Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Flucht und Asyl als Folge der Rohstoffpolitik des Westens- am Beispiel Nigeria

Gießen | Flucht und Asyl als Folge der Rohstoffpolitik des Westens- am Beispiel Nigeria

Der folgende Artikel versucht die Wiedergabe des Vortrags von Peter Donatus am 23.11.2015 im Kerkrade Zimmer der Kongresshalle.
Die Veranstaltung fand auf Einladung der DKP Gießen, der SDAJ Gießen-Marburg und der VVN statt.

P. Donatus ist nigerianischer freier Journalist, Menschenrechtsaktivist und als Umweltaktivist langjähriger Kritiker des Shell-Konzerns. Er selbst ist vor 27 Jahren nach mehrmonatiger Isolations-Haft aus Nigeria geflüchtet. Seither lebt er in Deutschland. Er stellte dar wie das Ökodesaster die Lebensgrundlagen vernichtet und die Flucht junger Menschen aus dem Niger-Delta verursacht. Der Vortrag wurde unterstützt mit beeindruckenden aber auch bedrückenden Bildern aus diesem Gebiet.

Versuch einer Gliederung des Vortrages

1. Flüchtlinge weltweit
2. Wer ist ein Flüchtling?
3. Konventionelle Fluchtursachen
4. Ökozid- eine Fluchtursache
5. Wo liegt Nigeria?
6. Das Ökodesaster in Nigerdelta
7. Fazit

1. Flüchtlinge weltweit

Sein Vortrag beginnt mit dem Hinweis, dass Migration so bürokratisch, leidvoll, teuer, kompliziert und qualvoll ist, wie je zuvor.
Mehr über...
Ökozid (1)Ursache (1)Umweltkatastrophe (3)Rohstoffe (6)Nigeria (1)Flüchtlinge (166)Erdöl (2)Ausbeutung (8)Afrika (285)
60 Millionen Menschen sind aktuell weltweit auf der Flucht. Jährlich ertrinken 3000 Menschen (ohne die anderen elenden Todesursachen der Flüchtlinge zu nennen), für die keine Fahne auf Halbmast gehängt wird.
Von den 60 Mio. sind 65% in den Verfolgerländern, was Entwicklungsländer sind. Viele Deutsche haben die Sorge, dass man doch nicht die ganze Welt aufnehmen könne. Darum gehe es auch gar nicht, das wolle auch keiner und würde gar nicht funktionieren.
2014 hat Afrika 20 x mehr Flüchtlinge aufgenommen als das reiche Deutschland. Der Libanon hat die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Wenn die Verhältnisse in Deutschland so wären, wie in Libanon, dann würden jetzt 30 Mio. Flüchtlinge in Deutschland leben.

2. Wer ist ein Flüchtling?

Ein Flüchtling ist eine Person, die
". . . aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will . . ."
Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 ("Genfer Flüchtlingskonvention")
Da inzwischen 64 Jahre vergangen sind, sich die politische und ökologische Situation weltweit sehr verändert hat, sollte man über eine Überarbeitung der Konvention nachdenken.

3. Konventionelle Fluchtursachen

Warum sind die vielen Menschen auf der Flucht? Wir unterscheiden folgende konventionelle Fluchtursachen:

· Verfolgung:
Rasse, Religion, Nationalität, soziale Zugehörigkeit, politische Überzeugung, Diskriminierung

· Kriege und bewaffnete Konflikte

· Genderspezifische Fluchtursachen

· Flucht wegen der Umweltzerstörung

Wenn Menschen fliehen müssen, weil sie kein Zugang zu Wasser mehr haben, weil westliche Konzerne die Wasserquellen kaufen oder das Grundwasser entziehen, werden sie von genau den Konzernen als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet.
Das ist eine Diffamierung der Flüchtlinge, denn Wasser ist kein Luxusgut, sondern die Grundvoraussetzung für menschliches Leben. „Der Klimawandel und Ökozid sind für mich die größten und wichtigsten Fluchtursachen weltweit. Es ist unzutreffend, hier von Wirtschaftsflüchtlingen zu sprechen.
Der Begriff an sich ist ein Unwort. Diese Ablenkungstaktik ist eine Diffamierung der Menschen, die fliehen mussten, weil z.B. ihre Lebensgrundlagen und ihre Umwelt überwiegend durch europäische Multis zerstört wurden“, so Peter Donatus.

http://www.claro.de/magazin/die-dritte-welt-wird-zur-ader-gelassen-die-wassergeschaefte-der-firma-nestl-898/

Was sind die Ursachen und Entstehung von Umweltflüchtlingen?

Faktor: Naturkatastrophe

Dazu gehört die globale Erderwärmung, die Wetterextreme verursacht. Der Meeresspiegel steigt. Der Verlust von Staatsgebieten ist ebenso eine Folge von Naturkatastrophen, sowie der Verlust von Boden. Der Boden wird immer salziger, die Erträge sinken und auch Küstenerosion können Gründe für eine Flucht sein.

Faktor: Mensch- Ökozid

An manchen Teilen der Welt zerstört der Mensch selbst schwerwiegend die Umwelt und vernichtet dadurch die Lebensgrundlage der dort lebenden Menschen.

4. Ökozid- eine Fluchtursache

Ökozide sind große Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Definition nach Higgins: Die „erhebliche Beschädigung, Zerstörung oder der Verlust von Ökosystemen eines bestimmten Gebiets durch menschliches Verhalten oder andere Ursachen in einem Ausmaß, welches die friedliche Nutzung des Gebietes durch seine Bewohner stark einschränkt.“

http://globalmagazin.com/themen/natur/oekozid-ein-verbrechen-gegen-das-voelkerrecht/
http://eradicatingecocide.com/connect/campaigns/stopp-okozid-initiative/

5. Wo liegt Nigeria?

Schon die Namensgebung des Landes, so Donatus, hat einen rassistischen Hintergrund, was seitdem auch keiner in Frage stellte. Viele Einwohner selbst haben ein großes Interesse daran, den Namen zu ändern, was aus verschiedenen Gründen schwer zu realisieren ist. Das Land ist liegt in Westafrika am Golf von Guinea. Die Nachbarstaaten sind Benin, Niger, Tschad und Kamerun. Das Land hat etwa 170 Millionen Einwohner und ist das bevölkerungsreichste Land Afrikas. (Jeder vierte Afrikaner ist Nigerianer). Nigeria ist eine ehemalige britische Kolonie. Die sogenannte politische „Unabhängigkeit“ besteht seit 1960. In diesem Land sind mehr als 250 Ethnien, mehr als 400 Sprachen und mehr als Tausende verschiedene Dialekte zu finden.

Die Wirtschaft hängt im höchstens Maße von Erdöl/Erdgas ab.

· 86% der Staatseinnahmen
· 90% der Devise
· 95% der Exporte
· 40% des BIP
· 6% des Wirtschaftswachstums
Ein Wachstum- ohne Entwicklung

Die Hälfte der Erdölexporte gehen in die USA. Deutschland bezieht rund 4% seines Ölbedarfs aus Nigeria.

6. Das Ökodesaster in Nigerdelta

Westliche Standards in Hygiene, Sicherheit, Sauberkeit gelten in Nigeria nicht im Ansatz. Die Bevölkerung nimmt den eigenen Tod in Kauf um die Familie zu ernähren.

· Nigeria ist eines der meistverseuchten Regionen der Welt
· Mehr als 7.000 Ölunfälle in den letzten 50 Jahren.
· Milliarden Liter ausgelaufenes Öl
· Tägliche Dutzende Öl-Lecks
· Mindestens 30 Jahre werden für Sanierung benötigt
· Doch jährlich 13 Mio. Barrel Öl verseuchen das Gebiet weiterhin- ein Ende ist nicht in Sicht
Luftverschmutzung in Nigeria
· Jährlich werden 400 Mio. Tonnen CO²in die Atmosphäre freigesetzt
· Jährlich wird Gas im Milliardenwert verbrannt
· Luftverschmutzung- eine der Hauptursachen für Krebserkrankungen (WHO, Oktober 2013)



7. Fazit

Donatus fasste zusammen und stellte fest, dass das Geld vom Sklavenhandel für die industrielle Revolution verwendet wurde. Dann wurden die afrikanischen Länder kolonialisiert. Dadurch bauten sich die westlichen Länder einen bestimmten Wohlstand auf. Auch heute benötigt man die afrikanischen Länder zum Sichern des westlichen Wohlstandes. Um diesen beizubehalten werden die Rohstoffe aus Afrika benötigt um auch Waffen herzustellen. Diese werden dann verkauft - aber die Opfer wollen die Westlichen dann nicht sehen. (Von der in der BRD erhobenen Mineralölsteuer sieht die Bevölkerung Nigerias nichts.)

Peter Donatus sagte abschließend auch, dass Afrika sich nur selbst helfen kann. Er wünschte sich, dass die Grenzen auch von den Europäern anerkannt werden und die Länder nicht weiter ausgebeutet und vernichtet werden. Er wünscht sich, dass die einzelnen Länder Afrikas alleine ihren eigenen Weg finden dürfen und nicht permanent fremde Ideologien indoktriniert bekommen. Wenn dann der eigene Weg gegangen werden darf, dann kann man natürlich auch gerne über Kooperation in Augenhöhe diskutieren.

Am Ende lud er ein die Ausstellung „Die dritte Welt im zweiten Weltkrieg“ in Marburg zu besuchen.

http://www.marburger-weltladen.de/event/ausstellung-die-dritte-welt-im-zweiten-weltkrieg-ueber-die-vergessene-haelfte-der-geschichte-des-zweiten-weltkrieges/


Kommentare zum Beitrag

Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 08:11 Uhr
Selbst konservativen Staatsführungen muss ein Großteil dessen was hier geschildert wurde klar sein. Doch es interessiert sie offensichtlich weniger als die Macht der Konzerne und Banken. Sie sind ja auch von ihnen abhängig, im mehrfachen Sinne.

Es macht mich zornig!
H. Peter Herold
29.371
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 08:11 Uhr
Den abschließenden Worten ist nichts mehr hinzu zu fügen.
Michael Beltz
7.779
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 11:31 Uhr
Am 10. Nov. 1995 wurden der nigerianische Bürgerrechtler Ken Saro-Wiwa und witere seiner Mitstreiter nahc einem von der Militärregierung inszenierten Schauprozess in Port Harcourt hingerichtet. Er hatte Proteste der Ogoni-bevölkerung aus dem Niger-Delta mobilisiert. Dabei ging es um Schadensregulierung der Erdölförderung durch die Firma SHELL und eine Gewinnbeteiligung der Bewohner.
Martina Lennartz
6.348
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 11:45 Uhr
http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96lkatastrophe_im_Nigerdelta

Man kann von Wikipedia halten was man will, aber selbst hier findet man einen brauchbaren Text, gute weiterführende Links und kann diese lesen und vergleichen.
Martina Lennartz
6.348
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 11:46 Uhr
Ich danke auch Peter Donatus, der mir die Bilder zugesendet hat um sie hier den Lesern zeigen zu können.
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 19:28 Uhr
Bitte diesen interessanten Vortrag auch in Berlin halten - obgleich, unsere / die Regierungen wissen das sehr wohl.
Danke für die Einstellung !
Martina Lennartz
6.348
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 26.11.2015 um 22:23 Uhr
Liebe Birgit, auch dort sitzen die Auftraggeber.
Wolfgang Schwarz
154
Wolfgang Schwarz aus Gießen schrieb am 27.11.2015 um 08:16 Uhr
@ Birgit Hofmann-Scharf
auch in Peking sollte dieser Vortrag gehalten werden. Denn was sich dieses Land in Afrika seit Jahren "unter den Nagel reisst", ist unglaublich. Sie machen es nur viel subtiler als die "alten" Kolonialmächte.
Martina Lennartz
6.348
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 05.12.2015 um 13:55 Uhr
Es gibt morgen dazu eine Sondersendung. Die Sendung wird im Internet auch live gestreamtw: www.radio-rum.de. Die Infos zur Sendung können im Newsletter des Marburger Weltladen entnommen werdenRadio Marimba On-Air
Sondersendung
"Kriegserzählungen aus der Nachbarschaft.
Die Dritte Welt im
Zweiten Weltkrieg"

Radio Marimba in Air
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Martina Lennartz

von:  Martina Lennartz

offline
Interessensgebiet: Gießen
Martina Lennartz
6.348
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
"Bleiben Sie zuhause" - ein Hohn für Menschen ohne Zuhause
Der Winter bringt Menschen ohne festen Wohnsitz in Lebensgefahr, ob...
Edersee zeigt die Brücke von Asel

Veröffentlicht in der Gruppe

Bündnis gegen Rechts Gießen

Mitglieder: 30
Aktuellste Beiträge der Gruppe:
(Gebirgs-)Jägerdenkmal, auch Grüntendenkmal genannt, auf dem Grünten im Allgäu
Fragwürdige Heldenverehrung liebt die luftigen Bergeshöh'n
Nicht nur die Immelmann-Stele – inzwischen ohne herabstürzende...
Neuausgabe "Signale aus der Zelle" ab sofort erhältlich
Vor 20 Jahren starb die Gießener Kommunistin und Antifaschistin Ria...
Weitere Gruppen des Beitrags:

Weitere Beiträge aus der Region

Volker Havemann (links, Gruppenleitung Wohnstätte "Grüninger Weg" in Garbenteich) und Dirk Oßwald, Vorstand der Lebenshilfe Gießen, freuen sich über den von der Aktion Mensch mitfinanzierten Sprinter.
Komfortable Mobilität dank Aktion Mensch - Lebenshilfe-Wohnstätte in Garbenteich freut sich über neuen Sprinter
Pohlheim (-). Die Lebenshilfe Gießen freut sich über eine großzügige...
+++Spende für die Lebenshilfe Gießen (Werkstatt Lollar)+++
+++Spende für die Lebenshilfe Gießen (Werkstatt Lollar)+++ Der...
Frau Christine Krüger zeigt in schwierigen Zeiten ein starkes Engagement und unterstützt unter anderem den Lebenshilfe-Reiseveranstalter proMundio mit selbstgenähten Masken.
Nähen für die gute Sache - Christine Krüger ist „heimliche Masken-Heldin“ des Lebenshilfe-Reiseveranstalters proMundio
Pohlheim (-). Christine Krüger ist zur Stelle, wenn Hilfe benötigt...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.