Bürgerreporter berichten aus: Buseck | Überall | Ort wählen...

die letzte Station

wie pilze die aus dem Boden sprießen, unsere Alten werden immer mehr
wie pilze die aus dem Boden sprießen, unsere Alten werden immer mehr
Buseck | .

alles hat seine Ordnung hier


Die letzte Station


Sauber, ordentlich, akkurat, ein Hauch von "persönlich" liegt über dem Raum, aber es ist zweifelsohne, ein Krankenzimmer oder ein Zimmer, das wie ein solches aussieht.
Ein Krankenbett, bezogen mit hellblauer Bettwäsche auf weißem Krankenhauslaken, ein Galgen darüber, ein heller Schrank, ein Nachtisch, ein paar private Bilder an der Wand, Enkelkinder, Tochter, Sohn, alle eine glückliche und große Familie, mittendrin, immer die Oma, geliebt und meist weiß oder hell und schick gekleidet,
ein geblümter Sessel, ein quadratischer Tisch zum Essen, 2 Stühle gruppieren sich um ihn herum, der Fernsehtisch mit einem toten Bildschirm darauf. Sehr sauber wirkt alles.
Die letzte Station.
Muss ich nun für immer hier bleiben, fragt mich eine dünne Stimme.
Die Bewohnerin sitzt in ihrem geblümten Sessel, 3 Kissen stützen ihren Rücken und sie starrt genauso sauber, ordentlich, und akkurat gekleidet wie ihr Zimmer auf mich wirkt, ein wenig hilflos vor sich hin. Dazu fällt mir spontan ein:
Identität wählen steht über meinem E-Mail Programm bevor ich es aufrufe und ich überlege, hat man dort, auf der letzten Station noch eine eigene Identität, oder die schon längst abgegeben?

Mehr über...
sind die Bewohner wirklich glücklich? (1)AWO - Alten und Seniorenheime (1)
Vor dem großen hellen Fenster des Zimmers, ein wunderschöner, etwas verwilderter Garten, Laubblätter liegen nun bunt im Herbst auf dem Rasen, den niemand betritt, er ist, nur zum anschauen. Nur zum anschauen auch der Park, der als Gelände zum spazieren gehen rund um die Anstalt liegt.
Sollte der Patient, denn das bist du jetzt - von sich aus den Wunsch äußern - diesen zu betreten, wird er für ihn aufgeschlossen und du wirst fürsorglich begleitet.
Den Weg hoch, rund um das Gelände das im Sonnenschein liegt, herumgefahren und wieder nach einiger Zeit zurückgebracht. Dann liegt er wieder unbenutzt in trügerischer Ruhe den Vögeln und Insekten preisgegeben in seinem Schlaf.
- Betreten verboten - geschlossen - steht auf dem gelben quadratischen Schild am Eingang und wir dürfen nicht hinein.
Das muss so sein, höre ich an der Anmeldung, wäre der Park offen, würden ja Fremde und Dorfbewohner ihn ebenfalls betreten und benutzen wollen.
Was machen sie den ganzen Tag über, frage ich sie und sie meint, sie könne zwar, wenn sie es wollte, mit den anderen Bewohnern Kontakt haben, aber die wären alle alte Leute, die nicht mehr wüssten was sie wollten, das wiederum will sie nicht, ich war mein Leben lang für mich alleine, und das soll auch so bleiben. Letzte nachdrücklich ausgesprochene Worte aus einem traurigen Gesicht.

So fahren wir mit dem Handwägelchen, die von der Krankenkasse zur Verfügung gestellt werden, und der sauber und ordentlich gekleideten alten Dame zwischen seinen beschützenden Rädern den gepflasterten Weg zwischen AWO und ortsansässigen Geschäften eine Weile in der Sonne hin und her bis wir den Besuch wieder beenden.
Sie ist's ganz zufrieden erzählt sie und berichtet, dass sie allerdings ein wenig unglücklich über die Tatsache sei, nicht in ihrer eigenen Bettwäsche schlafen zu können.
Die haben sie mir alle weggenommen, der Satz taucht noch oft in ihren Erzählungen auf.
Dann zeigt sie uns den Inhalt ihres Kleiderschrankes.
Geblieben sind ihr 2 Jacken, 7 Blusen, 6 Hosen, ein wenig sauber gefaltete Unterwäsche, Schuhputzzeugs, 5 Paar Schuhe für den Alltag, ein warmer Schal, warme Handschuhe zum spazieren gehen könnt ich noch brauchen, sagt sie.
In der untersten Schublade ein paar Fotoordner, das ist das Letzte was ich noch von meinem Zuhause habe, dabei kamen ihr die Tränen.
Als wir kamen, saß sie in einem - vom normalen Raum zum umfunktionierten Speisezimmer und löffelte in Begleitung anderer still die Suppe in sich hinein.
Andere wurden gefüttert oder starrten bewegungslos vor sich hin.

Es ist nur ein kleines Heim, sagt man uns, damit wir auf die Patienten besser eingehen können, eher wohl deshalb, weil nicht mehr als 20 Zimmer vorhanden sind, denke ich leise vor mich hin.
Wir warten draußen in der Sonne und ich betrachte mir Aussicht und Lage.
Die linke Seite des Hauses führt zur Straße hin, LKW's und Autos donnern vorüber, es ist gesichtslos eingebettet in den Ortskern, nach hinten hinaus der kleine Park in dem Vögel leise zwitschern.
Das Haus, das merkt man, ist alt, ihm wurde ein neuer Anstrich verpasst, helle Möbel hineingestellt und zur Identitätslosen Einrichtung eingerichtet in der du zwar einem Namen hast, diesen aber nicht mehr benutzt weil du ihn irgendwann
( hoffentlich ) vergessen hast.
Er steht mit einer Nummer zum dich finden, an der Tür zu deinem kleinen Zimmer, damit ihn sich andere merken können.
Namen und Bilder im Gang an der Wand von glücklich lächelnden Patienten die ein Wägelchen vor sich herschieben, dazwischen, die Bilder der Pflegerinnen und des Heimleiters, ebenfalls lächelnd, ob sie glücklich sind, sieht man darauf nicht.
Schlag mich bitte mit dem Holzhammer tot, bevor du mich in ein Heim steckst, diese Worte, die mir meine Mutter schon vor 20 Jahren irgendwann einmal sagte, als wir von meiner Großmutter sprachen, die gehen mir durch den Kopf, während ich die Bewohnerin betrachte.
Die letzte Station.
Alles hat seine Ordnung hier bis zum Schluß.

© Angelface

Kommentare zum Beitrag

Sabine Haibach
106
Sabine Haibach aus Lich schrieb am 16.10.2010 um 19:15 Uhr
Sehr treffend beschrieben....
Genau so wirkt es jedes Mal auf mich, wenn wir von TierfreundLich e.V. unseren monatlichen Hundebesuch bei der AWO in Lollar machen. Wir besuchen das Heim nun mittlerweile seit über 3 Jahren, um ein bisschen Abwechslung in den Seniorenalltag zu bringen.
Man bleibt davon nicht unberührt....und ich fahre jedes Mal sehr nachdenklich heim und habe einiges zu verarbeiten.

Man begleitet die Bewohner durch die Regelmäßigkeit der Besuche ja ein bißchen, man erlebt ihre Freude mit, mal wieder einen Hund streicheln zu können. Die Freude über die Zuwendung, wenn sich jemand mit ihnen unterhält. Man erlebt aber auch im Laufe der Zeit den körperlichen Verfall und auch den geistigen Abbau. Da man seine "Lieblinge" unter den Bewohnern hat, trifft einen das auch.
Oder wenn der eine oder andere auf einmal fehlt und neue Gesichter auftauchen. Man weiß genau, wie es zu diesem Wechsel kam......
Man erlebt Geburtstagsfeiern mit. Erlebt, wie dem/der hochbetagten Jubilar/in, meist teilnahmslos per Gurten im Rollstuhl fixiert, gratuliert und noch viele weitere Jahre mit Gesundheit gewünscht wird. Ohne Worte.....

All das beschäftigt einen anschließend....die Gedanken wandern...

Und doch, um ein bisschen Freude zu bringen und die Freude in den Gesichtern dann auch zu sehen, gehen wir jeden Monat wieder hin....

http://www.tierfreund-lich.de/cms/der-verein/besuche-im-altenwohnheim.html

Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Vereine Hundebesuche in Senioreneinrichtungen anbieten würden. Und zwar regelmäßig, nicht nur sporadisch.
Immerhin können wir anschliessend wieder nach Hause gehen.....die Bewohner nicht.......
Angelika Petri
1.728
Angelika Petri aus Mücke schrieb am 16.10.2010 um 19:28 Uhr
Liebe sabine, danke für deine Antwort zu meinem Beitrag.
Ich hatte ja gehört dass "Tiere" im AWO in Lollar zugelassen sind, als MIT_ heimbewohner auch - fragte ich mich?
ich kann es mir in dieser Umgebung nicht vorstellen sich noch" ein Tier selbst zu halten" was ich ja in einem Beitrag hier auch schon beschrieb.
Ein Besuch mit Tieren um die Heimbewohner aufzumuntern und abzulenken von ihrem Alltag, der ziemlich düster und traurig trotz heller Wände und hübschen Möbeln erscheint, das Desinteresse oder die allgemein spürbare Interessenlosigkeit zu unterbrechen und Freude hineinzubringen ist ein wunderschönes Geschenk für die alten Senioren die manchmal vom Alter her gar nicht so alt erscheinen, aber anscheinend zunehmend in einen vor "sich hin Dämmerungszustand "verfallen.
Das zu sehen bedrückt doch sehr.
Was mich beim Besuch geradezu verstörte war die Unmöglichkeit an die frische Luft ( Balkon, Garten ) zu gehen...
ich kann mir nicht helfen, aber
irgendwie erschien mir die "Äußerlichkeit des Heimes eher für die Besucher und weniger für die Heimbewohner angedacht.
Sabine Haibach
106
Sabine Haibach aus Lich schrieb am 16.10.2010 um 19:56 Uhr
Liebe Angelika, reden wir von demselben Heim...?
Es gibt ja in Lollar zwei Einrichtungen der AWO, wir besuchen das Heim im Holzmühlerweg, direkt am Waldrand liegend. Der Eingangsbereich ist ziemlich großflächig überdacht und dort stehen auch Stühle und Tische, die bei gutem Wetter auch immer stark frequentiert werden.
Der personelle Zeitmangel in der Altenpflege und in der Krankenpflege hält sich die Waage. Fakt ist, dass die Zuwendung zu kurz kommt und nur auf die "notwendigen" Maßnahmen beschränkt wird.
Wenn ich sehe, dass jemand ins Bett gebracht werden möchte und darauf warten muß, um so weniger hat das Personal Zeit für einen kurzen Spaziergang durch den Garten.

Tiere als Mitheimbewohner....das wäre natürlich schön, wenn man sein geliebtes Haustier mitnehmen könnte. Aber wer soll sich darum kümmern, wenn der Besitzer aus gesundheitlichen Gründen nicht dazu in der Lage ist...? Wer geht mit dem Hund Gassi...? Und wer macht das Katzenklo sauber...? Kümmert sich evtl. ein anderer Heimbewohner darum, kann das Anlass geben zu Streitigkeiten und Streitigkeiten gibt es unter den Heimbewohnern so auch schon genügend. Wie überall eben, wenn man auf engstem Raum zusammenlebt. Dazu kommt noch oft die altersgemäße mangelnde Einsicht und fehlende Bereitschaft zum Einlenken.
Angelika Petri
1.728
Angelika Petri aus Mücke schrieb am 16.10.2010 um 20:13 Uhr
Liebe Sabine, nein, wir reden nicht vom selben Heim, die AWO's sind überall gleich eingerichtet, ich war in einem hinter Heuchelheim in Biebertal.
ich denke an der Einrichtung selbst gibt es auch nichts zu bemängeln, auch hier in diesem gibt es einen Garten hinter dem Haus, der Zugang dazu allerdings ist meist versperrt und müsste extra angefordert werden und ich kann verstehen, dass das sehr lästig auch für die Bewohner ist, jedes Mal wenn sie frische Luft auch nur im Garten schnuppern wollen, den Schlüssel dafür oder Begleitung anzufordern und dies deshalb irgendwann angefangen haben es zu unterlassen.
Selbstverständlichkeiten einer privaten Wohnung sind dort Extras.
Deshalb wahrscheinlich auch keine Balkons.
Nur der Preis stimmt.
was die Tiere angeht, hörte ich - gäbe es Heime, in die man tatsächlich sein Tier mitnehmen kann, oder es ist wohl geplant dies einzurichten oder zu erwägen, gerade darum weil Tiere so hilfreich zur Kommunikation sind - wie beispielsweise seinen Vogel oder seine Katze, doch dort oder in ähnlichen Einrichtungen kann ich mir das mit all der anfallenden Mehrbelastung (Katzenkloentsorgung, Futter ect.) nicht vorstellen!
Sabine Haibach
106
Sabine Haibach aus Lich schrieb am 16.10.2010 um 20:43 Uhr
Vielleicht wäre das ja mal ein Denkanstoß für ehrenamtliche Tierschutzarbeit....sich um tierische Mitbewohner in Senioreneinrichtungen zu kümmern...alles, was eben da so anfällt....für jemanden der vor/im Ort lebt....
Angelika Petri
1.728
Angelika Petri aus Mücke schrieb am 20.10.2010 um 12:12 Uhr
liebe sabine,
ich habe lange über deine letzten Worte zum Beitrag nachgedacht und denke...
es wird sehr schwierig sein, jemanden dafür zuverlässig auf Dauer zu interessieren!
Wohl mag es sein, dass sich jemand dafür fände wenn man es am Anschlagbrett publik machen würde, doch ob es auf Dauer wäre, und oder auch wirklich zuverlässig - ist noch die Frage, und was geschieht dann mit den Tieren und deren Versorgung und Handhabung?
wer springt dann ein?
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
Auf www.giessener-zeitung.de kann jeder aus seinem Ort berichten. Lokaler geht's nicht!

Mitmachen ist ganz einfach und alles ist kostenlos: Gleich registrieren und los geht's!

Herzlichst, Ihr(e) Angelika Petri

von:  Angelika Petri

offline
Interessensgebiet: Mücke
Angelika Petri
1.728
Nachricht senden
Aktuellste Beiträge des Autors:
Gewandwechsel vom Normalbürger zum Schauspieler
Sommerspektakel in Bobenhausen 2
Im Sommer findet statt was im Winter keinen Platz hat. Den...
ein Sommersonnenmontag
wenn ich schreibe bin ich ganz bei mir und niemand kann mich...

Weitere Beiträge aus der Region

Nil-, Grau- und Kanadagänse haben sich arrangiert
Sonntag an Schwanenteich und Lahn
Nach dem Regen am Samstag war am Sonntag ideales Radelwetter für eine...

Dieser Beitrag als Banner

Um diesen Beitrag als Banner auf deine eigene Homepage einzubinden, kopiere einfach folgenden Link und füge diesen Code in deiner Homepage ein.
Link:
Übrigens: unter "Meine Seite" findest du auch einen Banner zum Einbinden der letzten Beiträge, die du selbst verfasst hast.