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Legalize it? - Podiumsdiskussion zur Legalisierung von Cannabis versucht die wichtigsten Fragen zu klären.

Walter Gropp, Lucas Schwalbach, Dominik Erb, Lara Schneider und Bernd Hündersen (v.l.n.r.)
Walter Gropp, Lucas Schwalbach, Dominik Erb, Lara Schneider und Bernd Hündersen (v.l.n.r.)
Gießen | Man könnte sich die Frage stellen, ob es in Zeiten wie diesen – wenn die Nachrichten voll sind von Kriegsbildern und täglich neuen Krisen – wichtig ist, über die Legalisierung von Cannabis zu reden. Und genau mit dieser Frage eröffnete Dominik Erb die Veranstaltung der Jungen Liberalen, die zu einer Podiumsdiskussion zur Cannabislegalisierung in der Gießener Kongresshalle eingeladen hatten.

Die Frage ist berechtigt und doch fanden sich so viele Menschen zu der Podiumsdiskussion ein, dass der Konferenzraum der Kongresshalle nicht ausreichte und direkt zu Beginn der Veranstaltung in einen größeren Raum gewechselt wurde – das Interesse an der Thematik ist also durchaus vorhanden. Was sich auch an der angeregten Diskussion zeigte.

Neben Lucas Schwalbach von den Jungen Liberalen und Lara Schneider von der Jungen Union diskutierten auch Rechtswissenschaftlicher Prof. Dr. Walter Gropp von der JLU und Dr. Bernd Hündersen vom Suchthilfezentrum in Gießen mit.
Die Standpunkte zur Legalisierung – zumindest die der Parteien – waren von Anfang an klar: Die Junge Union sprach sich dagegen aus, die Jungen Liberalen dafür. Die Experten taten das, was Experten eben tun: Sie gaben ihre Expertenmeinung ab. Doch dazwischen entspann sich eine spannende Diskussion darüber, ob es überhaupt möglich ist, sowohl die rechtlichen und ökonomischen als auch die gesundheitlichen Aspekte der möglichen Legalisierung zu vereinbaren.

Das Argument der Jungen Liberalen ist verständlich: Was legal ist, kann kontrolliert werden. Ganz im Gegensatz zum illegalen Handel mit Cannabis könnten bei einer Legalisierung etwa Zusammensetzung und THC- Gehalt beaufsichtigt werden. Dieser Meinung schloss sich auch Walter Gropp an – Seiner Meinung nach ist das Verbot der Droge schädlich für den Konsumenten: „Bei jedem Produkt, selbst bei Mineralwasser, sind die Inhaltsstoffe auf dem Etikett klar vermerkt – dadurch wird der Verbraucher geschützt.“ Ein weiterer Faktor: Momentan ist der strafrechtliche Aufwand bei der Verfolgung von Cannabis- Delikten enorm, so enorm, dass zahlreiche Verfahren wieder eingestellt werden müssen – also ein riesiger Zeit- und Kostenaufwand, der sich nicht richtig rentiert. Zumal nur selten die wirklich „großen Fische“, also die Hintermänner, geschnappt werden.

„Wenn wir uns morgen alle entschließen würden, Innerorts statt 50 km/h plötzlich 100
Der Andrang war so groß, das selbst der größere Raum bald voll war.
Der Andrang war so groß, das selbst der größere Raum bald voll war.
zu fahren, wäre die Polizei damit auch überfordert, aber niemand würde sagen: ‚Okay, dann ist jetzt 100 km/h das neue Tempolimit, wir können ja sowieso nicht alle bestrafen!‘ – der strafrechtliche Aufwand und die damit verbundenen Kosten können doch keine Ausrede dafür sein, etwas illegales plötzlich legal zu machen.“ Hielt Lara Schneider dagegen. Die rechtliche Seite ist aber ja nur ein Faktor, der bei der Beurteilung zum Tragen kommt. Viel wichtiger schien an diesem Abend die Frage nach den gesundheitlichen Folgen. Und natürlich kam es bei dem Thema auch zu den Fragen: Wenn Cannabis legalisiert wird, sollten dann nicht andere Drogen wie Kokain und Heroin auch frei zugänglich gemacht werden? Oder aber – umgekehrt gefragt – wenn Cannabis illegal ist, warum sind es Tabak und Alkohol dann nicht auch? Tatsächlich wird zwischen sogenannten „harten“ und „weichen“ Drogen kein Unterschied mehr gemacht und auch bei Kokain oder Opiaten würde eine Legalisierung und damit die kontrollierte Abgabe in geringen Mengen das Risiko von Todesfällen durch Überdosen verringern – bleibt man auf der Argumentations-Linie der Jungen Liberalen, die ja vor allem die Kontrolle als positiven Aspekt der Legalisierung aufführen. Laut Walter Gropp birgt zwar auch diese kontrollierte Abgabe Risiken, aber es würde die Möglichkeit bestehen, den Umgang mit Cannabis zu erlernen, so wie wir es auch erlernt haben, mit Alkohol und Tabak umzugehen.

Doch der Vergleich zwischen TCH und Alkohol hinke, erklärte Bernd Hündersen, die möglichen Schäden durch Marihuana seien sehr viel schwerer vorhersehbar, weil jeder Mensch unterschiedlich auf die Droge reagiert. So kann es passieren, dass schon der einmalige Konsum – anders als beim Alkohol – schwere psychotische Schäden hervorrufe, je nachdem, wie sich die Droge zusammensetzt und wie der Konsument darauf reagiert.

Cannabis ist desweiteren noch heute als Einstiegsdroge verschrien, die den Weg ebnet zu Kokain, Heroin und Co. „Dieses Stufenmodell ist längst nicht mehr anwendbar, es gibt genug Kokainabhängige, die nie in ihrem Leben gekifft haben.“ widersprach Hündersen. Von Mensch zu Mensch sei das Suchtverhalten und die Reaktionen auf Cannabis und andere Drogen unterschiedlich und der Verlauf einer etwaigen Sucht völlig unvorhersehbar. Die Befürchtung, legales Cannabis würde also per se zum steigenden Konsum anderer Drogen führen, sei also unbegründet.

Trotzdem sei das Risiko höher, dass Cannabis- Konsumenten das Verlangen nach härteren und günstigeren Drogen verspüren könnten, zumal die Preise für die Droge bei einer Legalisierung ja auch steigen würden, die Gefahr des Schwarzmarkt und des illegalen Handels sei also nicht gebannt, so Lara Schneider. „Was wir brauchen ist mehr Aufklärungsarbeit und keine neue legale Droge!“

Auch wenn der illegale Handel mit der Droge nicht von heute auf morgen aufhören würde, so würden durch eine Legalisierung aber auch die Preise auf dem Schwarzmarkt ansteigen und die strafrechtliche Verfolgung würde sich auf die konzentrieren, die ihn betreiben. Durch höhere Strafen könnte man Dealer abschrecken und den illegalen Handel so eindämmen, entgegnete Lucas Schwalbach.

Die Argumente beider Parteien sind verständlich, doch eine Frage wie diese lässt sich schwer ganz rational betrachten. Man kann nicht vorhersehen, wie Cannabis sich beim Einzelnen auswirkt, jeder Mensch reagiert anders auf die Droge, jeder zeigt ein anderes Suchtverhalten. Sollte man also wirklich etwas legalisieren, das nicht unbegründet verboten ist? Andererseits: Keiner halte sich an dieses Verbot, so Gropp, ähnlich wie das Telefonieren beim Autofahren: Wir alle wissen, wir dürfen es nicht, trotzdem machen es die meisten. Und immerhin besteht ja auch die Möglichkeit, dass der Konsum zurück geht, wenn der „Reiz des Verbotenen“ nicht mehr besteht.

Es ist und bleibt schwer, sich zu diesem Thema eine klare Meinung zu bilden: Klar ist, Cannabis ist eine Droge, und gerade Jugendliche sollten vor Drogen geschützt werden. Das Gegenargument: Eine kontrollierte Abgabe der Droge würde den Konsumenten schützen. Ob es aber tatsächlich die richtige Entscheidung ist, etwas zu legalisieren, nur weil wir es dann besser kontrollieren können, bleibt dahin gestellt. Denn vielleicht ist legales Cannabis tatsächlich wie 100 km/h in der Stadt: Einfach ein bisschen zu viel.

Walter Gropp, Lucas Schwalbach, Dominik Erb, Lara Schneider und Bernd Hündersen (v.l.n.r.)
Walter Gropp, Lucas... 
Der Andrang war so groß, das selbst der größere Raum bald voll war.
Der Andrang war so groß,... 

Kommentare zum Beitrag

Jutta Skroch
13.688
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 21.05.2015 um 12:22 Uhr
Zunächst mal finde ich es toll, dass ein so reges Interesse bestand. Weder Alkohol- und/oder Zigarettenkonsum sollte verharmlost werden, das gilt erst recht für Cannabis und alle anderen Drogen. Es wäre eine Frage des Maß halten können und da fängt es an, der eine kann damit umgehen, andere können es nicht. Niemand kann voraussehen, wie er auf zuviel reagiert und wann ist es zuviel? Meist ist es ein schleichender Prozess, der da in Gang gesetzt wird, speziell z. B. beim Alkohol.

Ich bin gegen eine Freigabe, denn es suggeriert, wenn es erlaubt ist, kann es auch nicht so gefährlich sein. Das ist m. E. der falsche Weg.

Das Cannabis das Hirn schädigen kann und zwar in einer Weise, dass der Betroffene ein Leben lang darunter zu leiden hat und es keine Aussicht auf Heilung gibt, das sollte Grund genug sein, auf eine Freigabe zu verzichten.
Kontrolle, wie will man das bewerkstelligen, wer mehr braucht, wird es sich nach wie vor auf dem Schwarzmarkt beschaffen, der stirbt bestimmt nicht aus?
Bernd Zeun
11.645
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 21.05.2015 um 16:04 Uhr
Der Schaden, der durch Drogenverbote angerichtet wird, ist um einiges höher, als der durch den Drogenkonsum. Dass Drogen schädlich sein können, nicht müssen, bei vernünftigem Gebrauch, ist nicht zu bestreiten, aber Menschen schaden sich auch durch Sport, wenn er maßlos betrieben wird, hungern sich im Schönheitswahn u. U. zu Tode etc. Von mir aus könnten rein synthetische Drogen verboten bleiben (dann müsste man aber auch z.B. viele Klebstoffe vom Markt nehmen), alles was in der Natur wächst, sollte jedem selbst überlassen bleiben, ob er es nimmt oder nicht.
Jörg Jungbluth
5.108
Jörg Jungbluth aus Lollar schrieb am 21.05.2015 um 19:00 Uhr
Ich würde die Freigabe von Canabis für medizinische und therapeutische Zwecke befürworten. Es könnte ja dann unter die streng verschreibungspflichtigen Medikamenten laut BTMG (Betäubungsmittelgesetz) fallen. Da würde es dann in eine Gruppe wie Morphium, Valium und Methadon fallen. Besonders Krebspatienten würde damit das "dahinsiechen" erleichtert.
Florian Schmidt
4.880
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 21.05.2015 um 21:14 Uhr
Das "dahinsiechen" könnte man auch mit einer offeneren Regelung der Sterbehilfe verhindern. Für mich relevanter ob ein paar Kiffer nach Holland fahren müssen oder zukünftig nach Frankfurt.
6
Erich Dritsch aus Gießen schrieb am 28.05.2015 um 18:18 Uhr
Erich Dritsch aus Giessen am 27.5.2015
Durch den Canabis Gebrauch kann eine Psychose mit schlimmen
Folgen ausgelöst werden,deshalb ist weitere Aufklärung notwendig.
Jutta Skroch
13.688
Jutta Skroch aus Buseck schrieb am 28.05.2015 um 23:32 Uhr
@Jörg, das würde ich auch befürworten. Für eine generelle Freigabe kann ich mich nicht erwärmen, ich sehe das, wie Herr Dritsch.
Hallo Lieber Leser
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