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For a Look or a Touch - eine ergreifende Geschichte eines homosexuellen Liebespaares. Ein Stück zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Die Teilnehmer während der lebhaften Diskussion
Die Teilnehmer während der lebhaften Diskussion
Gießen | „Do you remember?“ - Erinnerst du dich? Diese drei Worte ertönen immer wieder im Gesang von Tommi Wendt (Manfred) und begleiteten die Kammeroper über das gesamte Stück. Manfreds Geist möchte seinen alt gewordenen Glad im Namen der ewigen Liebe zum Erinnern zwingen. Glad dagegen, von der Leidenszeit des Lebens gekennzeichnet, möchte nur noch vergessen.
Das Musikdrama von Jake Heggie erzählt von dem traurigen Schicksal eines jungen homosexuellen Liebespaares in einer Zeit, in der ihr Glück nicht überdauern konnte: Die Teenager Manfred Lewin und Gad Beck lebten gemeinsam in Berlin der frühen 40er Jahre. Als Manfred, ein jüdischer Widerstandskämpfer, mit seiner Familie verhaftet und in ein Sammellager verfrachtete wurde, beschloss Gad seinen Geliebten zu befreien. In eine HJ-Uniform angekleidet gelang ihm Manfreds Rettung, doch konnte dieser seine Familie nicht zurückzulassen und kehrte in das Lager zurück, in dem alle den sicheren Tod fanden.
Das Stück eindrucksvoll zu präsentieren und viele verschiedene Orte in einem Raum, auf einer kleinen Bühne vorzutragen, stelle die eigentliche Problematik dar, die das Team und vor allem der Regisseur hervorragend gelöst haben, erklärte Bernhard Niechotz, stellvertretender Ausstattungsleiter am Stadttheater Gießen und Bühnenbildner des Stücks. Sie schufen Assoziationen: Die Schnüren in der Dreiecksform erinnerten an das rosa Dreieck, die vielen Fotos der Ermordeten und die Totenkerzen, an die Opfer. „Ganz großes Kompliment für das Stück“, lobte die Aufführung auch Holger Kleinert, Mitarbeiter von proPlus Hessen und Aidshilfe Gießen e.V.
Die Geschichte basiert auf Gad Becks Erinnerungen, die 1995 veröffentlicht wurden. Die Inszenierung von Hans-Walter schlägt inhaltlich einen Bogen zu der heutigen Zeit, in der die Unterdrückung homosexueller Menschen immer noch präsent ist. Im Anschluss an die Aufführung auf der taT Studiobühne des Stadttheaters in Gießen, fand am 12.03 vergangenen Donnerstag auch eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema statt. Anwesend waren unter anderen zwei homosexuelle Journalisten aus St. Petersburg, die Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte, die Aidshilfe und ein homosexueller Wirt aus Gießen.
„Jetzt haben wir zum Glück eine andere Situation, doch leider nicht überall“, mit diesen Worten leitete Friederike Stibane, Beauftragte für Frauen- und Gleichberechtigungsfragen der
Nach der Diskussion: (v.l.) Bernhard Niechotz,Holger Kleinert,Martin Kalbfleisch,Friederike Stibane,Artur Akhmetgaliev und Aleksandr Izmailov,Eduard Galyschew
Nach der Diskussion: (v.l.) Bernhard Niechotz,Holger Kleinert,Martin Kalbfleisch,Friederike Stibane,Artur Akhmetgaliev und Aleksandr Izmailov,Eduard Galyschew
Stadt Gießen, die Diskussionsrunde ein. Die zwei Gäste aus St. Petersburg wurden gebeten die Situation in Russland näher zu beleuchten. Eduard Galyschew; Koordinator der interkulturellen Öffnung (Landesprogramm WIR) übersetzte dabei aus dem Russischen: „Das Leben in Russland für Schwule und Lesben ist nicht nur schwer, es ist sehr schwer“, erklärte mit einem bedrückten Gesicht Artur Akhmetgaliev. Es fängt schon in der Pubertät an: „Das Heranwachsen ist davon geprägt, dass es nicht normal ist, das es sehr schlecht ist“ homosexuell zu sein, führt er fort, „durch das Internet kann man sich informieren, erfahren dass es kein Verbrechen ist“, aber das ist auch alles. Seit dem Duma-Gesetz gegen „Homosexuelle Propaganda“ im Jahre 2012 sei alles noch viel schlimmer geworden: „Bis 2012 konnte man sich noch relativ offen darüber äußern, danach hat sich das radikal geändert“, meinte der russische Journalist.
Nun, wieso ist es seit dem Gesetz in Russland so viel schlimmer geworden? Danach konnten Leute mit homophoben Ansichten ihre Abneigung laut äußern, auch die orthodox Gläubigen haben ein starkes Mitspracherecht von dem sie Gebrauch machen und nicht zu vergessen die Fernsehpropaganda, die entsprechende Feindbilder kreiert. „Je ärmer eine Bevölkerung wird, desto mehr Feindbilder braucht sie“, so erklärt es sich Artur Akhmetgaliev. In Russland gebe es zurzeit sogar einen Sammelbegriff für die derzeitigen Feindbilder, das die EU und die Homosexuellen mit einbezieht: Gejropejec, was auf Deutsch in etwa als Gay-Europäer übersetzt werden kann. Für die beiden Journalisten war die Situation in Russland jedenfalls Grund genug, um das Land zu verlassen. „Das normale Leben wurde so eingeschränkt, dass es nicht mehr möglich war“, erklärte der russische Journalist.
Der Gießener Wirt, Martin Kalbfleisch, teilte ebenfalls seine Erfahrungen mit den Anwesenden, jedoch aus Gießen der 50er und 60er Jahre, der Zeit seiner Jugend. „Es war was ganz Schlimmes, wenn man schwul war“, sagte er und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Während Frauen schon zusammen tanzen dürften, dürften Männer das nicht“: In den Clubs gab es Polizeikontrollen, man wurde zwangsverheiratet und es gab viele Selbstmorde.
Holger Kleinert; Mitarbeiter von proPlus Hessen und Aidshilfe Gießen e.V. sieht einen großen Zusammenhang zwischen offenen Gesellschaften und dem Gesundheitszustand der dort lebenden Menschen. Um die „psychische Stabilität“ der Betroffenen zu erreichen ist es sehr wichtig „dass das Lebensumfeld dieser Leute entsprechend gestaltet wird, damit diese sich akzeptiert fühlen“. Die Aidshilfe ist ein Zufluchtsort für Menschen mit ganz unterschiedlicher sexueller Orientierung. Eine Frau aus dem Publikum von der Deutschen Aidshilfe aus Berlin rundete das Gespräch mit folgenden motivierenden Worten ab: „Passt auf und hört nicht auf im eigenen Land zu gucken und vor eigener Tür zu kehren“, denn „wir sind in Deutschland noch lange nicht fertig.“

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Nach der Diskussion: (v.l.) Bernhard Niechotz,Holger Kleinert,Martin Kalbfleisch,Friederike Stibane,Artur Akhmetgaliev und Aleksandr Izmailov,Eduard Galyschew
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von:  Magdalena Skorupinska

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Interessensgebiet: Gießen
Magdalena Skorupinska
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