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Ansichten zur Landesgartenschau

Buseck | Ansichten zur Landesgartenschau aus der Provinz.
Zugegeben, der Schreiber dieser Zeilen ist weder Landschafts- noch Stadtplaner und kein Giessener Bürger, wenn auch in Giessen geboren. Der tägliche Weg zum Arbeitsplatz führt durch die schöne Eichgärtenallee zur Innenstadt und ermöglicht so eine ständige Beobachtung von Flora und Fauna der Wieseckau und des Schwanenteichs.
Die kranke Kastanienallee, seit einem Jahrzehnt unbehandelt an der Rosskastanienminiermotte leidend, wird nun für die Landesgartenschau ein besonderes Gießener Lehrstück abgeben. Nach ihrem Erblühen im Jahr 2014 wird diese Kastanienallee übergangslos zum Frühsommer ein schön-morbides Herbstkleid zur Landesgartenschau tragen. Auf diesen punktgenauen Hype zur Blümchenschau können die „Planer“ besonders stolz sein. Den Gießener Gastgebern ist dieses Naturschauspiel keine Neuerung mehr. Dem aus Ignoranz und Geldmangel erzeugtem „Pflegerückstand“ eines Jahrzehnts wird die überschuldete Stadt als einmaliges Novum zur LGS präsentieren können. Die Bürgerschaft wird erst nach dem Event auf eine verkehrssicherheitsrechtlich begründete „Behandlung“ der Kastanienallee hoffen dürfen.
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Mit Kahlschlag, Sichtkorridoren, Palmcafe und Plattenbaubrücke über den Schwanenteich haben die Planer eine zweckmäßige und geistreiche Fortführung der für die Stadt so berühmten Elefantenklo-Architektur sichergestellt. Die LGS- Befürworter lassen hierzu schreiben: „Die neue Brücke - Ideal der Proportionen, die mit bewusst geringem Abstand über dem Wasser schwebende Brücke eröffnet auch hier einen sinnlichen Zugang zum kulturhistorisch bedeutsamen Schwanenteich. Darüber hinaus ist sie der Vermittler, im wörtlichen Sinn der ´Brückenschlag´ zwischen Tradition und Zukunft des Ortes“. Meine Gratulation!
Weiter heißt es dann: “Der Quellgarten besitzt genug Dominanz, um den ankommenden Besucher auf sich aufmerksam zu machen und zu empfangen, duckt sich dann aber auch so weit weg, dass es den Blick auf das Eigentliche nicht verstellt. Die Landschaftsarchitekten lassen keinen Zweifel aufkommen, wohin man sich wenden und worüber man staunen soll“. Wohl denen, die solch kostbare Eintagsfliegen trefflich zu beschreiben wissen. Sie verstehen es, die finanziellen Lasten der Bürgerschaft und deren Kindeskinder schmackhaft zu umschreiben. Soll heißen, ohne Quelle wird aus dem Quellgarten nach der LGS ein gesponsertes Geranienbeet. An einem Rückbau oder sinnhafter weiteren Nutzung ist aus Sparsamkeit nicht zu denken. Die Waschbetonschiffchen und vergammelten Bänke am Ludwigsplatz lassen grüßen.
Sicher findet sich auch ein Fast Food Konzern der das Palmcafe bestellt. Dieser könnte nach der Gartenschau seine Investition großzügig als Werbekampagne abschreiben und gleich dem Bad Nauheimer Muster, diese Gastronomie zur Abwicklung bringen. Oder ist das Konzept das den Geist beflügelt, mit Zufahrt, Parkplatz und dauerhafter Infrastruktur für Spiele, Abenteuer, Poesie und Träume nur noch nicht erkannt worden? Wir brauchen solche Orte der Zersiedelung um zu erkennen dass es keine Landschaften geben darf, ohne Leuchttürme der politischen Kompetenz.



Ebenso meine Bewunderung zur Ufergestaltung der Lahn im Bereich der Bootshausstrasse/Wissmarer Weg und dem Bahndammdurchstich an der Dammstraße. Hat es je eine andere Stadt geschafft die idyllische Anbindung zur Lahn so konsequent für ihre dort ansässigen Gartenbesitzer aufrecht zu erhalten?
Eine Umgestaltung als Uferpromenade für die Bevölkerung zu unterbinden, den Besitzenden ihre Kleinode zu erhalten ist eine beachtenswerte und einmalige Leistung der Giessener Obrigkeit. Gerne leben die Bürger in der Stadt mit ihrem Beinahmen „am Bahndamm“, wenn es um das Gewohnheitsrecht auf „Eigentum“ für nur wenige aber honorierte Altbürger oder Betuchte geht. Lobenswert hier, das über hundertjährig bestehende Bemühen der Stadtverantwortlichen diesen Teil der Bürgerschaft vor Eingriffe durch das Bundesrecht zu schützen. Zeigten diese Anlieger doch alljährlich zu Pfingsten genug Gemeinsinn für die sportlich interessierte Bürgerschaft und Jugend, um eine immerwährende „win-win-Situation“ am Gemeinwohl sicherzustellen. Wohlgemerkt, es geht hier nicht um Rückkauf oder Zwangsenteignung von Grundstücken wie zu dem anstehenden Brückenbau, sondern um Aufhebung der Okkupation des Uferstreifens, der Bundesbesitz der Wasserstraße-Lahn ist und damit Besitz aller Bürger.
Der politische Wille zum Bau einer Nord-Weststadt-Brücke über die Lahn, der den Blick über dieses Idyll für Fußgänger ermöglichen wird, ist ein seit Generationen getragener Beweis des Wunsches zur Gewährung von Teilhabe an einem Privileg, dass sich bisher nur Wassersportler mit Anliegern teilen konnten. Dieser städtebauliche Gedanke findet nach über fünfzig Jahren seine Umsetzung. Ein Hoch und Dank der LGS, die nun eine erwünschte Verbindung unter Gießener Bürgern und deren Stadtteile ermöglichen wird.
Sofort aber fragt der Pöbel dem Zeitgeist entsprechend: Ist hier eine Gelegenheit der Stadtverantwortlichen wahrgenommen worden, um vor einem kommunalen Rettungsschirm, noch einmal Investitionen für Generationen in nie gekanntem Ausmaß unter dem Deckmantel der Landesgartenscha anhäufen zu können? Wie die Gläubiger der Stadtkasse befriedigt werden, liegt dann in Verantwortung „höheren Orts“ und ebenso ihre Folgen. Spätestens wenn das Kulturrathaus hinter dem Bau des Kinocenter am Berlinerplatz optisch verschwunden ist, haben die Giessener Bürger ein politisches Schuldenfiasko weniger vor Augen und sehen mit Zuversicht griechische Verhältnisse in Gießen auf sich zukommen.
Wer möchte da mit einem Bürgerbegehren in seiner Arroganz gestört werden und sich zu Unzeiten nach einer Legitimation fragen lassen wollen? Sicher, zu solcher Gelegenheit sind Opfer vom Bürger zu bringen. Sollen Bürger ein Stadtparlament als knauserig gelten lassen, nur weil der ewig Gestrige und soziale Habenichts um seine Pfründe aus Steuergeldern und den daraus resultierenden „freiwilligen Ausgaben“ bangt? Zum Wohle von Wirtschaft, Natur und Menschen werden Investitionen mit Weitblick getätigt. Offensichtlich mag es keiner dieser Undankbaren glauben. Zu wünschen bleibt den politischen „Machern“ der LGS nebst ihrer Wählerschaft, weiterhin ein kurzlebiges Gedächtnis, gute Nerven und Glück bei der Abwehr von Bürgerbegehren. Das ehemalige Gießener Rathaus in der Ostanlage lehrt uns, spätestens alle dreißig Jahre kann neu und groß gewürfelt werden. Würfeln macht Spaß und ist leicht zu lernen, da man nur bis sechs zählen können muss. Und Spielschulden sind doch nur Ehrenschulden, oder?

Kommentare zum Beitrag

Michael Beltz
6.503
Michael Beltz aus Gießen schrieb am 02.04.2012 um 16:24 Uhr
Sehr guter Beitrag! Wir bleiben darn.
Christian Momberger
10.830
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 02.04.2012 um 17:40 Uhr
Ich schließe mich dem Lob meiner Vorredner an. Wirklich gelungener Text! Klasse.
Peter Herold
24.458
Peter Herold aus Gießen schrieb am 02.04.2012 um 18:29 Uhr
Der bisher beste Beitrag zur LaGa-show. Gratulation
Stefan Walther
3.933
Stefan Walther aus Linden schrieb am 02.04.2012 um 19:56 Uhr
Kompliment Andreas, und klasse, dass du dich jetzt hier auch angemeldet hast!
Birgit Hofmann-Scharf
9.634
Birgit Hofmann-Scharf aus Gießen schrieb am 02.04.2012 um 20:46 Uhr
Trotz der Länge des äußerst gut formulierten Berichtes -
bis zum Schluß unbedingt lesenswert !!
Danke und Kompliment in die "Provinz"
Dietmar Jürgens
1.224
Dietmar Jürgens aus Gießen schrieb am 02.04.2012 um 22:25 Uhr
Auch ich bin begeistert, zeigt mir der Artikel doch, dass die BI kein verwirrter Haufen ist, der allein gegen den Rest von Gießen kämpft. Über 4000 Stimmen für das Bürgerbegehren, mehr als 37% gegen die LAGA laut Umfrage des Gießener Anzeigers und jetzt dieser hervorragende Artikel haben das bewiesen und zeigen, die Stadt macht Politik gegen den Willen des Volkes und wider der Vernunft. Ein 'weiter so' darf es nicht geben.
Arnd Lepère
591
Arnd Lepère aus Gießen schrieb am 03.04.2012 um 18:29 Uhr
Toll und am allerbesten gefällt mir persönlich der zweite Teil. Hier kann ich wirklich nur noch sagen: Ja, genauso ist es! Leider!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Andreas Münnich

von:  Andreas Münnich

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