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Veni, Vinum et Videos von der Kunst, eine Toga anzulegen

In sechs Minuten zum Senator
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Gießen | Jedes Jahr im August - und das seit 27 Jahren - trifft sich ein Häuflein von ca. 60 Lateinliebhabern und -liebhaberinnen für eine Woche in Amöneburg auf dem Mons amoenus um sich ausgiebig der lingua latina zu widmen. Mein Freund "Pertinax", mit bürgerlichem Namen heißt er Hartmut Dietrich, ist wie viele Wiederholungstäter und nimmt bereits seit zehn Jahren daran teil. Als er mir erzählte, als ich ihn dort besuchte, dass er am Folgetag das Anlegen einer Toga demonstrieren würde, fragte ich ihn, ob ich mir das nicht anschauen könnte. Ich durfte und veni – ich kam – am Folgetag zurück.

Hartmut ist ehemaliger Lateinlehrer aus Heppenheim und macht heute als "Pertinax" gelegentlich Museumsführungen auf Latein, bisher im Lobdengau Museum in Ladenburg, der ehemals größten römischen Niederlassung rechts des Rheins und in Worms. Eine nächste Gelegenheit, ich erwähne es für Freunde des Latein, bietet sich dazu am 22.11.2015 um 11:00 Uhr im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg. Eine Attraktion bei diesen Führungen ist das Anlegen einer Toga. Die Toga ist ein Kleidungsstück, das zu römischer Zeit nur
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Tunika (1)Toga (1)Römer (131)Latein (9)Kleidung (34)Ankleiden (1)
freien Bürgern zustand und über der Tunika getragen wurde. Während die Tunika nur aus zwei rechteckigen Stücken Stoff bestand, die zusammen genäht waren und Öffnungen für den Kopf und die Arme besaß, bestand die Toga aus einer um den Körper geschlungenen Stoffbahn. Da diese Stoffbahnen 6m lang sind und über 2m breit, waren für das Anlegen jeweils drei vestiplicae nötig, spezielle Kleidersklavinnen, die für den korrekten Sitz sorgen mussten. Bei den Museumsführungen müssen diese aus dem Publikum rekrutiert werden, auf der Amöneburg mussten Kursteilnehmerinnen in die Sklavinnenrolle schlüpfen, damit ich das Ganze auf Video festhalten konnte.

Da sie sehr geschickt waren, saß nach einmaliger Probe innerhalb von gerade einmal sechs Minuten das gute Stück. Es war allerdings auch nur die toga exigua, die kleine Toga mit aber immer noch 4,5m Länge und dafür mit dem handbreiten Purpurstreifen für Würdenträger. Praktisch war so ein Kleidungsstück nicht, konnte man damit eigentlich nur Reden schwingen, der rechte Arm frei zum Gestikulieren und der linke ständig angewinkelt, dass der Stoff nicht rutscht, die Schriftrolle in der linken Hand ein zusätzlicher Stopper.

Noch ein paar Worte zum Kurs. Es ist kein reiner Anfängerkurs,
Vor der Praxis kommt die Theorie
Vor der Praxis kommt die Theorie
alle Teilnehmer können sich zumindest auf Latein verständigen. Klar, dass das Niveau unterschiedlich ist, bei einem Altersspektrum von ca. 15 bis 75 Jahren und vom Lateinschüler über -student, -lehrer bis zum -professor, neben Leuten aus aller Welt (die weitesten Anreisen hatten Teilnehmer aus Los Angeles und Moskau), auch die, die einfach sich nur zum Vergnügen mit der Sprache beschäftigen. Entsprechend ist auch das Kursangebot, neben solchen, in denen hauptsächlich das freie Sprechen geübt wird, gibt es auch anspruchsvolle Lektürekurse, in denen etwa die Vita Karoli Magni von Einhard gelesen wird, die Biografie Karls des Großen.

Auch als Ort ist Amöneburg ein hervorragender Platz für so einen Kurs. Er findet im Johanneshaus mit einem schönen Garten, direkt neben der Stiftskirche statt. Dort kann man auch wohnen, andere Teilnehmer zelten im Garten oder wohnen in örtlichen Hotels und Pensionen. Amöneburg liegt ja wie eine Insel im Amöneburger Becken, Ablenkung gibt es keine, wird auch nicht gebraucht, bei nur einer Woche. Zumal zum Programm auch ein Ausflug nach Lorsch in das Karolingische Kloster gehört, es eine Theater- und Musikgruppe gibt.

Ich hatte das Glück, am Tag der culina romana anwesend zu sein, am Tag der Römischen Küche und kam so auch noch in den Genuss von moretum, einer gemörserten Vorspeise aus Hartkäse, jeder Menge Knoblauch und Raute, Parthischem Huhn mit Selleriepüree, patina von Birnen und natürlich vinum, damit die Überschrift stimmt. Es schmeckte ausgezeichnet, auch wenn der Geschmack ungewöhnlich war. Das Birnenkompott, eine Art süßer Pfannekuchen war aus Birnen und mit Eiern, Fischsoße, Olivenöl, Kreuzkümmel, Honig und Rosinenwein zubereitet.

Wer sich vielleicht für nächstes Jahr dafür interessiert hier die Web-Adresse http://www.maierphil.de/SeptLat/txt/d/inscriptamoe.html

Video 1: Togaanprobe http://www.youtube.com/watch?v=ZFhMYDrxMzE

Video 2: Anlegen der Toga http://www.youtube.com/watch?v=DkEBYEn4jTc

In sechs Minuten zum Senator
Vor der Praxis kommt die Theorie
Bei solchen Stoffmaßen wird verständlich, dass drei Sklavinnen benötigt werden
Sieht es auch chaotisch aus, hat es doch System
Das rechte Ende noch einmal um den Leib
Zwischendurch die Bedienungsanleitung verbessern
Letzte Feinarbeiten
Zum Glück gibt es die Digitalfotografie, da ist das Bild für die Nachwelt doch etwas schneller ferig als ein Marmorrelief
Nachbesprechung im Garten des Johanneshauses
... und Einpacken. Für die kleine Toga reicht eine Tragetasche, für die große, die "toga principalis" müsste es schon ein Koffer sein.
Vor dem Essen ein paar erklärende Worte vom Kursleiter Thomas Gölzhäuser
Launige Worte von Amöneburgs als Gast anwesendem Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg
Parthische Huhn, Selleriepüree und honiggesüßter VinumVinum
"patina" von Birnen
Panoramablick von Amöneburg auf die Lahnberge
Blick über das Amöneburger Becken
Hoch auf dem Berg, gleich rechts neben der Stiftskirche findet der Kurs statt
Von der Seite hatte ich die Stiftskirche zum ersten Mal gesehen
Amöneburg, wie eine Insel im Amöneburger Becken

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Kommentare zum Beitrag

Christine Stapf
8.364
Christine Stapf aus Gießen schrieb am 07.08.2015 um 20:15 Uhr
Ja, auf unserem Berg ist es schon schön :-)
Wir können kein Latein, ein befreundeter Lehrer nimmt jährlich an den Zusammenkünften teil.
Das Anlegen der Toga ist ja sehr interessant.
Danke, hatte ich so noch nicht gesehen.
Ingrid Wittich
21.026
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 07.08.2015 um 22:10 Uhr
Leider habe ich das meiste Latein vergessen, das ich mal gelernt habe. Das mit dem Anlegen der Toga hätte ich wissen müssen, als ich mir kürzlich bei der Besichtigung der nachgebauten römischen Villa Borg im Saarland ein riesengroßes Stück Stoff überwarf. Mein Mann konnte auch nicht helfen, nur lachen.
Bernd Zeun
11.796
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 08.08.2015 um 20:13 Uhr
Ingrid, mir geht's wie dir, das meiste vergessen, bedauerlicherweise.

Am schönsten ist es bei Sonnenuntergang auf dem Rundweg, Christine, wenn kaum noch jemand unterwegs ist und man in nahezu völliger Stille in die Ebene runterschaut (Bei Sonnenaufgang wahrscheinlich auch, aber das habe ich noch nicht geschafft).
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