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Hessische Geschichte in Namibia er“fahren“

von Jörg Theimeram 08.11.20101461 mal gelesen1 Kommentar
Buseck | Hessische Geschichte in Namibia er“fahren“
„Wer hier nicht platt fährt, der hat vom Land nichts gesehen“
Projekt 2010 : Zweites Kapitel

Neben dem Dünenabenteuer, ist es auch bei diesem Projekt unser Hauptziel, Spuren hessischer Auswanderer und deren Nachfahren vor Ort zu finden, ja besser noch etwas über Hinterländer in Er“fahrung“ zu bringen (dazu mehr im letzten Kapitel). In diesem Land, das doppelt so groß ist, wie Deutschland, jedoch nur knapp über 2 Mio. Einwohner hat, sind die Nachfahren der deutschen Einwanderer mittlerweile politisch ohne Einfluss, aber als Fachleute und Manager sind sie sehr gefragt.
In diesem ausgesprochen friedlichen Afrikanischen Staat, dessen Bevölkerung zu 20 % mit Aids infiziert ist und der unter einer Arbeitslosigkeit von 45% leidet, bezeichnen sich die Nachfahren jener Auswanderer selbst nicht mehr als Deutsche, sondern als Südafrikaner deutscher Abstammung.

Die erste hessische Spur, die wir im Zuge unserer Heimatrecherche entdeckten, war die Deutsche Kolonialschule Witzenhausen an der Werra. Bis zum Jahr 1914 zog es von den 479 Schülern insgesamt 133 nach Südwestafrika.
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Namibia (97)
Divisionspfarrer Ernst Albert Fabarius, gründete 1901 die Kolonialschule. Ihr Wahlspruch lautete „Mit Gott für Deutschlands Ehr´- Daheim und überm Meer“. Ziel war es, „auserlesene Söhne und Töchter aus den tüchtigsten Kreisen des Volkes, von Landwirten, Beamten, Pfarrern, Ärzten, Lehrern, Kaufleuten und Offizieren“ zu selbständigen und auf Entbehrung eingestellte Kolonisatoren heranzuziehen. Witzenhausen sollte die Elite ausbilden, die befähigt war, „späterhin die wirtschaftliche und geistige Waisen-Import und Dienstmädchen-Anwerbung für Südwest von Golf

Führung unter der nachrückenden Aussiedlerbevölkerung zu übernehmen“. Obwohl von der Einstellung her teilweise sehr bedenklich, hat diese Institution doch viel Positives in der Vermittlung Ihres Wissens in den deutschen Kolonien bewirkt.

Direkt nach unserer Landung, übrigens ohne Zeitverschiebung, werden wir abgeholt und erreichen nach 30km auf der B1 Richtung Okahandja die Immanuel Wilderness Lodge. Hier empfängt uns Familie Hock, die übrigens aus Gießen stammt, herzlich von „Hesse zu Hesse“. Nachdem wir uns auch mit dem zahmen Springbock Felix und seinen beiden Spielgefährten, zwei jungen Straussen, bekannt gemacht haben und noch schnell die Temperatur von Pool
und Windhoek Lager überprüfen, bereiteten wir uns auf unsere erste Radtour in die Hauptstadt vor. Windhoek liegt auf ca. 1600m über dem Meeresspiegel, entsprechend anstrengend und ungewohnt sind die ersten 50 Radkilometer bei 30°C und sehr trockener Luft, die unsere Atemwege reizt und für unangenehm trockene Lippen sorgt.
Insgesamt legen wir in den nächsten Tagen knapp 300 Km mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 Km/h und ca.2.000 Höhenmeter, teilweise unter extremen Bedingungen, mit unseren Bikes zurück.
Mit unseren Offroadfahrzeugen werden es auf den Verbindungsetappen sogar 3.500 km sein.
Zum Abschluss des Tages erwartete uns ein erstklassiges, afrikanisches 3-Gänge Menü mit einem Kudusteak als Höhepunkt.
Denn hier kocht der Chef selbst.

Unser nächstes Ziel heißt Swakopmund. In der Küstenstadt sind wir auf zwei Rädern zunächst auf der Suche nach der „Africana“ Sammlung von Ferdinand Stich, die hier in der SAM-COHEN Bibliothek untergebracht sein soll. Mit 19 Jahren kam Stich aus Frankfurt am Main als Angestellter der Woermann-Linie nach Süd-West Afrika. Er wurde Buchhändler und eröffnete die erste Buchhandlung in Swakopmund. Warum man heute, nach seinem Tod, unter Buchfreunden, Bibliophilen und Forschern
noch mehr von diesem Buchhändler aus Leidenschaft“ spricht, als zu seinen Lebzeiten, ist der Entdeckung seiner Sammlung“ zu verdanken. Sie besteht aus 2050 Bänden mit einer Zeitungssammlung von 1898 bis heute, einer großen Sammlung historischer Fotos, Landkarten und Schriftstücken aus allen Wissensgebieten, die er in einem halben Jahrhundert
zusammengetragen hatte.

Am nächsten Tag geht’s wieder hinauf auf über 1600 über NN zur Hauptstadt Windhoek. Mit den Rädern zunächst zur Christuskirche mit der Gedenktafel aller im Aufstand 1904 gefallenen Deutschen. Anschließend posieren wir noch für ein Photo der Allgemeinen Deutschen Zeitung, die großes Interesse an unserem Projekt zeigt und mehrfach darüber berichten wird .

Nun sind die Straßenschilder mit den Namen, der aus Hessen stammenden Auswanderern Giess und Diehl unser erstes Ziel vor Ort, während
Uli eines von 6 Interviews im Radiosender der NBC u.a. auch für unseren Heimatsender hr 4 gibt.

Und schnell werden wir in der Nähe der Dinterstrasse/Olof Palme Str. in Klein Windhoek fündig. Vor uns das Straßenschild WILLI GIESS ST. Am 03. Juli 1998 - also noch zu seinen Lebzeiten – wurde diese Straße nach ihm benannt.

Heinrich Johann Wilhelm Giess, so sein vollständiger
Name, wurde am 21. Februar 1910, als Sohn des Bankprokuristen Wilhelm Giess und seiner Ehefrau Lilly Giess geb. Rückert in Frankfurt am Main geboren. Im Januar 1926 erfolgte die Auswanderung seiner Familie nach Südwestafrika, wo er sofort nach seiner Ankunft im Februar als Volontär auf einer Farm tätig war. Er machte sich mit seinen Kenntnissen weltweit einen Namen und galt schon zu Lebzeiten als Namibias botanische Koryphäe.
Die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, verlieh ihm deshalb am 07. November 1968 die große Linee Medaille in Silber.

Schon deutlich näher in Richtung Hinterland liegen die Wurzeln von Philipp Johannes Diehl (Diehl I). Er wurde am 18. Mai 1837 in Ehringshausen im Lahn- Dill- Kreis als Sohn von Konrad und Marie Katherine Diehl geb. Huttel geboren. Auch, die nach ihm benannte, Straße finden wir und das Straßenschild ist heute noch im „Dienst“.
1869 reiste er von Kapstadt mit dem Schiff zur Walfischbai und von dort mit dem Ochsenwagen zur Station Okjimbingue.
Geplagt wurde er von einem beidseitigen Augenleiden, ein Auge musste sogar ganz entfernt werden, ohne Narkose!
Missionar Diehl war bei den Hereros sehr beliebt, auch noch nach dem großen Aufstand von

1904, bei dem ein großer Teil des Stammes umkam. Er konnte die Herero nach dem Kriege wieder in seiner Gemeinde sammeln und wurde von ihnen „Mukonge Diehle“ genannt -Lehrer Diehl-. und das obwohl er nicht sehr redegewandt und sein Schreibstil einfach und klar waren. Am 24.März 1920 starb er am Wirkungsort seines Sohnes Wilhelm in Usako in Südwestafrika.
Das nächste Ziel heißt Etoshapfanne, ein auf deutsche Initiative hin entstandener Nationalpark in der Größe Hessens. Während der Anreise gönnen wir uns ein Stück Schwarzwälder Kirsch in der Bäckerei Karstensen in Otjiwarongo. Weiter geht’s dann über Tsumep. Hier in dem ehemaligen Bergbauzentrum wurde das deutsche Interesse an den Bodenschätzen dieses Landes geweckt. Noch heute bezeugt, das von Reinhard Balzer mitfinanzierte Museum, u.a. von der Bergbaugeschichte, die übrigens erst durch das Know How unserer Siegerländer Nachbarn möglich wurde.
Wenige Minuten bevor die Zufahrt geschlossen wird, erreichen wir das Tagesziel. Für alle Besucher dieses Landes ist dieser Naturpark ein MUSS.
Zwei Tage nehmen wir uns Zeit, um die unvergessliche afrikanische Tierwelt bildlich festzuhalten und fast hautnah zu erleben. Was zum Glück nicht ganz geschah, als
eines unserer Allradfahrzeuge ein Reifenschaden ereilte, genau dort, wo das Aussteigen strikt verboten ist und hungrige Löwen, Leoparden oder Schakale nur auf leichte Beute warten. Und so war ein formeleinsreifer Radwechsel angesagt. Aber alles ging gut.

Am 22. September ist wieder Geschichte angesagt und so brechen wir auf zu unserem nächsten Etappenziel, der“ Vingerklip Loge“. Auf uns wartet eine, von uralten Erosionslandschaften geprägte, unendliche Weite. Gegen Mittag erreichen wir, die mit Abstand am schönsten gelegene Lodge unserer Reise, die übrigens von den Südhessen Ingrid Techow und Ihrem Mann im Jahr 1983 gegründet wurde.

Wir holen unsere Räder aus den vor Staub schützenden B+W Koffern, denn die nächste heiße Spur wartet schon. Bei 40 ° Celsius und gnadenloser Sonne erreichen wir die Farm Umburo Ost. Würden wir einen Western drehen, dann hier. Jetzt spüren wir am eigenen Leib, wovor uns unser Reifensponsor gewarnt hatte. Einige nicht nur für Fahrradreifen besonders gefährliche Dornenarten hinterlassen blutige Spuren an Armen und im Gesicht. Alleine Harry fährt innerhalb von 15 Minuten drei Plattfüsse ein. „Wer keinen Platten hat, der hat nichts vom Land gesehen“ So der Originalton unserer Autovermietung Savanna Tours.
Denn wie beschrieben sind Reifenpannen hier in Afrika nicht nur für Fahrräder an der Tagesordnung.
Am besten bewährt hat sich für unsere Fahrradreifen eine Flüssigkeit, die man prophylaktisch in die Reifen füllt. „Doc Blue“ verschließt die unvermeidlichen Löcher sofort. Dies war die einzige von unserem Reifensponsor vorgegeben Reifenkombination, die ohne Plattfuß davon kam. Nach wenigen Kilometern erreichen wir die Gästefarm, auf der Stephanie und Hendrik Reitz auch Rinder und Araberpferde züchten. Sie empfangen uns mit einer Tasse Kaffee und Limonade. Und so erzählen die Beiden uns die Geschichte von Hendrik’s Vorfahren, zeigen uns die liebevoll in einer Blechschatulle aufbewahrten Bilder und sind sehr interessiert an unseren Recherchen.


Urgroßvater von Hendrik Reitz wanderte als Vierjähriger mit seinen Eltern im Jahre 1860 aus der Gegend um Darmstadt aus. Wie sein Vater Wilhelm Reitz soll er aus Oberbeisheim bei Darmstadt stammen. Mit dem Schiff „Alfred“ kam er damals nach Südafrika und lebte zunächst im Norden von Kapstadt. Über Südafrika erreichte die Familie dann Südwestafrika. Er hatte vier Kinder: Karl, Justus, Christina und Wilhelm. Großvater Hendrik gründete die Farm Omburo-Ost im Jahre 1928, sein Grab ist in Outjo. Nach unserer Rückreise werden wir unsere Heimatgenealogen auf diese Fährte lenken, da der Name Reitz seinen Ursprung oft im Breidenbacher Grund hat und das Hinterland ja zu dieser Zeit bekanntlich zu Hessen Darmstadt gehörte.

Stephanie beschreibt mit einem Satz die harte Realität der Farmer:
Man kann hier nicht nur von Luft und Liebe leben und man muss schon hart gestrickt sein und mit ländlichem Hintergrund, um hier bestehen zu können. Als Beispiel erzählt Sie uns, dass regelmäßig bei Vollmond eine Herde von Wüstenelefanten die Umzäunungen und Wasserstellen zerstört, deren Aufbau sehr mühsam ist.

Mattes stellt fest, heute Nacht ist Vollmond.

Deshalb machen wir uns zügig auf dem Heimweg, jedoch nicht ohne noch einen Abstecher zu der Vingerklip, auch Steinfinger genannt, zu machen. Ein ca.35 Meter hoher Konklomeratfels, wohl eine der spektakulärsten Felsformationen der Erde. Traumhafte Trails, aber leider auch mit vielen Dornen gespickt, begleiten uns im Abendlicht zur Vingerklip Lodge. Dort erleben wir bei Vollmond eine unglaubliche Afrikanische Nacht und beobachten beim schönsten Sternenhimmel der Erde das Wild an einer beleuchteten Wasserstelle.

Im letzen Kapitel unseres Reiseberichtes erzählen wir von einigen Überraschungen, denn widererwarten hatten die besten Spuren einen Hinterländer Ursprung.

Ausführlich werden wir dann, wie immer bei freiem Eintritt in zwei Präsentationen das Beste aus über 3000 Photos und Filmsequenzen in HD Qualität vorstellen. Bis dahin ist auch unser Begleitbuch mit Fotos, Film, Navigationsdaten und natürlich mit viel Geschichte fertig gestellt und macht diese außergewöhnliche Reise für Jedermann er“fahrbar“.

Mehr von und über uns finden Sie auf unserer Homepage: himobiker.de


Termine:

25.11. Steffenberg-Niedereisenhausen: Bürgerhaus, Beginn 19.30 Uhr

14.12. Herborn: Kulturscheune, Beginn 19.30 Uhr


Kommentare zum Beitrag

Sabine Glinke
5.280
Sabine Glinke aus Wettenberg schrieb am 09.11.2010 um 14:59 Uhr
Wer steckt denn hinter diesem Projekt? Es ist immer nur von "wir" die Rede, so dass der Artikel auf Nichteingeweihte ein bisschen wirr wirkt. Bekommen Sie das ein bisschen deutlicher hin?
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

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Herzlichst, Ihr(e) Jörg Theimer

von:  Jörg Theimer

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