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Auf Tuchfühlung mit kleinen Blutsaugern: Die Biebertaler Blutegelzucht versendet die nützlichen Ringelwürmer in die ganze Welt

von Sabine Glinkeam 23.12.200910270 mal gelesen2 Kommentare
Der Blutegel tastet sich langsam voran.
Der Blutegel tastet sich langsam voran.
Biebertal | Der Blutegel auf der Hand von Agraringenieur Harald Galatis ist ziemlich rege, fast neugierig erkundet das Tier die ungewohnte Umgebung und tastet sich mit seinem vorderen Saugnapf Stück für Stück vor. Gerade eben hat Galatis ihn mit dem Kescher aus dem Wasser gefischt. "Jetzt muss er sich erstmal orientieren", erklärt der Geschäftsführer der Biebertaler Blutegelzucht (BBEZ). Schließlich hat so ein Egel, der, wie sein naher Verwandter, der Regenwurm, zu den Ringelwürmern gehört, jede Menge Sensoren, die auf unterschiedlichste Signale, etwa Bewegung oder Temperatur reagieren. Kein Wunder also, dass er jetzt erst einmal seine Umgebung erkundet. Wenn Galatis einen fangen will, braucht er nur den Kescher in einen der Teiche zu tauchen und diesen zu bewegen. Alle Egel, die Hunger haben, kommen dann bereitwillig angeschwommen.
Die BBEZ im Rodheimer Talweg besteht seit 1990 - damals noch als Bestandteil der Gärtnerei Wollnich. 1989 hatte der Biologe Dr. Manfred Roth als Projektentwickler des Zentrums für Arbeit und Umwelt Gießen (ZAUG) den Auftrag bekommen, neue und zukunftsträchtige Projekte zu kreiieren und auf
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die Privatisierung vorzubereiten. Bereits 1991 konnte die Egelzucht in der gepachteten Gärtnerei ausgebaut werden - rund 10.000 Stück wurden in diesem Jahr verkauft, der Jahresumsatz betrug 15.000 Euro. 2004 erhielt die BBEZ die Zulassung als Arzneimittelherstellungsbetrieb. Im gleichen Jahr wurden in Deutschland Blutegel vom Gesetzgeber als Fertigarzneimittel eingestuft. 2007 bot die ZAUG den Mitarbeitern die Blutegelfarm zum Kauf an, 2008 übernahmen Dr. Roth, Galatis und Dr. Michael Aurich den Betrieb. Für die ZAUG war das finanzielle Risiko zu hoch geworden, außerdem hätte das Zentrum durch die Umsätze Probleme bekommen können, die Gemeinnützigkeit zu behalten. 2008 überstieg der Jahresumsatz erstmals eine Million Euro, rund 300.000 Egel wurden verschickt. Seit 2008 läuft außerdem der Antrag der BBEZ beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte auf Zulassung ihrer Blutegel als Fertigarzneimittel. Im November hat das Unternehmen den Hessischen Gründerpreis in der Kategorie "Geschaffene Arbeitsplätze" erhalten. 25 feste Mitarbeiter - teils in Teilzeit - arbeiten auf der Farm. Zu ZAUG-Zeiten arbeiteten vier bis fünf feste Mitarbeiter mit Ein-Euro-Jobbern. "Wir haben viele unserer Mitarbeiter aus dieser Zeit übernommen", erklärt Galatis den Gewinn.
Viele Blutegel sind auf der Farm in Gläsern untergebracht.
Viele Blutegel sind auf der Farm in Gläsern untergebracht.
Auf dem knapp 8000 Quadratmeter großen Gelände direkt am Bieberbach leben schwankend zwischen 800.000 und zwei Millionen Blutegeln in rund 40 Teichen, Zucht- und Futterräumen. Ein Großteil der naturnahen Teiche ist in Gewächshäusern untergebracht, einige liegen auch im Außenbereich. Neben selbst gezüchteten Blutegeln beherbergt die Farm auch importierte Wildfänge, die in der Station acht Monate in Quarantäne gehen. Während dieser Zeit werden die Tiere von Labors regelmäßig auf Keimbelastung untersucht. Diese stammen zumeist aus Sumpfgebieten vom Balkan oder aus der Türkei. 100.000 Egel wurden dieses Jahr in Rodheim gezüchtet, bis 2013 will man rund 300.000 Exemplare selbst züchten.
Um sich fortzupflanzen, braucht der Blutegel weiches, sauberes Wasser ohne Schwermetalle mit höheren Temperaturen. In der kälteren Jahreszeit pflanzen sich die Tiere, die Zwitter sind, unter natürlichen Gegebenheiten nicht fort - dann wird im Zuchtraum in speziellen Glasgefäßen gezüchtet. Ihre zehn bis 30 Eier legen die Blutegel in selbstproduzierte Kokons. Diese werden in der feuchten Uferregion platziert, damit die Babys nicht ertrinken. In der BBEZ hat man an den Teichrändern Kisten mit feuchter Erde aufgestellt, um
In den Wannen im Futterraum herrscht dichtes Gedränge.
In den Wannen im Futterraum herrscht dichtes Gedränge.
besser an die Kokons heranzukommen. In den Kokons bleiben die Jungegel unterschiedlich lange. "Es kann gut sein, dass sie auch mal rauskommen und feststellen, dass es ihnen zu kalt ist", erklärt Harald Galatis. "Dann gehen sie einfach wieder zurück". Kokons, die man erreichen kann, werden in den Zuchtraum gebracht, wo die kleinen Mini-Egel dann in einem Bett aus Torfmoos aus ihren Kokons schlüpfen. Frisch geschlüpft, werden sie in Gläser sortiert. Nach einer Woche etwa werden die Babys das erste Mal gefüttert, nach einer weiteren Woche erneut. "Die Abstände der Fütterung werden immer größer", erklärt der Agraringenieur. Etwa 14 Monate lang werden die Egelbabys groß gefüttert, danach müssen auch die Zuchtexemplare acht Monate in Quarantäne. 20 Monate dauert es also, bis so ein Egel bereit ist für den medizinischen Einsatz am Menschen. "Ein Egel wächst nur, wenn er gefüttert wird". Bis zu zwei Jahren kann ein Egel mit einer Mahlzeit überleben, dennoch frisst er häufiger, wenn es Nahrung gibt. Zur Fütterung verwendet die BBEZ Pferdeblut, das sie bei einem Heuchelheimer Metzger bezieht. Dieses wird warmgemacht und in Kondome gefüllt. An diesen docken die Egel an und saugen sich voll. Tatsächlich können sich die Egel dabei auch überfressen
Im Zuchtraum schlüpfen die Jungegel aus den Kokons und werden in Gläser sortiert.
Im Zuchtraum schlüpfen die Jungegel aus den Kokons und werden in Gläser sortiert.
- wenn das passiert ist, "übergeben" sie sich und spucken einfach einiges Blut wieder aus. Das führt dazu, dass das Wasser in den Zuchtgläsern häufig ein bisschen trübe aussieht und regelmäßig gewechselt werden muss. Einen Egel, der sich festgebissen hat, sollte man nicht versuchen, gewaltsam zu entfernen, da er auch dann in die Wunde erbrechen kann, was Infektionen nach sich ziehen kann. Ein satter Egel lässt von alleine los und plumpst vollgefressen einfach von seinem Wirt herunter.
Hungrige Egel können auch zu Kannibalen werden: Würde man ein sattes, vollgefressenes Exemplar in ein Becken mit hundert hungrigen Tieren legen, würden diese ihn aussaugen und töten. Das Szenario, Egel könnten auch einen Menschen töten, ist unrealistisch, dennoch gab es Zeiten, in denen es in Frankreich übertrieben wurde mit der Egelbehandlung: Hunderte Tiere an einem Menschen können diesen durchaus schädigen und zum Kreislaufkollaps oder Tod führen.
Die Farm verkauft die Tiere an Heilpraktiker, Kliniken und Apotheken - Privatpersonen können keine Egel dort erwerben, obwohl diese nicht apotheken- oder verschreibungspflichtig sind. Das hat einen guten Grund: "Die Anwendung von Blutegeln bedarf einiger Erfahrung". Schließlich hinterlassen die
So sehen die Kokons der Blutegel aus.
So sehen die Kokons der Blutegel aus.
Tiere eine Bisswunde, die noch eine ganze Weile nachblutet. "Die Wunde muss fachgerecht versorgt werden, sonst besteht die Gefahr einer Sekundärinfektion". Der Biss selbst gilt als nicht schmerzhaft, auch wenn sich der Egel mit seinen drei als Stern angeordneten Kiefern mit jeweils 80 Zähnen und Speichelkanälen durch die Haut ritzt. "Es juckt, ähnlich wie bei einem Mückenstich oder der Berührung einer Brennnessel". Dachte man früher, die medizinische Wirkung des Blutegels komme einem Aderlass gleich, weiß man heute, dass die therapeutische Wirkung durch die Substanzen im Speichel ausgelöst wird. Acht Inhaltsstoffe und ihre Wirkung davon kennt man bislang sehr gut - rund 30 Stoffe sind nur wenig erforscht. "Man weiß aus Erfahrung, dass die Blutegel wirken", berichtet Galatis. Immerhin: Der Speichel enthält neben Schmerzmittel, Histaminen und durchblutungsfördernden Mitteln auch Endorphine - kein Wunder, dass Patienten nach der Behandlung von Glücksgefühlen sprächen. Eingesetzt werden die Tiere in der Schmerztherapie, bei Entzündungen, bei durchblutungsbedingtem Tinnitus, Durchblutungsstörungen und bei Gewebetransplantationen. Nekrophilie kann so vermieden werden. Auch Hämatome (Blutergüsse) können die Egel heilen - Praxisbeispiele zeigen, dass nach Egeltherapie sogar auf Operationen verzichtet werden konnte. Krampfadern und Hexenschuss sind weitere Einsatzbereiche.
In diesen Teichen sind die Egel in Biebertal zu Hause, die blauen Kisten dienen der Kokonablage.
In diesen Teichen sind die Egel in Biebertal zu Hause, die blauen Kisten dienen der Kokonablage.
Bestellt werden die Tiere in Biebertal meist von Therapeuten in Mengen von drei bis 20 Tieren, oft auch mit Größenwünschen. Die Würmer werden in den Teichen dann frisch gefangen, auf Vitalität überprüft und schließlich in feuchte Stoffsäckchen verpackt. In einer Thermobox aus Styropor, die allzu große Temperaturschwankungen vermeidet, wird das Säckchen dann zwischen feuchten Schaumstoffflocken transportiert. "Was bis 12 Uhr bestellt ist, wird noch am selben Tag verschickt".
Nicht jeder geht mit den Tieren so locker um wie Harald Galatis und die Mitarbeiter. "Der Job erfordert schon ein wenig Coolness", lacht er. Jedoch: Bei 250 Leuten habe er früher maximal zwei gehabt, die ausgeschlossen hätten, mit den Tieren zu arbeiten. "Die Meisten hier mögen die richtig", berichtet er von einem fast liebevollen Umgang mit den Egeln. Auch Patienten hätten zunächst zumeist eine Abneigung. "Dann gibt es aber Leute, die haben drei, vier, fünf Therapien hinter sich und erst die Egel helfen". Schnell entwickle sich eine emotionale Bindung zu den kleinen Helfern. "Viele hätten die sogar gerne als Haustier". Das gehe aber nicht, denn Blutegel müssen nach der Behandlung getötet werden und dürfen keinesfalls ein zweites Mal verwendet werden, denn die Tiere sind vom Gesetzgeber her wie eine Einmalspritze eingestuft.
In diesen Thermoboxen werden die Egel in alle Welt verschickt.
In diesen Thermoboxen werden die Egel in alle Welt verschickt.
Dabei würden sich die Egel auch im Aquarium wirklich gut machen, denn es sind durchaus interessante Tiere, die man gut beobachten kann. Dabei ist es nicht nur interessant, wie sie sich mit Hilfe ihres Saugnapfes am Hinterteil fortbewegen, sondern sie haben auch einen interessanten Schwimmstil entwickelt: Ganz flach machen sich die Egel - fast wie ein Plattfisch - und gleiten in Wellenbewegungen, ähnlich eines Delphins, durchs Wasser. Und hübsch sind sie alle Mal, denn die Tiere weisen die unterschiedlichsten Farbvarianten auf, von Schwarz über Beige bis hin zu grünlich, oft mit hübschen Mustern und Tupfen.
Wer jetzt neugierig geworden ist und die Biebertaler Egelfarm gerne einmal besuchen möchte, kann jederzeit einen Termin vereinbaren: "Wir sind da offen", so Galatis. Kontakt gibt es unter Telefon 06409-661400. Wer sich über die Blutegelfarm noch genauer informieren möchte, kann sich den Film der BBEZ auf You Tube anschauen. Weitere Infos unter www.blutegel.de.

Der Blutegel tastet sich langsam voran.
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Viele Blutegel sind auf der Farm in Gläsern untergebracht.
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In den Wannen im Futterraum herrscht dichtes Gedränge.
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Im Zuchtraum schlüpfen die Jungegel aus den Kokons und werden in Gläser sortiert.
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So sehen die Kokons der Blutegel aus.
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In diesen Teichen sind die Egel in Biebertal zu Hause, die blauen Kisten dienen der Kokonablage.
In diesen Teichen sind... 
In diesen Thermoboxen werden die Egel in alle Welt verschickt.
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Kommentare zum Beitrag

Nicole Lodders
656
Nicole Lodders aus Lich schrieb am 23.12.2009 um 16:12 Uhr
Schöner Artikel :-) Und die Egelzucht in Biebertal ist immer einen Besuch wert.
Ich finde es allerdings traurig, dass der Gesetzgeber vorschreibt, die Egel nach dem Ansetzen an einen Patienten zu töten. Natürlich sollte man sie danach nicht an den nächsten Patienten lassen, da ist das Infektionsrisiko viel zu hoch. Aber es sollte doch andere Möglichkeiten geben, die Egel leben zu lassen. Die Egelzucht hätte zum Beispiel gerne wieder ein "Rentnerbecken", wo die Egel dann alt werden dürfen. Ob sie die Erlaubnis dafür bekommen, weiß ich allerdings nicht... Und Egel können ja ganz schön alt werden, bis zu 30 Jahre, wenn man sie lässt.
Die Vorstellung, sich erst von so einem kleinen Tierchen helfen zu lassen und es anschließend als "Dank" zu töten, ist jedenfalls ziemlich deprimierend. Vielleicht findet sich ja in Zukunft noch eine andere Lösung.
Sabine Glinke
5.280
Sabine Glinke aus Wettenberg schrieb am 26.12.2009 um 16:02 Uhr
Vielleicht erlaubt man doch einfach die Haltung als Haustiere. Dann kann man seine kleinen Helfer im Terrarium/Aquarium weiterleben lassen und sich regelmäßig bei ihnen bedanken...
Hallo Lieber Leser
freut mich, dass Sie meinen Artikel lesen. Sind Sie schon Bürgerreporter der Gießener Zeitung?
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Herzlichst, Ihr(e) Sabine Glinke

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Sabine Glinke
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