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Allendorf (Lumda) wie es früher war

Das ist die Rheingasse (Reigass) Ende der 40er Jahre. Wie man sieht : noch nicht geteert! Aufgenommen von amerikanischen Verwandten, unser Haus steht rechts von der Mauer. Irgendwann schaffe ich es vielleicht, das Bild zu retuschieren.
Das ist die Rheingasse (Reigass) Ende der 40er Jahre. Wie man sieht : noch nicht geteert! Aufgenommen von amerikanischen Verwandten, unser Haus steht rechts von der Mauer. Irgendwann schaffe ich es vielleicht, das Bild zu retuschieren.
Allendorf (Lumda) | Allendorf an der Lumda ist der Ort, in dem ich geboren(!) und aufgewachsen bin. Nun bin ich in einem Alter, dass ich darüber nachdenken kann, was mir an Eindrücken aus dieser Zeit geblieben ist.

Es ist vor allem meine Kindheit im Krieg und nach dem Krieg. Es waren schlimme, arme Zeiten. Aber als Kind bekommt man nicht viel davon mit – es ging allen schlecht und wir kannten nichts anderes – das ist heute anders, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht.
Ich hatte das Glück, zwischen gutherzigen Bauern aufzuwachsen Und so gab es zur Schlachtzeit „Wurstsuppe“, meist sogar mit Kaffeewurst (andernorts Fensel genannt) und Wellfleisch (Queallfleesch) oder Leber- und Blutwürstchen. Zur Heu- oder Erntezeit half ich und man bekam bei den reichen oder guten Bauern Rühreier mit Speck – bei den ärmeren oder auch geizigeren Bauern gab es Pellkartoffeln (Quellkoardoffen) und Zwetschgenhonig (Quoatschehoink).
Wenn ich mit meinem Freund Walter die Ziege hütete (an Gras bewachsenen Wegrändern – heute gibt es bestimmt ein Gesetz dagegen), dann hatten wir als „Naschwerk“ braunen
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Rheingasse (1)Radio (16)Lohkuchen (2)Allendorf/Lumda (119)
Zucker, an dem noch Kordel war, und Haferflocken – damals ein Genuss ohne gleichen. Dazu betrachteten wir ein Heft, das in Englisch geschrieben war und eine Bildergeschichte mit einem gewissen Goofy bei den Geistern darstellte. Es war schon etwas zerflettert und stammte aus einem Carepaket. Wenn solche Carepakete kamen – das war wie Weihnachten! Den Amerikanern sei Dank!
Überhaupt die Amerikaner: Damals waren sehr oft Mannöver und so pilgerten wir zu den Lagern und wenn sie im Wald waren. Denn dort bekamen wir Kaugummi und Schokolade. Besonders freundlich und freigiebig waren Soldaten mit dunkler Hautfarbe und weißen, blitzenden Zähnen. Sie lachten uns immer fröhlich an und wir verstanden uns auch ohne die gleiche Sprache. Die hellhäutigen Soldaten waren nicht immer freundlich oder freigiebig – erst später verstand ich, warum: Unsere unselige Vergangenheit, von der wir damals nichts wussten. Später hat mir meine Oma oft davon erzählt.
Wenn in dem nahen Backhaus Brot gebacken wurde, bekamen wir eine besondere „Köstlichkeit“: Lohkuchen! Andernorts heißt dieser nicht süße Kuchen „Kartoffelplatz, Schmandkuchen, Schmirchelskuchen (das Rezept ist in meiner Homepage zu finden:
www.reinhold-gruninger.jimdo.com).
An der Aufzählung dieser „kleinen Köstlichkeiten“ mag man sehen, dass wir mit den einfachen Dingen zufrieden waren. Als Kaffee gab es selbstgebrannten Malz. Meine Oma hatte eine Art Rührgerät aus Metall, in dem wurde Gerste im Feuerloch des Herdes geröstet.
Die Rheingasse von oben gesehen, mit Blick auf Dingese Haus.
Die Rheingasse von oben gesehen, mit Blick auf Dingese Haus.
Wir waren irgendwie zufrieden, nie waren wir allein, sondern wir hatten viele Freunde, mit denen wir draußen spielen konnten, ohne dass uns jemand hinderte. Auch das Nachbarschaftsverhältnis war anders, es gab halt noch keine Fernsehapparate. So kamen die Nachbarn abends zusammen, im Winter drinnen, im Sommer draußen vor der Haustür, und wir lauschten den Erzählungen der Älteren. Es war eine gewisse Gemütlichkeit, wenn der alte Heinrich (bestimmt war er damals noch nicht alt, es kam uns Kindern nur so vor) seine Zigarre rauchte, was heute strengstens verpönt ist. Aber gerade der Zigarren“duft“ verbreitete für uns Heimat und Gemütlichkeit.
Mein Freund Walter aus dem Nachbarhaus, der älter als ich war, hatte wunderschöne Spielzeuge, wie einen Elefant, der aufgezogen los marschierte oder graue Soldaten aus Masse (wahrscheinlich Lineol oder Elastolin), mit denen man herrlich spielen konnte – ob amerikanischer Soldat oder verpönter Deutscher, das interessiert uns nicht, davon wussten wir auch nichts.
Ein Fest in Allendorf in den 50gern mit Blick aus der Rheingasse auf das Haus von Nickeleis (Willi Kuhl, leider früh verstorben).
Ein Fest in Allendorf in den 50gern mit Blick aus der Rheingasse auf das Haus von Nickeleis (Willi Kuhl, leider früh verstorben).
Im Sommer bauten wir Häuschen oder „Dreschmaschinen“, denn Walter war ein „begnadeter“ Schreiner, diesen Beruf erlernte er dann auch. Als er wegzog war ich ziemlich traurig. Es gab natürlich auch schlechte Erlebnisse, Dinge. Aber die habe ich vergessen und verdrängt. Das Verdrängen können ist eine Eigenschaft des Menschen, die sein Überleben erst möglich gemacht hat, sonst wäre die menschliche Rasse bestimmt schon ausgestorben.
Nicht alle Kinder wuchsen so wie wir auf. Der Sohn unseres Hausarztes und der Sohn der Apothekerin hatten ganz tolle Spielsachen, von denen wir nur Träumen konnten: Märklin- Metallbaukästen und Eisenbahnen. Wir spielten manchmal mit ihnen und mit deren für uns unerschwinglichen Spielzeugen, aber wir empfanden keinen Neid.
Gerade die Modellbahnen hatten es mir angetan. Der Sohn des Bahnhofsvorstehers hatte eine riesige Modellbahn, vermutlich Märklin Spur 0 oder 1. Diese wurde wohl im Winter in einem Zimmer aufgebaut und es war wunderschön, die ratternden Züge und beleuchteten Häuschen anzusehen. Dann wurde noch eine Dampfmaschine angeheizt – phantastisch. Zum Abschluss gab es dann noch auf der Herdplatte geröstetes Brot – mit Salz bestreut, an Margarine oder gar Butter war damals nicht zu denken.
Einer der
Die beleuchtete Kirche in der Weihnachtszeit. Das Bild ist von meinem Cousin Manfred Lotz
Die beleuchtete Kirche in der Weihnachtszeit. Das Bild ist von meinem Cousin Manfred Lotz
Höhepunkte des Jahres – auch heute noch – war Anfang November der Nikelsmarkt! Von unserem Haus aus konnte ich beobachten, wie am Dienstag vor dem großen Markttag die Stände aufgebaut wurden. Und dann erst am Mittwoch! All die schönen Dinge, die es dort zu kaufen gab und wir uns nicht leisten konnten: 50 Pfennig oder 1 Mark war unser Taschengeld. Das störte uns aber nicht, denn das Drumherum war wichtiger: Die Bauern aus dem Ebsdorfergrund, die für die Hausschlachtung ihre Gewürze kauften oder für den kommenden Winter lange, warme Hemden und Unterhosen, die Frauen in ihren Trachten. Und dann der „Wahre Jakob“ mit seinen Sprüchen. Das kann wohl niemand nachempfinden, der nicht neben und mit dem Nikelsmarkt aufgewachsen ist.
Eine Erinnerung, die ich oft rekapituliere, ist die Erinnerung an unsere Radios und die damaligen Sendungen. Das erste Radio, an das ich mich erinnere, war ein sogenannter Volksempfänger - ein schwarzer Bakelit-Kasten. Die ersten Sendungen und Meldungen waren eigentlich unschön. Es blieb mir immer die Erinnerung an "Kampfverband gemeldet". Das muss so um den 6. Dezember 1944 gewesen sein - die folgenschwere Bombardierung von Gießen. Dann, nach dem Krieg und bald auch mit einem anderen, moderneren Radio, erinnere
Allendorf von Climbach aus gesehen.Auch dieses Bild ist von meinem Cousin Manfred Lotz
Allendorf von Climbach aus gesehen.Auch dieses Bild ist von meinem Cousin Manfred Lotz
ich mich an das erste Politkabarett-Programm: Die Insulaner vom RIAS Berlin, vor allem an Walter Gross und seine Darstellung als Obergenosse der SED während einer Sitzung. Dann die Familie Hesselbach von Wolf Schmidt - Mama Hesselbach war damals Lia Wöhr - die später im Fernsehen bei den Hesselbachs als Putzfrau fungierte. Es war immer sehr lustig, den Alltagsgeschichten einer alltäglichen Familie zuzuhören, ans "Milchdippche mit'm Dreckrändche" das dann zum "Dreckdippche mit'm Milchrändche" wurde. O tempora, o mores. Es war aber auch die Zeit des Peter Frankenfeld und des H. J. Kulenkampff. An eine dieser Sendungen an einem Samstag Abend erinnere ich mich noch. Es wurde ein unbekannter Sänger aufgerufen, der ein Lied sang, in dem der Refrain lautete "Kleiner Esel, so geh doch voran" auf die Melodie des Banana-Boat-Songs von Harry Belafonte! Der Sänger nannte sich Freddie - gerade 80 geworden. Eine andere, ständige, langlebige Sendung war der "Frankfurter Wecker", der etwa gegen 7 Uhr morgens statt fand. Was genau da gemacht wurde, weiß ich nicht, da ich zur Schule musste. Aber an 2 Namen erinnere ich mich: Udo Vietz, der hatte eine Stimme wie sein Name, und an einen Heinz Schenk. Zur Begrüßung sangen sie "Guten Morgen, guten Morgen ... Viel Glück und viel Freud wünschen wir Euch heut im Lande weit und breit ...". Gute Wünsche sind heute selten.
Ein schwerer Wolkenbruch in den 50ern in der Borngasse
Ein schwerer Wolkenbruch in den 50ern in der Borngasse
Das sind meine Empfindungen und Erinnerungen, wenn ich nach längerer Zeit von Climbach kommend in das Tal mit dem Städtchen Allendorf blicke , umgeben von großen Wäldern.
Aber noch eine "Geschichte". Auf der Strasse Richtung Climbach, in Höhe der Gärtnerei Schnell war das "Sauloch". Das war auf der rechten Seite ein Steilhang, auf den jegliche Art von Müll "gekippt" wurde - aus heutiger Sicht ein Unding. Ich habe so etwas wieder gesehen nach der Wende in der ehemaligen DDR. Aber damals gab es nicht viel Müll. Eines Tages, als ich Müll zum "Sauloch" brachte, stand dort ein kleiner LKW und zwei Männer machten sich am Müllabhang zu schaffen. Was sie dort machten, verstand ich, als der eine zum anderen sagte. "Aujust du nett so viel Wackete nei, sonst fällts uff". Jetzt war alles klar, es waren Schrotthändler und füllten in die leeren Blechdosen Steine. "Steine gab ich für Eisen". In Abwandlung des Spruches im 1. Weltkrieg.

Das ist die Rheingasse (Reigass) Ende der 40er Jahre. Wie man sieht : noch nicht geteert! Aufgenommen von amerikanischen Verwandten, unser Haus steht rechts von der Mauer. Irgendwann schaffe ich es vielleicht, das Bild zu retuschieren.
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Kommentare zum Beitrag

Ingrid Wittich
18.898
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 04.08.2011 um 13:52 Uhr
Das ist eine schöne, einfühlsame Geschichte ihrer Jugend. In der Nachkriegszeit habe ich Ähnliches erlebt wie Sie. Ich war so etwa 5 oder 6 Jahre alt, als mir ein Amerikaner aus dem Jeep heraus Schokolade schenken wollte. Ich traute mich nicht, sie zu esen- Warum, kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht dachte ich, sie sei vergiftet.
Ich weiß allerdings nicht, was Kaffeewurst oder Fensel ist.
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 04.08.2011 um 14:06 Uhr
Hallo Frau Wittich,
danke für den leiben Kommentar! Vieleicht sieht man auch manches, weit zurückliegende, mit verklärtem Blick.
Also: Kaffeewurst gab es bei Hausschlachten. Es war eine Mischung aus gekochten Kartoffeln, Mett und Blut(wurst) und, vor allem, gute Gewürze. Sie bekommen dieses Pfannengericht im Spätherbst bei der Metzgerei Michel (Allendorf, Treis, Gießen), aber auch auf dem Nikelsmarkt!
Sie sehen aber auch an meinen beiden Beiträgen, dass ich heimalich zerrissen bin. Und dazu kommen noch einige Jahr in Hamburg (s. www.reinhold-gruninger.jimdo.com)
Also viele Grüße

Reinhold Gruninger
Ingrid Wittich
18.898
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 04.08.2011 um 14:59 Uhr
Danke, Herr Gruninger. Ich werde mal meinen Mann fragen, ob er jetzt weiß, was das ist. Ich hatte ihn schon mal befragt ohne Erfolg.
Peter Lenz
447
Peter Lenz aus Mücke schrieb am 04.08.2011 um 15:15 Uhr
Hallo Frau Wittich,
ich glaube das wird überall etwas anders genannt. Hier bei uns eher bekannt unter "Wurstmadde" oder "Sauhonig".
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 04.08.2011 um 15:27 Uhr
Das stimmt auch für andere "Speisen" des Lumdatales und Umgebung.

Siehe auf meiner Homepage zum Nachbacken:
www.reinhold-gruninger.jimdo.com

Viele Grüße

Reinhold Gruninger
Astrid Patzak-Schmidt
3.415
Astrid Patzak-Schmidt aus Gießen schrieb am 04.08.2011 um 17:10 Uhr
Jetzt hätte ich stundenlang weiterlesen können...
Wie schön und wie wichtig es ist, solche alten Geschichten zu hören (lesen). Erinnern Sie sich noch an andere Dinge, über die Sie uns hier erzählen könnten?
Sogar meine Kinder sagen oft: Eigentlich muss es doch früher toll gewesen sein! Ihr habt noch was erlebt!
Ja, wir Älteren haben tatsächlich schon viel "Geschichte" erlebt, stimmt! Allein wenn man bedenkt, dass in den letzten Jahrzehnten der Computer entwickelt wurde, das Handy u.v.a. Wenn ich da zurückblicke, wundere ich mich ja selbst.
Es ist auf jeden Fall schön, wenn solche Erinnerungen wie Ihre, Herr Gruninger, festgehalten werden. Bitte berichten Sie uns doch noch mehr!
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 04.08.2011 um 17:14 Uhr
Hallo, Frau Patzak-Schmidt,

ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Kommentar!
Und Ihre Anregung nehme ich gern an und schreibe weiter.
Aber ich empfehle Ihnen meine Homepage unter:

www.reinhold-gruninger.jimdo.com

mit Lumdatalspezialität!

Vile Grüße

Reinhold Gruninger
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 04.08.2011 um 17:14 Uhr
Hallo, Frau Patzak-Schmidt,

ich danke Ihnen sehr für Ihren freundlichen Kommentar!
Und Ihre Anregung nehme ich gern an und schreibe weiter.
Aber ich empfehle Ihnen meine Homepage unter:

www.reinhold-gruninger.jimdo.com

mit Lumdatalspezialität!

Vile Grüße

Reinhold Gruninger
Gerhard Weise
255
Gerhard Weise aus Gießen schrieb am 04.08.2011 um 22:34 Uhr
In ganz Norddeutschland lernte ich diese 'Kaffeewurst' als 'lose Wurst' kennen. Ist das wohl identisch? Habe mal einen Link dazu gestellt, weil da so viele unterschiedliche Bezeichnungen sind.

In der Bremer Gegend, darüber habe ich mich als Kind immer weglachen wollen, heißt sie 'Pinkel'. Ich habe mich dann mal aufklären lassen: Diese W. wird (aus Pöckelfleischrest- verarbeitung) auch gern zum trocknen aufgehängt. So schmeckt sie auch auf dem Brot gut. Weil sie dann aber eine feuchte Pelle bekam - schwitzte, topfte es an der Stelle. Also daher der Name Pinkel - sie pinkelte :-) !
Ein beliebtes Gericht:
Braunkohl (Grünkohl/ Palme des Norden's) mit Pinkel!!

http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCtzwurst

Gruß Gerhard R. Weise
Ingrid Wittich
18.898
Ingrid Wittich aus Mücke schrieb am 04.08.2011 um 22:53 Uhr
Kann es sein, dass es auch "Blutsuppe" heißt? Egal, ich habe das noch nie gegessen.
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 05.08.2011 um 20:44 Uhr
Hallo,
es ist eine Spezialität, die es bei den Hausschlachtungen gab und diese fanden meist im Winter statt. Aus Mett, Blutwurst, gekochten und geriebenen Kartoffeln und Gewürzen wurde dieses Pfannengericht hergestellt. Kaffeewurst heißt es wohl, weil während des Schlachtens dieses Gericht in der Pfanne gewärmt und Brot sowie Kaffee dazu gereicht wurde. Gute Nachbarn bekamen dann neben der Wurstsuppe (das ist die Brühe, in der die Leber- und Blutwurst und Fleischteile gekocht wurden. Guten Nachbarn gab man dann auch neben der Wurstsuppe noch Kaffeewurst und Wellfleisch (Quealfleesch), das in der Wurstbrühe gekochte Fleisch.
Um die Kaffeewurst kennen zu lernen, zwei Tipps:
1. Kaffeewurst wird auch von einigen Metzgern des Lumdatales im frühen Winter/Spätherbst von einigen Metzgereien des Lumdatales angeboten. So z.B. in den Filialen der Treiser Metzgerei Michel.
2. Auf dem Allendorfer Nikelsmarkt, Anfang November, gibt es auch Stände, die Kaffeeewurst verkaufen

Reinhold Gruninger
Sandra Ferber
311
Sandra Ferber aus Staufenberg schrieb am 06.08.2011 um 21:55 Uhr
Dankeschön für das Teilen Ihrer Erinnerungen! Ich habe den Artikel sehr gerne gelesen. Und auch ich würde mich freuen, wenn Sie bei Gelegenheit noch mehr "von früher" erzählen würden ...

Herzliche Grüße aus Treis!
Christian Momberger
10.830
Christian Momberger aus Gießen schrieb am 07.08.2011 um 16:22 Uhr
Ein interessanter Artikel, den ich gerne gelesen habe. Schreiben Sie hier ruhig noch mehr von früher!

Und sehr gut finde ich auch, dass sie zu manchen Wörtern/Begriffen auch den mundartlichen Namen schreiben. Leider habe ich als in der Stadt geborenes Kind das Owwerhessische nie gelernt bzw. beigebracht bekommen. Aber von meinen Eltern weiß ich, das mache Begriffe und Wörter schon nur wenige Orte weiter völlig anders ausgesprochen oder benannt werden.

Sie schreiben: "Es gab natürlich auch schlechte Erlebnisse, Dinge. Aber die habe ich vergessen und verdrängt. Das Verdrängen können ist eine Eigenschaft des Menschen, die sein Überleben erst möglich gemacht hat, sonst wäre die menschliche Rasse bestimmt schon ausgestorben."

Also ich weiß nicht, ob ich dem so zustimmen mag, ich denke man könnte es auch anders herum sehen. Würden die Menschen nicht immer wieder vergessen, z.B. die Leiden und das Not die Kriege mit sich bringen oder was Terror und Gewaltherrschaft bedeutet, so würde sich die Geschichte nicht so oft im Laufe der Menschheitsgeschichte wiederholen und würden nicht immer wieder die selben Fehler begangen.
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 23.08.2011 um 18:04 Uhr
Hallo,

der einzelne Mensch ist harmlos, erst Menschenmassen kommt es zu unkontrollierten Exzessen - es sei denn man ist Machtpolitiker a la Hitler oder Stalin, die können das auch fast allein, wenn sie die "richtigen" Argumente und Unterdrückungsinstrumente haben. So war das auch bei meiner Großmutter, mein Großvater (SPD-Kreisvorsitzender bis 1932) wäre bestimmt im KZ umgekommen. Meine Großmutter nannte mir damals die Schweigenden, die Mitläufer und die Täter (z.B. in der Reichskristallnacht). Viele Täter waren später in Nachkriegs-SPD. Die Schweigenden hatten ganz einfach Angst, was menschlich fast verständlich ist - man hat nur ein Leben. Manchmal waren Menschen verschwunden, man munkelte wohin. Keiner wagte es das Geschehen offen anzusprechen - so funktionierte das Blockwartsystem. Gib einem einfachen, unbedeutenden Menschen eine Uniform, ein paar Sternchen und er ist wär - und er kämpft um den Erhalt seines Status. Die Menschen, die nach einiger Zeit wieder zurück waren, schwiegen über das Erlebte - sie wollten nicht wieder zurück!

Reinhold Gruninger
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 24.08.2011 um 06:19 Uhr
"Sauhoingk" hieß die "Kaffeewurst" bei uns. Sie wurde aus Schweineblut, Kartoffeln, Speckwürfeln und Wurstsuppe gemacht. Wurstsuppe war das Kochwasser aus dem Kessel, in dem die Kochwurst gegart wurde.

Vornehmlich Blutwurst, Leberwurst und Presskopp, aber auch gekochte Mettwurst, alle im Naturdarm oder in der Blase, wurden in kochendem Wasser gesotten, damit sie haltbar wurden. Dabei ging ab und zu mal eine der Würste kaputt und diese Überreste aus dem Kessel kamen dann samt etwas Brühe, der Wurstsuppe, in den Sauhoingk. Blieben mal alle Würste heil, wurde auch schon mal ein Leber- oder Blutwürstchen für den Sauhoingk geopfert.

Sauhoingk wurde als letztes im Kessel gekocht.

Zusammen mit frischem Schwarzbrot esse ich Sauhoingk heute noch gerne. Selbst herstellen mache ich allerdings nicht mehr, da kleine Portionen eher schwierig herzustellen sind.

Außerdem gab es bei uns noch "Kinderwürstchen", das waren kleine gekochte Mettwürstchen, die extra für die Kinder zum Vernaschen und baldigem Verzehr gemacht wurden. Die konnte man kalt aus der Hand oder auch gebraten essen.
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 25.08.2011 um 12:01 Uhr
Hallo Frau Schepp,

die Speckwürfel oder Grieben hatte ich vergessen. Man nahm aber auch für die Würste und die Kaffeewurst gute(!) Gewürze - Salz ist für mich oder einen guten Hausschlachter kein Gewürz. Sie hatten alle noch ein Geheimrezept, auf das sie stolz waren.

Reinhold Gruninger
Ulrike J. Schepp
1.180
Ulrike J. Schepp aus Reiskirchen schrieb am 26.08.2011 um 15:05 Uhr
Die Speckwürfel wurden vorher mal kurz durch die Pfanne gejagt - das gab ein besseres Aroma. Oder halt Grieben...

Die "Geheimrezepte" der Würzmischungen bestanden meist aus den unterschiedlichen Mischungen von Pfeffer, Majoran, Salz, Muskat und Nelken. In manchen waren auch noch Thymian, Beifuß und Rosmarin drin. Nicht zu vergessen der Schlachtsalpeter als Pökelsalz.

Besonders lecker war die "alte Wurst", das waren 1-2 Würste die ein ganzes Jahr im leichten Luftzug der Räucherkammer hingen und zum Schlachten am ersten Tag des Schlachtens verspeist wurden, damit die Räucherkammer leer wurde. Die waren steinhart ausgetrocknet aber sooo lecker! Dazu frisches Graubrot und Saure Gurken...
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.111
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 27.08.2011 um 14:56 Uhr
Hallo Frau Schepp,
das mit der "alten Wurst" habe ich nicht gekannt! Aber es klingt gut! Das Graubrot, war das selbst gebackenes Roggenbrot? Ich wundere mich über eine Frau Aigner, die das Deutsche Brot schützen will, da kommt sie 20 Jahre zu spät - das heutige Großbäckerbrot ist teilweise ein Zumutung und nach 2 Tagen spätestens ungeniessbar.
Ich freuemich immer, wenn ein altes Backhaus renoviert wird - wie auch in Allendorf! Man muss das gesehen haben, wenn frühmorgens ein polnischer Tanklastwagen den Teig per Schlauch in die Bäckerei bläst! Das ist halt das Problem, die heutigen jungen Menschen kennen kaum den Geschmack von "richtigem" Brot - aber auch nicht von richtiger, selbstgemachter Butter. In Allendorf gab es den Bäcker Wüst, der leider früh starb, der backte (oder bug?) richtiges Brot und auch gute süße Backwaren. Ein 4 Pfund (richtigerweise 2 kg) Brot kostete 99 Pfennig.

Viele Grüße

Reinhold Gruninger
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