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Zwischen Charlie-Hebdo-Terroranschlag und Anti-Islam-Demostrationen bleibt Gießen bunt und weltoffen

OB Dietlind Grabe-Bolz hält die erste Rede auf der Kundgebung.
OB Dietlind Grabe-Bolz hält die erste Rede auf der Kundgebung.
Gießen | In den letzten Zeiten haben die Nachrichten in den Medien die Sensibilität aller Menschen betroffen. Im vergangenen Jahr haben die tragischen Ereignisse im Nahen Osten oft für Schlagzeilen gesorgt: ISIS, Krieg, Flüchtlinge, Opfer, die vor der Camera von IS-Kämpfern brutal hingerichtet wurden. Und das neue Jahr hat nicht besser angefangen. Am 7. Januar wurden 12 Personen in einem islamistischen Terroranschlag in der Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris getötet, die Islamkarikaturen häufig veröffentlicht. Parallel hörte man von Tausenden von Toten in Nigeria durch die islamistische Terrormiliz Boko Haram. Viele Bürger in Europa fühlen sich jetzt misstrauisch gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern und den Flüchtlingen, kritische Bewegungen wie Pegida entstehen.
In der westlichen Welt wächst Unsicherheit, die demokratischen Grundwerte von Presse-, Meinungs-, und Religionsfreiheit wurden insbesondere in Paris angegriffen. Für diese Werte wird derzeit in den europäischen Ländern demonstriert und im Internet eifrig gepostet. Die westliche Gesellschaft erwartet, dass die Muslime sich deutlich vom Terror distanzieren, der von den Tätern im Namen ihrer Religion ausgeübt wird. In Deutschland hat schon eine vom Zentralrat der Muslime und von der Türkischen Gemeinde organisierte große Kundgebung vor ein paar Tagen in Berlin stattgefunden.
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In diesem angespannten und komplizierten gesellschaftlichen Kontext scheint Gießen, immer noch eine friedliche, bunte Insel zu sein. Um diese positive Tatsache zu betonen, nahmen rund 450 Personen an der Kundgebung unter dem Motto „Gemeinsam in Gießen – Vielfalt leben“ teil, die am Samstag, 17. Januar 2015, um 11.00 Uhr, am Berliner Platz stattfand. Initiatoren der Veranstaltung als Reaktion auf den Anschlag in Paris waren die Türkisch-Islamische Gemeinde (DITIB) Gießen und die Türkisch-Deutsche Gesundheitsstiftung e.V. (TDG e.V.), die von einem Bündnis von Vertretern aus religiösen Gemeinden, politischen Parteien und Migrantenorganisationen unterstützt wurden. Die prominenten Redner sprachen vor einem vielfältigen Publikum, das von der tatsächlichen bunten Gießener Gesellschaft zeugte: Junge Menschen, Familien mit Kindern, ältere Damen und Herren, Hessen seit Generationen, Mitbürger mit Migrationshintergrund und Gläubige verschiedener Religionen standen in der Kälte am Berliner Platz, einige hielten Schilder und Plakate gegen Extremismen und für eine bunte Gesellschaft, und applaudierten gemeinsam die Reden, in denen es um Freiheit, Ablehnung des Terrors, Demokratie und glückliches Zusammenleben der Kulturen ging.
Rund 450 haben sich auf dem Berliner Platz für ein buntes Gießen versammelt.
Rund 450 haben sich auf dem Berliner Platz für ein buntes Gießen versammelt.
Eine klare Stellungnahme hatten einige junge Mitglieder der DITIB schon vor Anfang der Veranstaltung. „Wir lehnen Terror ab! Diese Menschen sind keine Muslime!“, sagte ein Mädchen. Ihre Freundinnen und sie hatten am Freitag von der Kundgebung erfahren und haben sofort beschlossen, teilzunehmen: „Wir dachten, wir müssen hier sein und ein Zeichen setzen!“
Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz verurteilte in ihrer Rede die niederträchtigen Anschläge in Paris und bezeichnete sie als Angriff auf die Presse- und Meinungsfreiheit, die die Grundwerte der Demokratie sind. Es sei ein Angriff auf uns alle gewesen. Sie lobte die Offenheit Gießens, wo Menschen verschiedener Herkunft und Religion zusammen leben, und betonte die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für die Flüchtlinge. Gießen sei die erste Heimat für Menschen, die vor Hunger und Not fliehen und hier ankommen. Integration, friedliches Miteinanderleben, Liberalität und Humanität charakterisieren Gießen. „Ich bin stolz, Oberbürgermeisterin dieser Stadt zu sein!“, erklärte Grabe-Bolz.
Plakate, Schilder und Flaggen für Solidarität und Vielfalt...
Plakate, Schilder und Flaggen für Solidarität und Vielfalt...
Der mehrmals applaudierte Beitrag vom Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde, Dr. Diaa Rashid, öffnete sich mit einer deutlichen Aussage: „Gewalt wird kategorisch abgelehnt, sie steht in Widerspruch mit unseren Werten und ist ein Verrat des Prophets!“ Von Dr. Rashid kam ein klares „Nein“ zu Gewalt und zu Aggression im Namen der Muslime. „Wir solidarisieren mit den Opfern“, sagte er bezüglich des Terroranschlags bei „Charlie Hebdo“, obwohl er hinzufügte, dass die Gläubigen die Karikaturen nicht lustig finden. Meinungsfreiheit sei selbstverständlich in unserer Gesellschaft, aber die religiösen Werte müssen respektiert werden. Rashid machte die Anwesenden aufmerksam, dass im Moment großer Druck auf die Muslime als Sündenbock ausgeübt werde und bedankte sich bei allen Teilnehmern an der Veranstaltung und bei den Anti-Pegida-Bewegungen für die Unterstützung. Er gab zu, dass die Radikalisierung ein Problem sei. Die Islamische Gemeinde treffe dagegen präventive Maßnahmen in der Erziehung der jungen Menschen. Außerdem äußerte er eine Bitte an die Presse, die die Meinung in der Gesellschaft bildet: Die Medien sollen darüber berichten, was Muslime sind und nicht nur, was sie nicht sind. Schließlich lud Rashid jeden
... und gegen alle -ISMEN.
... und gegen alle -ISMEN.
ein, die Moschee zu besuchen und den Islam besser zu kennnen, sie sei immer offen und Besucher seien willkommen. „Wir sind für Gießen bunt und multikulturell!“, schloss er seine Rede und sprach ein anschließendes Gebet an Allah für den Frieden aus.
Auch ein Sprecher der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wetzlar und Gießen e.V. und Frank-Tilo Becher für das Evangelische und das Katholische Dekanat trugen zur Kundgebung als Vertreter von Juden und Christen bei. Becher rief alle auf, für die Vielfältigkeit Sympathie zu fühlen – im wörtlichen Sinne: Sym-pathie heißt nämlich Mit-leiden, Mit-fühlen. Nur so entstehe ein fröhliches Zusammenleben. Als Beispiel brachte er die Kindertagesstätten, die nicht nur von christlichen Kindern, sondern von Kindern jeder Religion besucht werden.
Auch die Politik zeigte sich einig in der Solidarität zu den Opfern von Terroranschlägen überall in der Welt und in der Unberührbarkeit der Grundwerte von Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit. Integration, Hilfsbereitschaft, Ablehnung von Gewalt und vor allem keine Identifikation von Islam mit Terrorismus war die zentrale Botschaft.
Einige Worte richtete an die Gießener sogar Staatsminister Dr. Helge Braun, der sich der Rede der Oberbürgermeisterin
anschloss. Gießen sei ein Symbol der Freiheit: Hier wurden Flüchtlinge aus der DDR damals und werden weitere Flüchtlinge aus anderen Ländern heute aufgenommen. Er erinnerte an die Zeit des Wirtschaftswunders, als Deutschland Profiteur der Zuwanderung war und dank der Arbeit vieler Muslime wachsen konnte. Also wünschte er eine freiheitliche Zukunft in Deutschland. Der Sinn dieser Tage nach dem Anschlag in Paris sei, die westlichen Werte zu schützen und sie zu bringen, wo jetzt Krieg herrsche.
Der Vizepräsident des Hessischen Landestages Wolfgang Greilich wies nicht nur auf die Opfer in Paris, sondern auch auf die vielen Toten in Nigeria auf. „Terrorismus hat keine Religion, diese Taten sind Gotteslästerung! Nicht die islamische Kultur greift den Westen an, sondern Kulturlose!“, so Greilich, der aber gleichzeitig Muslime, Christen, Juden und alle Gläubige aufforderte, eventuelle Kritiken an der eigenen Religion zu ertragen, da Meinungsfreiheit und unabhängige Presse Säule unserer Gesellschaft sind. Gerhard Merz, sozialpolitischer und stellvertretender Sprecher der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, nannte ebenfalls weitere Fälle von islamistischem Terror in der Welt und bekannte sich ohne wenn und aber auf der Seite
Staatsminister Dr. Helge Braun lobte Gießen als Symbol der Freiheit.
Staatsminister Dr. Helge Braun lobte Gießen als Symbol der Freiheit.
der Opfer. Die Täter entmenschlichen sich selber. „Wir werden nicht zulassen, dass sie Hass und Misstrauen in unsere Gesellschaft bringen! Für Pegida und NPD ist in dieser Stadt kein Platz!“, sagte er überzeugt. Auch für Dr. Christiane Schmahl der Bündnis90/Die Grünen darf es Null-Toleranz für Antisemitismus und für Antiislamismus geben. Sie stellte die kritische Überlegung vor, warum sich einige Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, den ISIS-Terrormilizen bzw. anderen Extremistengruppen anschließen. Die Lösung wäre in einer gelungenen Integration, die allen Menschen Chancengleichheit gibt, denn Gleichheit und Freiheit gehören zusammen.
Regierungspräsident Dr. Lars Witteck hatte harte Worte für diejenigen, die meinen, Flüchtlinge wollen den Westen islamisieren, nahm deutlich Stellung gegen die für nächsten Sonntag in Gießen angekündigte Anti-Islam-Demonstration und wendete sich direkt an die Mitläufer solcher Aktion: „Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Gießen! Gießen bleibt bunt!“
In der Universitätsstadt Gießen, wo Studierende aus allen Nationen leben, durfte ein Beitrag vom Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Dr. Joybrato Mukherjee nicht fehlen. Wie auch die anderen Redner freute er sich über die Weltoffenheit
Gießens. Außerdem betonte er die Verantwortung der Hochschule im Kampf gegen Anti-Islam-Vorurteile auf der wissenschaftlichen und kulturellen Ebene. An der JLU kann man auch Islamische Theologie studieren, was auch nur an drei anderen Hochschulen in Deutschland angeboten wird. Eine gemeinsame Stellungnahme des Zentrums für Islamische Studien Frankfurt/Gießen ist auf der Internetseite der Universität zu lesen (http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/islamtheo/aktuelles-fb/2015-01-11). „Wenn wir uns zwischen Menschlichkeit und Menschenverachtung, zwischen Liebe und Hass entscheiden sollen, dann entscheiden wir uns für die Liebe“, endete Mukherjee seine Rede und damit die Veranstaltung.
Als Schluss trat die Gießener Trommelgruppe auf und sorgte für bunte Stimmung unter den Teilnehmern, die sich noch eine Weile auf dem Berliner Platz aufhielten. Mehrere von ihnen sind spontan gekommen, nachdem sie von der Kundgebung erfahren haben, weil sie sich in einer vielfältigen Stadt identifizieren. „Es sind alle Menschen, wie ich und Du!“, erklärte eine Dame am Rande der Veranstaltung und zeigte stolz ihr selbstgebasteltes Schild „Für bunte Vielfalt statt brauner Einfalt!“. Ein weiteres Paar kam aus Alsfeld und wollte hier sein, weil das genau der richtige Zeitpunkt für solche Initiative war: zwischen den Terroranschlägen in Paris und der Anti-Islam-Demonstration nächster Woche. Weitere Kommentare der Anwesenden betrafen die Pegida-Bewegung in Deutschland: „Diese Pegida-Welle ist unglaublich!“, sagte eine Dame empört.
Das eindeutige Fazit der Kundgebung ist daher: Gießen ist weltoffen und vielfältig, und Angehörige verschiedener Religionen, Kulturen und Nationalitäten können hier eine friedliche Zukunft zusammen gestalten.

OB Dietlind Grabe-Bolz hält die erste Rede auf der Kundgebung.
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Die Gießener Trommelgruppe sorgte für bunte Stimmung am Ende der Kundgebung.
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Kommentare zum Beitrag

Hermann Menger
2.373
Hermann Menger aus Gießen schrieb am 19.01.2015 um 13:05 Uhr
Vielen Dank für den ausführlichen und guten Beitrag zur Kundgebung am Samstag. Eine kleine Korrektur: Der evangelische Dekan heißt nicht Becker, sondern Frank-Tilo Becher.
Wichtig finde ich auch, dass Sie darauf hinweisen, dass der Vertreter der muslimischen Gemeinde, Dr. Rashid, sagte, dass die Gläubigen die Karikaturen nicht lustig finden. Wenn für Toleranz und Respekt gegenüber anderen Religionen geworben wird, gehört auch dazu, zu respektieren, dass Muslime keine Bilder ihres Propheten geschweige denn Karikaturen zulassen können.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 19.01.2015 um 19:57 Uhr
Herr Menger, diese Art der Zensur ist nicht zu dulden. Es wird Zeit, dass der § 166 StGB abgeschafft wird. Religiöse gefühle bedürfen keinem gesonderten Schutz. Wo bleibt denn die Toleranz gegenüber unseren freiheitlichen Werten, wenn man auf solche Kleinigkeiten wie eine Zeichnung mit Ablehnung, beleidigt sein oder gar Gewalt reagiert?
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 19.01.2015 um 19:57 Uhr
Herr Menger, diese Art der Zensur ist nicht zu dulden. Es wird Zeit, dass der § 166 StGB abgeschafft wird. Religiöse gefühle bedürfen keinem gesonderten Schutz. Wo bleibt denn die Toleranz gegenüber unseren freiheitlichen Werten, wenn man auf solche Kleinigkeiten wie eine Zeichnung mit Ablehnung, beleidigt sein oder gar Gewalt reagiert?
Christoph Schäfer
806
Christoph Schäfer aus Gießen schrieb am 19.01.2015 um 20:36 Uhr
Und was machen sie, wenn sie "keine Bilder geschweige denn Karikaturen zulassen können"? Verbrennen sie diese?
Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion
1.234
Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion aus Gießen schrieb am 19.01.2015 um 23:24 Uhr
Hallo Herr Menger, danke für den Hinweis. Den Tippfehler habe ich gerade beseitigt.

Ich finde auch, dass man Sensibilität gegenüber der Gläubigen der verschiedenen Religionen haben muss, wenn man Satire macht. Ich habe einige Karikaturen über die christliche Religion von "Charlie Hebdo" im Internet gesehen und ich als Katholikin fand sie unangemessen. Ich bin nicht so streng und habe oft über Witze über die Religion mitgelacht, aber diese Karikaturen waren meiner Meinung nach vulgär und nicht lustig. Das rechtfertigt natürlich keine Terroranschläge! Ich glaube, es geht nicht darum, Bilder bzw. Karikaturen mit Gesetzen zu verbieten. Respekt und Toleranz gegenüber den Gefühlen der anderen sollten reichen, um zu entscheiden, was man veröffentlicht oder sagt.
Religiosität ist sehr persönlich und intim. Was für einige eine Kleinigkeit ist, kann die Gefühle anderer verletzen.

Viele Grüße
Alessandra Riva
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 20.01.2015 um 04:36 Uhr
Wieso macht sich niemand Gedanken darüber ob es nicht gläubige Menschen stören oder verletzen könnte im Alltag mit Religion die ja so persönlich und intim ist konfrontiert zu werden. Zum Beispiel wenn man die höhere Geistlichkeit finanzieren soll.
Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion
1.234
Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion aus Gießen schrieb am 20.01.2015 um 19:39 Uhr
Weltliche Angelegenheiten der Kirchen (Plural, kein Tippfehler!) und das Benehmen der Geistlichen darf man natürlich kritisieren, das machen bestimmt auch die Gläubigen! Aber Religiosität ist nicht gleich Religion und Priester bzw. Imam usw., es ist das Gefühl der Gläubigen. Eine Karikatur, wo Vater, Sohn und Heiliger Geist Sex miteinander haben (von Charlie Hebdo, die habe ich im Internet gesehen), finde ich unangemessen und einer Gotteslästerung nah. Es ist dasselbe als eine Kritik an der Kirchenpolitik.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 20.01.2015 um 19:49 Uhr
Gotteslästerung? Was soll das sein? Ich finde das ist auch nicht mehr als Pipi Langstrumpf oder Harry Potter zu lästern. Wieso hängt man diese rein literarische Figur so hoch?
Und das man auch solche abstrusen Konstrukte wie die Dreifaltigkeit aufs Korn nimmt kann ich sehr gut verstehen. Das sind alles Menschen gemachte Gedankekonstrukte, und die muss man ungestraft verballhornen dürfen. Ich rege mich über eine Karikatur die Charles Darwin als Affen zeigt auch nicht auf.
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 21.01.2015 um 13:57 Uhr
Servus

Ich bin bei diesem Thema hin und her gerissen. Zum einen ist die Meinungsfreiheit ein wichtiges Grundrecht, das es zu verteidigen gilt. Folgendes Zitat trifft meine Emotionen dazu sehr gut:

Voltaire sagte dazu:
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“
Nun nutzt z.B. Charlie Hebdo diese Freiheit um auf satirische Weise die Gesellschaft wieder zu spiegeln. Schön und gut.

Aber nur weil man das Recht hat etwas zu tun, muss man es nicht zwingend tun. Manchmal ist etwas Feingefühl, um Menschen nicht zu verletzen oder schlimmeren Schaden zu vermeiden der bessere Weg.

Aber: Dem spricht wiederum entgegen dass man vor Drohungen nicht kuschen sollte.

Ich finde für mich keine klare Antwort ob ich die aktuellen Veröffentlichungen gut finden soll oder nicht.


Grüße
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 22.01.2015 um 07:35 Uhr
Doch obwohl man sich bewusst ist dass jemand einen wunden Punkt hat, sticht man darauf ein? Diplomatisch ist das nicht! Jene die "beleidigt" oder schlimmer auf solche Karikaturen reagieren, denen ist ihr Glaube sehr wichtig. OK es gibt auch Leute die den Glauben vorschieben, doch ist das hier nicht das Thema. Muss man da Benzin ins Feuer gießen? Wenn wir so viel von uns und unserer Kultur halten, sollten wir auch zeigen warum wir es für etwas besonderes halten!

Aber eines wird mir gerade klar: Mittlerweile weiß ich wie ich zu diesen Karikaturen stehe. Alles hat seine Zeit, für diese Karikaturen ist sie gerade nicht. Nicht die Karikaturen sind das Problem sondern die Menschen die jene ohne Feingefühl einsetzen. Ich vergleiche es mal mit einem Revolver: Ein Revolver ist ein ästhetisches Stück Technik, doch kann man mit ihm schlimmes machen.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 22.01.2015 um 08:27 Uhr
Ok. Wenn eine Karikatur die Gewaltbereitschaft einer Glaubensrichtung aufs Korn nimmt sollte man sie nicht veröffenlichen weil die Adressaten eventuell mit Gewalt darauf reagieren? Macht irgendwo Sinn, besser kann man diese Gewalt nicht legitimieren.
Wenn Gewalt letztlich doch dazu führt die freie Meinungsäußerung in Frage zu stellen, dann dürfen sich Terroristen aller Lager auf die Schulter klopfen und gratulieren.
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 22.01.2015 um 11:55 Uhr
Hmmm Wenn eine Karikatur Gewalt.. aufs Korn nimmt ist das eine Sache. Die andere ist es dies über die religiöse Schiene zu machen. Muslimische Fundies töten manchmal auch eigene Leute wenn diese die Religion vermeintlich schlecht machen.

Mir kommt die Argumentation von Florian Schmidt und Nina Back ehr trotzig vor, als Lösungsorientiert.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 22.01.2015 um 14:36 Uhr
Was ist denn ihr Lösungsansatz? Karikaturen verbieten die religiöse Gefühle verletzen könnten? Ich finde es ist sehr bezeichnend für eine Weltanschauung wenn sie so unentspannt mit Humor und Satire umgeht. Verbote und Verzicht spielen den Extremisten in die Hände, 2015 kann man von den Menschen schon verlangen das zu ertragen. Toleranz ist keine Einbahnstraße. Wenn bestimmte Dogmen karikiert werden ist das völlig ok. Wenn sich jemand in seinem Glauben beleidigt fühlt sollte er vielleicht nochmal darüber nachdenken.
Christoph Schäfer
806
Christoph Schäfer aus Gießen schrieb am 22.01.2015 um 20:53 Uhr
Was verstehen Sie unter "lösungsorientiert" Herr Lenk? "Schwanz einziehen" statt Zivilcourage zeigen?
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 23.01.2015 um 09:24 Uhr
Unterschiedliche Kulturen produzieren unterschiedliche Sichtweisen. Die eigene Sichtweise zum Maß aller Dinge zu erheben ist arrogant. Natürlich gibt es weltweit allgemein akzeptierte Grenzen, diese nennt man z.B. Menschenrechte, leider werden diese immer wieder missachtet. Diese „Musik zwischen kulturellen Unterschieden und Menschenrechten spielt am besten mit Tönen der gegenseitigen Achtung.
Karikaturen sind etwas tolles, die Meinungsfreiheit ist etwas tolles, friedliches miteinander ist etwas tolles. Ist es nicht das größte Ziel friedlich miteinander zu leben? Dafür muss man natürlich auch Opfer bringen. Wenn bis auf weiteres auf solche „Gotteslästerungen“ verzichtet wird ist das Stärke, ja Understatement. Warum? Man könnte es doch jeder Zeit in beliebigem Ausmaß tun, verzichtet aber darauf!

Warum sollte man das tun?
Es ist eine Tatsache, dass nicht wenige Menschen ein Problem mit dieser, aus deren Sicht, Gotteslästerung haben. Die allermeisten dieser Leute bleiben friedlich, finden es einfach nur nicht gut. Würden Muslime eine Jesus zeichnen der etwas unsittliches täte, wären viele Christen pikiert, doch so etwas ist mir nicht bekannt. Dies auf mangelnder Meinungsfreiheit zu begründen ist mir zu plump.
Grundsätzlich ist ein Dialog über das Problem die sinnvollste Lösung. Doch beginnt man diesen mit einer weiteren "Spitze", ist er zum Scheitern verurteilt. Welche ernsthaften Dialoge gibt es denn zwischen den Kulturen, um einen sinnvollen Umgang mit solchen Problemen zu finden? Auch hier habe ich keine Antwort. Schade!

Aber statt einen solchen Weg ein zu schlagen, schreit man lieber nach Vergeltung, auch wenn es nur in Form von weiteren Karikaturen ist. Sorry das ist mir zu impulsiv und zu wenig nach gedacht.

Mit Vernunft zu reagieren ist nicht gleich zu setzen mit Schwanz einziehen.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 23.01.2015 um 10:53 Uhr
Karikaturen sind doch keine Vergeltung. Gewehrsalven auf Satiriker, das ist Vergeltung. Und welcher Dialog soll sich denn ergeben? Die Religionen sind sich untereinander doch einig. Satire ja, aber nicht über Religion.
Aber sicher nicht weil man damit religiöse Gefühle verletzt. Religion ist in erster Linie ein gutes Geschäft mit dem sich viel Geld machen lässt. Dann kommt aber so ein mieser kleiner Satiriker daher und bringt Menschen zum lachen und nachdenken. Darauf muss man natürlich beleidigt reagieren und das auch von den Melkkühen so verlangen.
Gott brauchtdoch keinen Schutz vor Satire, wer ein ganzes Universum geschaffen hat und den größten Genozid aller Zeiten verbrochen hat, der braucht keine kleinen Trockennasenaffen die ihn verteidigen. Verteidigt werden muss nur der Geldspeicher der religiösen Führer und Vorbeter.
Christoph Schäfer
806
Christoph Schäfer aus Gießen schrieb am 23.01.2015 um 16:59 Uhr
Ich verstehe Ihren Ansatz, Herr Lenk, nur gehen Sie meines Erachtens von falschen Voraussetzungen aus: Was wollen die Attentäter mit Ihrer Bluttat bewirken? Glauben Sie wirklich, dass diese tiefgläubig sind und aus diesem Glauben heraus töten? Meines Erachtens geht es den Terroristen darum Macht über Terror zu erlangen, und sie kalkulieren, dass Sie die gläubigen Muslime hinter sich haben, welchen diese Karikaturen, genau wie Sie es schildern, ein Dorn im Auge sind, in der Hoffnung, dass diesen die Bluttat "gerechtfertigt" erscheint. Deshalb ist es so wichtig, dass offizielle Vertreter des Islam sich von den Tätern distanzieren, wie es ja auch vielfältig geschehen ist.
Zum andern wollen die Terroristen natürlich einschüchtern um ihre Macht auszubauen. Dem würde man meines Erachtens gewaltig in die Hände spielen, wenn nun die Presse in summa vorsichtiger würde und gar die moralischen Bedenken gegen diese Karikaturen gerade zu diesem ungünstigsten Zeitpunkt in den Mittelpunkt stellte. Dann hätten die Terroristen genau erreicht, was sie wollten.
Dass aber sogar völlig "unverdächtige" Zeitungen die Karikaturen als Reaktion auf ihre Tat multiplizieren und die Auflage von Charlie Hebdo potential in die Höhe getrieben wurde, ist sicher alles andere als im Sinne der Terroristen, wobei ich unter "Terroristen", um Missverständnisse zu vermeiden, nicht die Täter allein sondern vielmehr die Aufraggeber/Initiatoren verstanden haben möchte.
Marcus Link
495
Marcus Link aus Gießen schrieb am 24.01.2015 um 11:59 Uhr
Ich kann eure Argumentation gut nachvollziehen und bin dankbar für diese Diskussion. Terroristen kann man wohl nicht mit Einlenken oder bedachten Taten an ihrem Wahnsinn hindern. Einen Einwand habe ich noch: Handelt man so wie ich es darstelle, entzieht man Terroristen mittel- bis langfristig den Nährboden, da es wahrscheinlich weniger Menschen in der jeweiligen Gesellschaft geben wird, die bereit sind dafür den Schritt zum Terrorismus zu gehen.
Florian Schmidt
4.964
Florian Schmidt aus Gießen schrieb am 24.01.2015 um 14:58 Uhr
Sind sie sich da sicher? Meinen sie ein Terrorist braucht eine Karikatur um sich zu radikalisieren? So lange es die perversen Ideen der verschiedenen Religionen gibt wird es immer Terror und Fun damentalisten geben. Und sei der Anlass nur dass es in einer Kantine Schweinefleisch gibt.
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von:  Alessandra Riva - Mitarbeiterin der GZ-Redaktion

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