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Kurz vor der Premiere
Kurz vor der Premiere
Buseck | Da stehe ich nun auf der Bühne. Höchste Konzentration. Gleich hebt sich der Vorhang und die Premiere beginnt.

Doch wie bin ich bloß hierher gekommen?

Alles fing mit einer unbedachten Äußerung an. Mein Kollege, der schon seit 10 Jahren immer wieder als Statist am Stadttheater in verschiedenen Stücken zu sehen war, erwähnte, dass in der neuen Spielzeit "Romeo und Julia" von William Shakespeare auf dem Spielplan steht und bald die Proben für die Statisten beginnen. Leider herrschte "Frauenmangel". "Na, so ein bisschen im Hintergrund rumstehen würde ich mir schon zutrauen", meinte ich, und auswendig lernen könnte ich auch ganz gut. Doch ein paar Tage später hatte ich auf einmal eine E-Mail mit dem Textbuch und den Proben- und Vorstellungsterminen. Ups.

Es sich mal anzuschauen, könnte interessant sein, dachte ich mir, und ging im Oktober zur ersten Probe. Diese fand auf der Probebühne im City-Center (über C&A) statt. Es ging ohne lange Vorrede direkt rein in die erste Szene. Wider Erwarten standen wir Statisten nicht nur herum. Wir hatten recht viel Text, den wir teils im Chor, teils einzeln sprechen sollten. Ehe ich wusste, wie mir geschah, bekam ich durch Regisseurin Katrin Hentschel schon ein paar Zeilen zugeteilt. Ich kam gar nicht mehr dazu, zu sagen, dass ich mir das Ganze eigentlich nur mal anschauen wollte...

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Zwei Abende pro Woche waren nun durch Proben verplant. Zunächst konnten wir den Text noch ablesen, doch dann hieß es auswendig lernen und alle Regieanweisungen im Kopf behalten.
Wann muss ich auftreten? Wo stehe ich? Wem wende ich mich zu? Wo sind die Pausen? Sprechen wir laut, drohend, neckend?
Nach und nach nahm das Stück Formen an: Am Anfang hatten wir unsere Szenen allein geprobt, nun kamen auch die Schauspielerinnen und Schauspieler dazu.
Texte wurden gestrichen, hinzugefügt oder umformuliert. Immer mehr kristallisierte sich auch heraus, dass es nicht nur um den Streit zwischen den verfeindeten Familien Capulet und Montague gehen sollte, sondern auch um den Geschlechterkampf Frauen gegen Männer. Gar nicht so einfach, sich zu dritt gegen neun Männer zu behaupten!

Als uns die Kostüme gezeigt wurden, hätte ich beinahe doch noch einen Rückzieher gemacht: Diese Radleroutfits waren nicht nur für das Publikum gewöhnungsbedürftig! Insbesondere mit den Radlerhosen konnte ich mich schwer anfreunden. Doch inzwischen machte es mir am Theater so viel Spaß, dass ich auch nicht mehr aufhören wollte.

Zum 1. Mal im Kostüm...
Zum 1. Mal im Kostüm...
Anfang November fanden die Proben dann auf der großen Bühne statt. Je näher die Premiere rückte, um so aufgeregter wurde ich. Wie sollte das bloß alles rechtzeitig funktionieren?

Und wie würde das Publikum die ungewöhnliche Inszenierung aufnehmen? Schließlich hatten wir mit dem Text "Die Fremden" und Julias Lied zwei Passagen, die zwar von Shakespeare, aber nicht Bestandtteil von "Romeo und Julia" waren.

Thomas Seher vertonte einen Liedtext aus Shakespeares "Twelfth Night (Was ihr wollt)" und machte ihn zu einem wahren Ohrwurm, den wir tagelang vor uns hinsummten. Übrigens wird unser Stück auch am Dreikönigsabend aufgeführt, wie passend ;-)

In der Woche vor der Premiere probten wir täglich; und ab Mitte der Woche wurde jeweils das ganze Stück komplett durchgespielt. Für uns Statisten die einzige Gelegenheit, uns zwischendurch in den Zuschauerraum zu setzen und die Szenen, in denen wir nicht vorkommen, anzuschauen.

Auch der Einblick hinter die Kulissen war sehr interessant. Wie schafft man es z. B., dass Luftballons und Papierflocken im richtigen Moment zu Boden schweben oder Julia durch die Luft fliegt? Wie funktioniert das schnelle Umziehen zwischen den Szenen? Da greifen sehr viele Abläufe ineinander und jeder Handgriff muss sitzen!

Kleine Geschenke zur Premiere bringen Glück
Kleine Geschenke zur Premiere bringen Glück
Bei der Hauptprobe 2 passierte mir dann ein totaler Blackout. Zwar kannte ich meinen Text seit Wochen auswendig, und ich wusste auch, dass ich dran war, doch die Worte waren weg. Totale Leere im Hirn! Für mich eine Ewigkeit, bis mir jemand aushalf. Hätte ich mal einfach in Richtung unserer Souffleuse Maria geschaut, die immer helfen kann, doch auch darauf kam ich nicht ;-)

Kurz vor der Premiere bekamen wir dann auch Maskentermine. Es herrschte Erleichterung, dass es bis auf geflochtene Zöpfe für die Männer und knallroten Lippenstift für die Frauen keine weiteren Anweisungen gab. So sind wir Statisten recht schnell fertig in der Maske und brauchen auch nach der Vorstellung nur ein paar Minuten zum Abschminken.
Trotzdem genieße ich die Zeit in der Maske, denn die Maskenbildnerinnen versetzen mich in meine Rolle und geben mir noch einen Schuss Selbstbewusstsein.

Zur Generalprobe durften wir Verwandte und Bekannte als Zuschauer einladen, die somit bei freiem Eintritt noch vor den Premierengästen das Stück auf den besten Plätzen sehen konnten.

Und dann die Premiere! Vorher gingen wir nochmal unsere Szenen durch. Nun musste alles klappen, denn auf dieser Vorstellung basierten die Kritiken.

Meine Premieren-Rose
Meine Premieren-Rose
Vor der Premiere wünschten sich alle Mitwirkenden toi, toi, toi und machten sich kleine Geschenke. Ein schöner Brauch, der ein bisschen auflockert, bevor es dann ernst wird.

Zu unserer großen Erleichterung lief die Premiere ganz wunderbar und wir erhielten viel Beifall.

Nach der Vorstellung zogen wir uns um und gingen ins Foyer des Theaters, wo alle Mitwirkenden von Intendantin Cathérine Miville eine rote Rose bekamen. Anschließend wechselten wir zur Premierenparty quer über den Berliner Platz ins Foyer der taT-Studiobühne. Bis in die frühen Morgenstunden feierten wir die gelungene Premiere. Leider bedeutete dies auch den Abschied von Gastregisseurin Katrin Hentschel, deren Arbeit mit der Premiere beendet war.

Inzwischen haben wir das Stück drei Mal gespielt und sind routinierter geworden. Andererseits liegen teilweise mehrere Wochen zwischen den Vorstellungsterminen, so dass wir uns zur "Auffrischung" jeweils eine Stunde vor Beginn mit unserer Regieassistentin Chrissi treffen und unsere Szenen durchgehen. Falls jemand zu einem Termin fehlt, muss auch sein Text neu verteilt werden.

Ich habe diesen Ausflug in die Theaterwelt sehr genossen. Es war eine intensive Zeit. Alle Profis des Stadttheaters haben uns immer als gleichwertige Kollegen behandelt und uns in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Sie verziehen uns sogar, wenn wir aus Versehen "danke" als Antwort aufs "Toi, toi, toi" sagten ;-)

Neugierig geworden? Vielleicht sehen wir uns bei einer der Vorstellungen bis zum Frühjahr 2019:

https://www.stadttheater-giessen.de/spielzeit/schauspiel/stueckansicht/romeo-und-julia.html


http://www.giessener-zeitung.de/giessen/beitrag/126708/stadttheater-giessen-zeigt-nicht-traditionelle-darstellung-von-romeo-und-julia/

Kurz vor der Premiere
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Zum 1. Mal im Kostüm...
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Kleine Geschenke zur Premiere bringen Glück
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Meine Premieren-Rose
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in der Garderobe 2
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Kommentare zum Beitrag

Bernd Zeun
10.934
Bernd Zeun aus Gießen schrieb am 16.12.2018 um 00:05 Uhr
Gut geschriebener Beitrag, bleibt zu hoffen, dass dafür das Radleroutfit behalten werden darf :-)
Otmar Busse
668
Otmar Busse aus Lahnau schrieb am 16.12.2018 um 09:44 Uhr
Man kann beim Lesen des Beitrages direkt die Anspannung und aber auch Erleichterung mitfühlen. Toll geschrieben!
Und vielleicht war es ja mehr als nur ein "Ausflug in die Theaterwelt". Wer weiß?
Irmtraut Gottschald
6.954
Irmtraut Gottschald aus Heuchelheim schrieb am 16.12.2018 um 21:21 Uhr
Da ich deiner Einladung zur Generalprobe gefolgt bin kann ich etwas mitreden. Du hast das super gemacht liebe Elke. Da der Orchestergraben abgedeckt ist konnte man dich schon sehr nah sehen und ich saß nicht in der ersten Reihe. Daß du ein Neuling bist
hat sicher niemand bemerkt. Weiter so.
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von:  Elke Jandrasits

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Interessensgebiet: Buseck
Elke Jandrasits
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