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Da treten die eigenen Probleme in den Hintergrund

Ich "wohne" in der 5. Etage
Ich "wohne" in der 5. Etage
Gießen | Mit meinem gepackten Koffer fuhr ich in Richtung Niedersachsen, in eine Klinik zur „Vollpension“. Die Begrüßung des Personals beim Empfang war freundlich und ich würde auch sagen warmherzig. Erst war Zimmer beziehen und Vorstellung bei den Medizinern angesagt. Danach hatte ich Zeit mich umzusehen.

Auf dem Flur der Station stand eine Sitzgruppe, an dem Tisch Männer und Frauen. Ich rollte in die kleine Teeküche, in der wir uns jederzeit bedienen dürfen, hole mir einen Kaffee und machte mich auf den Weg zur Sitzgruppe.
Es stellte sich jeder kurz vor und wir unterhielten uns über Themen des Alltags und der Welt. Natürlich kommt auch die Frage warum man da ist. Wir fühlen uns an diesem Tisch verbunden und deshalb sprachen wir uns mit dem Vornamen an, duzten uns, sitzen wir doch alle im selben Boot.

Ein junger Mann, gerade mit der Ausbildung fertig, hat MS (Multiple Sklerose). Die Krankheit hatte schon die Netzhaut an einem Auge angegriffen, so dass er auf diesem nichts mehr sehen konnte. Er habe die aggressive Form der Krankheit. Hinter uns öffnet sich eine Zimmertür und eine ältere Dame mit grauen Löckchen
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und einem Infusionsständer rollend in der Hand fragte, man sah schon den Schalk in ihren Augen, ob wir nicht den Beutel besprechen könnten, dass das Medikament schneller durchlaufen kann. Natürlich machten wir mir ihr Witze über ihr Anlieen, irgendwie ausgelassen, lustig war die Stimmung. Da wir in der Klinik waren, erzählte ein Zweiter junger Mann, dass er bereits vier Semester Jura studiert habe, eine Karriere als Anwalt vor Augen habe, und mit seiner Freundin eine Familie gründen wolle. Er hoffe, da auch bei ihm MS diagnostiziert wurde, das er seinen geplanten Weg auch gehen kann, im wahrsten Sinne des Wortes. Zwischendurch lief er aufgeregt in Richtung Balkon um eine Zigarette zu rauchen.
Meine Mitbewohnerin, eine junge Frau im Alter meiner Tochter, hatte nun auch den Anspruch nach erfolgreichem Studium, und ihrem Master eine adäquate Stelle zu finden. Mit ihrem Freund sei sie schon länger zusammen, und natürlich ist auch da der Wunsch nach einer eigenen Familie vorhanden. Was die Zukunftspläne erschwert ist ihre Epilepsie, häufige Anfälle sind die Folge.
Später saß ich im Zimmer und machte mir über das Gehörte Gedanken, es ging nicht spurlos an mir vorüber. Waren diese jungen Menschen doch fast im Alter meiner Tochter, blutete doch mein Mutterherz bei den ungeklärten Aussichten, aufgrund ihrer Krankheiten. Ich hatte das große Glück ein gesundes Kind zu haben.
Der Junge Mann mit dem erblindeten Auge erinnerte mich an einen Mann in unserem Bekanntenkreis, den die MS auch in dieser schlimmen Form mit Mitte 30 als Pflegefall in ein Heim brachte. Für den zukünftigen Anwalt hoffe ich, dass er die Möglichkeit bekommen wird, seine Pläne zu verwirklichen.
Mir wurde wieder klar, dass ich das Glück hatte, meine schwerwiegende Erkrankung erst sehr spät zu bekommen, und mit 60 Jahren sagen kann, ich hatte trotz Rollstuhl all das, was sich meine jungen Mitpatienten wünschen. Einen guten Job, eine schöne Partnerschaft und ein gesundes Kind. Die junge Frau in meinem Zimmer und ich haben uns viel unterhalten. Ob bei den Mahlzeiten oder abends wenn jeder in seinem Bett lag. Themen hatten wir immer, ging es aber auch um ihre Krankheit und ihre Zukunft. Hatte sie durch einen massiven Anfall auch schon eine Nahtoderfahrung. Ich fand es sehr schlimm dieses junge Leben vor mir zu sehen, und diese schlimmen Dinge zu hören.
Nach all den Gesprächen mit meinen Mitpatienten auf dem Flur treten meine Probleme in den Hintergrund, denn ich hatte ein gutes und schön Leben mit viel Qualität was sie vielleicht nie bekommen werden.
Ich werde auch immer nachdenklich, wenn ich ältere Menschen klagen höre, warum ich, wenn nach einem längeren Leben der Körper nicht mehr so will. Sie hatten doch was junge Kranke vielleicht nie erreichen werden.

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von:  Christine Stapf

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