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Willkommen im biopolitischen Kapitalismus

Biebertal | Thesen zu Stress, Burn-out und Depression
Redaktion *prager frühling Magazin in prager frühling (18.06.2013)

Von Lanz bis Illner, von GEW bis Sportbund — alle reden vom Burn-out. Der Diskurs über soziale Erschöpfung ist gleichzeitig Modethema und Ausdruck des Unbehagens an der Gesellschaft. Die neoliberale Idee ist angetreten, das ganze Leben zu verwerten. Der Kapitalismus weitet sich auf die Gesamtheit der Lebensverhältnisse aus. Um zu kennzeichnen, wie der moderne Kapitalismus das Leben selbst (bios) durchdringt und unterwirft, ist von einem biopolitischen Regime auszugehen. Es beschränkt sich nicht darauf die Arbeitskraft der abhängig Beschäftigten auszubeuten, sondern umfasst zunehmend auch die kognitiven und affektiven Fähigkeiten der Individuen und greift auf ihre innersten Regungen zu. Durch Arbeitsverdichtung wird die Ausbeutungsquote erhöht, durch ständige Evaluation und Beobachtung soll Effizienz hergestellt werden. Produziert werden dabei widersprüchliche mithin nicht erfüllbare Ansprüche: Sei Unternehmer deiner Arbeitskraft: kreativ, inititiativ, kritikfähig. Investiere in dein Humankapital,
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aber sei authentisch. Sei emotional, aber immer freundlich. Sei vernetzt, aber konkurriere mit allen. Diese Beanspruchung überfordert und unterfordert gleichermaßen. In ihrer Widersprüchlichkeit ist das Scheitern der Individuen bereits angelegt. Die Unterforderung besteht in der Verkümmerung eines großen Teils unserer Fähigkeiten: Distanznahme, Rücksicht, Sein-Lassen, Verlieren-Können, Solidarisch-Sein. Diese Fähigkeiten lassen sich nicht mehr als Hobby pflegen, denn der vermeintliche „Freizeitpark Deutschland“ (Helmut Kohl) hat zugemacht: Auch wenn du gerade nicht arbeitest, sollst du dich „fit“ machen, in der Muckibude oder bei der Weiterqualifizierung. Die Trennung von Arbeit und Freizeit verschwimmt, der Hammer fällt nie und die digitale ständige Erreichbarkeit macht selbst aus der eigenen Wohnung ein Büro. Wir meinen: Es ist an der Zeit, dem Kapitalismus Stress zu machen.
Verrückte Verhältnisse: Mehr Zeit, mehr Stress

In den Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie schreibt ein gewisser Marx: „Gemeinschaftliche Produktion vorausgesetzt, bleibt die Zeitbestimmung natürlich wesentlich. Je weniger Zeit die Gesellschaft bedarf, um Weizen, Vieh etc. zu produzieren, desto mehr Zeit gewinnt sie zu anderer Produktion, materieller oder geistiger. Wie bei einem einzelnen Individuum hängt die Allseitigkeit ihrer Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab. Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf“ (Marx 1983, 89) . Der Stand der Produktivkraftentwicklung könnte also ein Mehr an Zeitwohlstand für alle hergeben – stünden die konkreten Machtverhältnisse und die kapitalistische Wirtschaftsweise dem nicht entgegen. Es gilt also den Konflitk zwischen Kapital und Arbeit in zeitgemäßer Form wiederzuentdecken. Im biopolitischen Kapitalismus erweitert sich der Klassenkampf zunehmend auf die Lebensbedingungen als Ganze und löst sich vom klassischen Konflikt der fordistischen Fabrik. Der Neoliberalismus ist nicht nur eine Art Kapital zu akkumulieren; er ist ein gesellschaftliches Regime, das eine bestimmte Selbstführung der Individuen nahelegt. Sie sollen sich selbst führen und die nach innen verlagerten Konflikte nun selbst moderieren. Der Neoliberalismus bringt damit scheinbar selbst die Existenz des Konflikts zum Verschwinden und ersetzt ihn durch die Forderung nach vordergründiger Identifikation. Die Anrufung lautet: Du bist Deutschland! Du bist dein Unternehmen! Trage den Pullover deiner Universität! Wer dann seinen Job oder sein Studium als Belastung erlebt, hat falsch gewählt oder das Selbst falsch gemanagt. Das muss dann mit Yogakurs, Wellnessbehandlung, Therapie und Prozac-Medikamentation wieder ins Lot gebracht werden. Das kann man machen, löst aber nicht das Problem. Stattdessen gilt: Konflikt statt Management.
Gestresste aller Länder, vereinigt euch!

Heute geht es darum, Solidarität neu zu organisieren. Und das Thema Stress bietet sich dazu durchaus an. Denn angesichts einer zunehmend fragmentierten Arbeitswelt ist fraglich, wo gemeinsame Erfahrungen liegen, die gemeinsames, kollektives Handeln ermöglichen. Zwischenzeitlich ist es eine geteilte Erfahrung, dass uns die neoliberale Arbeitswelt einfach fertig machen kann. Das gilt nicht nur für Leute in ordentlichen Lohnarbeitsverhältnissen, sondern vielleicht sogar noch mehr für prekäre Selbstständige, Projektarbeiter_innen und nicht zuletzt für diejenigen, die am Ende die brach liegende Reproduktionsarbeit – sei es formell oder informell – wegtragen müssen. Viel hängt davon ab, ob es gelingt, den eigenen Stress zum Stress der Anderen zu machen, den Widerspruch wieder von Innen, aus dem eigenen Selbst nach Außen zu verlegen. Wir meinen, dass es lohnt darüber nachzudenken, gemeinsames Handeln unterschiedlicher Gruppen darüber herzustellen, dass sie die Zumutungen der neoliberalen Arbeitswelt auf ihre Lebensverhältnisse (und nicht nur ihre formellen Arbeitsverhältnisse) zurückweisen.
Arbeitszeit runter ist etwas anderes als Löhne rauf

Alles läuft dabei darauf hinaus, dass der Kampf gegen Stress maßgeblich in die Forderung nach Verkürzung der Arbeitszeit und Neuverteilung von Produktions- und Reproduktionsarbeit mündet. Die Potentiale und Probleme dieser Forderung liegen auf der Hand. Das Potential besteht vor allem im kulturrevolutionären und herrschaftskritischen Moment. Denn die Forderung nach Verkürzung und Neuverteilung der gesellschaftlichen Arbeitszeit anerkennt, dass im Lohnarbeitsverhältnis über die Zeit der Einzelnen herrschaftlich disponiert wird – eine Zurückdrängung dieser Verfügungsgewalt (weniger davon) unterscheidet sich deshalb qualitativ von anderen Arten arbeitsbezogener Forderungen. Lohnerhöhungen etwa, so wichtig sie sind, sagen in der Tendenz: Mehr davon! Dieses Potential ist gleichzeitig das Problem der Forderung nach Arbeitszeitverkürzung, denn sie macht ein Umdenken erforderlich und eine Distanznahme von einem weiterhin lohnarbeitszentrierten Massenbewusstsein. Dort wo der spezifisch neoliberale Umbau der Arbeitswelt in die Krise gerät und gerade im Hinblick auf das überforderte unternehmerische Selbst sind Anknüpfungspunkte dafür zu finden, Einstiege in die Verkürzung und Neuverteilung der Arbeit anschlussfähig und plausibel zu machen. Diese sind nicht ausschließlich auf die kollektive Verkürzung der Wochenarbeitszeit reduzierbar (30 Stunden Woche!), sondern drücken sich auch in Projekten aus wie einem früheren Renteneintrittsalter, Lesetagen, bezahlten Sabbaticals und mehr (konfessionslosen) Feiertagen.
Gegen die hegemoniale Männlichkeit!

Arbeitszeitverkürzung enthält die Chance eine Neuverteilung von Produktions- und Reproduktionsarbeit denkbar zu machen. Die hegemoniale Männlichkeit der Arbeitswelt hat die Reproduktionsarbeit ins Private gedrängt, informalisiert und weiblich überschrieben. Eine Neuverteilung ist geboten, die unterschiedlichen Bereichen gesellschaftlicher Tätigkeit gleichermaßen zur Geltung verhelfen kann und sie aus ihrer Codierung als „männlich” und „weiblich” löst: Das ist der Sprengstoff für die Geschlechterverhältnisse, der im Kampf gegen Stress und für ein neues gesellschaftliches Zeitregime enthalten ist.



Der Text ist ein Auszug aus der Nummer 16 des prager frühling Magazin

Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.110
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 25.06.2013 um 19:03 Uhr
Wer soll mit diesem Artikel angesprochen werden?

Hausarzt - Nervenarzt - Psycholge - also die Fachleuten in den klassischen Reperaturbetrieben für die vom System kaputt gemachten Bürgern?

Schlichtweg vergessen: solange das hiesige Gesundheitssystem noch einigermassen finanziert werden kann, werden die doch nicht sagen "haut den Mist in die Tonne und ihr kennt das Burn-Out überhaupt nicht mehr". Denn jeder Mensch der zu ihnen kommt füllt (nicht zuerst, aber auch ..) ihren Geldbeutel.

Gewerkschaften, als Interessenvertreter der Arbeiter? Ja - die sind aber in der Regel dafür schon sensibilisiert.

Breite Masse der Bevölkerung? Ja und deswegen ist es gut, dass hier in der Online-Ausgabe der artikel steht.

Danke
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Mirko Düsterdieck

von:  Mirko Düsterdieck

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Mirko Düsterdieck
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