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Erlebnis unbekanntes Ostkreta VI - Besuch bei einer eher unscheinbaren rätselhaften Tonscheibe

Ca. 1.700 v. Chr., der Diskos v. Phaistos, Seite A: unscheinbare Tonscheibe als großes Geheimnis oder Fälschung?
Ca. 1.700 v. Chr., der Diskos v. Phaistos, Seite A: unscheinbare Tonscheibe als großes Geheimnis oder Fälschung?
Gießen | Es ist so: gelegentlich verlasse ich den Osten Kretas, etwa um alte Freunde zu besuchen. Alte Freunde können dabei auch Dinge, Gebäude oder Pflanzen sein, wie beispielsweise eine eher unscheinbare, rätselhafte Tonscheibe, Zeugnis der ersten Hochkultur auf europäischem Boden. Ein Ausflug also zu einem der größten Geheimnisse der Archäologie, nach Heraklion, der Hauptstadt Kretas.
Von Agia Fotia, Ierapetra, nach Heraklion sind rund 110 Kilometer auf für kretische Verhältnisse mittlerweile komfortabel ausgebauten Straßen zurückzulegen. Hat man die Autofahrt mit den Herausforderungen und Besonderheiten kretischer Fahrweise und Straßen dann fast hinter sich gebracht, so wird man – übrigens auch an Sonntagen und im Winter außerhalb der Saison – von der Geschäftigkeit und dem organisierten Chaos der Großstadt Heraklion empfangen. Wer als Ortsunkundiger einen bestimmten Platz sucht, hat es nicht unbedingt leicht in dieser Stadt. Straßenkarten halten hier nicht immer was sie versprechen und selbst Navigationssysteme scheitern gelegentlich, wenn es um das Einbahnstraßensystem innerhalb der alten venezianischen Stadtmauer geht. Sich an Hinweisschildern etwa für Museen zu orientieren ist schier unmöglich, denn erstens sind sie rar und zweitens oft verblichen, verdeckt, überwachsen oder gar nicht vorhanden.
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Ich habe es etwas leichter, da ich mein Ziel – das „Archäologische Museum“ – bereits von früheren Besuchen her kenne. Da ich aber nicht besonders oft nach Heraklion komme, gelingt es auch mir immer wieder mich erfolgreich im Einbahnstraßensystem der Altstadt zu verfahren, besonders bei der Parkplatzsuche.
Nach meiner Erfahrung erreicht man das Archäologische Museum aus Richtung Agios Nikolaos kommend am einfachsten, wenn man auf der E75 die Abfahrt zum Flughafen „Nikos Kazantzakis“ nimmt und dann links auf die Ikariou Allee abbiegt und der Straße in die Innenstadt folgt bis sie endet. Man muss sich allerdings von der herkömmlichen Vorstellung einer Allee trennen, denn so sieht die Straße wirklich nicht aus. Am Ende der Straße blickt man schon schräg links auf das Museum (Xanthoudidou Street 1). Kurz bevor die Ikariou Allee endet kommt eine scharfe Rechtskehre (ca. 90 Grad) dort stehen zwei Hinweisschilder auf Parkplätze, sinnigerweise zeigen sie jeweils in die entgegengesetzte Richtung. Wenn man ca. 150 Meter vor dem Museum kostenpflichtig parken
Diskos v. Phaistos, Seite B: erstes Druckwerk der Menschheitsgeschichte - Inhalt unbekannt.
Diskos v. Phaistos, Seite B: erstes Druckwerk der Menschheitsgeschichte - Inhalt unbekannt.
will, sollte man dem Schild folgen, das nach links zeigt („Museum Parking“, direkt darunter befindet sich ein Schild, dass links abbiegen verboten ist – einheimische Autofahrer ignorieren solche Schilder auch schon mal). Ansonsten sind Parkplätze in der Nähe des Museums Mangelware, es sei denn an den Straßenrändern aber die sind praktisch immer belegt.
Das Archäologische Museum Heraklion ist als solches zunächst nicht zu erkennen, da es an seinen Mauern kein Namensschild gibt. Es gibt lediglich kleinere Hinweistafeln darauf, dass zur Sanierung (Wiedereröffnung war 2014) auch EU-Mittel verwendet wurden. Am solide vergitterten großzügigen Eingangsbereich hängen manchmal große Banner mit Hinweisen auf Ausstellungen. Die großen Gitter an der Eingangshalle sind gleichzeitig auch Wahrzeichen des Museums, denn fragt man jemanden nach dem Weg, so hört man: „such das Haus mit den großen Gittern, das aussieht wie ein Gefängnis ...“. Leider sollen für 2016 die Eintrittspreise praktisch verdoppelt worden sein und so wird es wohl ruhiger werden in dem zuvor ausgesprochen gut besuchten Museum. Trotz allem bleibt der Besuch ein absolutes „MUSS“ für kulturinteressierte Kretabesucher, denn immerhin beherbergt es die bedeutendsten Funde der minoischen Kultur Kretas, der ersten Hochkultur auf europäischem Boden.
Die Bienen von Malia: filigrane Goldkunst auf höchstem Niveau aus dem minoischen Kreta.
Die Bienen von Malia: filigrane Goldkunst auf höchstem Niveau aus dem minoischen Kreta.
Das Museum umfasst in seinen 20 Ausstellungsräumen Artefakte von einem Zeitraum etwa ab 7.000 v. Chr. bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Wesentlichen Raum nehmen dabei die Funde der minoischen Kultur Kretas ein, die gleichauf zu sehen ist mit den großen Hochkulturen Anatoliens, Mesopotamiens, der Levante, Palästinas und Ägyptens. Unter den Artefakten der minoischen Epoche auf Kreta findet sich eben auch jene rätselhafte nur ca. 16 Zentimeter durchmessende Tonscheibe (gefunden 1908 auf dem Areal des Palastes von Phaistos).
Seit über 100 Jahren sträubt sich die kleine unscheinbare Tonscheibe nun schon erfolgreich gegen jeden nur denkbaren Entschlüsselungsversuch und das hat natürlich seine Gründe. Zum einen ist sie ein Einzelstück, zum anderen konnten die Symbole mit der sie beidseitig bedruckt ist keinem bekannten Schriftsystem zugeordnet werden – es war nicht einmal klar, ob es sich um Schrift oder um andere Symbole handelt. Nicht einmal eine klare Datierung des Fundes schien möglich – wobei aber die Mehrzahl der Forscher heute von einer Datierung zwischen 1.700 und 1.600 v. Chr. ausgeht. Offensichtlich war nur, dass die Symbole der seltsamen
Ein Goldsiegelring der Minoer - man nennt sie auch die Herren der Ringe.
Ein Goldsiegelring der Minoer - man nennt sie auch die Herren der Ringe.
Scheibe, ob ihrer spiralförmigen Anordnung und ihrer Gleichförmigkeit, offenbar in den Ton gestempelt wurden. Warum haben die Schöpfer des Diskos sich die Mühe gemacht zuerst Stempel herzustellen, um dann die Symbole beidseitig auf die Scheibe zu drucken? Zwei einfache Antworten sind denkbar: etwas Gedrucktes ist leichter lesbar und es ist leichter ganze Zeichen in Ton zu drücken als kompliziert und filigran zu ritzen. Natürlich stellt man aber auch Stempel her, um sie wieder zu verwenden für weitere Dokumente anderen oder gleichen Inhalts. Damit ist aber auch eines klar: der Diskos von Phaistos ist das erste Druckerzeugnis der Menschheitsgeschichte. Allerdings, weitere Dokumente dieser Art wurden bislang nicht entdeckt.
Das Zeicheninventar ist ebenfalls dürftig. Es sind nur 45 unterschiedliche kryptische Symbole, die insgesamt 242 mal (123 Stempeleindrücke auf Seite A und 119 auf Seite B) in den Diskos eingestempelt wurden. Durch Trennlinien markiert ergeben sich 61 Symbolgruppen in spiraliger Anordnung auf beiden Seiten. Auch über die Leserichtung streiten sich die Forscher – entweder von außen nach innen oder von innen nach außen. All das macht eine Entschlüsselung schier unmöglich, solange die Scheibe ein Einzelstück bleibt und Vergleichsmöglichkeiten fehlen.
Minoischer-Stierrhyton: Symbol von Macht und Göttlichkeit um 1.600 v. Chr. auf Kreta.
Minoischer-Stierrhyton: Symbol von Macht und Göttlichkeit um 1.600 v. Chr. auf Kreta.
So hat der Diskos von Phaistos seit seiner Entdeckung zahlreiche seriöse Forscher, Hobbyarchäologen und -linguisten, Mystiker und Esoteriker zu den phantasievollsten Deutungen angeregt. Sie reichen von: er sei außerirdischen Ursprungs, er stamme aus Atlantis, er sei eine Fälschung bis hin zu Deutungen als eine Art Stein der Weisen planetarer Astronomie, ein Superkalender der Stände von Sonne, Mond und Planeten. Natürlich hat es diese unscheinbare Ton-Disk aufgrund der standhaften Weigerung ihr Geheimnis preiszugeben locker und dauerhaft auf Platz 1 meiner Lieblingsgeheimnisse geschafft.
Allerdings ist mein Lieblingsgeheimnis nun schon seit einigen Jahren in echter Gefahr, denn zum 100. Jahrestag seiner Entdeckung in 2008 hat sich um Dr. Gareth Alun Owens, Altphilologe und Archäologe vom TEI of Crete und Prof. John Coleman, Phonetiker an der Oxford University, ein Team von Forschern und Studenten zusammengefunden, fest entschlossen der Ton-Disk ihr Geheimnis zu entreißen. Der Koordinator der Gruppe, Dr. Owens, präsentierte bereits in 2014 erste schlüssige Ergebnisse, die aber offenbar von der deutschen Öffentlichkeit und Forschung kaum wahrgenommen wurden.
Anhand von systematischen Vergleichen
Minoische Labrys - goldene Doppeläxte mit religiöser oder kultischer Bedeutung.
Minoische Labrys - goldene Doppeläxte mit religiöser oder kultischer Bedeutung.
der drei eigenständigen Schriftsysteme, die das minoische Kreta hervorgebracht hat, entwickelten die Forscher eine Methode, welche die beiden nicht entzifferten frühesten Schriften Kretas (kretische Hieroglyphen und Linear A) lesbar machen sollten. Nach den Ergebnissen der Forscher stellt die Silbenschrift Linear B, bereits 1952 von Michael Ventris entziffert (Mykenisches Griechisch ab 1.400 v. Chr.), eine Anpassung der Linear A an den ersten griechischen Dialekt dar. Die Lautwerte der Linear B Zeichen stellen für sie bei den gleichen Zeichen der Silbenschrift Linear A auch die gleichen Lautwerte einer allerdings unbekannten Sprache dar. Mit dieser Theorie wird die Silbenschrift Linear A zwar lesbar aber nicht automatisch auch verstehbar.
Da Linear A offenbar aus den kretischen Hieroglyphen hervorgegangen ist – beide Schriftsysteme wurden einige Jahrhunderte parallel benutzt – verglichen die Forscher systematisch auch die Zeichen der beiden Schriftsysteme. Die mit den beiden Silbenschriften etwa ab 2.000 v. Chr. niedergeschriebene Sprache identifizierten sie als eine eigenständige unbekannte indoeuropäische Sprache und ordnen die Zeichen des Diskos von Phaistos den kretischen Hieroglyphen zu. Das Forscherteam verglich insgesamt 3.000 Linear B Inschriften und 2.000 Schriftfragmente der minoischen Silbenschriften Linear A und den kretischen Hieroglyphen.
Über diese methodischen Vergleiche konnten sie Parallelen zu der Inschrift auf der Arkalochori Axt (eine Doppelaxt – Labrys – für kultische Zwecke) und der auf dem Bergheiligtum Mount Jouchtas gefundenen Libationsformel (religiöser Text, der bei einem Trankopfer gesprochen wurde) aufdecken und so das Schlüsselwort der Ton-Disk – „I-QUE-KU-RJA“ – ermitteln, das sich dreimal auf Seite A des Diskos befindet und dessen Bedeutung als „große Mutter“ oder „Muttergöttin“ angegeben wird. Auf Seite B befinden sich fünf Worte (auch zu finden auf der Arkalochori Axt), die mit der Libationsformel vom Mount Jouchtas identisch sind. Die Schrifttafel vom Berg Jouchtas bei Archanes wurde zusammen mit Votivgaben an die „Muttergöttin“ gefunden.
Mit ihren Ergebnissen macht das Forscherteam deutlich was der geheimnisvolle Diskos von Phaistos ist: er ist eine authentische religiöse Inschrift an die große „Muttergöttin“. 90 Prozent der Disk sind nach diesen Ergebnissen nun lesbar aber nicht zwingend verstehbar, da die Sprache, welche die Zeichen repräsentieren, immer noch unbekannt ist. Die kleine unscheinbare Tonscheibe scheint nun aber „studierbar“ und auf weitere Ergebnisse darf man gespannt sein. Und so ist eines der ganz großen Rätsel der Archäologie ein kleines Stück weniger ein Geheimnis.
Die beeindruckenden Ergebnisse der bisherigen Forschungen sind auf der Webseite von Dr. Owens in englischer und griechischer Sprache für die Allgemeinheit zugänglich (http://www.teicrete.gr/daidalika/).

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von:  Ralf Semmler

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