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Einweihung des Esther-Stern-Platz in Giessen

von Lena Rotham 23.04.20151950 mal gelesen12 Kommentare
Gießen | Die "Initiative gegen das Vergessen" hat uns diesen Hintergrundtext zukommen lassen. In Absprache veröffentlichen wir ihn nun hier. Am 22.4. wurden am Bahnhof dazu Texte verlesen, sowie ein Schild angebracht, letzteres wurde mitlerweile wieder entfernt. Was wir mit Bedauern zur Kenntnis genommen haben und hoffentlich in den nächsten Tagen wieder aufgehangen wird:


Benennung in Esther-Stern-Platz

Nach der Umgestaltung des Bahnhofsbereichs anlässlich der Landesgartenschau 2014 in Gießen entstand dort ein Vorplatz. Dieser trug bisher keinen Namen, wurde nun jedoch zum Esther-Stern-Platz benannt und feierlich eingeweiht.

Bei der Suche nach einem geeigneten Namen war ein Bezug zur Stadt Gießen sowie zum Bahnhof ausschlaggebend. Eine der ersten Assoziationen war die vom Güterbahnhof ausgehende Deportation der in Gießen lebenden jüdischen Bevölkerung. Die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gießener Stadtgeschichte bleibt nach wie vor unvollständig.
Esther Stern erlitt ein Schicksal, welches mehrere Taten beinhaltet, die Menschen während dem NS angetan wurde: Sie wurde aus der Schule ausgeschlossen, zu Zwangsarbeit und unfreiwilligen Umzügen gezwungen und schließlich in ein Vernichtungslager deportiert.

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Schicksale personifizieren

Es ist für uns von besonderer Wichtigkeit das Schicksal der Verfolgten der Nazizeit nicht bei einer Anzahl von Menschen zu belassen, sondern die individuellen Schicksale sichtbar im Stadtbild zu verankern. Menschen wurden wegen ihrer Religion, Herkunft, politischen Zugehörigkeit, sexuellen Orientierung oder ähnlich perfiden Gründen aus der „Volksgemeinschaft“ systematisch ausgeschlossen und mussten dafür oft ihr Leben lassen. Dabei wurden Menschen kategorisiert und auf diese „Merkmale“ reduziert. Letztendlich entschieden auch Gießener Institutionen darüber, wer als jüdisch, asozial, Kommunist, Roma usw. galt.


Doch warum Esther Stern?

Bei der Recherche stießen wir auf die Familie Stern aus Gießen. Die Familie zog 1922 in das Haus am Marktplatz 11 (heute 15), vor dem heute ein Stolperstein für Julius, Claire und Esther Stern liegt. 1933 musste die Familie aus dem Haus ausziehen und konnte bei der Familie Rosenberger zur Untermiete wohnen. 1935 mussten sie auch diesen Wohnort verlassen, um in eines der sogenannten „Ghetto-“ oder „Judenhäuser“ in der Walltorstraße 48 zu ziehen. Am 24.03.1938 musste Esther Stern die Schule verlassen und fortan in einer Gummifabrik arbeiten, was aus einer Steuerkarte vom 30.11.1940 hervorgeht. Zu diesem Zeitpunkt war Esther Stern gerade erst 14 Jahre alt.


Auszüge aus dem Text des Stolperstein-Projektes:

Am 24.03.1938 musste Esther, wie viele andere jüdische Schülerinnen und Schüler in Gießen, die Schule verlassen. Bemerkung im Klassenbuch: "Am 24.III. laut Verfügung des Stadtschulamtes entlassen." Zunächst wurde von der jüdischen Gemeinde eine Behelfsschule im Gemeindehaus der Synagoge in der Südanlage eingerichtet. Hier wurden die jüngeren jüdischen Kinder unterrichtet. Bei der Zerstörung der Synagoge in der Reichspogromnacht wurde auch das Gemeindehaus zerstört, so dass Unterrichtsräume nicht mehr zur Verfügung standen. Der Schülerin wurde somit jegliche Möglichkeit genommen ihre Schulausbildung mit einem Abschluss zu beenden.

Die Lebensbedingungen für die Familie, die noch die Tante, Jettchen Stern, aufgenommen hatte, wurden immer schlechter. Immer wieder baten die Eltern in Briefen ihre Kinder Helmut und Sonja in Palästina um Hilfe zur Ausreise und forderten sie auf, alle Familienmitglieder, die schon im Ausland waren, in diese Bemühungen einzubinden.

1940 verstarb Tante Jettchen, deren Grab auf dem Neuen Friedhof ist. Am 14.09.1942 wurde Esther mit ihren Eltern und allen anderen Juden, die zu dieser Zeit noch in Gießen lebten, in die Goetheschule gebracht. Die Familie konnte nur das Nötigste in einen Rucksack und einen Koffer unter Aufsicht einpacken. Zwei Tage später wurde die Gruppe nach Darmstadt deportiert und am 30. September wurde Esther mit ihren Eltern von hier aus in das Generalgouvernement (Polen) deportiert.

Auf der Steuerkarte findet sich der Vermerk: "verzogen am 1.11.42 nach unbekannt". Der Tag und der Ort ihrer Ermordung sind nicht bekannt. Am 08.05.1945 wurde Esther für tot erklärt.
Familienmitglied mit Bezug zu Gießen


Esthers Stiefbruder Josef „Helmut“ Stern, Sohn von Julius Stern aus erster Ehe, war vor über 50 Jahren Mitbegründer des Vereins „ehemaliger Gießener und der Umgebung“ in Haifa (Israel). Die meisten Gründungsmitglieder flohen einst vor der Verfolgung durch das NS-Regime – wie auch Josef und seine Schwester Sonja. Die FAZ veröffentlichte im vergangenen Jahr zum 50-jährigen Bestehen des Vereins einen Artikel, in dem es unter anderem heißt:

Stern selbst, der mit seiner Familie als Fünfzehnjähriger noch vor den großen Deportationen geflüchtet war, ehrte die Stadt Gießen vor einigen Jahren mit der Hedwig-Burgheim-Medaille, die sie für herausragende Verdienste um Verständigung und Versöhnung vergibt. Tatsächlich wäre beispielsweise die alle zwei Jahre stattfindende Begegnungswoche, während der ehemalige, vertriebene Gießener ihre alte Heimat besuchen, ohne das Engagement des Vereins kaum möglich. Auch das Zustandekommen der Städtepartnerschaft Gießens mit Natanya, die Ende der siebziger Jahre besiegelt wurde, ist nicht zuletzt dem Verein der Ehemaligen zu verdanken, dessen Mitglieder Kontakte knüpften und halfen, Vorbehalte auszuräumen.


Es sind Geschichten – sowohl die der Familie Stern als auch die vieler anderer Familien – die mit der Stadt Gießen verwoben sind. Es sind Menschen, die heute noch unter uns leben könnten. Und es waren Gießener und Gießenerinnen, welche die Verantwortung dafür trugen, dass Menschen fliehen mussten oder in den Tod geschickt wurden.
In nicht all zu ferner Zukunft wird der Tag kommen, an dem es keine Überlebenden mehr gibt, die ihre Geschichte erzählen können. Für die Aufarbeitung der (Stadt-)Geschichte sowie das Geschichtsbewusstsein ist es unverzichtbar die Erinnerung an diese Zeit und die Menschen aufrechtzuerhalten.

Kommentare zum Beitrag

Nicole Freeman
10.753
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 24.04.2015 um 06:45 Uhr
dank fuer diesen artikel! Nur wenn die Menschen mit Namen und ihrer Geschichte genannt werden bekommen sie ein Gesicht. Wird das weg sehen schwerer. Das Stolpersteinprojekt hilft da enorm. Die Hinweisstafel sollte wieder aufgestellt werden damit man den Grund fuer den Namen und die Geschichte kennen lernt.
Martin Wagner
2.705
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 24.04.2015 um 06:56 Uhr
Habe dazu den Artikel in der Lokalzeitung gelesen.

http://www.giessener-anzeiger.de/lokales/stadt-giessen/nachrichten-giessen/esther-stern-platz-stadt-entfernt-erinnerungsschild_15252735.htm

Es wird sicher "noch viel Wasser die Lahn runter fliessen" bis die Verantwortlichen der Stadt soviel Spontnität entwickelt haben, dass sie ein von Bürgern aufgehängtes Straßenschild mit einem Kurzen "zwar nicht genehmigt - geht inhaltlich in Ordnung - kann hängen bleiben" beantwortet.

So lange das eben so nicht ist, bleibt eben Nichts anders übrig als den richtigen formalen Weg zu gehen: Fraktionen abklappern und eine suchen die bereit ist, dass "durchzudrücken".

Die dürfte sich finden (gibt ja ausgesprochen antifaschistische Fraktionen im Giessener Stadtparlament ...), ob das dann erfolgreich durchs Parlaemnt geht (und wie lange das dauert) steht auf einem anderen Blatt.

Da es aber wichtig ist, empfehle ich der Initiative sich diese Arbeit zu machen.
361
Harry Weiß aus Gießen schrieb am 24.04.2015 um 10:21 Uhr
Stolperstein macht eine tolle Arbeit.
361
Harry Weiß aus Gießen schrieb am 24.04.2015 um 10:22 Uhr
...und Esther-Stern-Platz ist toll geeignet als erste Visitenkarte für Zugreisende, die in Gießen Station machen...
Michael Beltz
7.760
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 24.04.2015 um 13:42 Uhr
Bürokratie und die Koalition aus SPD/GRÜN lassen so ohne Weiteres keine Ehrungen zu. Wir haben das gerade erlebt. Unser Antrag, die Kommunistin und Antifaschistin Ria Deeg entsprechend zu ehren, wird dadurch verhindert, dass das Todesdatum 20 Jahre zurückligen muss. Bisher waren es 10 Jahre.
Als Ausgleich wird die Ehrenbürgerschaft von Hitler und anderen Faschisten aufrecht erhalten.
Karl-Ludwig Büttel
3.854
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 25.04.2015 um 12:42 Uhr
Sie kennen doch die Spielregeln bei der Vergabe von Straßennamen und Platznamen. Dafür gibt es eine Satzung ganz einfach. Das hat doch nichts mit nicht wollen zu tun.
Das mit der Ehrenbürgerschaft ist eine andere Gechichte. Das Problem haben wohl noch viele Städte. Haben Sie mal einen Antrag auf Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Hilter gestellt Herr Beltz? Dann müsste das Paralment Farbe bekennen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine gegenteilige Mehrheit finden würde.
Michael Beltz
7.760
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 25.04.2015 um 13:27 Uhr
Der Antrag wurde vor Jahren von unserer damaligen Fraktion gestellt. Er wurde mit dem Hinweis abgelehnt, die Ehrenbürgerschaft Hitlers sei erloschen.
Karl-Ludwig Büttel
3.854
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 25.04.2015 um 16:06 Uhr
Na dann ist doch alles gut. Ein erloschene Ehrenbürgerschaft kann man nicht aufheben da sie nicht mehr exestiert. Eine erloschene Ehrenbügrerschaft kann man auch nicht aufrecht erhalten.
Michael Beltz
7.760
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 25.04.2015 um 17:48 Uhr
Wieso ist eine Ehrenbürgerschaft erloschen? Auch Punkte in Flensburg erlöschen nicht von selbst, sie werden gelöscht.
Karl-Ludwig Büttel
3.854
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 25.04.2015 um 21:30 Uhr
Es gibt viele Städte die dies in Satzungen geregelt haben, dass eine verliehene Ehrenbürgerschaft unter bestimmten Umständen automatisch erlischt. In manchen Städten geschah das auf Weisung der Alleirten. In der Liste der Städte und Gemeinden die H. noch als Ehrenbürger führen ist Gießen nicht dabei.
Martina Lennartz
6.284
Martina Lennartz aus Gießen schrieb am 26.04.2015 um 23:21 Uhr
Wenn ein Förderverein den Schwanenteich umbennen darf, sei folgende Frage gestattet:

Frage ist also, ob der Park (Schwanenteich, für manche Wieseckaue) jetzt offiziell "Stadtpark Wieseckaue" heißen darf, denn muss dazu nicht erst ein Parlamentsbeschluss herbeigeführt werden? Es gab keinen. War der Förderverein befugt, aufgrund einer Umfrage, an der sich gerade einmal 400 Personen beteiligten und von denen sich 86 sich für "Stadtpark Wieseckaue" aussprachen, so ein Schmierentheater zu veranstalten?

Darf dann der hier aufgelistete Platz von der "Initiative gegen das Vergessen" nicht auch ohne Parlamentbeschluss umbenannt werden?
Karl-Ludwig Büttel
3.854
Karl-Ludwig Büttel aus Hungen schrieb am 27.04.2015 um 09:48 Uhr
Hat dies der Förderverein umbenannt? Oder gibt es eine Vereinbarung zwischen Stadt und Förderverein im Rahmen der Planung zur LGS? Möglich ist doch, dass diese Vorgehensweise festgelegt wurde. das gilt es bevor man solche Mutmaßungen macht zu klären. Frau OB und BGM haben ja eingeweiht.
Weiter ist genau zu klären was in der Satzung steht. Bei uns steht auch nur Straßen und Plätze in der Satzung aber nicht Grünflächen und Parks. Bei Park`s und Grünflächen reicht dann ein Magistratsbeschluss ohne Paralment. Da die meisten Satzungen nach Mustersatzungen des HSGB und HSB angefertigt werden, dürfte das in Gießen ähnlich sein.
Ein Förderverein wird auch in Gießen keinen Namen vergeben.
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