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Kindheit im und nach dem Krieg in Allendorf

Meine Grundschulklasse bei einem Besuch der Burg Staufenberg
Meine Grundschulklasse bei einem Besuch der Burg Staufenberg
Allendorf (Lumda) | Kriegszeiten

Ich bin im Oktober 1942 in Allendorf (Lumda) geboren worden – also mitten im 2. Weltkrieg. Wenn ich mich zurück besinne an diese weit zurückliegende Zeit, dann sehe ich Bilder – eigentlich fast schon Filme. Mein gutes Gedächtnis hat mir sehr beim Mathematik- und Informatikstudium geholfen – so auch jetzt wieder. Der Lehrerberuf war mir gewiss nicht in die Wiege gelegt. Mein Großvater war 1932 im Alter von 36 Jahren gestorben, meine Tante litt an den Folgen einer schiefgelaufenen Impfung, mein Vater war im Krieg – und ich stamme aus einer sozialdemokratischen Familie. Die Folge nach 1933 war, dass meine Familie von SA und NSDAP verfolgt wurde. Das erzählte mir immer meine Großmutter und dass mein Großvater kein christliches Begräbnis bekam, auch läuteten keine Glocken. Kapellen der SPD und der Gewerkschaften begleiteten ihn zur letzten Ruhe.

Nun zu den „Filmbildern“:
Das erste Bild ist folgendes: Ich liege in einem Kinderbettchen, das Gitterstäbe hatte. Ich muss damals etwa 2 Jahre alt gewesen sein. Es ist dunkel, plötzlich helle Blitze und lautes Donnern. Es war aber kein Gewitter, wie ich später erfuhr, sondern es war die Bombardierung von Allendorf mit zahlreichen Toten – und von Gießen, wo mein Vater stationiert war.
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Dann stehe ich mit einer Nachbarin (Horrmanns Koathrine) an der Hauptstraße neben dem inzwischen abgerissenen alten Rathaus (ein an sich schöner Bau, der wohl dem Verkehr im Wege stand). Sie hatte mich an der Hand und an uns fuhren riesige Panzer in endlosen Kolonnen vorbei. Katharina erklärte mir, dass der Krieg vorbei sei und es endlich wieder besser werde. Ich sehe amerikanische Soldaten in den Straßen patrouillieren, ich sehe mich spielen mit den Stahlhelmen und ich sehe die fremdartigen Gestalten und ihre fremde Sprache.
Eine Geschichte wurde mir von meiner Mutter erzählt: Da mein Vater Weinkaufmann war, hatten wir Weine im Keller. Die Amerikaner gingen von Haus zu Haus, klopften mit dem Gewehrkolben an die Tür und schrien "Habteer Wein, Schnaps?". Ich wusste von dem Wein im Keller und rannte hinter den Soldaten her und schrie: "Hej Ami, mir hu Habterwein". Zum Glück verstanden sie mich nicht.
Eine andere Geschichte war, dass ich als Dreijähriger mit einem Korb Richtung unseres weit entfernten Gartens marschierte, in dem meine Großmutter arbeitete, um ihr Kuchen und Wein zu bringen, was ich antwortete, als mich die Leute fragten, wo ich denn hin wolle. Man hatte mir wohl vorher das Märchen Rotkäppchen erzählt.
Dieses Bild von uns entstand im Garten von Heinrich Reinhard während der Hochzeitsfeiern
Dieses Bild von uns entstand im Garten von Heinrich Reinhard während der Hochzeitsfeiern
Meine Mutter erzählte mir in dieser Zeit auch von den Juden und ihrem schlimmen Schicksal. Sie zeigte mir die Grundmauern niedergerissener Judenhäuser und erzählte mir, dass sie samstags in dieses Haus gegangen ist, um Feuer zu machen oder andere Handreichungen zu verrichten, denn am Sabath (Schabbes) durften die Jüdischen Mitbürger nicht arbeiten. Sie erzählte mir, dass diese Leute freundlich zu ihr waren und ihr manches zusteckten, denn sie waren nicht gerade arm. Was aus dieser Familie geworden ist, habe ich nicht erfahren, auch nie gefragt – ich war noch zu jung und meine Mutter starb relativ früh.
Es ging dann doch langsam aufwärts. Meine Mutter sagte mir, dass mein Vater in französischer Kriegsgefangenschaft sei – er gehörte als Badener (kein Badenser!) zu einem badischen Regiment.
Eines Tages, etwa 1947, war mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück – er war aber sehr, sehr krank. Der Kirchendiener Karl Reinhard war im selben Lager und hatte ihn getroffen und schilderte meiner Mutter den elenden Zustand meines Vaters, er habe tagelang im Dreck gelegen – ohne Nahrung. Mein Vater war ein großer, hagerer Mann, dem man sein tödliche Erkrankung ansah. Es gab wenig, und das bisschen an „guter Nahrung“ gab meine Mutter meinem Vater. Ich erinnere mich an eine Suppe, in die sie Margarine (viel war es nicht, es gab damals die Lebensmittelkarten) zur Stärkung meines Vaters tat. Ich nahm mir vor, dass ich auch so etwas Gutes essen wollte, wenn ich älter bin. Mein Vater konnte sehr gut malen – dieses Erbteil ist auf meine beiden Kinder übergegangen. Während meiner Aufenthalte in Rust, wo ich auch länger zur Schule ging, zeigte man mir Bilder und Slizzen von meinem Vater, die noch in der Schule hingen. Ich selbst hatte von meinem Großvater die Farbenblindheit geerbt. Das fiel dann schon in der 1. Klasse auf, weil ich grüne Dächer und rote Blätter malte. Das tut man doch nicht! Das ist strafwürdig! Zu meinem Glück konnte ich später doch davon profitieren, sonst wäre ich kein Lehrer geworden, sondern Posthauptsekretär.
Ein denkwürdiges Ereignis war die Hochzeit von Heinrich Reinhard, dem Sohn von Katharina. Wir waren eingeladen und es gab Leckereien, wie Buttercremetorte – ein Genuss, den ich noch nicht kannte!
Eine andere "Leckerei" in Ermangelung war, dass wir verbotenerweise Pillen lutschten bis sie bitte schmeckten, na, ja.
Dann starb mein Vater einen Tag nach meinem 6. Geburtstag. Ich durfte noch einmal zu ihm, allein dieses Bild hat sich bei mir stark „eingebrannt“. Ich weiß seltsamerweise, dass ich dann unter einem Baum Astteile zu einem kleinen Besen zusammenband – warum auch immer. Wahrscheinlich hatte ich die Tragweite des Vorganges einfach nicht begriffen. Und dann begann die Leidenszeit meiner Mutter als Kriegerwitwe, wenig Geld, keine Hilfe. Die erste Wurst, die wir uns leisten konnten, war dünn geschnittene Blutwurst aus dem Konsum neben dem Geschäft für Zeitungen, Bücher, usw... von Karl Reinhard. Geleitete wurde der Konsum damals von Anneliese Haubfleisch, geb. Pohl, einer Schulkameradin. Aber wir waren noch besser dran als mein Freund K. G.. Mein Vater wurde als Kriegsgefallener eingestuft, sein Vater nicht. Was das für eine Witwe mit 4 Kindern damals bedeutete, ist heute unvorstellbar! Die meisten meiner Freunde hatten keine Väter mehr, auch meine neuen Freunde aus dem Egerland! Und so wuchsen wir wild und ungestüm auf. Wir waren frei und ungezügelt! Wir spielten zusammen in großen Gruppen, prügelten uns: Oberdorf gegen Unterdorf - und vertrugen uns wieder. Manches, was wir damals anstellten, würde heute kriminalisiert werden. Wir konnten in damaligen Wintern am Kirchberg Schlitten fahren - Autos gab es kaum und es kam auch keine Polizei. Am Tag rodelten wir Kinder und Abends die Erwachsenen. Heute ginge das nicht, man würde ja "gute Zeiten, schlechte Zeiten" oder sonstigen Schrott verpassen.
Die meisten Mütter, wie auch meine, arbeiteten im Forstgarten – irgendwie musste sie uns ernähren, mich und meinen 2 Jahre jüngeren Bruder Rolf. Sie starb relativ jung, einen Tag nach meinem Geburtstag. Sie hatte meinem Vater Blut gespendet, da sie dieselbe Blutgruppe hatte, und steckte sich an unsauberem medizinischen Besteck an. Sie bekam Gelbsucht und starb später an Leber-Zirrhose.
Ein schlimmer Vorfall muss noch berichtet werden:
Gegenüber von uns, beim "Schusterchen" zog eine Vertriebenenfamilie (ich unterscheide zwischen Geflüchteten und Vertriebenen!) ein, bestehend aus einer Mutter mit 2 Kindern. Sie waren damals etwa in meinem Alter. Eines Tages war ein ziemlicher Auflauf auf der Straße vor diesem Haus, aus dem man laute Schreie und lautes Weinen zu hören war. Auf meine Frage an die Erwachsenen, was denn los sei, bekam ich zur Antwort, dass die beiden Kinder in ein Erziehungsheim kämen und wenn ich nicht brav sei, käme ich auch dahin!
Im Rückblick denke ich, dass es mir nicht geschadet hat. Im Gegenteil, ich habe gelernt, einmal mehr aufzustehen als ich hinfalle. Wir hatten keine Spielzeuge, also bastelten wir uns welche oder spielten zu Dutzenden „Räuber und Schandarm“. Keiner von uns Jungen hatte viel mehr als der andere, deshalb gab es auch keinen Neid unter uns.
..und aus allen ist etwas geworden!

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Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
18.899
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 04.08.2011 um 20:58 Uhr
Ja, wenn man die Badener als Badenser bezeichnet werden sie ärgerlich.
Nicole Zecher
33
Nicole Zecher aus Gießen schrieb am 04.08.2011 um 22:38 Uhr
wir können froh sein, das nicht mitgemacht zu haben...
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von:  Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)

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