tacheles&Schmu"
Zwischen den einzelnen Beiträgen sahen wir kurze dokumentarische Filmbeiträge von Philipp Teubner aus einem Interview, anhand derer wir uns zurückerinnern konnten, wie lebendig Peter immer wieder erzählte und uns aufrief wachsam zu sein, in Bewegung zu bleiben, sich zu organisieren und dabei aber auch frohen Mutes bleiben sollen. In diesen Sequenzen erzählte er von seiner Familie, seinem Leben, seiner Frau Etti und seiner Arbeit als Widerstandskämpfer und Kommunist, bei der sein Leben immer wieder bedroht war.

Elke Sautner (SPD), Stadträtin der Stadt Frankfurt, sprach im Namen des OB Feldmann ein Grußwort an die Familie und alle Anwesende. (Sein Grußwort ist als Foto im Anhang und dort nachzulesen.)
Sie berichtete, dass 1991 Peter und Ettie Gingold mit der Johanna-Kirchner-Medaille der Stadt Frankfurt am Main für ihren Widerstand gegen die NS-Diktatur ausgezeichnet wurden. Am 12. Dezember 2004 wurde ihm in Berlin von der Internationalen Liga für Menschenrechte die Carl-von-Ossietzky-Medaille verliehen. Sie betonte, dass es wichtig sei, dass seine Erfahrungen und Kenntnisse weiter gereicht werden müssen. Außerdem wurde in FFM die Anne- Frank- Begegnungsstätte gebaut, die ein Erfolg von Peter Gingold sei. https://www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=3772&_ffmpar%5B_id_inhalt%5D=53626

Joscha Gingold
Joscha Gingold
Im Anschluss sprach Ulrich Schneider, Generaldirektor der Internationale Föderation der Widerstandskämpfer (FIR). Er erzählte über Peters Emigration als jüdischer Kommunist. Peter hatte in Frankreich früh Interesse an politischer Arbeit gewonnen, weil er die Missstände und Ungerechtigkeiten erkannte und den Zusammenhang der faschistischen Politik erkannte. Er gründete die FDJ und war einer der Ersten der französischen Résistance. 1943 wurde Peter in Frankreich an die Gestapo verraten und nur durch einen glücklichen Zufall gelang ihm die Flucht. Dieser Tag wurde zu seinem 2. Geburtstag. Nach dem Krieg kam er nach Deutschland zurück und wurde weiter verfolgt. 1956 entzog man ihm sogar für einen begrenzten Zeitraum die deutsche Staatsbürgerschaft.
Zusammenfassend sagte Ulrich Schneider, dass Peter immer sagte, dass die Faschisten nicht stärker waren. Alle Gegner hätten sich zu einer Einheitspartei zusammenfinden müssen, dadurch wäre u.U. die Machtübernahme Hitlers verhindert werden können. Die Menschen damals konnten die Faschisten nicht einschätzen, sie hatten keine Erfahrung. Heute allerdings weiß man sehr wohl um die Gefahren. Peter würde heute dafür kämpfen, dass sich alle Kräfte sammeln, um gegen Rechts vorzugehen und uns auffordern mitzugehen.
http://de.sputniknews.com/leserbriefe/20130207/265476119/name-Dr-Ulrich-Schneider-Generalsekretr-der-FIR.html

Ein sehr bewegender Augenblick und absolute Ruhe trat ein, als der Bruder Siegmund Gingold, Jahrgang 1922 gemeinsam mit Anne Jolet die Bühne betrat. Das Sprechen fiel im schwer, aber es war ihm wichtig uns daran zu erinnern niemals aufzugeben. Nie wieder Faschismus- Nie wieder Krieg. Er zog Parallelen von 1933 zu heute und wiederholte die noch bekannte Parole der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (französisch Liberté, Égalité, Fraternité). Er rief auf für eine bessere Welt zu kämpfen und ging mit stehenden Ovationen von der Bühne.

Anne berichtete von der Zeit, die sie mit Peter in Paris verbrachte. Sie zitierte ihn: „Das Leben ist kurz, es gibt viel zu tun. Ihr müsst in Bewegung bleiben, ihr müsst euch organisieren.“
Anne appellierte auch mit den Flüchtlingen respektvoll und menschlich umzugehen. Der Antikommunismus sollte endlich ein Ende haben, denn der Kapitalismus werde weitere Kriege mit sich bringen.

Die vierköpfige Musikgruppe „Grenzgänger“ stellte Lieder aus dem Widerstand vor.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Grenzg%C3%A4nger
https://www.youtube.com/watch?v=5t74C08sycE
So spielten sie das Lieblingslied von Sophie und Hans Scholl „Schließ Aug und Ohr“ und Hanns Eislers und Bertold Brechts „Einheitsfrontlied“, zu welchem viele Anwesende mitgesungen haben.
http://images.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.gingold-initiative.de%2Fwp-content%2Fuploads%2F2011%2F07%2Fgingold-dvd-label-300.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.gingold-initiative.de%2Fder-gingold-film%2F&h=300&w=300&tbnid=iqie2SRpHScsPM%3A&docid=q2G3UXu6ZVQD3M&ei=XMjlVtPMH6fw6ATHjKjYDA&tbm=isch&iact=rc&uact=3&dur=1776&page=1&start=0&ndsp=23&ved=0ahUKEwjT6paku77LAhUnOJoKHUcGCssQrQMIPDAJ

Als Esther Bejarano, Vorsitzende des Ausschwitz-Komitees in der BRD, die Bühne betrat, wurde es wieder augenblicklich still in der großen Halle. Sie schrieb Peter, ihrem Freund, zu seinem 100. Geburtstag einen Brief, den sie vortrug. Bewegend und rührend, zuweilen heiter und herzlich authentisch.
Ein tolles Interview mit ihr :
http://www.tagesschau.de/inland/esther-bejarano-101.html
Auch sie erhielt lang anhaltende stehende Ovationen, als sie wieder von der Bühne ging.

Juri Czyborra, Enkel von Etti und Peter, überlegte sich, dass es im Zeitalter der vielen Handys, Smartphones und Nutzer mit ihren unendlichen Möglichkeiten, sich für jede Gelegenheit Apps runterladen zu können, dass es eine Peter-Gingold-App geben sollte, die den Jugendlichen und anderen Nutzer den richtigen Weg zeigen sollte.

Peter Christian Walther, VVN BdA, hielt das Schlusswort, in welchem er die Arbeit und Unterstützung von Mathias Meyers und Bruni Freyeisen betonte und sich herzlich bedankte, ohne deren Fleiß es dieses Matinée nicht gegeben hätte.
http://www.vvn-bda.de/70-jahre-nach-der-befreiung-von-faschismus-und-krieg-fuer-eine-neue-entspannungspolitik-nein-zur-vorbereitung-auf-den-krieg/

Alle Akteure sammelten sich auf der Bühne und sangen gemeinsam ein Lied mit Esther. Dieses Matinée wird uns lange in Erinnerung bleiben- also mir ganz bestimmt!

Peter Gingold
Mathias Meyers
"Tacheles&Schmu"
Joscha Gingold
Elke Sautner (SPD), Stadträtin in Frankfurt
Ulrich Schneider
Siegmund Gingold und Anne Jolet
"Grenzgänger"
Juri Czyborra
Siegmund Gingold
Esther Bejarano
Peter Christian Walther
Etti Gingold

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.444
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 14.03.2016 um 06:56 Uhr
Danke für den sehr informativen Artikel.
Kurt Wirth
1.512
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 14.03.2016 um 11:32 Uhr
Meine erste Bekanntschaft mit Peter Gingold: In den 70-er-Jahren war er Vertreter/Außendienstler des französischen Schallplattenlabels "Le Chant du Monde". Mit einem Wohnmobil, zum Teil mit nachträglich eingebauten Regalen versehen, bereiste er die Plattenläden und Buchhandlungen in der Bundesrepublik. So reiste er auch mal bei uns in der Buchhandlung "Wissen und Fortschritt" am Schiffenberger Weg an. Bei der Einfahrt in die Stadt, wollte er testen, wie bekannt wir sind. Er fragte den nächstbesten auf der Straße, wo denn dieser Laden sei. Prompt erhielt er eine exakte Antwort und war sehr zufrieden.
Martina Lennartz
5.472
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 14.03.2016 um 11:52 Uhr
Peter Christian Walter merkte in seinem Schlusswort auch noch an, dass ein Brief mit den Unterschriften von 100 populären Frankfurter Menschen an die Stadt gesendet wurde, in dem diese aufgefordert wird, einen Platz oder eine Straße nach Peter Gingold zu benennen. Ich hoffe, dass dem so sein wird.

Für meinen Onkel Matthias Beltz hat die Stadt Frankfurt auch -nach längeren Verhandlungen - einen kleinen aber feinen Platz gefunden und diesen nach ihm benannt.

http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/93800/matthias-beltz-platz-in-frankfurt/
Michael Beltz
7.209
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 14.03.2016 um 13:22 Uhr
Nichts gegen die Platzbenennung nach Matthias Beltz. Beschämend ist, dass die Stadt Frankfurt jetzt aufgefordert werden muss, einen in Franreich ausgezeichneten Widerstandskämpfer (resistance) nicht schon längst entsprechend gewürdigt hat. Peter Gingold war stets ein Vertreter des besseren Deutschlands.
Heute müssen wir wohl nach 70 Jahren erst mal klären, welchen Nazis Ehrungen und Ehrenbürgerschaften abzuerkennen sind.
Wolfgang Seibt
54
Wolfgang Seibt aus Wettenberg schrieb am 14.03.2016 um 18:24 Uhr
Oh je Michael, da schneidest du ein Thema an.
Wenn ich denke, wie sich die Parteien mit jahrelang Händen und Füßen dagegen gewehrt haben, das Tausendjährige Reich als Unrechtsstaat zu bezeichnen.
Bei der DDR ging das über Nacht.
Kurt Wirth
1.512
Kurt Wirth aus Gießen schrieb am 14.03.2016 um 20:41 Uhr
und wurde in ein paar Jahren wieder rückgängig gemacht.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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