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„Demenz-Entlassung in die Lücke“: Was bedeutet Demenz wirklich für die Betroffenen?

(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin), Bild: "Perspektivenwechsel"
(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin), Bild: "Perspektivenwechsel"
Gießen | Mit einer beginnenden Gedächtnisstörung oder Demenz kann der Alltag zur Herausforderung werden: der Verlust von Fähigkeiten, Bewältigung der Krankheit sowie die Organisation einer angemessenen Betreuung und Pflege stehen zunächst im Vordergrund. In solchen Situationen geraten individuelle Bedürfnisse, Wünsche und Interessen des Einzelnen oft in den Hintergrund. Innerhalb der Familie kommt es plötzlich zu einer neuen Rollenverteilung, wie im Falle einer Eltern-Kind-Beziehung - zu einer Rollenumkehrung. Die Familienangehörigen stehen vor einer völlig unbekannten Situation und sind gezwungen diese zu bewältigen. In solchen Fällen ist es wichtig zu wissen, an wem man sich wenden kann.
An dieser Stelle möchte das Modellprojekt „Dement- Entlassung in die Lücke“ des Diakonischen Werks Gießen mit Unterstützung und fachlicher Beratung dienen. Im Rahmen der weiteren Modellprojektlaufzeit (bis Dez. 2016) sollen Unterstützerkreise für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen erprobt werden. Das Unterstützungskonzept stammt aus England, ist bislang bundesweit unbekannt und wird in Gießen erstmalig erprobt und wissenschaftlich
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begleitet. Anfang des Jahres wurde ein Schwerpunktwechsel vorgenommen: „Was bedeutet Demenz für die Betroffenen?“, fragt Projektmitarbeiterin, Stefanie Wolf. In solchen Fällen müssen viele rechtliche Angelegenheiten geklärt werden, aber auch der normale Alltag funktioniert nicht so wie vorher. „Oftmals sind Kinder oder Ehepartner damit überlastet“, erklärt weiterhin die Projektmitarbeiterin.
Mit Hilfe des Projektes sollen in erster Linie gemeinsame Lösungswege entwickelt werden, um die Lebensqualität der Erkrankten zu verbessern, das soziale Umfeld zu sensibilisieren, dabei aber die Autonomie des Betroffenen weiterhin aufrecht zu erhalten. „Die Angehörigen geraten dabei oft an ihre Grenzen, es breitet sich auf das direkte soziale Umfeld aus, manchmal auch Nachbarn. Wir bieten einen gewissen fachlichen Input: Wie gehe ich damit um?“, erklärt Stefanie Wolf.
Das Ziel ist es deshalb zunächst Unterstützerkreise zu bilden. Die Projektmitarbeiterin dient dabei als eine Art Moderatorin und ermittelt gemeinsam mit den Betroffenen und ihren Familien, welche Personen (aus dem sozialen oder professionellen Umfeld) eine wichtige Hilfe sein könnten. Unterstützung leisten bedeutet, auch nur bei kleinen Dingen im Alltag zu helfen, wie eine
(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin). Im Hintergrund: Abbild eines Unterstützerkreises
(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin). Im Hintergrund: Abbild eines Unterstützerkreises
Kiste Wasser vorbeibringen oder einen gemeinsamen Spaziergang unternehmen. „Da kommt es auf die kleinen Hilfen im Alltag an“ erklärt Stefanie Wolf. Manchmal wird ein Netzwerk nicht erkannt, sei es eine Nachbarin oder eine hilfsbereite Studentin im Haus. Des Weiteren geht es um die langfristige Begleitung dieser Personen. Als Projektmitarbeiterin sammelt sie all die wichtigen Informationen und berät jeden ganz individuell.
Ein anderer Aspekt ist die die Selbstsorge, es geht auch darum, die Helfenden zu entlasten. „Ich brauche eigentlich Hilfe“ - diese Worte fallen vielen Menschen sehr schwer. Deshalb ist es wichtig das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und das Umfeld zu sensibilisieren.
Bei Demenzkranken sind feste Strukturen sehr wichtig, am besten ist es fremde Umgebung zu vermeiden. Es ist deshalb sehr wichtig einen kleinen Kreis aus vertrauten Personen zu bilden, damit es nicht allzu viele Menschen werden oder Fremde ins Haus kommen. Das Projekt soll weiterhin auch auf den Umgang mit Demenzkranken und die Beziehungen zu Krankenhäusern positiv wirken. Es ist enorm wichtig Menschen mit dem Thema vertraut zu machen, nicht nur im Gesundheitsspektrum, sondern auch beispielsweise im kulturellen Bereich. Denn Menschen, die plötzlich Gedächtnisprobleme haben, werden auch von Zukunftsängsten und häufig vom Schamgefühl geplagt.
Das Projekt hat eine Laufzeit von fünf Jahren und hat es in den letzten drei Jahren seines Bestehens geschafft, das Thema ein Stück weit präsent zu machen – einer der Erfolge ist der Demenzpass, der den Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit bietet. Die Projektpartner sind viele Krankenhäuser und Arztpraxen, der nächste Schritt ist es, die Idee und das Wissen landesweit auszubauen. Nun, der Unterschied zu vorher ist das bessere Angebot und vor allem der Perspektivenwechsel: Das Ziel ist nicht mehr „nur“ die professionellen Versorgungsanbieter mit dem Thema vertraut zu machen, sondern vor allem auch, dass die Betroffenen und ihre Angehörigen gehört werden. Deshalb liegt es den Projektmitarbeitern sehr am Herzen, dass Personen, die an Gedächtnisproblemen leiden oder eine beginnende Demenz haben, an dem Projekt auch teilhaben. Alle Menschen, die einen Demenzkranken betreuen und Unterstützung und Entlastung im Alltag brauchen, weitere Unterstützer begrüßen würden, sich beraten lassen möchten, all diejenigen sind herzlich gebeten sich bei Stefanie Wolf unter der Telefonnummer 0641/300 20 420 zu melden. Die Erprobungsphase wird wissenschaftlich von Dr. Andrea Newerla (JLU Gießen) begleitet. Das Projekt soll ein Ort sein, an dem Hilfe zu erwarten ist, die Betroffenen immer anrufen und mit Sicherheit mit einer Rückmeldung rechnen können.

(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin), Bild: "Perspektivenwechsel"
(v.l) Dr. Andrea Newerla... 
(v.l) Dr. Andrea Newerla (wissenschaftliche Begleiterin, JLU Gießen), Stefanie Wolf (Projektmitarbeiterin). Im Hintergrund: Abbild eines Unterstützerkreises
(v.l) Dr. Andrea Newerla... 

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von:  Magdalena Skorupinska

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Interessensgebiet: Gießen
Magdalena Skorupinska
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