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Platz für gut 200 Hexen - ein perfekter Hexenring !

"Hexentanzplatz" vor dem Bismarckturm
"Hexentanzplatz" vor dem Bismarckturm
Gießen | Einen schöneren Ort zum Abtanzen an Halloween als am Bismarckturm könnten Hexen im Gießeneren Raum kaum finden, mit Blick auf die ehemals von Kelten besiedelten Kuppen des Dünsberg und Stoppelberg. Schließlich soll das Fest im keltische Totenfest Samhain seinen Ursprung haben, an dem die Geister der Toten ins Reich der Lebenden wechseln konnten und umgekehrt. Die Christen haben das Fest dann umfunktioniert und im Mittelalter wurde Hexerei schließlich besonders für Frauen ziemlich gefährlich und sie ließen sich besser nicht in der Nähe solcher Hexenkreise sehen, die in Unkenntnis der biologischen Ursache für Tanz- und Treffplätze der Hexen mit dem Teufel gehalten wurden. Dabei mussten die Frauen sich nicht mal tatsächlich mit Hexerei beschäftigt haben, es reichte rothaarig zu sein, als schöne junge Frau einen Verehrer abgewiesen zu haben oder Besitz zu haben, den der Nachbar auch gern gehabt hätte. Dann reichte oft eine Denunziation und die Kirche half geflissentlich, dass der Verehrer seine Rache oder der Nachbar zu neuem Besitz kam, wobei für manches Mönchlein und Kirchenfürsten das sadistische Vergnügen einer sogenannten Hexenprobe ein bisschen Abwechslung ins öde Ora et Labora brachte. Besonders gut klappte das in deutschsprachigen Landen, da wurden weitaus mehr Hexen verbrannt als im gesamten Resteuropa.

Aber weg von Mystik und Aberglauben. Der Hexenkreis, den ich vor drei Wochen am Bismarckturm entdeckte - nebenbei erwähnt, mit 60 m Umfang und über 200 qm, mein bisher größter - wurde natürlich von einem Pilz erzeugt, dem Riesen-Krempentrichterling (Leucopaxillus giganteus). Er verdankt seinen Namen nicht den großen Hexenringen oder -kreisen, die er bildet, sondern er gehört auch selbst mit einem Fruchtkörperdurchmesser mit bis zu 40 cm zu den größten bei uns vorkommenden Pilzen. Essbar ist er auch noch; so ein Hexenring könnte schon allein ein ordentliches Essen für die Teilnehmer einer durchschnittlichen Pilzwanderung liefern.

Wie kommt es zu so einem Hexenkreis oder -ring (im Englischen heißen sie fairy rings, Feenkreise, was irgendwie netter klingt und weshalb in England vielleicht auch weniger Hexen als in deutschen Landen verfeuert wurden)? Solche Kreise bilden Pilze, die nicht mit Bäumen in einer Wurzelsymbiose leben. Von einer Spore wächst das Pilzmyzel in alle Richtungen mehr oder weniger kreisförmig aus.
Eher eine Ellipse als ein Kreis, mit  den Durchmessern von 20 u. 14 m
Eher eine Ellipse als ein Kreis, mit den Durchmessern von 20 u. 14 m
In der Mitte der Fläche verarmt der Boden zwangsläufig an Nährstoffen, der Pilz kann im inneren Zirkel sogar absterben, so dass die Fruchtkörper - das, was man gemeinhin als Pilz an der Oberfläche sieht und was man als solchen bezeichnet - nur in der Wachstumszone am Rand gebildet werden.

Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass es hier eigentlich zwei Ringe sind, die sich durch verstärktes Graswachstum auszeichnen und die durch eine Zone getrennt sind, in der kaum Gras wächst. Nur in dieser "nekrotischen" Zone bilden sich bei diesem Pilz die Fruchtkörper. Laut Literatur (Michael, Hennig, Kreisel: Handbuch für Pilzfreunde) soll das Absterben des Grases an vom Pilzmyzel verursachtem Wassermangel, das verstärkte Graswachstum an Stickstoffanreicherung des Bodens durch den Pilz liegen.

Probiert habe ich den Pilz nicht, da waren mir doch schon zu viele Maden im Fruchtfleisch, falls der Boden nicht landwirtschaftlich umgenutzt wird aber vielleicht im nächsten Jahr. Dann könnte der Kreis noch um einiges größer sein, es wurden auch welche mit 40 m Durchmesser schon beschrieben.

"Hexentanzplatz" vor dem Bismarckturm
Eher eine Ellipse als ein Kreis, mit  den Durchmessern von 20 u. 14 m
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Die Fruchtkörper bilden sich nur in der nekrotischen Zone mit dem verminderten Graswachstum
Die Stiele sind nur bis zu 7 cm lang, was bei 30 -40 cm Hutdurchmesser die Pilze auf dem Boden aufliegend erscheinen lässt.
Die größten Exemplare mit 40 cm Hutdurchmesser
Altes Exemplar, man sieht hier gut, wie die Lamellen am Stiel hinab laufen
Sehr eng stehende Lamellen.
Hier sieht man schön die Trichterform, die den Trichterlingen ihren Namen gibt.
Reichlich Madengänge im Pilzfleisch als Appetitverderber
Gestern, drei Wochen nach den ersten Aufnahmen, sind alle Pilzfruchkörper verrottet.
Der Hexenring ist aber durch das verstärkte Graswachstum noch gut erkennbar.

Kommentare zum Beitrag

Nicole Freeman
10.764
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 31.10.2015 um 08:09 Uhr
klasse gesehen, dokumentiert und erklärt. danke
Birgit Hofmann-Scharf
10.362
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 31.10.2015 um 12:01 Uhr
Auch von mir : Danke !
Sehr interessant !!!
Ingrid Wittich
20.937
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 31.10.2015 um 14:38 Uhr
Danke für dieses Exkurs. Wieder etwas dazu gelernt.
Irmtraut Gottschald
7.936
Irmtraut Gottschald aus Heuchelheim schrieb am 01.11.2015 um 08:55 Uhr
Klasse erklärt. Das ist ja ein super großer Kreis. Im Wald habe ich auch schon auf größeren freien Stellen solche Hexenringe gefunden. Einmal aus Fliegenpilzen.
Bernd Zeun
11.652
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 04.11.2015 um 20:29 Uhr
Danke, für die Kommentare. Aus Fliegenpilzen sah der Hexenring bestimmt besonders hübsch aus.
Andrea Mey
10.948
Andrea Mey aus Lollar schrieb am 07.11.2015 um 00:49 Uhr
Sehr schön fotografiert und dokumentiert!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Bernd Zeun

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Interessensgebiet: Gießen
Bernd Zeun
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