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Goetheschule Gießen - war da noch mehr als eine zerstörte Turnhalle?

von Lena Rotham 17.05.20151342 mal gelesen1 Kommentar
Gießen | Am 9.11.2014 wurde im Rahmen des Mahngangs zum Jahrestag der Reichspogromnacht – wie alljährlich – ein Redebeitrag vor der Goetheschule gehalten. In diesen Redebeitrag wurde unter anderem die Geschichte der Goetheschule, wie sie auf deren Homepage dargestellt ist, bemängelt und deren Überarbeitung gefordert.

Die Zeit von 1933 bis 1945 wird auf dieser Homepage lediglich in einem kurzen Absatz abgehandelt. Dort heißt es:

“In der Zwischenzeit brauste der 2.Weltkrieg über uns. Auch Gießen erlebte ihn mit allen seinen Grausamkeiten. Eine einzige Nacht zerstörte das, was unsere Vorfahren über 700 Jahre gebaut haben. Geißens Schulen wurden hart getroffen: Die alte Pestalozzischule wird zerstört, die Schillerschule stark beschädigt und die Goetheschule verliert ihre Turnhalle. Der Unterricht fällt zum größten Teil aus. Zunächst wird die Schule zum Lazarett, später eine Truppenunterkunft. Erst im Oktober 1945 kann der Schulbetrieb wieder eröffnet werden.“

Keine Worte werden verloren über die Kriegsschuld und nur wenige über die NS-Zeit. Dass der Goetheschule eine besondere Rolle bei der Verfolgung von Jüdinnen und Juden in Gießen zu Teil wird, findet nicht mal Erwähnung.

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In der Goetheschule wurden 330 Jüdinnen und Juden aus dem Landkreis und der Stadt Gießen untergebracht, bevor sie über Darmstadt in die Konzentrations- und Vernichtungslager der Deutschen deportiert wurden. Die Schule war somit Teil eines der größten Menschheitsverbrechen. „Es ist für uns unbegreiflich, wie die Verantwortlichen der Schule so mit der eigenen Geschichte umgehen können“, zeigt sich Tammy Neubauer entsetzt.

Es handelt sich hierbei um belegbare Vorgänge, welche nicht nur die Rolle der Goetheschule, sondern auch der Bevölkerung Gießens widerspiegeln. In die Infrastruktur und das Herrichten der Schule waren einige Menschen involviert. Die Schülerinnen und Schüler bekamen für diese Zeit schulfrei, Bauern lieferten Heu, usw.

Vor allem eine Schule – die einen Bildungsauftrag hat und auch für das geschichtliche Wissen von Kindern und Jugendlichen verantwortlich ist – muss mehr tun, als sich mit einer kleinen Tafel von jedweder Verantwortung freizumachen. „Wenn heute Schüler_innen in den Räumlichkeiten Unterricht haben, in denen einst Jüdinnen und Juden zusammengepfercht auf die Deportation in den Tod warteten, kann das nicht mit ein paar Worthülsen abgetan werden“, resümiert Tammy Neubauer.

Wir fordern daher erneut, dass die Schule sich ihrer Verantwortung bewusst wird und die Geschichte auf ihrem Internetauftritt überarbeitet. Sollte es an Kapazitäten oder Wissen mangeln, stehen wir hierbei gerne zur Verfügung.

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Kommentare zum Beitrag

H. Peter Herold
29.364
H. Peter Herold aus Gießen schrieb am 17.05.2015 um 16:19 Uhr
Wen wundert es? Gerade in Gießen ist die Zeit der Nazis etwas, an das man besser nicht erinnert wird. Siehe Stolpersteine auch dort.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Lena Roth

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Interessensgebiet: Gießen
Lena Roth
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