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Kurz Kommentiert: Deutschland gefangen im Spaßdiktat + Überlebenstipps in der Krise.

Gießen | Ein Blick in die TV Zeitschrift in diesen Tagen vermittelt in welcher Jahreszeit wir uns gegenwärtig befinden, der Fünften. Überall schießen jetzt die Witze Leichen und Schunkelzombies aus ihren Kellern und Höhlen. Es ist Fasching, oder Fasnacht bzw. Karneval wie es in den primitiven rheinischen Dialekten heißt. Dieser Tage wird wieder dem kulturellen Humor der Urvölker gehuldigt und reich an Variationen ihrer überlieferten Pointen gedacht. Um den eigenen Spaß an der Sache auch einen optischen Ausdruck zu verleihen schmeißt der Teilnehmer sich in alltagsuntaugliche Gewandung. Beliebt sind hierbei Tiermotive, traditionelle Berufsbekleidung aus allen Epochen der Menschheit sowie die Aufmachung beliebter Helden aus TV, Kino und Literatur. So mutiert die Chefsekretärin der Krankenversicherung zu einem wilden Vamp mit hochgeschlitzten Lackröckchen und der Abdecker aus der Lasagnemanufaktur Bad Salzuflen trägt zu seinem blutigen Arbeitskittel ein Stethoskop und einen Reflexspiegel was ihn als Onkel Doktor ausweist.
Doch auch weniger aufwendige Maskeraden sind vielfach zu bestaunen. Angeklebter Bart, roter Knollenzinken, Vokuhila Perücke weisen den Träger ebenfalls als schweinelustigen Jecken aus, wie der Kölner sich gebärdet.
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Satire (74)Karneval (228)Fasching (303)Das Grauen trägt rote Nasen (1)
Die Vorbereitung für eine gelungene Faschingsveranstaltung ist einfach. Ein überhitzter Raum, um den Alkoholdurst zu fördern, eine Bühne, ein Elferrat, ein paar Musiker die lustige Weisen in Mundart und Büttenrednern. Im Rahmenprogramm tritt dann noch der Veranstaltungsadel inklusive Gefolgschaft auf, ein bärtiges Männerballet gibt Gelegenheit Harn zu lassen und minderjährige Mädchen in erfrischend Textil armer Tracht schleudern sich gegenseitig über die Bühne.
Dann wäre da noch die Kapelle. Die Aufgabe der Musikanten Combo ist es, dem Publikum zu erklären wo sich im laufenden Vortrag die Pointe versteckt hat. Äußert sich einer der Büttenredner etwa wie folgt: „Meine Frau tat nur noch keifen, jetzt liegt sie unterm Vorderreifen. Ich war zum ersten Mal besoffen, trotzdem hab ich gut getroffen“ dann setzt nach dem letzten Wort ein akustisches Signal ein. Der sogenannte Tusch. Jetzt weißt der Zuschauer dass es lustig war und er das wortgewaltige Genie in der halben Tonne mit orgastischem Applaus zu verwöhnen hat. Spielen die Pointen gar ins Fahrwasser der Zote, so wird von der Band ein weiteres Signal gegeben. Dazu wird aufgerufen die Stadt, den Vortragenden und den Anlass selbst mit einem Helau oder Alaaf zu würdigen. Dies ganze Tusch blökerei ist keineswegs eine unsinnige Maßnahme. Die hilft zum Beispiel dabei den Abend zu strecken und den Zuhörer aus der Narkose zu wecken. Möglicherweise, bewiesen ist dies jedoch nicht wird die Raumluft mit Psychopharmaka angereichert. Diese Theorie ergibt sich aus der Diskrepanz zwischen Humorgehalt und vor allem Alter einer Pointe und der Zuschauerreaktion. Selbst Witze die sich die alten Sumerer höchstens noch im historischen Kontext erzählten lösen in den „Tollen Tagen“ wahre Begeisterungsstürme aus.
Doch nicht nur überdacht lässt sich gepflegt blau werden, auch unter freiem Himmel lässt sich dem Hochfest falsch verstandener Narretei und gezwungenem Frohsinns kräftig huldigen. Dazu organisieren die örtlichen Sturmtruppen dieses Frohsinnsdiktat Umzüge und Paraden. Dort wird wiederum völlig zu Unrecht als „Stimmungsmusik“ kategorisierte Gröl Liedgut geplärrt, es wird viel Alkohol ausgeschenkt und Bonbons geworfen um auch die Jüngsten in den Bann teutonischer Ausgelassenheit zu zerren. Nicht selten erweisen sich derartige Gelage auch als natürlicher Feind der Monogamie. Gerade in der Rheinmetropole Köln, ist es Sitte wildfremden Mitmenschen die Erbrochenes verkrusteten Lippen aufzudrücken und diese widerwärtige Tätigkeit zynisch als „Bützen“ zu verniedlichen. Experten haben ausgerechnet, dass es nur noch etwa acht Sessionen dauern wird bis sich das Fundament des Kölner Doms durch Wildpinkler Urin komplett zersetzt hat. Welches ein weiteres Problem des Festes ist, so viel Bier und so wenige Toiletten.
Alles in allem kann man nur allen raten, die ihre geistige und körperliche Gesundheit erhalten wollen sich bis einschließlich Aschermittwoch abzuschotten. Wasservorräte und Notnahrung einzulagern und ihre Häuser nicht zu verlassen. Überall kann so ein Frohsinns verseuchter Schunkelzombie um die Ecke tänzeln, einem die Knollennase anpinnen und sich unterhaken. Lassen sie sich um Himmels Willen nicht beißen. Treten sie bestimmt auf und scheuen sich nicht vor Waffengewalt zurück. Sie mögen harmlos aussehen, aber ihr Bier saurer Odem ist der Pesthauch der Spießigkeit. Des ritualisierten Jokus und der disziplinierten Ausgelassenheit. Halten sie außerdem schwere Gegenständer bereit um sie gegebenenfalls in den Fernseher zu werfen sollten sie zwar in eine Faschingssendung rein aber schalten aber nicht wieder umschalten können. Und als letzten Tipp: „Nicht füttern“.

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.705
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 25.01.2015 um 07:30 Uhr
Herr Schmidt, ihr "locker und flockiger" Schreibstil ist ja bekanntermaßen hier in der Onlineausgabe nicht so der Renner. Aber die Inhalte die stimmen - zumeist - immer.

Auch bei der hier angesprochene "Feierkultur" in Deutschland (ist schon etwas Spezielles die "5. Jahreszeit" - bei der Frage was unterscheidet die BRD von Nachbarländern würde die bestimmt unter die ersten 10 rutschen ...) arbeiten sie gut den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und (aufgesetzter) Fröhlichkeit bis hin zu (sonst verpönter) "lockeren Sitten" heraus.

Ich warte seit Jahren darauf, dass in Giessen endlich einmal von Seiten der Stadt gegen die durch die Gefahrenabwehrverordnung verbotenen Alkoholkonsum "auf der Gass' " überall und jederzeit vorgegangen wird. In regelmäßigen Abständen wird die so genannte Trinkerszene in der Innenstadt kontrolliert und dabei (kurzfristige) Platzverbote ausgesprochen, wenn aber die (meistens aus der Geschäftswelt stammende) "Profischunkler" von dem organisierten Fröhlichkeit (... hoppla beinahe hätte ich ihrem Stil nachfolgend vom "Erbrechen" gesprochen ....), sprich Karnevalvereinen mit Sekt sich "zu laufen lassen" erscheint niemand vom Trachtenverein "Blau-weis" aus Wiesbaden-Erbenheim.

Ist halt immer (noch) ein Unterschied, ob ein Obdachloser oder ein Geschäftsmann in der Fussgängerzone säuft.

Klar dürfte es den regelmäßigen Leser hier in der Onlineausgabe sein, dass ich hier letztendlich keine Gleichbehandlung fordere, sondern dass der gesellschaftliche Konsens (wieder) wächst, dass Alkohol (zumindest in größeren Mengen in sich rein gekippt) ein - um es neudeutsch zu sagen - No-go ist.
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 25.01.2015 um 10:13 Uhr
Haben wir nicht schon längst einen, wenn auch informellen, Dauerfasching das ganze Jahr über? Gartenschau, Hessentag, Dolles Dorf, eine Unzahl von Events, Stadtfeste ohne Ende.
Und dass wir eventuell das Alles durch eigene Ideen unterstützen
dürfen, wird uns als Bürgerbeteiligung verkauft.
Ich kann dabei nicht lachen, höchstens kotzen.
Birgit Hofmann-Scharf
10.362
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 25.01.2015 um 15:19 Uhr
Sehr gut, Frau Barthel. Ich bin ganz bei Ihnen
( Den Weihnachtsmarkt haben Sie tatsächlich vergessen ).
Ich habe nichts gegen Geselligkeit, Feiern ( Party machen ) - aber gegen die exzessive Trinkerei auf jeden Fall. Bedauerlich für diejenigen, die ohne Allohol nicht mehr lustig sein können.
Nicole Freeman
10.752
Nicole Freeman aus Heuchelheim schrieb am 25.01.2015 um 18:04 Uhr
ohne Alk geht es auch ! Fasching ist eine alte Tradition die mit dem besaufen im eigendlichen sinn nichts zu tun hat. Auch der Christliche Glaube hat mit dem Fasching im Grunde nichts zu tun. Man hat den brauch einfach uebernommen und ihm ein anderes gesicht gegeben. In manchen kleinen Orten findet man noch die alte Tradition die nichts zu tun hat mit Elferrat und Narhallamarsch. Dort finden wir den Strohbaer in Ketten gelegt. Er Symbolisiert den Sommer der von ven Winterdaemonen gefangen gehalten wird. Der Strohbaer wird durch den Ort gefuert in bewachung schrecklicher Masken und mit Peitschen bewaffneten Peitschenmaennern. Diese versuchen die Kinder an der Befreiung des Sommers ( Strohbaer) zu hindern. Im Gefolge die Eiwerweibchen. Das sind die jungen unverheirateten Maenner des Ortes die in Frauengewand Eier und Speck sammeln. Eier und Speck werden dann als Symbol der Fruchtbarkeit in der Dorfgemeinschaft verkoestigt. Auch das ist Fasching !
Ich liebe diese alte Tradition sehe mir aber auch die durch die christliche Kirche gestaltete Prozesion an ;-) Hellau
2.463
Gertraud Barthel aus Gießen schrieb am 25.01.2015 um 19:10 Uhr
Nichts gegen schöne Feste und Traditionen. Nur: durch das
Überangebot werden sie entwertet.Und zusätzlich durch die
vorwiegend kommerzielle Ausrichtung.
"Wir amüsieren uns zu Tode ", war der Titel eines Bestsellers
von Neil Postman aus den 70-er Jahren.
Damals gab es noch nicht so viele Fernsehsender wie
heute, und auch noch nicht einen Studiengang für Eventmanaging. Das heißt, die Situation war noch bei weitem nicht so schlimm wie heute. Ich bin ja nicht so pessimistisch und würde sagen, wir amüsieren uns zwar nicht zu Tode, aber möglicherweise bis zur völligen Verblödung.
Übrigens, dass ich den Weihnachtsmarkt vergessen habe, ist
natürlich ein unverzeihlicher Lapsus. Vielleicht liegt es daran,
dass ich von Weihnachtsmärkten inzwischen so genug habe, dass ich nicht einmal das Wort hören mag.
Allerdings: Für kleine Kinder ist es doch noch ein Erlebnis.
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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von:  Florian Schmidt

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Florian Schmidt
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