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Cui bono! - Gedanken und Eindrücke zum Datumswechsel

Gießen | Die hier als Überschrift für die vorliegende Gedankensammlung angestellte Frage „Cui bono“ entstammt der lateinischen Sprache und bedeutet „Wem zum Vorteil“ - gelegentlich auch ungenau als „Qui bono“ zitiert. Damit wird gewöhnlich ausgedrückt, dass der Verdacht unlauterer Einflussnahme gegenüber demjenigen angebracht ist, der daraus einen Nutzen ziehen könnte. Häufig wird diese Frage bei Verbrechen gestellt. Bei der vorliegenden Überschrift finden wir das Fragezeichen durch ein Ausrufezeichen ersetzt, denn ich will versuchen einen Anstoß zu geben, dass diese notwendige Frage zum Anspruch wird – zum Anspruch gegenüber uns selbst, aber auch als Anspruch an unsere Mitmenschen. Der Anspruch sehen zu wollen was passiert, warum es passiert, wer dazu willentlich und ungewollt beiträgt, welche Mechanismen dabei in Anwendung kommen, usw.

Wir nähern uns dem Jahreswechsel. Und zu diesem Anlass wird traditionell darüber nachgedacht was im scheidendem Jahr geschah und was man sich für das kommende Jahr wünscht. Eine schöne Tradition, wie ich finde. Sofern sie über das bloße Wünschen hinausgeht. Dennoch kann man das scheidende Jahr kaum ohne den Zusammenhang der vorherigen Jahre betrachten.

Beginnen wir also unseren kleinen Zeitüberblick mit der Zeit vor 1989. Die meisten von uns dürften in der Zeit des Kalten Krieges sozialisiert worden sein: Einer Zeit in der die Konfrontation der Systeme uns ein scheinbar unumstößliches Gefühl von Sicherheiten beibrachte, aber auch ein scheinbar ebenso unumstößliches Bedrohungsszenario. Einerseits beispielsweise soziale Sicherheiten; andererseits beispielsweise das beängstigende Gefühl, dass die wechselseitige atomare Bedrohung irgendwann in eine Katastrophe führen würde.

Durch die Geschehnisse von 1989 änderte sich vieles was wir bis dahin für unumstößlich hielten. Wir alle leben nicht mehr in dem Gesellschaftssystem in dem wir bis dahin lebten. Zunächst fiel für viele Menschen das Bedrohungsszenario weg. Es gibt gar Menschen die die mannigfachen Umwälzungen bis zum heutigen Tage nicht wahr haben wollen.

Die folgende Zeit war im wesentlichen politisch von dem Gedanken geprägt, dass für viele als unumstößlich geglaubte Sicherheiten „kein Geld mehr da“ sei. Ob man an Begegnungszentren denkt, an das Bildungssystem, an das Gesundheitssystem, an den Arbeitsmarkt, an das Rentensystem... Und für all dies gab es für uns statt konkreter Zahlen bloß den angegebenen „Sachzwang“ und allenthalben auch konstruierte Feindbildmechanismen. Beispielsweise dass der „Anschluss“ der DDR verantwortlich war, dass sich das Rentensystem „nicht mehr halten ließ“ - immerhin ein Rentensystem das unbeschadet zwei Weltkriege überdauert hat. Aber auch Konstruktionen wie beispielsweise, dass im Etablieren der Hartz-Gesetzgebung das Feindbild des „Arbeitsscheuen“ benutzt wurde um Löhne zu reduzieren – in unserem Sprachgebrauch scheint beispielsweise das Wort „Lohn“ fast gar nicht mehr ohne die Zusätze „Forderung“ und „überzogen“ vorzukommen.

Aber auch der Gedanke, dass „unser Land“ mit den Kriegen der Welt nichts zu tun habe, wurde in den Jahren seit 1999 immer wieder Lügen gestraft. Nicht bloß dass schon zuvor deutsche Waffenhändel weltweit mit dafür sorgten, Kriege stattfinden zu lassen. Seit 1999 ist dieses Land fast ununterbrochen im Krieg. Unter wechselnden „Sachzwängen“ zwar und unter wechselnden „Überschriften“, aber dennoch bleibt unbestritten, dass mit 2015 das 16. Kriegsjahr zu Ende geht. Zeitgleich hat sich auch hier unser Sprachgebrauch nachhaltig geändert. Denn hätte es früher den Begriff „Verantwortung übernehmen“ gegeben wenn „Krieg“ gemeint ist? Wäre irgendwem begreiflich zu machen gewesen, dass Krieg etwas sei mit dem man Terror bekämpfen könnte? Wohl kaum.

Insofern ist das Jahr 2001 zu nennen. Denn seitdem regiert in unseren Köpfen wieder die Angst. Seitdem scheinen alle Gedanken an Freiheiten dahin, die mit dem Ende des Kalten Krieges greifbar schienen. Seither scheint es für viele Menschen naheliegender, dass sich diejenigen zu rechtfertigen hätten die gegen Krieg eingestellt sind, als diejenigen die für Kriege eintreten. Seitdem verzichten viele Menschen widerspruchslos auf ihr Recht nicht unbotmäßig von „ihrem Staat“ überwacht zu werden – von anderen Staaten ganz zu schweigen.

Ungebrochen scheint trotz „Bankenkrise“, „Griechenlandkrise“, usw. der religiös anmutende Glaubenssatz, dass „widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Gründen auf wundersame Art zu unser aller Wohl beitragen würden“. Es klingt reichlich ironisch, dass gerade diejenigen die derartige Glaubenssätze nicht teilen als „Spinner“ abqualifiziert werden.

Vor diesem Hintergrund ist 2015 auch als das Jahr zu nennen in dem viele Menschen versuchen „Schuldige“ zu finden für all das was sie nicht begreifen, für all das was sie außerhalb ihres eigenen Einflussbereiches glauben, für all das was ihnen in ihrem eigenen Leben unzulänglich erscheint. Und oftmals scheint es vielen Menschen naheliegend eine rhetorische Opfer-Täter-Umkehr zu vollbringen um die eigene Ohnmacht weniger zu empfinden. Wieder andere glauben es gäbe irgendetwas zu relativieren wenn es gilt Menschenverachtung eine Absage zu erteilen und sich von Gewaltverbrechen zu distanzieren. Wieder andere Menschen scheinen bereitwillig jegliche noch so hanebüchene Unterstellung nachzuplappern, obwohl sie der Volksmund wissen lassen sollte, dass jeder anklagend zeigende Finger drei Fingern gegenübersteht, die auf den Urheber solcher Unterstellungen selbst zurück zeigt.

Dann gibt es noch diejenigen Gruppierungen, die glauben es sei der Zeitpunkt Feindbilder für die eigenen Interessen nutzbar zu machen. Und es scheint tatsächlich so, dass viele Menschen den dargebotenen Propagandaflugblättern weder die widerwärtige Intention, noch die inneren Widersprüche entnehmen. Wieder andere glauben es gäbe etwas zu relativieren, wenn es gilt den Unterschied einer legitimen Meinung und moralisch völlig verwahrlosten Verbrechen deutlich zu machen.

Bei all diesen Widrigkeiten und Widerwärtigkeiten soll aber auch nicht unterschlagen werden, dass sich Menschen dankenswerterweise dort engagieren wo eigentlich der Staat verantwortlich wäre: Ob wir hierbei beispielsweise an die sogenannten „Tafeln“ denken, oder an Flüchtlingshelfer.

Auch soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Bundeskanzlerin offenbar vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte gelernt hat was Zäune und Grenzen (sowie Gesetze diese nicht zu überschreiten) leisten können und was sie nicht leisten können. Zeitgleich scheinen viele Politiker den Gedanken zuzulassen, dass man Staaten nicht mehr finanziell unterstützen sollte, die sich vor den Herausforderungen wegducken die sich dadurch stellen, dass Menschen in unserer Gesellschaft Hilfe zum Überleben suchen.

Und auch wenn in diesem kurzen Gedankenstreifzug vieles unerwähnt bleiben musste, hat er doch hoffentlich einen Anstoß zu eigenen Überlegungen bieten können. Wo stehen wir? Wo gehen wir hin? Wie wollen wir zusammen leben? Und: Zu wessen Vorteil ist das alles – zu wessen Vorteil sollte es sein.

Denjenigen die versuchen die Staatsangehörigkeit in Widerspruch zur Menschlichkeit zu setzen, denjenigen die versuchen ihre Menschenverachtung als Lösungsansatz zu etablieren, denjenigen die versuchen Fremdenhass als „Meinung“ darzustellen, denjenigen die versuchen ihren kaum verhüllten Antisemitismus zu verbreiten, denjenigen die Gewalt als legitimes Mittel der Interessenwahrung einführen wollen, all jenen, die sich etwas über „deutsche Kultur“ von Menschen sagen lassen die keinen einzigen Satz „unfallfrei“ niederschreiben können, all jenen, die sich etwas über „Christentum“ sagen lassen von Menschen denen Nächstenliebe völlig fremd ist – kurz: all diesen verwahrlosten Hassern und Hetzern und ihren Nachplapperern möchte ich die Worte Heinrich Heines entgegensetzen: „Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des (..) Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben.“

Und vor all diesen Eindrücken – teils katastrophal, teils ermutigend, bitte ich alle Menschen – fordere ich alle Menschen auf – mit ihren Gedanken, mit ihren Worten, mit ihren Handlungen mit dafür zu sorgen, dass 2016 ein gutes Jahr werden kann.

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.426
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 01.01.2016 um 14:42 Uhr
Thorsten ..... Ich Teile deinen Optimismus nicht .... 2016 wird in Giessen bestimmter deutlich nieder als die ja auch nicht gerade guten Jahre davor.

Nur ein paar völlig wahllos heraus gegriffene Beispiele.

Wir haben auch dieses Jahr die OB aus den Reihen der Arbeiterveraeter.

Die Rechtspopulisten kommen ins Rathaus.

Die organisierte Linke wird sich zählen massig kaum bis gar nicht verstärken.

Deren parlamentirische Arm wird über altert und mit keinerlei Perspektive auf einen Machtwechsel antreten.

der Kreis der zur Zusammenarbeit mit der organisierten Linken bereite Bürgerlichen wird weiter schrumpfen.

...... trotzdem allen Lesern und Burg GER Reportern ein gutes 2016.
Thorsten Lux
906
Thorsten Lux aus Gießen schrieb am 02.01.2016 um 02:10 Uhr
Martin Wagner, den Optimismus, den Du herauszulesen glaubst, gibt es als Optimismus wohl eher nicht. Er ist vermutlich eher dem Anspruch geschuldet jedem Tag die Chance zu geben der beste zu werden - erst recht wenn es um ein neues Jahr geht...

Aber sprechen wir über Deine Beispiele: Von den Arbeiterverrätern halte ich rein gar nichts, weil ich einmal etwas von ihnen hielt und bitter enttäuscht wurde. Ich habe keine Ahnung was geschehen müsste, dass ich denen noch einmal irgendetwas glauben würde.

Was die OB betrifft, bin ich ihr einmal persönlich abseits des Parteiengeplänkels begegnet und habe aus dieser etwa 3-minütigen Begegnung den Eindruck mitgenommen, dass ich bitte mit dieser Person nie wieder in irgendeiner Form irgendetwas zu tun haben will. Denn wenn es jemand schafft in derart kurzer Zeit derart unsympathisch herüberzukommen, dann will ich sicherlich keinerlei Lebenszeit investieren um solch einen Menschen näher kennenzulernen. Das aber ist persönliches Empfinden und weit ab jedes politischen Wahrnehmens.

Hmm... "die Rechtspopulisten kommen ins Rathaus"? Ich war im Rathaus ein paar mal zugegen und bin der Überzeugung, dass die Rechtspopulisten dort schon lange sitzen und dort schon lange Redezeiten haben - abseits des Ettiketts.

Vor einer zahlenmäßigen Verstärkung der Linken steht für mich zunächst die Frage was aus welchem Grund wünschenswert wäre...

Im Ernst: Ich habe genug Herzblut, Lebenszeit und Energie in die "organisierte Linke" investiert um sehr genau zu sehen dass es dort reichlich Ahnungslosigkeit gibt - fast so viel Ahnungslosigkeit wie den Wunsch etwas zu gelten, ohne sich zu bemühen tatsächlich etwas zu sein.

Und Mitleid ist sicherlich eine begrüßenswerte Motivation sich dort einzubringen - aber eben bloß bis zu einem bestimmten Punkt. Ums mit dem Volksmund zu sagen: Blinden die Farben erklären zu wollen ist schwierig genug wenn die betreffenden Personen nicht glauben alles besser zu wissen...

Aber lassen wir das: Wenn ich versuche der beste Mensch zu sein der ich sein kann, dann kann ich auch versuchen aus 2016 das beste Jahr zu machen, dass es sein kann.

Und ich hoffe mit meiner kurzen Einlassung tatsächlich den Anstoss geliefert zu haben das jeder sich Gedanken machen kann wie sein Beitrag dazu aussehen könnte. ;o)
Michael Beltz
7.165
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 03.01.2016 um 12:33 Uhr
Hallo Thorsten, ich habe schon an Michelle nr15 geschrieben, was ich von dem großartigen Jahr 2016 erwarte.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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