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Rekord-Bürgerbeteiligung bei der öffentlichen Sitzung des Ortsbeirates Frankenbach, am 20. Januar 2015

von Ulrich Grügeram 28.01.20153356 mal gelesen1 Kommentar
Symbolische Darstellung eines, von 8 geplanten Windrädern, auf dem Helfholz- und Hungerberg zwischen Frankenbach und Königsberg, Biebertal.
Symbolische Darstellung eines, von 8 geplanten Windrädern, auf dem Helfholz- und Hungerberg zwischen Frankenbach und Königsberg, Biebertal.
Gießen | Ein Rückblick von Ulrich Grüger, aus Frankenbach

Aufgrund des großen Interesses der Bürger am Für und Wider der geplanten Windkraftanlagen (WKA) in Biebertal, musste die Veranstaltung an diesem Abend im Bürgerhaus Frankenbach, kurzfristig vom kleinen in den großen Saal verlegt werden. Es waren fast 100 Mitbürger anwesend.
Nach allgemein-einleitenden und medienbekannten Worten des Gemeindevorstandes, kam es zur angestrebten Diskussion der Frankenbacher Bürger. Es folgte eine angeheizte aber sachlich verlaufende Diskussion mit vielen Fragen der Bürger, in deren Verlauf das Projekt als äußerst kritisch erörtert wurde und weiteren Klärungsbedarf aufwarf.

Die Essenz: Eine Zerstörung des Landschaftsbildes bzw. Naherholungsgebietes für die Bevölkerung und dem Lebensraum für geschützte Vogelarten, sei kein sinnvoller Beitrag zu einer Energiewende, die den Anspruch auf Ökologie und Nachhaltigkeit erhebt. Die WKA würde lt. Planungsentwurf der Betreiberfirma Volkswind, mit acht Windrädern im Bereich Helfholz (jener Berghügel zwischen Königsberg und Frankenbach), hektarweise Waldabholzung für Straßenbau und Stromtrassenverlegung, sowie tonnenweise Betonaufschüttung für Fundamente und Baustelleneinrichtung der Natur abfordern (Stichwort: Biodiversität / Naturschutz?). Obendrein kamen jene Fragen zu den erwartenden Laufzeiten von ca. 20 Jahren und den Rückbaukosten nach dieser Zeit, bzw. Fragen zu der grenzwertigen Windhöffigkeit in diesem Gebiet, in der Diskussion auf.

Zur geringen Windhöffigkeit, also jenes reiche Windaufkommen welches das Stromertragspotenzial erzielen soll, wurde erneut der Gemeindevorstand befragt. Warum haben die Planungsbeauftragten des RP ein Windgutachten der Gemeinde Biebertal aus dem Jahr 2013 nicht berücksichtigt? In diesem Windgutachten der Firma Cube aus Kassel, wurde für die südliche Fläche im Helfholz eine theoretische Windhöffigkeit von 5,6 m/s berechnet. Dass der höher gelegene Dünsberg gerade dieser Fläche, den häufig stärkeren Ostwinden die Windkraft „raubt“, ist erfahrenen Naturbeobachtern durchaus bekannt. Laut Umweltbericht zum Teilregionalplan Energie Mittelhessen, wurde aber eine Tabugrenze von 5,75 m/s festgesetzt, was bedeutet, dass alles was unter diesem Grenzwert liegt, als unwirtschaftlich ausgeschlossen werden muss. Trotzdem wurde seitens des Regierungspräsidiums Gießen, diese Fläche als Vorranggebiet ausgewiesen?
Dementsprechend kam es zur erneuten Forderung nach einer tatsächlichen physikalischen Windmessung für mindestens ein Jahr. Eine theoretische, computersimulierte Berechnung, die derzeit von den Betreibern als ausreichend herangezogen wird, um noch rechtzeitig in den Genuss der staatlichen Förderungen für WKA zu kommen, kann ohnehin kein zielführendes Kriterium für die Ausweisung eines Vorranggebietes sein.

Der bedauerliche Versuch eines Mitbürgers und gleichzeitigem Lobbyverbands-Angehörigen für den Ausbau von Windenergie, die von Frankenbacher Bürgern geäußerten Diskussionsthemen als ‚Volksverdummung’ zu diffamieren, verhallte erfolglos.
Denn, auf dem sachlichen Hintergrund der Ertragsbilanzen der WKA in Hohenahr, konnte den Bürgern die Sinnlosigkeit des nur politisch und kommerziell motivierten Projekts in Biebertal, mit seinem unrentablen Betrieb, belegt werden. Jene vorliegenden Fakten zu den Bilanzen für die, seit 2013 bestehende WKA in Hohenahr der Betreiberfirma ABO, sind im Internet einsehbar.

Ebenso wurde an die Gemeinde der Antrag eines Bürgers gestellt, beim derzeitigen Stand noch offenen Klärungsbedarfs, jenes gemeindeeigene Teilvorhaben der geplanten vier Windräder auf dem Helfholzberg, vorerst auszusetzen. Es liegt in der Entscheidungsgewalt der Gemeinde, ob sie die entsprechenden Flächen verpachtet, obgleich diese längst im Haushalt der Gemeinde finanziell Berücksichtigung fanden.
Der Bürgermeister beteuerte, dass ihm die Firma Volkswind die aktuellsten Planungskarten der WKA-Standorte erst ein Tag zuvor zustellte. Sie sind inzwischen auf der Homepage der Gemeinde einsehbar. Gleichfalls kündigte er an, dass er dem Antrag zu einer Bürgerversammlung für die gesamte Region Biebertal nun zustimme und diese voraussichtlich am 20. März 2015 stattfinden soll.

Auch das wichtige Kernthema ‚Schutz der menschlichen Gesundheit’ vor Diskoeffekt, Schattenwurf, Schallentwicklung, Windturbolenzen, Infraschall und Vibrationen einer WKA, was politisch verharmlost heruntergespielt wird, konnte mit Verweis auf Einsichtnahme in entsprechende Veröffentlichungen im Internet, widerlegt werden. Die Lebensqualität jener Menschen, die den eigentlichen Wirtschaftlichkeitsfaktor in den Kommunen darstellen, wird schamlos aufs Spiel gesetzt, weil eine fehlende bürgernahe Aufklärung über gesundheitliche Wirkungen in den Planungsphasen ausgeblendet wird. Hierbei sei beispielhaft eine aktuelle Studie erwähnt. Es handelt sich um die erst 2014 veröffentlichte „Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall“, die im Auftrag des Umweltbundesamtes u. a. von Univ.-Prof. Dr.-Ing. Detlef Krahé erstellt wurde.

Ginge es nach den Zielen der hessischen Landespolitik, bei der Durchsetzung des erweiterten Ausbaus der Windenergie auf der Landfläche Hessens, so müsse nach Berechnungen von Experten der Bundesinitiative VERNUNFTKRAFT aller 3-6 km in jede Himmelsrichtung ein ‚Windpark-Feld’ mit je 6-10 Windrädern stehen.
Und dennoch: der Stromertrag aller Windparks in Deutschland würde trotzdem nur mit knapp 1,2 % zur gesamten Energieerzeugung beigetragen, und auch nur dann, wenn der Wind tatsächlich weht. Diese Zahl, bezogen auf den Gesamtenergieverbrauch Deutschlands, stammt aus 2013 und liegt noch außerhalb des massiven Bestrebens von Wirtschaftsminister Al-Wazir, die Anzahl der WKA allein nur in Hessen zu verdoppeln!

Obwohl es noch einige Punkte gäbe, die in dem Zusammenhang Erwähnung fänden, soll den Abschluss meines Rückblicks ein Verweis auf einen ZEIT-Artikel bilden, welches im Verlauf der Diskussion an diesem Abend im Frankenbacher Bürgerhaus, nur auszugsweise vorgetragen wurde.
DIE ZEIT schreibt: "Graichen sagt, kurz gefasst: Wir haben uns geirrt bei der Energiewende. Nicht in ein paar Details, sondern in einem zentralen Punkt. Die vielen neuen Windräder und Solaranlagen, die Deutschland baut, leisten nicht, was wir uns von ihnen versprochen haben. Wir hatten gehofft, dass sie die schmutzigen Kohlekraftwerke ersetzen würden, die schlimmste Quelle von Treibhausgasen. Aber das tun sie nicht."(2) Weitere Informationen zu dem Thema lesen Sie auch im Wetzlarer Kurier. (1)

(1) Wetzlar Kurier, Ausgabe 1/2015, Seite 5, Artikel unter der Überschrift: „Dachverband hessischer Bürgerinitiativen zum Thema Windenergie gegründet“ (im Internet als PDF verfügbar).
(2) online-Ausgabe DIE ZEIT, No 50, vom 04.12.2014, Überschrift: „Klimawandel - Schmutziger Irrtum - Deutschland wird seine Klimaziele deutlich verfehlen – trotz vieler neuer Windräder und Solaranlagen. Wie konnte das geschehen?“ von Frank Drieschner.
--- Direkt unter dem Bild, lesen wir: „Es kommt nicht häufig vor, dass sich ein Vordenker der Energiewende so äußert wie Patrick Graichen. Graichen ist nicht irgendwer. Er leitet den Thinktank Agora Energiewende, die einflussreichste Denkschule der Energiepolitik in Deutschland. Graichens Vorgänger Rainer Baake steuert inzwischen unter Sigmar Gabriel als grüner Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium den Umbau der Stromwirtschaft. Graichen selbst war früher im Bundesumweltministerium für die Energie zuständig. Seine Kritik an der Energiewende ist also auch eine Selbstkritik.
Graichen sagt, kurz gefasst: Wir haben uns geirrt bei der Energiewende. Nicht in ein paar Details, sondern in einem zentralen Punkt. Die vielen neuen Windräder und Solaranlagen, die Deutschland baut, leisten nicht, was wir uns von ihnen versprochen haben. Wir hatten gehofft, dass sie die schmutzigen Kohlekraftwerke ersetzen würden, die schlimmste Quelle von Treibhausgasen. Aber das tun sie nicht. (…)

Danke, für den Tipp zur Ergänzung und herzliche Grüße
Ulrich Grüger

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Kommentare zum Beitrag

Birgit Hofmann-Scharf
10.378
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 24.01.2015 um 11:19 Uhr
"Gemeinsam sind wir stark "
Sehr gut !
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Ulrich Grüger

von:  Ulrich Grüger

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