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Erlebnis unbekanntes Ostkreta V - Minoische Wurzeln traditioneller Ernährung eröffnen wirtschaftliche Chancen in der Region Sitia

Blick von der Promenade auf Sitia, Veranstaltungsort der Konferenz
Blick von der Promenade auf Sitia, Veranstaltungsort der Konferenz
Gießen | Die anhaltende Schulden- und Wirtschaftskrise Griechenlands wird Europa noch viele Jahre lang beschäftigen, darin sind sich wohl alle Experten einig. Trotz aller Hiobsbotschaften aus Griechenland gibt es auch positive Ansätze, die gleich in mehrfacher Hinsicht Chancen in der wirtschaftlichen Entwicklung wie nachhaltigem Tourismus, regionale Ökonomie und internationaler Handel aufzeigen. Ein aktuelles Beispiel stammt aus der Region Sitia, ganz im Osten der Insel Kreta gelegen.
Im Juni 2015 wurde an der Fachhochschule für Landwirtschaft, Ernährungswissenschaften und Diätlehre, Sitia (ein Fachbereich des Technological Educational Institute of Crete, T.E.I), eine erste internationale Konferenz zum Thema "Die historische und kulturelle Dimension der Kreta-Diät" veranstaltet. In Zusammenarbeit mit der Stadt Sitia und Bürgermeister Theodoros Paterakis, der Regionalentwicklungsorganisation OAS, mit ihrem Ehrenpräsidenten und ehemaligem langjährigen Bürgermeister der Stadt Sitia, Nikos Petrakis, kamen Archäologen, Ernährungswissenschaftler, Diätexperten, Lebensmitteltechnologen, Vertreter von Handelsorganisationen und Tourismus sowie Publizisten zusammen, um zwei Tage lang neue wissenschaftliche Erkenntnisse über die traditionelle kretische Ernährungsweise vor dem Hintergrund ihrer Verwertbarkeit in der regionalen Wirtschaft und darüber hinaus zu diskutieren.
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Zunächst aber muss ein Missverständnis aufgeklärt werden, denn die sogenannte Kreta-Diät hat zum einen kaum etwas gemein mit dem recht schwammigen Begriff Mittelmeerdiät, denn sie unterscheidet sich in wesentlichen Teilen davon, zum anderen handelt es sich nicht um eine Diät, sondern um eine historisch über Jahrtausende gewachsene Ernährungsweise, die ihre Wurzeln bereits in der minoischen Kultur hat.
Jüngere archäologische Befunde aus der Region belegen, was die Minoer schon vor rund 5.000 Jahren gegessen haben. Das Umland der heutigen Stadt Sitia war schon seit der frühminoischen Epoche (etwa ab 3.000 B.C.) nicht nur eine der am dichtesten besiedelten Regionen Kretas, sondern auch ein Zentrum des Olivenanbaus und der Olivenölproduktion. Angebaut wurde schon damals vermutlich die Koroneiki-Olive, wie ein uralter Olivenbaum aus spätminoischer Zeit (etwa 1.350 B.C.) bei Kavousi (Region Sitia) belegt, der noch heute trägt. Das Öl aus diesen Oliven zählt heute zu den anerkannt besten Olivenölen weltweit, was zahlreiche internationale Preise belegen.
Kretische Küche genießen in Kato Zakros, direkt am Strand
Kretische Küche genießen in Kato Zakros, direkt am Strand
Gingen noch vor rund zwei Jahrzehnten 90 Prozent der Produktion nach Spanien und Italien, um dort weiterverarbeitet zu werden, so sind es heute nur noch 35 Prozent. Der überwiegende Anteil von 65 Prozent wird heute von der Sitia Cooperative, dem Kloster Toplou und einigen unabhängigen Produzenten unter eigenen Marken nach strengen internationalen Qualitätsstandards selbst vermarktet. Das bedeutet einen erheblichen wirtschaftlichen Vorteil, da sich in der Selbstvermarktung deutlich bessere Preise erzielen lassen, was die Region zusätzlich wirtschaftlich stärkt. Das gleiche gilt auch für die Weinproduktion, wobei besonders der ausgezeichnete Weißwein hervorzuheben ist. Besonders die Regionalentwicklungsorganisation OAS hat sich immer wieder für Selbstvermarktungskonzepte regionaler Produkte und die Einführung internationaler Qualitätsstandards eingesetzt, neben ihren sozialen und kulturellen Aktivitäten ist so eine Erfolgsgeschichte entstanden, welche die Stadt Sitia in eine Vorreiterrolle gebracht hat, denn die internationale Selbstvermarktung regionaler Produkte hat sich bei weitem noch nicht auf ganz Kreta durchgesetzt.
Wie sich die Ernährungsweise auf Kreta und speziell
Traditionelle kretische Küche - Kafenion Stavrochori
Traditionelle kretische Küche - Kafenion Stavrochori
in der Region Sitia über die Jahrhunderte weiterentwickelt hat, wurde während der Vorträge auf der Konferenz deutlich. So ernährten sich die Minoer vorwiegend von Hülsenfrüchten wie Bohnen, Erbsen und Linsen, Zwiebeln und Lauch, doppelt gebackenem Gersten- und Weizenbrot, Ziegen-, Schafs- und Schweinefleisch, Meeresfrüchten und Fisch. Honig, Wein und eine Art Gerstenbier waren bekannt. Das Bier wurde auch als Getränk auf Seereisen genutzt, statt schnell verderbendem Wasser. Wildgemüse (Chorta) und -salate, einheimische Obstsorten wie auch Nüsse standen hoch im Kurs und die zahlreichen Wildkräuter Kretas wurden nicht nur zum Würzen von Speisen genutzt, sondern auch zur Herstellung von Medizin in Form von Tinkturen und Salben auf Olivenöl- oder Bienenwachsbasis. Besonders interessant ist: die Minoer schmorten ihre Speisen langsam, häufig in Tontöpfen über Stunden, so konnten die Speisen ihren Geschmack optimal entfalten.
Eine herausragende Stellung nimmt die Käseproduktion ein. Eine Frischkäsespezialität unter einer Vielzahl anderer ist in Sitia der Xigalo, ein Sauermilchprodukt aus Schafs- und Ziegenmilch, dem neben anderen gesunden Inhaltsstoffen auch probiotische Eigenschaften und ein besonders geringer Fettgehalt von weniger als 2 Prozent zugeschrieben werden.
"Wer die kretische Ernährungsweise verstehen will, muss mit den Kretern leben" - Mantinades im Bergdorf Prina
"Wer die kretische Ernährungsweise verstehen will, muss mit den Kretern leben" - Mantinades im Bergdorf Prina
Kreta liegt an der Schnittstelle von drei Kontinenten, Europa, Afrika und Asien und bietet für die Landwirtschaft ideale klimatische Verhältnisse. In allen Regionen der Insel finden sich unterschiedliche Mikroklimata, wie beispielsweise in den Küstenregionen, Tälern und Hochebenen. Das hat auch dazu geführt, dass praktisch jede Region der Insel ihre eigenen Spezialitäten hervorgebracht hat.
Durch den intensiven und weitläufigen Handel erreichten auch immer wieder neue Nahrungsmittel und Pflanzen Kreta, die den Brotkorb ergänzten. Produkte wie etwa Tomaten, Paprika, Mais und Kartoffeln, Nudeln und Reis oder auch Zitrusfrüchte erreichten Kreta allerdings erst in jüngerer Zeit. Auch das Brennen des allgegenwärtigen Raki oder richtig Tsikoudia (und praktisch jeder, der Trauben anbaut, brennt auch Tsikoudia) kam vermutlich erst mit den Venezianern nach Kreta.
Interessant ist allerdings, dass sich vor allem in den Regionen mit geringem oder keinem Tourismus die traditionelle Ernährungsweise erhalten hat. In den Städten und touristischen Zentren wird vielerorts auf Importware gesetzt, da sich die Ansicht durchgesetzt hat, das sei kostengünstiger als der regionale Einkauf. So werden in den Tavernen
Gesunder Leckerbissen - blühende, wilde Artischocke
Gesunder Leckerbissen - blühende, wilde Artischocke
und Restaurants dort eher die heute bekannten Gerichte wie Tsatsiki, Bauernsalat mit Schafskäse und Gyros angeboten. Beispiele aus der Praxis des Eden Rock Hotels (Agia Fotia) und des Hermes Hotels (Agios Nikolaos) allerdings wiederlegten während der Konferenz diese Annahme. So sei der Einkauf qualitativ hochwertiger regionaler Produkte pro Gast pro Tag nur um etwas mehr als einen Euro teurer als der Einkauf von Importware das macht pro 14-Tage-Urlaub pro Gast nur etwas mehr als 14 Euro aus.
Es gibt vor allem in der Region Sitia positive Beispiele für Lokale, die sich der traditionellen Küche verschrieben haben. Häufig sind das private Einzelinitiativen und man findet selten den Hinweis traditionelle kretische Küche, wenn überhaupt nur auf der Speisekarte und dann auch meist nur auf Griechisch. Ein geprüftes Qualitätssiegel für diese Lokale gibt es bislang nicht. Die Erfahrung allerdings zeigt, dass gerade solche Lokale von den Gästen begeistert angenommen werden, besonders dann, wenn entsprechende Informationen über die traditionelle kretische Küche an die Gäste weitergegeben werden.
Es eröffnen sich also durchaus Chancen durch die über die Jahrhunderte gewachsene traditionelle Küche. Einmal würde der Einkauf von regionalen
Von Frisch- bis Hartkäse - Käseproduktion Katharon Hochebene
Von Frisch- bis Hartkäse - Käseproduktion Katharon Hochebene
Produkten den Import reduzieren, die Ökobilanz verbessern und die regionale Landwirtschaft stärken. Lokale und Hotels mit traditioneller kretischer Küche könnten von einer neuen Gästeklientel profitieren, die an einem nachhaltigen Tourismus interessiert ist und zudem von den gesundheitlichen Vorteilen profitieren. Nicht zuletzt hätten vermutlich regionale Spezialitäten wie beispielsweise Xigalo auch internationale Marktchancen, denn eine solche Spezialität sucht man in Mitteleuropa vergebens.
Leider fehlen bislang Umsetzungskonzepte wie beispielsweise Pilotprojekte in Restaurants und Hotels, die wissenschaftlich begleitet, den Nutzen für die lokale Ökonomie klären könnten oder ein Konzept für internationale Public Relations, um überhaupt darauf aufmerksam zu machen, dass es in der Region Sitia solche Möglichkeiten gibt. Erfolgreiche Beispiele für einen nachhaltigen, ökologischen Tourismus gibt es in Europa schon lange wie beispielsweise in der italienischen Toskana oder der französischen Provence.
Den Veranstaltern der Konferenz bleibt zu wünschen, dass mit den begonnenen Konzepten eine nachhaltige Entwicklung zum Nutzen der Region verbunden sein möge, dazu fehlen aber vermutlich aufgrund der Krise die entsprechenden Mittel. Zum Schluss noch ein Zitat von Nikos Psilakis, Autor zahlreicher Bücher zur sogenannten Kreta-Diät: "um die kretische Ernährung wirklich verstehen zu können, muss man mit den Kretern leben." Zum Leben der Kreter gehört aber nicht nur ihre Ernährungsweise sondern auch ihre Lebensart, Kunst und Musik wie die alte Tradition der Mantinades.

Blick von der Promenade auf Sitia, Veranstaltungsort der Konferenz
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Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Ralf Semmler

von:  Ralf Semmler

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Interessensgebiet: Gießen
Ralf Semmler
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