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Erleichterung über Ende der Genitalverstümmelung in zwei Ländern

Afrikanische Modenschau zum Weltfrauentag
Afrikanische Modenschau zum Weltfrauentag
Gießen | Veranstaltung des AK Migrantinnen zum Weltfrauentag mit dem Verein (I)NTACT

Nachdenkliche Gesichter hatten die Besucher und Besucherinnen der Veranstaltung „Der Kampf für das Ende der weiblichen Genitalverstümmelung“, als sie am vergangenen Freitagabend den vollbesetzten Hermann-Levy-Saal des Gießener Rathauses verließen. Kleine Gruppen blieben noch am Informationsstand, das Thema ließ sie nicht los.
Zu der Veranstaltung anlässlich des Internationalen Frauentags hatten der Arbeitskreis Migrantinnnen des Kreisausländerbeirats, die Frauengruppe des Ausländerbeirats der Stadt Gießen, der Arbeitskreis Frauen des Netzwerks Migrantenselbstorganisation Gießen und die Frauenbeauftragte des Landkreises Gießen, Angelika Kämmler, eingeladen.
Zur Begrüßung erinnerte Markéta Roska, Geschäftsführerin des Kreisausländerbeirats, daran, dass der Internationale Frauentag als „Kampftag“ für die Rechte von Frauen gegründet wurde und er es immer noch sei. Dann erklang im Foyer der Gesang des Gießener Gospelchors, der sich in Richtung Bühne bewegte. Dort lasen 4 Frauen Auszüge aus dem Buch „Wüstenblume“ von Waris Dirie, in denen sie ihre glückliche Kindheit, den Schock der Amputation ihres Genitals und die traurigen Gedanken der erwachsenen Frau schildert. Die Lesung wurde von vier Gospelmelodien eingerahmt. Es wurde still im Raum, die Betroffenheit war spürbar.
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Detmar Hönle, stellvertretender Vorsitzender des Vereins (I)NTACT mit Sitz in Saarbrücken, begann seinen Vortrag mit einführenden Worten über den Ursprung der grausamen Tradition, der in Altägypten liegt. Wann die Frauenbeschneidung, französisch „Excision“, von den Völkern südlich der Sahara eingeführt wurde, liege jedoch im Dunkeln. Man wisse nur, dass es Männer waren, und dass dies lange vor der Ankunft des Islam dort geschah. Heute bestehe das Ritual deshalb weiter, weil die Menschen in dem Jahrhunderte alten Irrglauben lebten, eine beschnittene Frau sei gesünder als eine unbeschnittene, und weil die Tradition zutiefst in der spirituellen Kultur Afrikas verwurzelt sei.
Mit eindrucksvollen Bildern dokumentierte Hönle dann, wie es gelang, zum ersten Mal die Genitalverstümmelung in zwei afrikanischen Ländern, Benin und Togo, zu beenden. Er ging auf die verschiedenen Etappen ein, die zu diesem historischen Erfolg führten, und wie sich aus den Rückschlägen schließlich die erfolgreiche Strategie entwickelte.
Wichtig sei zu erkennen, wer die eigentlichen Akteure des Rituals seien. Es seien nicht, wie vielfach angenommen, die Familien, sondern die Beschneiderinnen und die Traditionshüter. Letztere, auch als Féticheure oder Marabouts bekannt, stünden für die Afrikaner mit der unsichtbaren Welt der Geister in Verbindung, was ihnen Macht und Prestige verleihe. Sie seien die eigentlichen Garanten der Traditionen, wer dagegen verstoße, würde bestraft, oft durch den Tod.
Die landesweiten Projekte (I)NTACTS werden von afrikanischen Partnerorganisationen vor Ort durchgeführt. Auf Fotos wurden Mitarbeiterinnnen gezeigt, wie sie nach der Methode „Porte à porte“ von Hof zu Hof gehen, dann Dorfversammlungen einberufen und Filme zeigen und die Bevölkerung von der Gesundheitsschädlichkeit der Tradition überzeugen. In Seminaren werden auch die Beschneiderinnnen und die Traditionshüter aufgeklärt und schließlich in die Projektarbeit integriert. „Das ist die Zauberformel“, sagte Hönle, „die ehemaligen Akteure der Beschneidung werden zu Akteuren für das Ende der Beschneidung“. Maßgeblich an der Entwicklung und Umsetzung dieser Strategie sei der Koordinator der Aktionen von (I)NTACT in Westafrika, Toussaint N'Djonoufa, ein Beniner, der in Leipzig studiert habe.
Am Ende des Vortrags zeigte Hönle Bilder von den großen nationalen Festen zur Beendigung der Beschneidung 2005 in Benin, in Anwesenheit der deutschen Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul, und 2012 in Togo. In der anschließenden Diskussion wurde die Erleichterung der Zuhörerschaft deutlich, dass es endlich greifbare Erfolge im Kampf gegen die Verstümmelungstradition gebe.
Noch einmal ertönte afrikanische Musik. Vier junge Frauen und zwei junge Männer in bunten, teils selbst geschneiderten Kleidern, betraten der Reihe nach die Bühne und ernteten viel Beifall.
Mit dieser Modeschau mit viel Farbenpracht und Lebensfreude ging die eindrucksvolle Veranstaltung zu Ende.

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Kommentare zum Beitrag

Florian Schmidt
4.883
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 16.03.2015 um 14:44 Uhr
In Deutschland leider weiterhin erlaubt.
Michael Beltz
7.760
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 16.03.2015 um 15:41 Uhr
In Eritrea ist Beschneidung gesetzlich verboten. Wer dies dennoch tut oder propagiert, landet im Knast. - Hoffentlich können noch mehr Erfolge dieser Art vermeldet wereden.
Torsten Herwig
339
Torsten Herwig aus Langgöns schrieb am 16.03.2015 um 16:59 Uhr
Da könnte ich mich doch gleich wieder übergeben.

"Auf Fotos wurden Mitarbeiterinnnen gezeigt, wie sie [..] Dorfversammlungen einberufen und Filme zeigen und die Bevölkerung von der Gesundheitsschädlichkeit der Tradition überzeugen. In Seminaren werden auch die Beschneiderinnnen und die Traditionshüter aufgeklärt und schließlich in die Projektarbeit integriert."

D.h. die sind dort bereits VOR ORT! Wieso klären sie dann bitte nicht gleich auch die Bevölkerung, die Beschneider und Traditionshüter zur männlichen Genitalverstümmelung auf, wenn man doch schon mal da ist?!
Tolle Hilfsorganisationen, die sowas Einseitiges ins Leben rufen und komplett blind für das Leid der anderern Hälfte der Betroffenen sind...

"Heute bestehe das Ritual deshalb weiter, weil die Menschen in dem Jahrhunderte alten Irrglauben lebten, eine beschnittene Frau sei gesünder als eine unbeschnittene"

Warum nur kommt mir dieser Satz so vertraut vor...? Hmm, mal überlegen. Könnte daran liegen, dass 2012 sich so viele "Experten" aus Politik und Medien nicht entblödeten, auf die "Studie der WHO" zu pochen, dass die Beschneidung ja angeblich so suuupertolle Gesundheitsaspekte habe...
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