Bürgerreporter berichten aus: Gießen | Überall | Ort wählen...

Nahom Abram

Kommentare zu: Eritrea - Rede von Michael Beltz im Stadtparlament - permanente Störung

87 Kommentare letzter Kommentar von Michael Beltz (19.07.2013 12:10 Uhr)

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 10:33 Uhr
D

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 10:34 Uhr
@ alle
Zuallererst möchte ich Herr Werner für seine kluge und realitätsgetreue Argumentation danken. Für alle, ich komme auch aus Eritrea, und ich bin beeindruckt wie genau Herr Werner sich auskennt. Im Endeffekt kann ich seinen Ausführungen nicht viel hinzufügen, er hat alle wichtigen Aspekte angesprochen und wahrheitsgetreu dargestellt.

Eritrea ist eine Diktatur, da gibt es nichts auszulegen oder zu diskutieren. Es existiert seit über 20 Jahren eine Verfassung, doch der Präsident und Alleinherrscher des Landes weigert sich bis jetzt diese Verfassung gelten zu lassen. Es gibt keine Wahlen, es herrscht keine Meinungsfreiheit, unliebsame Bürger werden ohne Prozess ins Gefängnis geworfen und alle Jugendlichen müssen nach dem Abschluss der 10./ 11. Klasse Militärdienst im Ort Sawa leisten. Sie haben keine Wahl und auch keine Perspektive. Die Arbeit, die sie dort zum Beispiel im Straßenbau leisten müssen ist so schwer, dass Unfälle, die oft zu lebenslangen Behinderungen führen, nicht selten sind. 

Die 2% Steuer wird, um nun auch mal eine andere eritreische Perspektive einzubringen, größtenteils nicht (!!) freiwillig gezahlt. Doch was soll man machen, wenn man zum Beispiel hier heiraten will benötigt man eine Geburtsurkunde. All jene nach Deutschland immigrierten Eritreaner besitzen diese meist nicht, sie müssen sie aus Eritrea anfordern. In diesem Moment kommt die 2% Steuer ins Spiel. Die zuständigen eritreischen Behörden verlangen nämlich im Gegenzug den Nachweis, dass man immer die 2% Steuer bezahlt hat. Ist dem nicht der Fall, dann wird eine Nachzahlung fällig, sonst bekommt man die Geburtsurkunde nicht und kann nicht heiraten.

Ich bin wirklich schockiert, wie viele hier in diesem Forum leicht- und gutgläubig den Angaben der eritreischen Regierung und von Regierungsbefürwortern glauben und folgen. Bitte machen Sie nicht den Fehler, ein Regime zu unterstützen, nur weil es Ihrer politischen Ausrichtung nahesteht. Die Tatsache, dass Eritrea von seinen Bodenschätzen profitieren möchte, was ja tatsächlich sympathisch ist, sollte nicht von der Situation der Menschen dort ablenken. 

Bitte bedenken Sie, dass es für hier lebende Eritreaner, wie zum Beispiel dem Herr Paulus, sehr einfach ist, Menschenrechtsverletzungen in Eritrea zu bagatellisieren. Wir im Ausland leben gut, es sind all jene in Eritrea, die leiden und ihrer Perspektive beraubt werden. Wenn Herr Paulus das so toll und lobenswert findet, dann bitte ich ihn mit gutem Beispiel voranzugehen und sich selbst, seine Kinder (falls er denn welche hat) und Freunde freiwillig und unbegrenzt für den National Service in Eritrea zu melden. 

Ich möchte auch Ihnen, Herr Beltz, ganz entschieden widersprechen, wenn Sie die Verfolgung von einzelnen Religionsgemeinschaften in Eritrea mit der von Wehrdienstverweigerern früher in Deutschland gleichsetzen. In Eritrea werden bestimmte Christen (vglb. mit evangeliken Christen) verfolgt und erleben Repressalien, weil ihnen ihre Religion verbietet zu tanzen. Deswegen tanzen sie auch nicht an nationalen Feiertagen, und das toleriert das Regime nicht. 

@ Herr Paulus:
Es stimmt einfach nicht, dass in DEJ-Treffen nicht über Politik geredet wird. Schon die Organisation des Sawa Festivals ist Politik. Den Jugendlichen, die in Sawa waren wurde dort eine heile Welt vorgespielt, die es so dort nicht gibt. Dort lebende Menschen und Eritreer, die dort Verwandte haben, haben ganz klar bestätigt, dass es sich dabei um eine pure Propagandaaktion gehandelt hat. Die Jugendlichen haben auch nicht den Alltag kennengelernt, sie waren dort zu einem Fest. Um noch was anzumerken: auch die Ausrede es ginge um die Vermittlung von Kultur kann ich so nicht gelten lassen. Denn es ist schwer etwas vom Leben dort mitzubekommen, wenn man abwechselnd betrunken und verkatert ist. Und das war der Großteil der ausländischen Jugendlichen dort. Auch das weiss ich aus erster Hand.

Nun zu Ihren DEJ-Treffen: dort geht es natürlich um Politik. Ich habe von mehreren Teilnehmern  solcher Treffen gehört, dass sogar sehr aggressiv über Politik geredet wird. Tenor: Die Regierung ist toll und prima, und die böse Opposition ist einfach nur böse, neidisch und wird vom Erzfeind Äthiopien gesteuert. 

@alle: 
Ich versichere Ihnen, ich werde nicht von Äthiopien gesteuert. Neidisch und böse bin ich übrigens auch nicht, ich wüsste nicht auf was. 

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 10:52 Uhr
Ich sehe gerade, mir ist ein Fehler unterlaufen:
natürlich meinte ich Herr Haile statt Herr Paulus.

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 12:53 Uhr
@ Frau Weber

Bitte lesen Sie sich meinen Kommentar von heute (10:34 Uhr) nochmals durch.

Sie werden feststellen, dass ich, als Eritreer, der es ja Ihrer Ansicht ja wissen muss, alles was Herr Werner anführt bezeugen kann. Die 2% Steuer wird zum Beispiel vom größten Teil der eritreischen Diaspora nicht (!!!) freiwillig gezahlt.

Im Übrigen verbitte ich mir aufs Schärfste Ihre implizite Anschuldigung, dass ich gegen Geldleistungen die Unwahrheit sage. Das ist unsachlich und unwahr. Ich erhoffe mir, dass Sie, genauso wie es sich Herr Beltz in seinem Artikel von den Grünen wünscht, sich auf einer sachlichen Ebene mit mir auseinandersetzen. Es unterstreicht auch nicht gerade ihre Objektivität, wenn Sie sich nur auf Regierungsbefürworter beziehen und mich als einen Regime-Kritiker einfach ignorieren.

Zum Punkt der Bodenschätze: dass Eritrea von seinen Bodenschätzen profitieren möchte ist sehr sympathisch und verständlich. Doch sehr geehrte Frau Weber, das rechtfertigt keine Menschenrechtsverletzungen.

Sollten Sie das anders sehen, dann bitte ich Sie Ihr schönes Leben in Deutschland mit einem Militärdienstleistenden in Eritrea zu tauschen. Solange Sie ein Leben ohne jegliche Perspektive, mit harter körperlicher Arbeit und ohne Mitspracherecht über die Gestaltung dieses Lebens bevorzugen, kann ich Ihnen versprechen, dass Sie glücklich sein werden.

Ich hoffe sehr, dass eine sachliche Diskussion möglich ist.

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 13:40 Uhr
@ Herr Haile:

Ich habe diese Informationen von Teilnehmern der DEJ, daran kann ich nichts ändern. Klar, die Infos sind älter, genau wie auch das Sawa Festival vor längerer Zeit stattfand. Deswegen sind sie aber nicht weniger richtig.

Ich bestreite auch nicht, dass Sie vielleicht ganz gute Absichten haben mit dem Verein. Um auch mal was Positives zu sagen, ich finde es gut, dass Rezepte für eritreische Gerichte und das Alphabet von Ihnen online gestellt werden.

Doch mag dieser und die vielen anderen eritreischen Jugenvereine noch so gute Absichten haben, es ist und bleibt unbestreitbar, dass diese Vereine politisch ausgenutzt werden. Klar Kinder interessieren sich nicht für Geschichte, doch ich sehe die Gefahr, dass die Kinder, ohne dass sie es merken, indoktriniert werden. Wissen Sie was mich noch stört? In den eritreischen Jugendvereinen wird teilweise von den Jugendlichen Geld eingesammelt, mit der klaren Aufforderung, sie sollten auch ihren Teil für Eritrea spenden. Und das Herr Haile ist keine Erfindung von mir, das ist die traurige Wahrheit.

Herr Haile weiss es schon, doch ich möchte allen anderen klar machen, warum diese offene Face-to-Face- Diskussion, zu der Herr Haile einlädt nicht möglich ist:
Es ist ein trauriger Fakt, dass bestimmte Mitglieder der eritreischen Gemeinde sich dazu veranlasst sehen, jegliche Kritik an das Regime weiterzutragen. Hierbei ist wichtig festzuhalten, dass nicht jeder Regierungsbefürworter auch andere oppositionelle Eritreer denunziert. Es sind einige wenige, doch das reicht.

Die Folgen dieser Denunziation sind vielfältig. Das man nicht mehr sicher nach Eritrea reisen kann ist noch das geringste Problem. Die größte Angst, die man jedoch haben muss, ist dass die Familien der Kritiker in Eritrea Repressalien erleiden müssen.

Und Herr Haile, ich bitte Sie sich einfach mal nicht lustig darüber zu machen wie in Ihrem letzten Kommentar. Es ist kein Film, es ist die bittere Realität und es geht um echte Menschen.

Was sagen Sie denn zu den gut dokumentierten Menschenrechtsverletzungen der eritreischen Regierung? Was dazu, dass der Präsident sich seit über 20 Jahren weigert die Verfassung in Kraft treten zu lassen? Was zu dem Zwangs-Militärdienst in Sawa?

Alle Aktivitäten und auch die Festivals unterstützen ein diktatorisches Regime. Und es interessiert dabei nicht, ob es in erster Linie um den Spaß für die Jugendlichen geht. Jeder, der alt und reif genug ist, sollte sich bewusst sein, dass die Einnahmen (Gewinne) der Festivals und anderer Aktivitäten dazu verwendet werden das eritreische Regime zu stützen und an der Macht zu erhalten. Wenn dem nicht so wäre, dann wäre ich der Letzte, der Sie oder das Festival kritisiert.

Nahom Abram schrieb am 05.07.2012 um 14:48 Uhr
@ Herr Haile

Auch ich bin kein Mitglied einer oppositionellen Gruppierung. Das heißt, wir haben hier schon mal eine Gemeinsamkeit.

Ich werde Ihnen meine Fragen zur eritreischen Regierung gerne nochmals stellen. Ich habe keine amtliche Stellungnahme erbeten, ich habe Sie als Privatmann (oder nach Ihren eigenen Worten: Regierungsbefürworter) gefragt.

Ich finde es nur fair, dass Sie, wenn Sie Kritiker schon als Unruhestifter abstempeln, doch immerhin zu ihren Kritikpunkten Stellung nehmen.

Was sagen Sie zu den, von unabhängigen Organisationen, gut dokumentierten Menschenrechtsverletzungen der eritreischen Regierung? Was dazu, dass sich der Präsident seit über 20 Jahren weigert die Verfassung in Kraft zu setzen? Und was zu dem Zwangsmilitärdienst in Sawa, der faktisch unbegrenzt dauert?

Herr Haile, ich habe nichts gegen Sie persönlich, das klarzustellen ist mir wichtig. Auch ich verstehe mich auf einer privaten Ebene gut mit Regierungsbefürwortern. Doch ich finde diese politische Unterwanderung des eritreischen Lebens im Ausland durch die Regierung sehr bedenklich und gefährlich.

Es sollte jeden Eritreaner, egal ob pro oder contra der Regierung, nachdenklich machen, wenn die, die in Eritrea unter dem Regime leiden, fragen, warum die Exil-Eritreaner das Regime denn finanziell unterstützt.
In Eritrea können die Menschen nichts machen, außer flüchten. Und das tun sie zu tausenden. Doch all jene Eritreer im Ausland, können etwas tun. Und zwar die Regierung nicht zu unterstützen, ihr kein Geld mehr zu geben. Und auch keine Feste unter ihrer Leitung zu feiern, wie in Frankfurt oder Gießen.

Und, um Ihre Frage schonmal vorwegzunehmen, ich werde Ihnen in einem öffentlichen Forum ganz sicher nicht mitteilen, wer mir das gesagt hat.

Nahom Abram schrieb am 09.07.2012 um 11:04 Uhr
@  alle
Also ich möchte erstmal klarstellen, dass ich Gewalt ablehne, egal von welcher Seite sie kommt. Menschen, die denken sie müssten gewaltsam vorgehen, um entweder Aufmerksamkeit zu erhalten oder ihren Standpunkt durchzusetzen, schaden ihrer Sache auch nur.

@ Herr Adam
Sie machen es sich meiner Meinung nach zu leicht. Alle Widrigkeiten, die real herrschen (oder auch nicht) legitimisieren nicht das, was in Eritrea geschieht. Es geht nicht nur um eine Aufrechterhaltung der Alarmbereitschaft, die die Regierung mit dem National Service anstrebt. Es ist ganz einfach die Aussicht, gratis oder billig Arbeitskräfte zu beschäftigen. 

Ginge es nur darum die militärische Bereitschaft zu gewährleisten, dann würde es reichen, wie zum Beispiel lange Zeit in der BRD, eine ein- oder von mir aus auch zweijährige Wehrpflicht einzuführen. Diese könnte dann nach Beendigung der Schule abgeleistet werden. Nach dieser Wehrpflicht müssten alle jungen eritreischen Bürger jedoch die Möglichkeit haben, selbst zu bestimmen, wo und was sie studieren bzw. welchem Beruf sie ergreifen möchten.  

Doch dies ist nicht der Fall. Die Menschen dort haben die Wahl nicht, denn sie werden von der Regierung jahrelang und fast unbegrenzt als billige Arbeitskräfte missbraucht.

Und wie rechtfertigt die Geschichte, dass Afewerki bis jetzt an der Macht ist? Er sollte eigentlich nur eine Übergangslösung bis zu den ersten freien Wahlen sein, doch jetzt, über 20 Jahre später, regiert er immer noch und weigert sich die Verfassung zu bestätigen. Eine Regierung soll für Ihre Bürger da sein, doch in diesem Fall, ist die Regierung nur für sich selbst da. Afewerki hat seine Legitimität verloren. Ein Herrscher, dessen Bürger zu Tausenden fliehen und die sich dabei bewusst sind, dass die große Gefahr besteht, dass diese Reise tödlich endet, der kann sich nicht darauf berufen, das Beste für sein Volk zu wollen und zu sein.

Zum Thema Menschenrechte: auch hier argumentieren Sie mit der drohenden Gefahr durch Äthiopien. Doch selbst in dem Fall, wenn man dieses Szenario annimmt, ergibt sich mir nicht warum die eritreische Regierung das Recht haben sollte, Menschen nur deswegen einzusperren und zu bestrafen, weil sie aus religiöser Überzeugung nicht an einem nationalen Feiertag tanzen wollen/ dürfen. 

Die eritreische Regierung hat den Punkt schon überschritten, zu dem man bestimmte Einschränkungen zumindest nachvollziehen könnte. Es geht einzig und allein um den Machterhalt der Regierungspartei. Es gibt keinen Grund, warum die Sicherung der Alarmbereitschaft es gebietet, alle Kritiker des Regimes zu verfolgen, eine unabhängige und kritische Presse zu verhindern und die Menschen ihrer freien Berufswahl zu berauben. Auch lässt sich dadurch nicht erklären warum es nicht möglich sein sollte, dass die Bürger Eritreas ihre Regierung alle paar Jahre neu wählen. Afewerki ist bestimmt nicht der einzige Mensch, der in der Lage ist die Grenzen Eritreas (im Einklang mit dem Völkerrecht) zu schützen. 

Ich würde Ihnen weitergehend raten sich, bevor Sie andere Menschen als dumm verunglimpfen, etwas differenzierter mit der Thematik der Menschenrechte auseinanderzusetzen. Hierzu einen Überblick über den Menschenrechtskatalog der UNO, es ist wirklich interessant: http://www.un.org/depts/german/grunddok/ar217a3.html

Nahom Abram schrieb am 11.07.2012 um 00:11 Uhr
@ Herr Beltz und Herr Adam

Sagen Sie, mir stellt sich so langsam die Frage, ob Sie meine Beiträge absichtlich ignorieren oder wie es sonst sein kann, dass Sie Ihren Dialog unbeirrt fortsetzen. Das Paradies, von dem Sie, Herr Adam, erzählen und an das Sie, Herr Beltz anscheinend unbedingt glauben möchten, existiert so nicht.

Ein netter Abend oder Wochenende ändert nichts an der Realität in Eritrea. Doch da ich und damit jede sachlich vorgetragene Kritik augenscheinlich konsequent ignoriert werden soll verabschiede ich mich hermit aus der Diskussion.

Nahom Abram

offline
Interessensgebiet: Gießen
10
Nachricht senden