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Der erste Schritt in die Selbstständigkeit - Jungreiher verlässt das Nest

Erstes Verlassen des Horsts am 28.07.2015
Erstes Verlassen des Horsts am 28.07.2015
Gießen | Vor kurzem sah ich am Rübsamensteg ein paar Jugendlichen zu, wie sie von der Brücke in die Lahn sprangen. Einer stand lange auf einem der Ausleger, an dem das Hängeseil befestigt ist und traute sich nicht zu springen. Seine Freundin hatte es ihm vorgemacht und feuerte ihn von unten aus dem Wasser an, aber er setzte an, richtete sich wieder auf, wiegte sich vor und zurück, als ob er Anlauf nehmen wollte, aber im entscheidenden Moment verließ ihn jedesmal der Mut. Das ging so eine ganze Weile, bis die Angst vor der Blamage vor den Zuschauern und seiner Freundin größer war, als die vor dem Sprung und er es schließlich wagte.

Daran musste ich denken, als ich die Jungreiher auf der Mittelinsel im Schwanenteich beobachtete. Eigentlich hoffte ich, endlich einmal die Fütterung fotografieren zu können, wurde dann aber Zeuge des vermutlich ersten Verlassen des Nestes.

Auf der nächst benachbarten Kastanie am Ufer probte gut sichtbar ein Jungreiher seine Flugmuskeln. Vielleicht wirkte das animierend auf einen der Jungreiher auf der Mittelinsel. Er hüpfte erst von einem Nestrand zum anderen und zurück. Dann blieb er dort
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stehen und fixierte einige Zeit den unterhalb des Nestes abstehenden Ast, schlug immer mal wieder mit den Flügeln. Plötzliches Flügelflattern, ein Hüpfer und er saß darauf. Da verblieb er eine ganze Weile. Sein Geschwisterkind hatte sich inzwischen im Nest auch erhoben und schaute gelassen zu, machte aber keine Anstalten, es ihm nachzutun.

Immer wieder wurden die Flügel ausprobiert, manchmal erzwang es auch der recht kräftige Wind, damit die Balance nicht verloren ging, aber sonst passierte eine halbe Stunde lang nichts weiter. Dann erwuchs wohl langsam das Bedürfnis, ins Nest zurück zu kehren, nur, da gab es ein Problem. Das Nest war höher als der Ast und einfach rein steigen, das war nicht möglich. Fliegen traute er sich aber auch noch nicht und jetzt begann das Verhalten dem des Springers am Rübsamensteg zu gleichen. Er näherte sich dem Nest, aber das verschärfte noch das Problem, lag doch der Austritt des Astes aus dem Stamm noch tiefer, also wieder zurück. Erneute Ratlosigkeit, dann vorsichtiges Wechseln auf einen erreichbaren Ast auf anderen Seite. Inzwischen hatte auch der zweite Reiher im Nest bemerkt, da stimmt was nicht und verfolgte intensiver das Geschehen, das auch auf diesem Ast eher noch schwieriger geworden war.

Absturz ins Wasser
Absturz ins Wasser
Deshalb wieder zurück auf den ersten. Nach noch einigem Vor und Zurück, mit dem Mut der Verzweiflung und nach einer guten dreiviertel Stunde und mit unterstützendem Flügelschlagen, ein Satz und man war wieder im Nest. Man kann das unmittelbare Verhalten der beiden danach nur so interpretieren, beiden fiel ein Stein vom Herzen, dass das Abenteuer gut ausgegangen war. Es wurde kräftig geschnäbelt, ehe dann wieder Ruhe einkehrte.

Inzwischen, nachdem erst mal der Bann gebrochen ist, verbringt er beim Warten auf die fütternden Eltern viel Zeit außerhalb des Nestes. Zu echten Flugversuchen scheint es aber noch zu früh zu sein, lange wird das aber auch nicht mehr auf sich warten lassen. Sein Geschwisterjunges war aber auch zwei Tage danach selbst für diese kleinen Versuche noch zu zaghaft und bleibt lieber noch im Nest.

Ich hatte versuchsweise das Geflatter des Jungreihers in der Kastanie per Video aufgenommen. Als das Junge auf der Mittelinsel dann aus dem Nest hüpfte, auch dieses Folgegeschehen. Da an dem Abend aber nur Fotos geplant waren, hatte ich kein Stativ dabei und die Videoaufnahmen sind freihand gemacht, deshalb wackelt es manchmal ziemlich, aber trotzdem dürften sie aussagefähiger als Fotos für ein derartiges Ereignis sein.

Der Jungreiher nach dem Sturz ins Wasser in der Uferböschung des Dammwegs
Der Jungreiher nach dem Sturz ins Wasser in der Uferböschung des Dammwegs
Ein paar Videos habe ich bei youtube eingestellt, hier die Links


Training der Flugmuskeln des Jungreihers in der Nachbarkastanie
Video 1 http://youtu.be/dBJ-YUeRRLg
Video 2 http://youtu.be/YMS5obODNdE

Versuche ins Nest zurückzukehren

Versuch von links Video 1 http://www.youtube.com/watch?v=B8GoH4u-cog

Versuch von rechts Video 2
http://www.youtube.com/watch?v=Ib1Sjp_bQrI

Happy End Video 3
http://www.youtube.com/watch?v=DjDkxotarPA

Nachtrag:

Jetzt, drei Tage nachdem das erste Junge die ersten Schritte aus dem Nest wagte, hat auch das zweite den Mut dazu besessen und ist bis in die Spitze des Baums gestiegen. Das erste hat, als ich darauf wartete, dass ein Elternvogel zur Fütterung zurück käme, plötzlich den ersten Flug gewagt, über den Schwanenteich zu den Bäumen des Dammwegs. Die Landung war sehr ungeschickt und es stürzte schließlich sogar ins Wasser. Danach hielt es sich in der Uferböschung des Dammwegs versteckt. Inzwischen kam auch ein Elternvogel und fütterte das im Nest verbliebene Junge. Ich habe noch ein paar weitere Videos dazu, aber da das Hochladen auf YouTube erhebliche Zeit dauert, werde ich die später einmal nachreichen.

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Absturz ins Wasser
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Schließlich kann er mit den Flügeln rudern.
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Kommentare zum Beitrag

Martina Lennartz
6.348
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 31.07.2015 um 19:29 Uhr
Wunderschöne Aufnahmen und tolle Filme. Diese werde ich mal im Unterricht zeigen.
Ilse Toth
39.186
Ilse Toth aus Heuchelheim schrieb am 31.07.2015 um 20:38 Uhr
Wie schön Bernd, nach einem stressigen Tag ein Bericht zum freuen!
Ingrid Wittich
21.011
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 31.07.2015 um 21:40 Uhr
Die Videos sind Klasse!
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 31.07.2015 um 21:58 Uhr
Absolute Spitzenklasse - auch Deine Erzählung, so sensibel bis spannend !
Danke Bernd, NABU wird sich freuen, wenn der Beitrag und die Videos von ihnen entdeckt wird.
338
Ruth Schewietzek aus Gießen schrieb am 31.07.2015 um 22:30 Uhr
Beim Anschauen von Video 1 und Video 2 fiel mir spontan ein ganz alter Filmtitel ein: Die Artisten in der Zirkuskuppel - ratlos. Video 3 zeigt dann die Lösung auf. Sehr schöne Videos.
H. Peter Herold
29.375
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 31.07.2015 um 22:47 Uhr
Bewegte Bilder haben was für sich
Jutta Skroch
13.749
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 31.07.2015 um 23:57 Uhr
@Bernd,
ich bin hellauf begeistert, ganz großes Kino, besonders die Videos haben es in sich.
Ich hatte heute nachmittag nur kurz Zeit nach den Artisten zu schauen. Ganz offensichtlich war einer ausgeflogen und der andere stand auf einem der dünnen Äste. Das Flügelschlagen habe ich dann prompt verpasst.
Irmtraut Gottschald
8.119
Irmtraut Gottschald aus Heuchelheim schrieb am 01.08.2015 um 08:31 Uhr
Super Bilder und Videos. Es ist so schön zu beobachten wie sie nun flügge werden.
Birgit Hofmann-Scharf
10.363
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 01.08.2015 um 09:47 Uhr
@ Peter Herold
"......Bilder haben was für sich" - das stimmt wohl !
Nicht nur die herrlichen Aufnahmen von Bernd.
( PS: kurze Abschweifung, sorry )
Bernd Zeun
11.777
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 01.08.2015 um 22:12 Uhr
Danke, für die Kommentare. Kam vorhin nach 21:00 Uhr noch mal dran vorbei, da war der "Ausflügler" auch wieder im Horst.
Andrea Mey
11.016
Andrea Mey aus Lollar schrieb am 02.08.2015 um 01:05 Uhr
Interessanter Vergleich mit den Jugendlichen am Rübsamensteg, das passt wirklich gut!
Sehr schöne Videos!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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