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Bierflaschen im Wandel der Zeit !

von Jörg Theimeram 02.05.20103235 mal gelesen1 Kommentar
Buseck | Noch im 19. Jahrhundert trank man das Bier, frisch gezapft vom Fass, fast ausschließlich in den zahlreichen Gastwirtschaften. Kleinere Mengen für den heimischen Trunk wurden in Tonkrüge oder Kannen gefüllt und mit einem Stöpsel aus Kork verschlossen. Als jedoch immer mehr Bürger den edlen Gerstensft nicht nur in der Wirtschaft genießen wollten, begannen die Brauer und Gastwirte das Bier in Glasflaschen abzufüllen und auch "über die Gasse" zu verkaufen. In den Hausfluren mancher alter Gastwirtschaften kann man heute noch ein kleines Fenster mit einer Klingel und der Aufschrift "Gassenschänke" finden, durch das der Wirt das Flaschenbier vom Schankraum aus dem Kunden verkaufte. Supermärkte oder Getränkegroßmärkte gab es damals noch nicht. Als Vorläufer der heutigen Getränkemärkte könnte man vielleicht die, in den einzelnen Stadtteilen in unmittelbarer Nähe des Verbrauchers entstandenen, Flaschenbierhandlungen bezeichnen, die dem heimischen Zecher das Bier, auch im Sinne des Wortes, näher brachten. Wie wichtig das Thema Flaschenbier in dieser Zeit wurde, dokumentiert sich in der Tatsache, dass der spätere Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann (* 10. 05. 1878, † 03. 10. 1929) im Jahre 1900 seine Doktorarbeit über dieses Thema ("Das Wachstum der Berliner Flaschenbier-Industrie") schrieb.
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Mit der Einführung der Bierflasche schlug auch die Stunde der Erfinder von Flaschenverschlüssen. Im Jahre 1875 erfand der Berliner Carl Dietrich den Bügelverschluss und leitete mit seinem Gang zum Patentamt die Entwicklung des Bierflaschenverschlusses ein. Sein Bügelverschluss war ein in der Mitte durchbohrter Stopfen aus Zinnguss, den ein schirmförmiges Stück Gummi zur Abdichtung umgab. Ein Drahtbügel sorgte für festen Halt am oberen Ende des Flaschenhalses und stellte somit eine optimale Lösung dar. Es entstanden die ersten Flaschenverschlussfabriken und der ursprüngliche Stopfen aus Zinnguss wurde bald durch einen Stopfen aus Porzellan ersetzt. Die Brauer, Bierverleger und Gastwirte bekamen aber auch bald Probleme mit der neuen Bierflasche. Der Verbraucher fand die Flaschen mit dem praktischen Bügel so attraktiv, dass er sie nicht mehr zurückgab, sondern für eigene Abfüllzwecke verwendete. Erst das im Jahre 1911 eingeführte Pfandrecht entschärfte die Situation und lenkte die Rückgabe der Flaschen in geordnete Bahnen.


Obwohl auch Kugel-, Schraub-,
Stöpsel- und Siegelverschlüsse in der Anfangszeit der Bierflasche auf den Markt kamen, blieb die Erfindung Carl Dietrich's (zumindest in Deutschland) der klassische Verschluss für Bierflaschen bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erst die Einführung der genormten "Euroflasche" mit Kronenkorkenverschluss, die eine rationellere Abfüllung mit modernen Abfüllanlagen und damit auch eine deutliche Kostenersparnis ermöglichte, verdrängte die klassische Bügelverschlussflasche (zunächst) fast vollständig vom Markt.
Der Kronenkorken, der im Zuge der Abfüllautomatisierung und der damit verbundenen Senkung der Abfüllkosten den klassischen Bügelverschluss bis auf ganz wenige Ausnahmen vollständig ersetzte, ist jedoch keineswegs eine moderne Erfindung. Bereits im Jahre 1892 meldete der US-Amerikaner William Painter (* 1838, † 1906) in Baltimore (Bundesstaat Maryland) ein Patent auf kreisrunde, kronenförmig gestanzte Metallplättchen zum Verschließen von Flaschen an. Der Kronenkorken war geboren. Im Jahre 1898 entwickelte er außerdem eine zu diesem neuen Flaschenverschluss passende Maschine mit Fußantrieb. Ein Arbeiter konnte mit dieser Maschine 24 Flaschen pro Minute mit dem Kronenkorken verschließen. Es brauchte jedoch über
60 Jahre bis Anfang der 1970er Jahre Painter's Erfindung sich auch in Deutschland durchsetzte und den herkömmlichen Bügelverschluss für Bier- und Limonadenflaschen ablöste. Die Bügelflaschen verschwanden langsam aber sicher vom Markt. Die Form des Kronenkorkens blieb seit seiner Erfindung fast unverändert. Die ursprünglich 24 Zacken wurden auf 21 reduziert, weil damit der Druck beim Verschließen gleichmäßiger verteilt wird. Auch wurde die anfänglich zur Dichtung in den Kronenkorken eingeklebte Korkscheibe durch eine PVC-Kunststoffscheibe ersetzt. Mit steigendem Umweltbewusstseins in den 1980er Jahren wurden jedoch PVC-freie Granulate entwickelt. Heute wird als Dichtmasse für den Kronenkorken ausschließlich der (PVC-freie) Kunststoff Polyethylen verwendet. Erst in jüngster Zeit kann man in Deutschland zwei neue Varianten des Kronenkorkens beobachten. Den Kronenkorken zum Drehen («Twister») und sogenannte «Pull-Off-Verschlüsse» zum Abziehen.


Die zunehmende Globalisierung, die Einführung des (T)Euros und das Bestreben der Brüsseler EU-Bürokraten eine uniforme europäische Gesellschaft zu verwirklichen, hat in den letzten Jahren in Deutschland eine Nostalgiewelle entstehen lassen, die von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung getragen wird. Dieser Trend hat auch dazu geführt, dass die klassische Bierflasche mit Bügelverschluss eine Renaissance erlebt. Jahrzehntelang (fast) völlig vom Markt verschwunden, füllen heute deutsche Brauereien mindestens eine Sorte ihres Bieres wieder in die traditionelle Bügelflasche ab - Tendenz steigend! Die Kronenkorken-, Schraub- und Pull-Off-Verschlüsse befinden sich auf dem Rückzug.
Und das ist gut so - denn Tradition ist Heimat und Heimat ist Tradition.
Bier braucht Heimat.

http://www.braufranken.de/html/bkabfuellen.html

 
 
 
 
 
 
 

Kommentare zum Beitrag

Christian Momberger
10.830
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 02.05.2010 um 10:19 Uhr
Ein sehr interessanter Bericht!
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Jörg Theimer

von:  Jörg Theimer

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