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„Lupenreiner Nazi“ ist Namensgeber der Friedrich-Feld-Schule: Schüler reagieren gleichgültig

von Redaktion GZam 04.12.20151821 mal gelesen8 Kommentare
Gießen | Die Friedrich-Feld-Schule in Gießen muss sich einen neuen Namen suchen – so lautet das Ergebnis der Gesamtkonferenz, die auf Antrag der Schulleitung stattfand. Ähnlich wie bei dem ehemaligen Otto-Eger-Heim in Gießen stellte sich erst jetzt heraus, dass der Namensgeber Friedrich Feld eng mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stand.

Zu den Hintergründen der geschichtlichen Erkenntnisse erklärte der Historiker und Stadtarchivleiter Dr. Ludwig Brake, dass bei dem Wirtschaftswissenschaftler Friedrich Feld ein Engagement für den Nationalsozialismus festgestellt wurde, das über die „Zwänge, denen Personen in Leitungspositionen manchmal ausgesetzt waren und weswegen sie unter Umständen Äußerungen machten, die ihren eigenen Ansichten nicht entsprachen“ weit hinausging. Eine zentrale Erkenntnis der Analyse der vorliegenden Literatur Felds sei, dass der Wissenschaftler wesentliche Aussagen des Nationalsozialismus in seine Berufserziehungstheorie aufnahm. Der aktuell vertretenen Ansicht, dass Feld ein „lupenreiner Nazi“ gewesen sei, stimmt der Archivleiter demnach zu.

Auffällig wortkarg reagierte die Schulleitung
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auf Nachfragen der GIEßENER ZEITUNG zu den Hintergründen der Entscheidung und dem weiteren Vorgehen der Verantwortlichen. Man distanziere sich „von den nationalsozialistischen Positionen“ des Namensgebers der Schule und begebe sich „in den Prozess der Findung eines neuen Namens. Daran sollen „Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Betriebe und der Förderverein“ beteiligt werden. Der neue Name soll sich am Leitbild der Schule orientieren, so die Antwort von Schulleiterin Annette Greilich.
Leider blieben bei genauer Betrachtung der Diskussion rund um die Benennung der Schule
viele Fragen offen. Gab es zum Beispiel früher kritische Hinweise darauf, dass Friedrich Feld dem Nationalsozialismus nahestand? Immerhin sollen es mitunter Schüler gewesen sein, auf deren Initiative eine genaue Betrachtung der Person Feld angestoßen wurde. Warum wurde das Thema nicht offen kommuniziert? Wie äußerten sich Lehrer und Eltern, die an der neuen Namensgebung beteiligt werden sollen zu den historischen Erkenntnissen? Und wird die Schule, ebenso wie das ehemalige Otto-Eger-Heim, für eine lange Zeit namenlos bleiben?

Womöglich bringt Stadträtin und Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser mehr Licht ins Dunkel. Sie meint, dass die Vergangenheit „glücklicherweise“ nicht abgeschlossen sei. Die Aufarbeitung mit dem Nationalsozialismus beinhalte eine „kritische Aufarbeitung und auch Hinterfragung von Ehrungen und Auszeichnungen, die die Gesellschaft insgesamt auch nach dem Nationalsozialismus vergeben hat.“ Sie verweist auf die „falsche“ Annahme, dass die deutsche Gesellschaft nach den strafrechtlichen Prozessen und der Entnazifizierung „nazifrei“ sei: „Deutschland war nicht nur in den Spitzen, sondern tief in den Wurzeln nationalsozialistisch.“ Für Eibelshäuser sei die Verstrickung Felds in die Abgründe des Nationalsozialismus „kein besonderer Ausnahmefall“. Sie dementiert, dass es zuvor Hinweise auf diese Verstrickung gegeben habe und betont, dass die neuen Erkenntnisse Menschen zu verdanken seien, die sich „aus eigenem Antrieb“ mit der Vergangenheit auseinandergesetzt hätten.
Eibelshäuser blickt zurück in das Jahr 1968, als die Schulgemeinde Friedrich Feld als Namensgeber der Schule vorschlug. „Damals hat sich offenbar aber niemand Gedanken darüber gemacht, ob der nachgewiesenermaßen renommierte Pädagoge Friedrich Feld eine nationalsozialistische Vergangenheit hat.“ Die Stadträtin verweist auf die Ergebnisse der Untersuchung des Stadtarchivars, die besagen, dass der Name Friedrich Feld der Mehrzahl der Stadtverordneten, die über den Namensvorschlag entschieden, „kein Begriff“ gewesen wäre. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Namensgeber hat demnach zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht stattgefunden.

Gleich mehrere Schüler der Friedrich-Feld-Schule, die auf die
Namensänderung angesprochen wurden, reagierten auf diese
Frage gleichgültig. Von „Ich weiß nichts davon.“ bis „Das ist mir egal.“ – offensichtlich interessieren sich nicht alle Schüler für den Banner, unter dem ihre Schule 48 Jahre lang stand. Felix spricht von einer „unangebrachten“ Diskussion angesichts „wichtigerer Probleme.“ Eine anonyme Stimme lässt gar verlautbaren: „Ist egal, ich meine, viele waren damals nationalsozialistisch und nicht nur Friedrich Feld, daher bin ich
gegen die Umbenennung, weil es einfach nicht nötig ist.“ Die meisten Befragten wissen nichts von einer Umbenennung oder fühlen sich schlecht informiert.
Wie geht es nun weiter? Eibelshäuser versichert, dass die Umbenennung der Schule „weder verschleppt noch verschlafen wird.“ Bleibt nur noch die Frage, ob aufgrund einer zwielichtig geführten Diskussion über die historischen Tatsachen und einen neuen Namen die Schule nicht irgendwann erneut von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

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Kommentare zum Beitrag

Nicole Freeman
11.057
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 04.12.2015 um 13:36 Uhr
ein wichtiges thema. da machen sich anscheinend eine hand voll schüler doch gedanken. die erwachsenen müssen nun handeln und stehen einer gewissen gleichgültigkeit der mehrheit gegenüber. eine gleichgültigkeit die auf unwissenheit gründet. man sollte über die person friedrich feld informieren und dann handeln.
danke für die info.
Bernd Zeun
11.777
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 04.12.2015 um 20:46 Uhr
Guter Beitrag. Immerhin kann man an der Schule die Fachhochschulreife erlangen, da ist es schon traurig, wenn es so wenig Schüler interessiert, dass der Namensgeber ein Nazi war.
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 04.12.2015 um 21:27 Uhr
Ich las davon bereits in einer Giessener Tageszeitung - m. E. ist es nicht gleichgültig, welcher Name auf dem Schulgebäude steht.
Der Namenspatron sollte schon einem ästhetischem Anspruch unterliegen.
Michael Beltz
7.779
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 05.12.2015 um 13:08 Uhr
Es gibt oder besser gab sehr viele Nazis in Gießen - gerade auch im Bereich der "Rassenlehre" -die nicht von so großer Bedeutung waren. Ein Gießener Einwohner hat eine List von hunderten derartiger Personen. Die übelsten Personen sollten jedoch genannt werden und der Name aus der Öffentlichkeit verschwinden. Otto Eger ist einer, Hermann Schlosser muss noch bearbeitet werden.
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 11.12.2015 um 06:41 Uhr
Leider trifft die Gleichgültigkeit der der breiten Masse der Menschen auch dieses Thema. Es ist eine gesellschaftliche Gegebenheit, die bei Kindern nicht anders ist. Die breite Masse "für" oder "gegen" etwas zu mobilisieren ist unglaublich schwierig. Man neigt gelegentlich dazu die schweigende "Masse" hinter sich zu sehen. Tatsächlich ist diese Masse unberechenbar.

Dass man sich schwer tut, solche unglücklichen Namensgebungen zu bereinigen, liegt an verschiedenen Dingen wie z.B. mangelnde Einsicht, Gewohnheit, Aufwand und Politische Ausrichtung der Verantwortlichen.

Ich ziehe immer wieder meinen Hut vor Jenen, die trotz der Probleme, des möglichen Gegenwindes, solche Probleme publik machen und angehen! CHAPO
Friedel Steinmueller
4.013
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 11.12.2015 um 15:53 Uhr
Mich wundert die recht "Frühzeitige" Erkenntnis so "kurz" nach dem Zweiten Weltkrieg!" Da darf man auf weitere Zusammenhänge in der Zukunft gespannt sein.
Karl-Ludwig Büttel
3.879
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 12.12.2015 um 17:52 Uhr
Leider juckt es schon jetzt viele Menschen nicht mehr was vor über 70 Jahren geschehen ist. Einige wollen mit dem Thema abschließen, anderen ist es völlig egal und einige können es nicht mehr hören.
Ein paar wenige Aufrechte versuchen sich dagegen zu wehren und erinnern immer wieder an die schreckliche Zeit.
Friedel Steinmueller
4.013
Friedel Steinmueller aus Heuchelheim schrieb am 13.12.2015 um 00:20 Uhr
"Namen sind Schall und Rauch!"
So sagt es gerne der Volksmund. Doch es gibt gewiss noch mehr Fälle in denen öffentliche Gebäude und Straßen Namen tragen, denen man eine belastende Hypothek zuweisen kann.
Ich war selbst einst Schüler an hiesiger Schule. Das war Anno 1971/72. Und ich kann mich noch daran erinnern, das im Geschichtsunterricht vom Lehrer die Frage aufgegriffen wurde, wer denn Friedrich Feld gewesen ist. Aber mir fiel auf, das dies kaum Interesse bei den Schülern fand, obwohl 1971/72 viel näher noch an der Vergangenheit dran war als 2015.
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