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Fremder, folge unseren Gesetzen!

Maracuja - an unserem Zaun in Yei, Südsudan
Maracuja - an unserem Zaun in Yei, Südsudan
Gießen | In der Filmkomödie von 1993 „Wir können auch anders“, reisen zwei legasthenische Brüder auf abenteuerliche Weise durch Mecklenburg. Sie suchen das Dorf Wendelohe, in dem sie das Haus ihrer Großmutter geerbt haben. Die Einwohner von Wendelohe sind misstrauische, Büchsenbier trinkende, ehemalige LPG-Bauern und SED-Genossen. Letztere erkennt man leicht am sächsischen Dialekt. Weil sie allem Fremden und Ungewohnten abhold sind, haben die Wendeloher am Ortseingangsschild eine zusätzliche Tafel angebracht. Auf der steht: „Fremder, folge unseren Gesetzen, sonst folgen wir Dir.“
Wenn das in einer Filmkomödie vorkommt, lacht man darüber, sofern man das Bonmot versteht. Dieser Tage las ich aber in einem „sozialen Netzwerk“, dass man in manchen Gegenden Deutschlands begonnen hat, dieses Motto in die Praxis umzusetzen. Irgendwo in Sachsen folgt eine „Bürgerbewegung“ verdächtigen Personen, die in einem der dortigen Asylbewerber-Unterkünfte untergebracht sind. Diese Neuankömmlinge aus Nordafrika sind mit der deutschen Kultur und dem daraus folgenden Benehmen noch nicht so recht vertraut. So wurden einige von ihnen dabei erwischt, wie sie gerade in eine Gartenanlage einsteigen wollten. Vermutlich war dort etwas Obst oder Gemüse reif zur Ernte – und der Eigentümer nicht in Sicht.
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Es klingt also ganz harmlos, offenbart aber, wie schwierig das Zusammenleben verschiedener Kulturen sein kann. Wer sollte sich nun nach welchen Regeln richten? Denn grundsätzlich haben sich beide Gruppen ja richtig verhalten, indem sie den Gesetzen ihrer jeweiligen Kultur gefolgt sind.
Im Sudan ist es beispielsweise üblich – das habe ich jahrelang am eigenen Leib bzw. am eigenen Garten spüren müssen – dass man einfach schaut, ob irgendwo etwas gewachsen ist, das man essen kann. Ob die Tomaten beim Nachbarn gereift sind, ob die Passionsfrüchte sich an einem fremden Haus emporranken oder irgendwo in der Wildnis, spielt in diesem Fall keine Rolle. Den Tatbestand des Diebstahles oder Mundraubes kennt man dort nicht. Ob sich jemand im Schweiße seines Angesichtes in seinem Garten abgemüht hat, interessiert niemanden.
Ein Mensch in Westeuropa wird das nicht akzeptieren, denn bei uns gilt Arbeit und die damit verbundene Mühe immer noch als hohes Gut. Das erkennt man nicht zuletzt daran, dass es bei uns Stundenlöhne gibt, die im Zusammenhang mit der Leistung stehen. In den meisten afrikanischen Ländern kennt man nur Bezahlung nach Anwesenheit.
Wie soll man nun „Willkommenskultur“ entwickeln, wenn die „Gäste“ Gartenzäune und andere Umgrenzungen einfach ignorieren? Dass sich bei den mehr oder weniger unfreiwilligen „Gastgebern“ Ärger, Unsicherheit und Angst entwickeln, ist genauso normal wie die Warnung am Ortseingangsschild von Wendelohe. Dort war es wohl eher an die „Wessis“ gerichtet – und hat am Ende nicht verhindern können, dass das Gutshaus von selbigen in Besitz genommen wurde. Es lohnt sich, „Wir können auch anders“ mal wieder anzuschauen. Es stärkt a) die Lachmuskeln und b) die interkulturelle Kompetenz.

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von:  Ullrich Drechsel

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