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Schultheater als kritisches Werkzeug

Gießen | Vom 08.03.2015 bis zum 14.03.2015 fand im Hessischen Landestheater in Marburg das Kuck!Schau!Spiel! kurz KUSS-Festival statt. Eingebunden in das Festivalprogramm war die zweitägige Tagung Next Generation (10 & 11.03.2015). Es lohnt sich in Gießen über diese Veranstaltung nachzudenken. Denn bei der von der Theaterpädagogin Katrin Hylla organisierten Tagung waren zum Einen überproportional viele Gießener anwesend und zum Anderen waren die Fragen, die diskutiert wurden, von überregionaler Relevanz: Das Schultheater darbt und auch der Nachwuchs aus dem Feld der Theaterschaffenden lässt auf sich warten. Um hier Abhilfe zu schaffen wollten die beiden Tagungstage 'Erfahrungsberichte' unter der Überschrift “Erfahrungen zwischen Generationen”, sowie Impulse “...in die Zukunft” präsentieren. Hierfür referierten u.a. so illustre Gäste wie Jan Deck oder Ilona Sauer, und eine Delegation des Willy Praml Theaters Frankfurt (Daniel Schauf & Philipp Scholtysik) und darüber hinaus eben auch eine große Menge von Absolventen vom Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaft: Vertreten waren hier Meret Kinderlen & Kim Willems, sowie das Kollektiv ongoing project.

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Das Kinder und Jugendtheater darbt, und der Paratext der Veranstaltung proklamierte: Die Fördergelder sind klamm, und “[d]ie nächste Generation, die im Kinder- und Jugendtheater neue Wege einschlägt, lässt auf sich warten”. Entsprechend konstatierte der Intendant Matthias Faltz in seinem kurzen Grußwort, dass er Zweifel an den Praktiken des zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheaters hege, aber dennoch nicht umhin könne ein gewisses Interesse an verschiedenen Entwürfen der Hildesheimer und Gießener Schule zu entwickeln.

Entsprechend war der erste Tagungstag gut geeignet, um sich einen Überblick über das zu verschaffen was im Kinder- und Jugendtheater als an- und ingressiv gelten kann. Hierbei war das Projekt von Willems und Kinderlen gemeinsam mit Jugendlichen erarbeitet worden, um deren vollständige Unfreiheit im Rahmen konventionellen Jugendtheaters zur Schau zu stellen, und bot hierzu spannende Einblicke. Vor Allem aber das Referat von ongoing project bot mannigfaltiges Diskussionspotential, ging es doch darum die 23. Mittelhessischen Schultheatertage und die Auseinandersetzung mit Intendanz und Institution des Gießener Stadttheaters darzustellen und zu analysieren. Die gemeinsame Produktion mit den 300 Gießener Schülern_Innen aller Schulformen war in der sperrigen, intellektuellen und akademischen Präsentation ein ordentlicher Brocken, der erst mal geschluckt werden musste, und auch nicht immer direkt verdaut werden konnte. Auch das gemeinsame Referat von ongoing project bot in der Individualität und der Widersprüchlichkeit der Positionen der sechs Vortragenden ein ungewöhnliches und undeutliches Bild, genauso wie die 23. MHSTT ein unfassbarer Modellversuch gewesen sind.

Erfreuliches gibt es auch zu berichten über den Ablauf und die Organisation der Veranstaltung. Die experimentellen Gestaltung des Tagungsablaufs verzichtete zunächst vollständig auf Diskussion und präsentierte die einzelnen halbstündigen Referate in sukzessiver Abfolge. Dies schuf einen intensiven und präzisen Rahmen in dem es möglich war den einzelnen Themen und Schwerpunkten gut zu folgen. Zum Tagesabschluss ging das Referatsprogramm in kleinen Gesprächsgruppen über, durch die die Vortragenden rotierten, um sich in spezifischeren Diskussionen und Fragerunden einzelnen Schwerpunkten und Problemstellungen zu widmen. Dies war ein sehr überzeugendes und individuelles Format, da so spezifische Fragen klar und deutlich vertiefend mit denen diskutiert werden konnten, die ein deutliches Interesse mitbrachten.

Ich möchte mir erlauben diesen kurzen Artikel mit einer kleinen These zu schließen. Ich möchte mir erlauben dies vor Allem in Anbetracht des etwas unangenehmen und auch überflüssigen Titels der Veranstaltung zu tun. Zu welchem Ende also Next Generation ? Warum und wozu Next Generation ? Und was heißt es Schultheater als künstlerische Praxis zu begreifen, und worauf müssen wir verzichten, wenn wir diesen Vorschlag ernst nehmen. Worauf müssen wir verzichten, wenn wir uns in diese eisigen und ungewohnten und ungemütlichen Gefilde begeben, die uns nicht heimlich, vielleicht sogar vielmehr unheimlich sind. Könnte es etwas heißen, dass wir die wir die Schüler_Innen und Mädchen, Jungen und Kinder plötzlich ernst nehmen müssen ? Könnte es etwa auch heißen, dass wir plötzlich (und das ist ja das unangenehmste) anfangen müssen auch uns selber ernst zu nehmen - nämlich dann, wenn wir beginnen uns miteinander auseinanderzusetzen ? Heißt das etwa, dass wir unsere eigenen anliegen gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen in die selbe Arena werfen müssen in die diese ihre Anliegen werfen ?!

Heißt das dann im Folgenden vielleicht, dass die nächste Generation auf sich warten lässt, weil Pädagogik ein verfehltes Konzept ist, dass das Kommende dort verhindert, wo es uns unheimlich ist, weil wir nicht wissen können wie und was es sein wird, weil es neben der Zukunft liegt, die eine Veranstaltung wie 'Next Generation' fordert, ganz da drüben irgendwo im Abseits, wo wir nur hinkommen konnten, weil wir ganz bestimmt die falsche Abzweigung genommen haben ? Vielleicht macht es mehr Sinn Schultheater darin ernst zunehmen, dass man es abschafft und die Schule lieber als Dispositiv für kritisches sperriges und radikal minoritäres Theater begreift. Vielleicht bleibt die kommende Generation ja auch einfach aus, weil ein bestimmter Apparat einem bestimmten Exodus aufgesetzt ist. Aber vielleicht tut das nichts zur Sache. Und vielleicht ist das hier auch die falsche Zeitung für eine solche Forderung. Nichts desto trotz: Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit.

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