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AUSSENANSICHT Jobcenter, die Wirklichkeit

von Jenny Burgeram 11.10.20121433 mal gelesen3 Kommentare
Buseck | In der süddeutschen Zeitung war am 08.10.12 zu lesen:

Ende September wurde in einem Jobcenter in Neuss eine junge Mitarbeiterin erstochen - ein Arbeitssuchender hatte sie angegriffen. Die Kommentare in den Medien, in Internetforen oder Blogs suchten nach dem Tatmotiv; manche stellten die Jobcenter insgesamt infrage.

Was ich aus dem furchtbaren Ereignis im Jobcenter Neuss gelernt habe: Weder die Hartz-IV-Empfänger noch die Mitarbeiter in den Jobcentern haben eine Lobby. Im Sturm der Entrüstung wurden aus Hartz-IV-Empfängern potenzielle Gewalttäter, aus Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern bürokratische Monster, die andere Menschen demütigen und verdächtigen. Man müsse, so heißt es nun, eine Debatte über die zunehmende Verrohung des Umgangs in den Jobcentern führen.

Aha. Wissen jene, die so etwas schreiben, wie es in den Jobcentern tatsächlich aussieht, was dort passiert, welchen Umgangston man pflegt? Kennen sie einen unserer Kunden, haben sie mal ein Jobcenter besucht? Ich bin oft in Jobcentern, spreche mit den Mitarbeitern und suche auch den Kontakt zu den Kunden. Was ich erlebe, sind hochengagierte
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Kollegen, die täglich mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten, mit ihrer jeweils eigenen, manchmal schwierigen Biografie. Ich sage absichtlich: zusammenarbeiten. Es braucht gegenseitige Akzeptanz, Vertrauen, eine partnerschaftliche Basis, ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Strategie, wenn man erfolgreiche Integrationsarbeit leisten will. Für viele Kunden des Jobcenters sind die Kollegen häufig seit Langem die einzigen Ansprechpartner, die Einzigen, die ihnen zuhören, sich für ihr Leben interessieren, ihnen etwas abverlangen, ihnen noch etwas zutrauen. Egal, wie gut oder schlecht man das Hartz-IV-Gesetz findet: Noch nie in der deutschen Sozialgeschichte wurde so intensiv mit Menschen am Rande oder gar außerhalb der Gesellschaft an einer bessere Zukunft gearbeitet. Der Weg in Ausbildung und Beschäftigung kann sehr steinig sein, man braucht Geduld, Verständnis, einen langen Atem. Aber ich erlebe viele Menschen, die händeringend nach Arbeit suchen und darauf vertrauen, dass auf der anderen Seite des Schreibtisches jemand sitzt, der sie versteht, sie unterstützt, an sie glaubt und ihnen zur Seite steht. Wir sind nicht die Feinde unserer Kunden. Die Kunden sind nicht unsere Feinde. Die Heftigkeit, mit der in den vergangenen Tagen über die vermeintliche Realität in den Jobcentern diskutiert wurde, hat mich getroffen. Es hat mir auch gezeigt, dass gut sieben Jahre nach Einführung der Grundsicherung immer noch der gesellschaftliche Konsens darüber fehlt, dass für die Existenzsicherung in Deutschland ein sozialstaatlich zumindest akzeptables System entwickelt wurde.

Noch nie wurde in Deutschland mit Menschen am Rande so intensiv gearbeitet

Die Kollegen in den Jobcentern arbeiten nicht in der Schmuddelecke des Sozialstaates. Sie leisten einen wertvollen und wichtigen Beitrag zum sozialen Frieden im Land. Sie brauchen das gute Gefühl, dass ihre Arbeit akzeptiert und anerkannt wird. Unsere Kunden sind im Regelfall keine Abonnenten des Bundesgesetzblattes. Sie mögen sich gesellschaftlich deklassiert und arm vorkommen, sie mögen schlecht Deutsch sprechen, psychisch angeschlagen oder drogenabhängig sein. Sie haben aber ein feines Gespür dafür, ob unser soziales Netz von der Mehrheitsgesellschaft getragen wird oder nicht.

Wir wollen Menschen nicht dauerhaft alimentieren, sondern aktivieren. Wir wollen niemanden aufgeben, für jeden eine Idee entwickeln, jedem zeigen, dass es für ihn einen Platz in der Arbeitsgesellschaft gibt, mit ihm auf die Suche nach seinen Talenten und Chancen gehen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Hinzu kommt ein komplexes Leistungsrecht, orientiert an der typisch deutschen Leidenschaft, jedem Einzelfall gerecht zu werden. Es führt im Ergebnis dazu, dass die meisten Leistungsbezieher nicht in der Lage sind, die Berechnungen nachzuvollziehen. Anstatt zu würdigen, vor welcher herausfordernden Arbeit die Jobcenter stehen, wird eine Tragödie genutzt für eine scheinheilige Fundamentalkritik am „System Hartz IV". Es werden gesellschaftliche Verwerfungen angeprangert, ohne Hilfe oder gar Lösungen anzubieten. Man begibt sich lieber auf die Suche nach einem entschuldbaren Motiv für eine nicht zu entschuldigende Tat. Trittbrettfahrer bedrohen nun Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, entsprechend groß ist die Verunsicherung.

Es darf aber nicht sein, dass Angst das Tagesgeschäft in den Jobcentern bestimmt. In diesen Tagen werden viele Gespräche geführt. Die Kolleginnen und Kollegen sind aufgeschreckt. Die Tat in Neuss hat das Thema Sicherheit in den Jobcentern in den Blickpunkt gerückt. Ich nehme die Sicherheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr ernst. Es wird jedoch nie eine hundertprozentige Sicherheit geben, nie eine Garantie, die solche Taten dauerhaft ausschließt. Wir können uns nicht hinter Panzerglas verschanzen, die Jobcenter zu Hochsicherheitstrakten machen. Die Jobcenter müssen offene Häuser bleiben, indem wir uns den Menschen zuwenden.

Da wir ja gerne über Stigmatisierung reden: Wie stigmatisierend ist es, wenn wir in Jobcentern Zugangskontrollen wie auf Flughäfen oder Gerichtsgebäuden installieren? Stellen wir dann nicht jeden Hartz-IV-Empfänger unter den Verdacht, gewalttätig zu sein? Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem sich Behörden vor den Bürgern abschotten. Wir verstehen uns als Berater und Dienstleister für unsere Kunden, wir wollen das auch bleiben.

Das beste Mittel gegen Gewalt ist Kommunikation. Nach der tödlichen Tat schrieben viele Medien, dass die Gewalt in den Jobcentern zunähme, das Klima rauer werde. Welche Empirie liegt dieser Erkenntnis zugrunde? Wohin führt diese Dramatisierung? Journalisten sollten nicht herbeireden, was es (noch) nicht gibt. Denn noch sieht die Realität anders aus. Die Regel ist, dass bei mehr als 20 Millionen Kundenkontakten im Jahr die Gespräche in den Jobcentern fast ausnahmslos in einer Atmosphäre gegenseitigen Respekts stattfinden. Ja, vereinzelt gibt es verbale Attacken oder Handgreiflichkeiten. Menschen, die in die Jobcenter kommen, stehen oft mit dem Rücken zur Wand. Das wissen alle Mitarbeiter. Umso wichtiger ist es, ein Gefühl füreinander zu bekommen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Eine unabhängige Befragung von 80 000 Kunden pro Jahr zeigt, dass das nötige Vertrauen in die Arbeit der Jobcenter da ist. An dieser Erkenntnis werde ich festhalten. Und auch daran, dass wir mehr gesellschaftlichen Rückhalt für eine Aufgabe brauchen, die von Kommunen und Bundesagentur allein nicht zu bewältigen ist.
(von Heinrich Alt)

Etwaige Emotionen ausgeschlossen, sind diesen Worten wohl kaum noch etwas hinzuzufügen.

Kommentare zum Beitrag

Dieter Petersen
1.364
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 30.10.2012 um 15:29 Uhr
Ich war selber leider schon öfter Kunde in dieser Institution. Das Motiv der Übergriffe ist eigentlich klar. Es richtet sich nur gegen die Falschen. Die Leute dort machen bestimmt einen guten Job und sind nur Befehlsempfänger. D.h., sie haben die Bedingungen, Vorschriften und Vorgehensweisen nicht selbst bestimmt. Die "Kunden" sind eigentlich nicht Kunden, sondern Opfer. Ein Mensch der über längere Zeit durch Arbeitslosigkeit am Abgrund der Gesellschaft steht, hat irgendwann die Schnauze voll, immer nur ein Leben hinter dem Vorhang führen zu müssen. Alle Geschäfte sind nur noch beleuchtete Objekte, aber von ihm fast nicht mehr zu betreten. Soziale Kontakte brechen weg, weil der Weg in die Stammkneipe und das Essen gehen mit der Frau ausgeschlossen ist. Neid, kommt auf. Aus Neid wird Hass. Da er nicht nach Berlin laufen kann, weil ihn da sowieso keiner anhört, geht er dort hin, wo sein Lebensproblem "verwaltet wird". Der sonst normale Mensch rastet aus. Wir müssen nicht den Damen und Herren in der Arbeitsagentur schussfeste Westen anziehen und Kontrollen wie am Flughafen durchführen. Die Regierung muss endlich die staatlich verordnete soziale Ausgrenzung und versteckte Strafe mit dem Namen "Hartz IV" ersatzlos streichen. Natürlich in diesem Moment näher hinschauen, wenn jemand überhaupt nicht arbeiten will. Im Krimifestival Gießen 1012 habe ich als dritten Platz über genau diese Problematik eine Kurzgeschichte geschrieben. Ein ansonsten normaler Bürger rastet aus. Wird demnächst unter Krimifestival ins Netz gestellt. Mir fehlt bis heute eine Statistik, wieviel Menschen durch Hartz IV in das Verbrechen oder mit dem Strick an den Baum geschickt wurde. Die Bevölkerung würde erschrecken. Vielleicht sogar unser Berlin!
Jenny Burger
1.588
Jenny Burger aus Buseck schrieb am 30.10.2012 um 19:21 Uhr
Sicher treffen bei letzterem mehrere Faktoren zusammen, ein Kreislauf ohne Aussicht auf ein Ende scheint zu bestehen.
Die Mitarbeiter der Jobcenter versuchen mit allem was ihnen noch bleibt, einen guten Job zu machen. Und das ist heute leider nicht mehr so einfach.
So mancher Mitarbeiter scheint schier zu verzweifeln, kämpft gegen Windmühlen und bricht vielleicht dabei selbst weg.
Dieter Petersen
1.364
Dieter Petersen aus Gießen schrieb am 31.10.2012 um 14:43 Uhr
Mit den Jobs ist es wie mit den Lebensmittellieferungen in ein entlegenes Dorf in z. B. Somalia. Kommt der Lastwagen stürzen sich alle Hungernden drauf. Verteilen ist dann nicht mehr. Nur noch raffen. Wer nicht mehr anders kann, der holt sich das Essen mit Gewalt. Die Gewalt geht in diesem Fall gegen das Verteilpersonal, obwohl auch dem Täter bekannt ist, dass sie die Lebensmittel ja nur transportieren und nichts dafür können, dass die Leute hungern. Das Verteilpersonal ist in unserem Fall das Jobcenter. Was auch immer schlimmer wird, ist die Tatsache, dass z.B. bei Opel im Verkaufshaus ein amerikanischer Opel Astra mit Namen Chefrolet Cruze steht, der in Korea hergestell wird. Über die Opel Mitarbeiter in Deutschland wird diskutiert. Eine unendliche Geschichte. Das kann man immer weiter spinnen. Wenn wir bis 67 arbeiten sollen, werden 100.000 Menschen bis 66,9 Jahre ins Jobcenter rasen. Das möcht ich mir gar nicht vorstellen.
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Jenny Burger
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