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Cyanotypie

Cyanotypie, 24x36cm, auf Hahnemühle Tiepolo Aquarell rau   © Andreas Reh
Cyanotypie, 24x36cm, auf Hahnemühle Tiepolo Aquarell rau © Andreas Reh
Biebertal | Nein, das ist keine schlimme Krankheit sondern ein fotografisches Edeldruckverfahren aus dem Jahre 1842. Ich bin seinem Charme erlegen, höchstauflösende digitale Bilder standesgemäss in die fast vergessene analoge Welt zurückgeführt, das hat was! Endlich wieder nasse Hände beim Puddeln in der Fotoschale und natürlich der magische Moment, wenn die Bilder im "Entwicklerbad" wie von Geisterhand erscheinen. Genau das ist es, was mir in den letzten 10 Jahren beim "Photoshopping" gefehlt hat!

Ich möchte hiermit eine kleine Anregung geben, mehr aus digitalen Bildern zu machen , als nur Datenmüll auf unseren Festplatten!

Cyanotopie ist ein historisches fotografisches Edeldruckverfahren, welches monochrome Bilder in typisch blauen Farbtönen hervorbringt. Hierbei handelt es sich nicht Drucke im herkömmlichen Sinn, sondern um handwerklich Unikate, die mit lichtempfindlicher Chemie per Kontaktnegativ und Belichtung hergestellt werden.

Die Geschichte:
Im Jahr 1842 entwickelte der englische Naturwissenschaftler Sir John Herschel die Cyanotypie zur Herstellung von dauerhaften fotografischen Bildern. Es beruht auf
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Fotokunst (6)fotografie (192)Cyanotypie (1)Andreas Reh (10)
der Basis von Eisensalzen und nicht auf Silber, welches sonst bei der herkömmlichen Herstellung von Photoabzügen verwendet wurde. Anna Atkins, eine befreundete britische Naturwissenschaftlerin, machte diese fotografische Technik ab anno 1850 durch ihre Bücher bekannt, in denen sie Farne und andere Pflanzen durch Auflegen auf sensibilisiertem Papier dokumentierte. Sie gilt durch diese frühe Anwendung als erste Fotografin. Die Belichtung erfolgte zu damaliger Zeit mit Sonnenlicht, deshalb wurde die Technik auch Sonnendruck genannt.

Der Prozess:
Die Cyanotypie nutzt die Lichtempfindlichkeit einiger Eisensalze aus, die unter UV-Lichteinstrahlung wasserunlösliche Kristalle bilden.
1. Eine lichtempfindliche Lösung mit Ammoniumeisen(III)-citrat* und rotem Blutlaugensalz als Bestandteile wird auf einem saugfähigen Bildträger (Aquarellpapier, Holz, Stoff) aufgebracht
2. Nach der Trocknung wird ein Kontaktnegativfilm darauf gelegt
3. Das Negativ wird mit einer UV-Lichtquelle (Sonne, Solarium) belichtet
4. Anschließend wird der Bildträger gewässert, die belichteten und dadurch chemisch umgewandelten Eisen(II)-Kristalle bleiben in der Unterlage haften und erzeugen ein Bild in der Farbe „Berliner Blau“.
5. Je nach Belieben erfolgt nach ausreichender Trocknung der so entstandenen Cyanotypie eine Tonung in schwacher Gerbsäurelösung (Tee, Kaffee, Tanninsäure, etc.)
6. Eine weitere Veredelung der so entstandenen Bilder durch gezieltes Kolorieren mit Aquarellfarben ist problemlos möglich.
* Die bei der klassischen Cyanotypie verwendeten Chemikalien sind bei fachgerechter Anwendung nicht giftig

Cyanotypien sind über Jahrhunderte haltbar, vorausgesetzt sie werden bei der Lagerung nicht mit alkalischen Substanzen in Verbindung gebracht. Die Bilder aus der Zeit um 1850 sind bis heute in gutem Zustand erhalten geblieben. Die getonten Bilder übertreffen die blauen Cyanotypien im Bezug auf Archivfestigkeit noch einmal deutlich, da bei der Tonung das Eisenblau chemisch in braunschwarze Eisengallustinte umgewandelt wird, eine überaus archivfeste Substanz welche Jahrtausende überdauern kann.

Bilder auf diese Weise zu erstellen ist durchaus sehr aufwändig aber grundsätzlich nicht schwer. Die Arbeitsweise, das Timing und die verwendeten Zutaten und Mischungsverhältnisse beeinflussen maßgeblich das Aussehen und den Charakter der fertigen Bilder. Das macht die entstandenen Werke letztendlich zu exklusiven Unikaten mit persönlicher Handschrift.

Andreas Reh

Weiterführende Links:

http://edeldruck.blogspot.com/

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Kommentare zum Beitrag

Hugo Gerhardt
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Hugo Gerhardt aus Gießen schrieb am 07.10.2011 um 12:45 Uhr
Danke für den informativen Beitrag, Andreas.
Nicole Kocaoglu Schmidt
721
Nicole Kocaoglu Schmidt aus Heuchelheim schrieb am 07.10.2011 um 18:32 Uhr
Wirklich sehr interessant, mir war der Begriff bis jetzt völlig unbekannt.
Andreas Reh
113
Andreas Reh aus Biebertal schrieb am 14.10.2011 um 07:40 Uhr
@alle, ich Danke Euch!
@Nicole, in der Tat hatte ich bis vor vier Wochen auch noch keinen blassen Schimmer davon, man glaubt schon alles zu wissen und wird doch immer wieder aufs neue überrascht :-)
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von:  Andreas Reh

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