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60 Prozent der Flüchtlinge haben eine gute Qualifikation

Stellen das Projekt „Integration Move“ in Langgöns vor (v.l.): Dirk Haas, Marion und Kazim Yildiz, Britta Strauch, Zerai Ghirmay Zemichael und Dirk Oßwald.
Stellen das Projekt „Integration Move“ in Langgöns vor (v.l.): Dirk Haas, Marion und Kazim Yildiz, Britta Strauch, Zerai Ghirmay Zemichael und Dirk Oßwald.
Gießen | Wie können Flüchtlinge so früh wie möglich auf dem Arbeitsmarkt integriert werden? Diese Frage beantwortet das bundesweit einmalige Projekt „Integration Move“. Der Landkreis Gießen bietet Flüchtlingen seit März ein maximal sechswöchiges Praktikum an sowie die Möglichkeit zu einer zweimonatigen Arbeitsgelegenheit, allgemein als Ein-Euro-Job bekannt.

„Wir können heute eine positive erste Bilanz ziehen“, sagt Dirk Oßwald, Sozialdezernent des Landkreises Gießen, bei einem Ortstermin in Langgöns. Sprache und Arbeit sind die wichtigsten Faktoren für eine gelungene Integration, darüber sind sich die Fachleute einig. „Wir waren die Ersten, die sich diesem Thema angenommen haben“, sagt Dirk Haas, Dezernent für Integration im Landkreis Gießen. Dahinter steckt die Erkenntnis: „Die Menschen bringen aus ihren Heimatländern Fähigkeiten und Berufsabschlüsse mit – das müssen wir nutzen.“

Allerdings gibt es bürokratische Hürden, wenn Flüchtlinge eine Arbeit aufnehmen wollen. Bis zum dritten Monat ihres Aufenthalts dürfen sie generell nicht arbeiten. Danach gilt bis zum 15. Monat die sogenannte Vorrangprüfung. Das heißt: Ein
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Flüchtling bekommt eine Arbeitsstelle nur dann, wenn sich kein Deutscher oder ein Bürger aus einem anderen EU-Land dafür interessiert. Genau hier setzt das Projekt „Integration Move“ an. „Move“ steht dabei für „Migranten optimal vorbereiten für die Erwerbstätigkeit“. Im Auftrag des Landkreises besucht Britta Strauch von der Zaug gGmbH die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften und berät sie. Ziel ist es, Praktika und Arbeitsgelegenheiten zu vermitteln.

Letztere sind auch besser bekannt als Ein-Euro-Jobs. Die dauern im Durchschnitt zwei Monate.
Die Flüchtlinge helfen 20 Stunden in der Woche in staatlichen, kommunalen oder gemeinnützigen Institutionen des Landkreises. Warum nicht mehr? Dies ist einerseits gesetzlich geregelt. Andererseits sollen im Falle eines Praktikums laufende Deutschkurse weiterhin besucht werden können.

„Etwa 60 Prozent aller im Landkreis lebenden Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter haben eine Qualifikation wie einen Universitätsabschluss oder eine Ausbildung“, berichtet Dirk Oßwald. „Oft sind es Berufe, die wir brauchen.“ Stichwort: Fachkräftemangel. Ziel des Landkreises ist es, in einem Jahr 50 Praktikanten und 50 Arbeitsgelegenheiten zu vermitteln.

Laufende Praktika finden aktuell unter anderem in einem Restaurant, einer Gemeinde, im Garten- u. Landschaftsbau, in einem landwirtschaftlichen Betrieb sowie in einer evangelischen Kirchengemeinde statt. Diese dauern vier Wochen, können aber um zwei Wochen verlängert werden.
Abgeschlossen sind Praktika in Pizzerien, bei einer Bäckerei, bei staatlichen, kommunalen oder gemeinnützigen Institutionen.

„Die Reaktionen sind durchweg positiv, es gibt nicht eine negative Rückmeldung, sowohl von den Arbeitgebern als auch den Flüchtlingen“, sagt Britta Strauch. Zwar ist das Projekt auf ein Jahr befristet, es soll aber verlängert werden, wenn es ein Erfolg wird – wonach es aktuell aussieht. Der Ortstermin findet nicht zufällig in Langgöns statt. Hier arbeitete Zerai Ghirmay Zemichael in dem Betrieb von Kazim Yildiz. Sein Praktikum ist beendet.

Der 42-Jährige stammt aus Eritrea, arbeitete dort als Maschinist und lebt seit eineinhalb Jahren in einer Gemeinschaftsunterkunft in Langgöns. Er ist einer von 30 Flüchtlingen, die seit März durch das Projekt mit einem Arbeitgeber zusammengebracht wurden. In diesem Fall sind das Kazim Yildiz und seine Ehefrau Marion. Sie kannten ihn bereits vom gemeinsamen Fußballschauen in der Langgönser Gaststätte „Speckmaus“ und vermittelten ihm einen örtlichen Fußballverein.

„Als ich später von dem Projekt ,Integration Move‘ erfahren habe, dachte ich sofort an Ghirmay Zemichael“, berichtet Marion Yildiz. Ihr Mann ist voll des Lobes: „Wir sind sehr zufrieden mit ihm.“ Mit seinen fünf Angestellten bietet der gebürtige Türke in seinem Langgönser Betrieb seit 14 Jahren neben Maurer-, Pflaster- auch Innenausbauarbeiten an. Er weiß selbst, wie es ist, in ein fremdes Land zu kommen. 1980 waren seine Eltern mit ihm nach Deutschland gekommen.

„Zerai ist total motiviert“, berichtet er. Er gebe sich viel Mühe und zeige großes Interesse. „Das ist heute nicht selbstverständlich.“ Vielen sei die Arbeit auf dem Bau „zu dreckig und zu schwer“. Gerne möchte er ihn als neuen Mitarbeiter übernehmen. Ghirmay Zemichael selbst sagt: „Die Arbeit ist gut für mich.“ Sie lenke ihn ab.

Wer mehr über das Projekt erfahren möchte, kann dies unter der Rufnummer 0641 95225-17 und 0160 93909003 oder per E-Mail an move@zaug.de .

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.746
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 26.06.2015 um 14:54 Uhr
Ich habe mir den Artikel zweimal gründlich durchgelesen.

Eine für mich wichtige Information habe ich leider nicht gefunden.

Wurden die Praktikas von noch nicht anerkannten Asylbewerber und / oder von anerkannte Asylbewerber geleistet. (Im Artikel steht immer nur der etwas ungenaue Begriff "Flüchtling". Das kann ja Beides sein.)

"Noch nicht anerkannte Asylbewerber" - finde ich überhaupt nicht gut, denn dann kann der Bewerber ja im Falle der Nichtanerkennung sagen "aber ich bin doch schon integriert ...." und versuchen über ein Gerichtsverfahren die Abschiebung zu verhindern.

"Anerkannte Asylbewerber" - vorbildlich, denn es sollte nicht nur Aufgabe des Staates sein, sondern auch der Zivilgesellschaft, diesen Menschen beim "Neustart" in einem fremden Land zu helfen.

Übrigens um auf das beschriebene Beisiel einzugehen.

Im Artikel steht:

(...) "Der 42-Jährige stammt aus Eritrea, arbeitete dort als Maschinist und lebt seit eineinhalb Jahren in einer Gemeinschaftsunterkunft in Langgöns." (...)

Nach dieser Beschreibung davon auszugehen, dass er den Status "anerkannter Asylbewerber" hat liegt zwar nahe, entspricht aber nicht unbedingt den Realitäten. In der Presse werden immer nur Durchschnittszahlen für die Fallbearbeitung genannt (danach wäre er anerkannt), aber im Einzelfall kann ein Verfahren durchaus so lange dauern. Das ist - bei den Regelungen zum Arbeitsverbot für Asylbewerber - nicht hinnehmbar. Meine Forderung: Wirklich das rechtsstaatlich korrekte Anerkennungsverfahren zügig bearbeiten - das müßte doch in 99 Prozent der Fälle in vier Wochen erledigt sein.
Landkreis Gießen
9.144
Landkreis Gießen aus Gießen schrieb am 26.06.2015 um 15:03 Uhr
Hallo Herr Wagner.

Es handelt sich dabei um Flüchtlinge, über deren Asylantrag noch nicht entschieden worden ist.

Es kann unserer Meinung nach nur hilfreich sein, wenn Flüchtlinge - auch mit einem nicht geklärten Status - möglichst früh Erfahrungen in der Arbeitswelt machen können.

Wir können uns gerne darüber auch direkt unterhalten.

Rufen Sie mich an.

Den Kontakt finden Sie auf der Internetseite des Landkreises Gießen.

Viele Grüße vom Riversplatz,

Oliver Keßler
Martin Wagner
2.746
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 27.06.2015 um 08:12 Uhr
kurz zu Herrn Keßler:

Ihr Argument " (.....) Flüchtlinge - auch mit einem nicht geklärten Status - möglichst früh Erfahrungen in der Arbeitswelt ..... (...) " kann ich nicht nachvollziehen.

Sie schreiben im Artikeltitel doch selber "60 Prozent der Flüchtlinge haben eine gute Qualifikation", also haben die Meisten in ihrem Herkunftsland eine (für ihr Land) gute Ausbildung erhalten oder sie hatten einen Arbeitsplatz. Warum sollten Asylbewerber mit ungeklärten Status in der BRD für den BRD-Arbeitsplatz "fit gemacht werden", wenn sie nach Abschluss des rechtsstaatlichen Verfahrens zur Klärung ihres Status wieder ausreisen (müssen). Meiner Meinung nach rausgeschmissenes Geld.

Wie gesagt bei anerkannten Asylbewerber ist das genau 180 Grad anders. (Also warumn unternehmen staatliche Stellen nicht massivste Anstrengungen, dass diese Verfahren innerhalb von 4 Wochen abgeschlossen sind.)

Herr Kessler vielleicht können sie kurz etwas zu meiner Einschätzung (...) " kann der Bewerber ja im Falle der Nichtanerkennung sagen "aber ich bin doch schon integriert ...." und versuchen über ein Gerichtsverfahren die Abschiebung zu verhindern ..... " (...) etwas sagen.

Vielen Dank im vor aus.
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