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Kreis-Sozialdezernent Dirk Oßwald fordert: Qualifizierten Flüchtlingen und Jugendlichen soll der Zugang zum Arbeits- und Ausbildungsmarkt erleichtert werden

Eines der positiven Beispiele des Projektes „Integration Move“ der vergangenen Monate stammt aus Langgöns (v.l.): Dirk Haas, das Malerbetrieb-Ehepaar Marion und Kazim Yildiz, Britta Strauch, Flüchtling Zerai Ghirmay Zemichael und Dirk Oßwald.
Eines der positiven Beispiele des Projektes „Integration Move“ der vergangenen Monate stammt aus Langgöns (v.l.): Dirk Haas, das Malerbetrieb-Ehepaar Marion und Kazim Yildiz, Britta Strauch, Flüchtling Zerai Ghirmay Zemichael und Dirk Oßwald.
Gießen | „Flüchtlinge können wir am besten gesellschaftlich integrieren, wenn wir ihnen die Möglichkeit zu arbeiten geben“, sagt Dirk Oßwald. Der Sozialdezernent des Landkreises unterstützt den Vorstoß von Arbeitgebern und der Arbeitsagentur. Sie fordern: Flüchtlingen soll der Weg zu einer „Blue Card“ und damit in den deutschen Arbeitsmarkt vereinfacht werden. Dabei befürwortet Dirk Oßwald nicht nur diese Forderung, er geht noch einen Schritt weiter. Er fordert bundesweit verstärkte Praktikumsmöglichkeiten für Flüchtlinge, wie es das Pilotprojekt „Integration Move“ des Landkreises ermöglicht.

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Oftmals bringen sie Fachwissen mit. Doch arbeiten dürfen sie zunächst nicht. Drei Monate müssen sie grundsätzlich warten. „Das 15-monatige Arbeitsverbot danach ist völlig überholt, zumal 60 Prozent dieser Migranten qualifizierte Berufsabschlüsse haben“, sagt Dirk Oßwald. Der Bedarf an Arbeitskräften ist vorhanden: Krankenpfleger, Ärzte, Ingenieure, Facharbeiter. Und er wird in den kommenden Jahren noch massiv steigen. Das sagen Arbeitsmarktforscher wegen der alternden Bevölkerung vorher. „Der demografische Wandel der kommenden Jahren kann ansonsten nicht bewältigt werden.“

Dirk Oßwald unterstützt grundsätzlich die Forderung von Arbeitgebern und der Bundesagentur für Arbeit, Flüchtlinge leichter in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Allerdings möchte er dies nicht nur auf die sogenannte „Blue Card“ beschränken. Die können Ausländer eines Nicht-EU Landes beantragen, die zum einen über einen deutschen oder einen anerkannten ausländischen oder einen dem deutschen vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss verfügen. Außerdem müssen sie einen Arbeitsvertrag mit einem Bruttojahresgehalt in Höhe von mindestens 48.400 Euro oder in sogenannten Mangelberufen (Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ärzte etc.) in Höhe von 37.752 Euro haben.

„So wie die ,Blue Card‘ aktuell angelegt ist, können nur sehr wenige Flüchtlinge diese Möglichkeit nutzen“, sagt Dirk Oßwald „denn die Höhe des Einkommens ist als Einstiegsgehalt kaum zu erreichen.“ Seiner Meinung nach sollte nicht nur die Einkommenshöhe von mindestens 48.400 Euro brutto jährlich deutlich heruntergesetzt werden. Der Sozialdezernent des Landkreises geht noch einen Schritt weiter. Er spricht sich für einen Richtungswechsel in der Flüchtlingspolitik aus: weg vom Asyl- und hin zum Visumverfahren. Genau, wie dies auch Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, kürzlich gefordert hat.

Was heißt das aber konkret? Aktuell haben Flüchtlinge nur einen sogenannte nachrangigen Arbeitsmarktzugang. Das bedeutet, sie haben erst dann die Perspektive auf eine Arbeit, wenn kein Deutscher, kein EU-Bürger und kein Vorrangiger aus Drittstaaten den Job will. „Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, in der Praxis bedeutet das aber: Bewirbt sich ein Flüchtling hier innerhalb der ersten eineinhalb Jahre auf eine Stelle und wird ausgewählt, muss er dennoch eine Vorrangprüfung durchlaufen.“
Die Folge: Die Anstellung verzögert sich erheblich und die Chancen auf eine Einstellung sinken erheblich.

„Deshalb ist es sinnvoll, wenn wir einem Menschen, der eine Chance auf Integration hat, einen Spurwechsel ermöglichen und ihn oder sie aus dem Asylverfahren herausnehmen“, sagt Dirk Oßwald. Dies müsse auch und insbesondere für jugendliche Flüchtlinge gelten, die eine Ausbildungsstelle erhalten. „Sie sollten für diese Zeit und die zwei Jahre danach ebenfalls das Aufenthaltsrecht erhalten“, so Dirk Oßwald.

Wie schnell der Kontakt zwischen Flüchtlingen und Arbeitsmarkt geknüpft werden kann, zeigt aktuell das Projekt „Integration Move“. Der Landkreis Gießen betreut aktuell 1568 Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften in den Städten und Gemeinden. Seit März haben diese die Möglichkeit für ein maximal sechswöchiges Praktikum oder eine zweimonatige Arbeitsgelegenheit. „Das Projekt ist eine Erfolgsgeschichte“, sagt Dirk Oßwald. Dahinter steckt die Erkenntnis: „Die Menschen bringen aus ihren Heimatländern Fähigkeiten und Berufsabschlüsse mit – das müssen wir nutzen.“

„Move“ steht für „Migranten optimal vorbereiten für die Erwerbstätigkeit“. Wie funktioniert das? Im Auftrag des Landkreises besucht Britta Strauch von der Zaug gGmbH die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften und berät sie. Ziel ist es, Praktika und Arbeitsgelegenheiten zu vermitteln. Letztere sind auch besser bekannt als Ein-Euro-Jobs. Die dauern im Durchschnitt zwei Monate.
Die Flüchtlinge helfen 20 Stunden in der Woche in staatlichen, kommunalen oder gemeinnützigen Institutionen des Landkreises. Warum nicht mehr? Dies ist einerseits gesetzlich geregelt. Andererseits sollen im Falle eines Praktikums laufende Deutschkurse weiterhin besucht werden können.

„Unter den rund 60 Prozent der im Landkreis lebenden Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter mit einer beruflichen Qualifikation sind viele Berufe, die wir brauchen.“ Stichwort: Fachkräftemangel.
Nach nur fünf Monaten „Intagration Move“ haben bis jetzt 35 Flüchtlinge ein Praktikum gemacht und 16 eine Arbeitsgelegenheit angenommen. Praktika fanden bislang unter anderem in einem Restaurant, einer Gemeinde, im Garten- u. Landschaftsbau, in einem landwirtschaftlichen Betrieb sowie in einer evangelischen Kirchengemeinde statt. Diese dauern vier Wochen, können aber um zwei Wochen verlängert werden. „Die Reaktionen sind durchweg positiv, es gibt nicht eine negative Rückmeldung, sowohl von den Arbeitgebern als auch den Flüchtlingen“, sagt Dirk Oßwald. Zwar ist das Projekt auf ein Jahr befristet, es soll aber wegen der positiven Entwicklung verlängert werden.

Weitere Informationen zu dem Projekt „Integration Move“ sind erhältlich bei: Britta Strauch von der Zaug gGmbH, Rufnummer 0641 95225-17, Mobil 0160 93909003 oder per E-Mail an move@zaug.de.

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