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Vor 50 Jahren kam das "Aus" für die obere Lumdatalbahn

von Lumdatal Bahnam 27.05.201310821 mal gelesen6 Kommentare
einmotoriger Schienenbus Typ VT 95 mit Beiwagen in Rabenau-Geilshausen
einmotoriger Schienenbus Typ VT 95 mit Beiwagen in Rabenau-Geilshausen
Allendorf (Lumda) | Autor: Peter Kreuter, Historiker in Allendorf/Lda.

Am Samstag, dem 25. Mai 1963 erreichte der von einer Dampflok der Baureihe 86 gezogene Personenzug 3731 Gießen – Londorf – Grünberg den Bahnhof Grünberg schon um 23.04 Uhr, zwei Minuten vor der fahrplanmäßigen Ankunftszeit. Diesmal aber übernachteten Zug und Personal nicht wie sonst in Grünberg, um am nächsten Morgen gegen 5.50 Uhr wieder die Rückfahrt durch das Lumdatal anzutreten, sondern man fuhr noch in derselben Nacht als Leerzug über die Hauptbahn Fulda – Gießen in die oberhessische Metropole an der Lahn zurück. Der P 3731 war der letzte Personenzug auf der oberen Lumdatalbahn Grünberg – Londorf.

Am folgenden Tag übernahmen die roten Bahnbusse den öffentlichen Verkehr zwischen beiden Orten auf den Strassen. Die Bahnlinie war 1896 errichtet worden, um die bedeutenden Basaltsteinbrüche im Raum Londorf / Kesselbach, die Hunderten von Menschen Arbeit boten, konkurrenzfähig zu erhalten. Erst als 1902 die Verlängerung der Strecke über Londorf hinaus nach Lollar erfolgt war, gewann auch der Personenverkehr zunehmend an Bedeutung. Einer der ersten Fahrgäste auf der durchgehenden Strecke war der amerikanische Germanist Prof. James Taft Hatfield, der im Sommer 1902 einige Wochen Urlaub auf der Burg Staufenberg verbrachte. In seinem Buch „From Broom to Heather“ schildert er eine Bahnfahrt „auf der kürzlich eröffneten Nebenbahn“ von Daubringen nach Grünberg, wo er mit seinen Begleiterinnen einen Viehmarkt besuchte. Dabei kam er zu dem Schluss, dass es auf der Welt wohl nichts Gemächlicheres gebe als eine deutsche Nebenbahn.
Trotzdem bedeutete die Bahnverbindung einen nicht zu überschätzenden Fortschritt; sie brachte den Typus des Nebenerwerbslandwirts hervor, der tagsüber in den Fabriken in Gießen, Lollar und Mainzlar sein Brot verdiente und nach Feierabend noch seine Felder bestellte. Zwar kam es im oberen Lumdatal nicht zur Ansiedlung größerer Industriebetriebe, dennoch profitierte das Wirtschaftsleben in der Region in gewissem Umfang von der Eisenbahn. In Lumda ging 1908 ein Anschlussgleis in Betrieb, dass der Verladung von Eisenerz der Grube Atzenhain diente, die durch eine Drahtseilbahn mit der Verladestelle verbunden war. Die Dampfmolkerei Geilshausen hat zumindest zeitweise ihre Produkte auch per Bahn versendet. In Odenhausen wurde in den Jahren nach dem I.
ein VT 60 (auch "U-Boot" genannt) zwischen Rabenau-Londorf und Kesselbach in 1963
ein VT 60 (auch "U-Boot" genannt) zwischen Rabenau-Londorf und Kesselbach in 1963
Weltkrieg Bauxit aus den Gruben bei Rüddingshausen umgeschlagen. In Kesselbach erhielt der große Steinbruch von Max Hertel in der „Bäune“ 1927 einen eigenen Gleisanschluss. Und in Londorf wurden die ausgedehnten Brüche am „Kahlen Berg“ durch Feldbahnen mit dem Bahnhof verbunden.

Nach dem ersten Weltkrieg gingen die Verkehrsleistungen stark zurück; der Fahrplan wurde eingeschränkt, in Kesselbach hielten 1924-26 gar keine Züge mehr. Erst in den dreißiger Jahren wurde wieder in die Bahnlinie investiert, der Bahnhof Londorf erhielt einen Stellwerksanbau, in Kesselbach wurde die alte Fischbauchbrücke über die Lumda durch einen Neubau ersetzt, im Zuge des Autobahnbaues 1935-38 wurde auch der Bahnhof Lumda als Baubahnhof erweitert. Wie überall, stiegen die Beförderungszahlen in der Vorkriegs,- Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit ins Unermessliche an. Noch 1951 fuhren frühmorgens im Abstand von 15 Minuten zwei lange übervolle Arbeiterzüge von Grünberg über Londorf nach Gießen, mit den entsprechenden Gegenzügen am Abend.

Mit der beginnenden Motorisierung ging dann in der Wirtschaftswunderzeit die Bedeutung der Bahn zurück. Obwohl noch 1956 mit erheblichen Kosten zwei gefährliche Bahnübergänge in Kesselbach durch Blinkanlagen
Schienenabbauszug mit Dampflok in Grünberg-Lumda im Winter 1963/64, hinten das ehem. Stationsgebäude von Lumda
Schienenabbauszug mit Dampflok in Grünberg-Lumda im Winter 1963/64, hinten das ehem. Stationsgebäude von Lumda
gesichert worden waren, gab die Deutsche Bundesbahn im Herbst 1960 die Absicht bekannt, die Strecke Grünberg – Londorf für den Gesamtverkehr stillzulegen, um ein jährliches Betriebskostendefizit von 192.000 DM einzusparen. Zu dieser Zeit benutzten noch werktäglich rund 400 Personen die Züge auf diesem Abschnitt, das entsprach einer durchschnittlichen Besetzung von 27 Personen je Zug. Der einzige bedeutende Güterkunde, das Basaltwerk in Kesselbach, hatte bereits 1957 seinen Betrieb eingestellt. Während noch 1957 in Kesselbach ein Sturm der Entrüstung losgebrochen war, weil die Bundesbahn damals aus Einsparungsgründen das Toilettenhäuschen am dortigen Bahnhof zumauern ließ, worüber sogar BILD und DER SPIEGEL berichteten, hielten sich nun die Proteste in Grenzen.

Ab dem 26. Mai 1963 fuhren dann nur noch Omnibusse im oberen Lumdatal, teilweise bis Londorf zum Anschluss an die Züge, teilweise durchgehend bis Gießen, freilich mit erheblich längeren Fahrzeiten im Vergleich zum Zug. Der Abbau der Schienen war im Herbst 1963 bereits in vollem Gange, einzig das Gleis von Londorf nach Kesselbach ließ man noch bis 1965 liegen, weil man eine Wiedereröffnung des Bäune-Steinbruchs prüfen wollte. Die Bahngrundstücke wurden von den Gemeinden
auch in 1963 gab es Bürgerproteste gegen die Einstellung der Zugverkehre
auch in 1963 gab es Bürgerproteste gegen die Einstellung der Zugverkehre
zurückerworben, obwohl sie anno 1895 gemäß hess. Nebenbahngesetz von 1884 schon einmal dafür zahlen mussten. 1964 notierte Dekan Karl Thorn, Odenhausen, in der Kirchenchronik: „Ob aber der Abbau der Eisenbahn im Sinne des Fortschrittes geschah, oder ob hieraus nicht ein Nachteil für die Lumdatalgemeinden erwächst, wird die Zukunft erweisen.“

Heute kann man die ehemalige Bahntrasse zwischen Londorf und Grünberg auf dem Lumda-Wieseck-Radrundweg erkunden. Zwischen Kesselbach und Beltershain verläuft die Radweg-Trasse teils auf, teils neben der alten Bahnstrecke.
In Rabenau-Odenhausen lädt ein Bistro-Waggon, genannt "Gleis 1" auf Basis eines eigens aufgestellten Eisenbahnwagens vom Typ B3yg zur gepflegten Rast ein.

http://www.gleis1-rabenau.de/index.php?id=15

http://forum.rail-server.de/viewtopic.php?f=18&t=35733

Der ÖPNV zwischen Grünberg und Londorf und weiter bis Gießen wird von einem privaten Busunternehmen betrieben.
Für den Abschnitt Londorf - Lollar gibt es seit 1981 anhaltende Engagements zur Wiederbelebung.

Ergänzende Links:
http://forum.rail-server.de/viewtopic.php?f=18&t=35602&p=167389#p167389
inkl. Kursbuchauszüge

http://de.wikipedia.org/wiki/Lumdatalbahn

einmotoriger Schienenbus Typ VT 95 mit Beiwagen in Rabenau-Geilshausen
ein VT 60 (auch "U-Boot" genannt) zwischen Rabenau-Londorf und Kesselbach in 1963
Schienenabbauszug mit Dampflok in Grünberg-Lumda im Winter 1963/64, hinten das ehem. Stationsgebäude von Lumda
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auch in 1963 gab es Bürgerproteste gegen die Einstellung der Zugverkehre
der Schienenersatzverkehr anno 1965 in Lumda
Streckendiagramm mit allen Unterwegsstationen
ebenso ein Triebwagen Typ VT 60.5 zwischen Londorf und Kesselbach in 1963; Fahrtrichtung Grünberg
nur wenige Überbleibsel sind vom Abschnitt zwischen Londorf und Grünberg erhalten geblieben. hier im Bild die Lumdabrücke bei Kesselbach
seit 1965 markiert der Prellbock in km 12,395;  in Londorf am Eichweg das Ende der Lumdatalbahn
Inneneinrichtung eines Schienenbusses (hier Beiwagen; hinter der Holwand verbirgt sich das Gepäckabteil und ein WC)
Blick aus einem Schienenbus auf die Strecke

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Kommentare zum Beitrag

Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 27.05.2013 um 19:13 Uhr
Herzlichen Dank für diesen guten Beitrag!!
Peter Herold
24.471
Peter Herold aus Gießen schrieb am 27.05.2013 um 19:29 Uhr
Nicht immer ist alles was in der Vergangenheit geschehen ist, vom Vorteil für heute geschehen.
Gebhard Linde
30
Gebhard Linde aus Linden schrieb am 27.05.2013 um 21:56 Uhr
Vielen Dank für den interessanten Beitrag und die wirklich schönen Fotos.
Karl Wagner
125
Karl Wagner aus Buseck schrieb am 28.05.2013 um 15:27 Uhr
Danke für den Beitrag und die eingestellten Bilder. Bei Bild 6 müsste das Jahr geändert werden (von 1993 in 1963) !
Lumdatal Bahn
366
Lumdatal Bahn aus Allendorf (Lumda) schrieb am 28.05.2013 um 16:14 Uhr
@ Karl Wagner: Danke, es wurde korrigiert
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