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Von Brisbane ins Barossa Valley - Motorradreisebricht aus Australien

von David Kiefelam 05.06.2011632 mal gelesen1 Kommentar
Australisches Outback
Australisches Outback
Allendorf (Lumda) | Es regnete nun schon seit 120 km in Strömen – und das im australischen Sommer. Es ist der dritte Tag meiner Reise. Einen Tag zuvor wurde ich noch bei voller Fahrt von der heißen Luft gebraten. Meine Kleidung wurde schon in den ersten Sekunden, nachdem ich in das Regengebiet fuhr, komplett nass. Ich brauchte dringend eine Pause um mich aufzuwärmen. Die nächste „Rest Area“ sollte meine sein. Auf einem überdachten Steintisch stehend, beobachtete ich Emus, die den Regen wahrscheinlich seit Monaten erwartet hatten. „Ausziehen und abtrocknen“, sprach ich zu mir selbst, während ich vom Motorrad abstieg. Wenige Minuten später saß ich auf dem Tisch, eingepackt in Badehose und Fleecejacke, und zog zitternd an einer Zigarette, die ich mir mühsam angezündet hatte. Ab und zu hörte ich einen vorbeifahrenden „Roadtrain“, mehrere Anhänger ziehende LKWs, die aber nur schwer den Lärm der auf das Dach tropfenden Regentropfen übertönen konnten. Es ist wie ein unausgesprochenes Gesetz. Hast du keine wasserfeste Kleidung dabei, wirst du in den Regen kommen. Eine Protektorenjeans, luftdurchlässige Handschuhe und feste
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Wanderschuhe sind zwar bestens für warme Tage geeignet, taugen aber nur bedingt im Regen. 150 km hatte ich an diesem Tag noch vor mir, dann sollte ich gegen 18 Uhr Mildura erreichen, eine kleine Stadt, 350 km nordöstlich von Adelaide. Meinen Trip von Brisbane startete ich drei Tage zuvor. Das Ziel war Gawler. Eine 3000 Seelenstadt, in der Nähe der weltbekannten Weinregion Barossa Valley. Die Strecke von 2.000 km wollte ich in vier Tagesetappen bewältigen. Für den ersten Tag hatte ich mir 350 km vorgenommen. Für den zweiten und dritten Tag warteten mit geplanten 500 km und 750 km zwei größere Etappen auf mich, um am letzten Tag mit nochmals 350 km entspannt in Gawler anzukommen. Mein Motorrad, eine Kawasaki KLR 650 hatte ich zwei tage vor meiner Abfahrt mit einem Kilometerstand von 66.000 km gekauft.

Tag 1: Brisbane-Goondiwindi
Die Aufregung ließ mich nur wenige Stunden schlafen. Ich machte mir Gedanken über das Motorrad und wie ich mich wohl anstellen würde mich nun allein und ohne Hilfe durch zuschlagen. Bisher fuhr ich größere Touren immer gemeinsam mit anderen Motorradfahrern. Ich malte mir aus, welch schlimme Dinge passieren könnten und stellte mir ununterbrochen Fragen: Hatte ich alle wichtigen Werkzeuge eingepackt?
Zündkerzenwechsel
Zündkerzenwechsel
Wie viele Kilometer könnte ich mit dem 24 Liter Tank fahren und würde ich rechtzeitig eine Tankstelle finden? Wie wird ein Motorradfahrer auf den australischen Straßen wahrgenommen? Was, wenn ich stürzen würde und stundenlang verletzt auf Hilfe warten müsste? Wahrscheinlich funktionieren Handys im Outback gar nicht! Und vor allem, würde ich überhaupt meine geplanten Distanzen einhalten können?

Ich wollte früh los, um nicht in der Dunkelheit fahren zu müssen. Die Gefahr von einen Känguru auf der Straße erwischt zu werden ist in Australien all gegenwärtig, in der Dunkelheit aber besonders groß. Gegen 8 Uhr war ich abfahrtbereit.

Mittlerweile hatte sich die morgendliche Rush Hour in Brisbane eingestellt. Ich kämpfte mich durch Staus und landete auf der M5, um wenige Kilometer später die A2 Richtung Ipswich zu nehmen. Die Stadt westlich von Brisbane wurde vor einigen Wochen schwer von der letzten Flut erwischt. Es war die zweitgrößte Flut seit den späten 70zigern in und um Brisbane. Zwei Wochen später waren nur noch wenige Spuren der Verwüstung zu sehen. In einigen Zäunen hingen noch leere Müllbeutel – die letzten Überreste. Als freiwilliger Helfer bei den Aufräumarbeiten hatte ich das Ausmaß der Katastrophe gesehen. Der Schlamm
Sonnenuntergang am Murray River in Gol Gol
Sonnenuntergang am Murray River in Gol Gol
drang tief in das Haus und in die Garage eines älteren Ehepaars ein und zerstörte buchstäblich alles. Kleidung und Haushaltsgegenstände waren mit Schlamm überzogen. Bücher, Fotos und Schränke wurden durch das Wasser aufgeweicht und waren unbrauchbar geworden. Alles wurde auf die Straße gebracht, um wenige Tage später durch Mülltransporte der Armee abgeholt zu werden.
Auch einen Ort weiter, in Toowoomba, in der eine Springflut das Leben mehrerer Menschen kostete, war fast nichts mehr von der Flut zu sehen. Es war sehr beeindruckend mit welchem Einsatz alle Menschen gemeinsam anpackten und aufräumten.

Nach Toowoomba wurden die Straßen leerer. Nun auf der A39 wurde der Highway auf eine Spur pro Richtung eingeengt. Ich verabschiedete mich nun allmählich vom Stadtleben, welches ich in Brisbane lieb gewonnen hatte. Viele Parks und das typische „easy going“ machten selbst eine Millionenstadt zu einem beschaulichen Ort. Nun wurden die Häuser rechts und links neben der Straße immer spärlicher und Felder bestimmten das weite, leicht hügelige Land.

Den kleinen Ort Millmerran durchquerend, hatte ich nun bis Goondiwindi, meinem Tagesziel, noch 140 km Buschlandschaft vor mir.

Das Verkehr wurde zunehmen ruhiger. Einsam auf dem geraden Highway fahrend spürte ich bei 100 km/h ein ruckeln in der Maschine. Es fühlte sich an wie Zündaussetzer. Reduzierte ich die Geschwindigkeit auf 80 km/h, war das Ruckeln weg. Auch beim Beschleunigen konnte ich keine Probleme feststellen. Ich drosselte die Geschwindigkeit auf unter 80 km/h. Die Angst fuhr mir durch die Glieder! Jetzt stehen bleiben wäre nicht das Ende, was ich mir vorgenommen hatte. Den letzten Ort hatte ich vor 100 km verlassen, der nächste würde erst in 40 km kommen. Was könnte es sein? Vielleicht einfach nur die Zündkerze? Die letzten Besitzer hatten alle Wartungsarbeiten selber vorgenommen. Vielleicht haben sie einfach nicht die Zündkerze gewechselt? Deutlich unter der erlaubten Geschwindigkeit versuchte ich den nächsten Ort und mein Tagesziel, das Örtchen Goondiwindi zu erreichen. Es fuhren nun ziemlich schnell LKWs auf mich auf. Aus Ehrfurcht fuhr ich jedes Mal links auf den Randstreifen, damit sie mich ungehindert überholen konnten. Horrorgeschichten hatte ich über die Kraftfahrer auf australischen Straßen gehört. Nach ungefähr einer halben Stunde erreichte ich Goondiwindi. Ich folgte der Ausschilderung, steuerte die Information der Stadt an und fragte die Dame hinter dem Schreibtisch, ob sie wüsste, wo man in diesem Ort einen Campingplatz finden würde. Sie zeigt mir auf einem Stadtplan drei Möglichkeiten auf denen ich mein Zelt aufschlagen könnte. Ich nutze die Gelegenheit, um nach einer Motorradwerkstatt zu fragen. Am Ortseingang hatte ich schon einige Autohändler gesehen, ein Motorradmechaniker war mir aber lieber. „Oh, there is a Kawasaki-mechanic in town“, antwortete sie mir und beschrieb mir den Weg.
Nachdem ich das Motorrad noch schnell aufgetankt hatte fand ich den Kawasaki-Händler auch schnell. Ich beschrieb ihm mein Problem. Der etwas untersetze Mann mit einem kleinen Bauch und einem großen Sonnenhut auf dem Kopf grübelte etwas und fragte mich alles Mögliche über das Motorrad. Letztendlich stellte er fest, dass das Problem überall sein könne und er es am nächsten Morgen einmal genauer kontrollieren könne. Zustimmend nickte er, als ich fragte ob es denn auch die Zündkerze sein könnte. „Could be.“, sagte er und fügte hinzu, dass er Sie auch wechseln könne. „Oh, I can do it.“, antwortete ich. Auf dem Campingplatz könnte ich eine neue Zündkerze einbauen. Am nächsten Morgen würde ich ja dann sehen, ob das Problem behoben ist. 25 Dollar würde eine Zündkerze kosten. Ein völlig überzogener Preis. In Brisbane kaufte ich einige Monate später die gleiche Zündkerze für 4 Dollar. Hier im Inland ohne große Alternativen hatte ich aber keine Wahl und so wechselten 25 Dollar den Besitzer.
Nachdem ich auf einem Campingplatz, etwas außerhalb vom Ort, mein Zelt aufgeschlagen hatte, baute ich den Tank ab um an die Zündkerze zu kommen. Verdammt, hätte ich doch mit dem Tanken noch gewartet, 24 Liter Benzin wiegen schon etwas. Die Elektrode der Zündkerze war etwas weiß. War das Benzin-Luft-Gemisch vielleicht zu mager?

Tag 2
Der Wecker meines Handys klingelte um 5 Uhr. Einige Minuten vorher aufgewacht, beobachtete ich den Sonnenaufgang. Die Sonne ging hinter ein paar großen Bäumen am Ende des Campingplatzes auf. In wenigen Minuten wechselte die Farbe des Himmels von einem dunklen Lila in ein helles Blau. In Australien geht die Sonne auf Grund der Nähe zum Äquator sehr schnell auf und unter.

Für den zweiten Tag meiner Motorradtour von Brisbane nach Gawler hatte ich mir 500 km vorgenommen. Am Vortag brauchte ich für 350 km ungefähr sechs Stunden. Gut die Hälfte der Strecke fuhr ich aber durch dicht besiedelte Gebiete. Das würde sich heute ändern, denn mittlerweile war ich schon tief im australischen Hinterland.
Ich kroch aus meinem Zelt, packte Isomatte und Schlafsack zusammen, und kochte Wasser für meinen Morgenkaffee. Während das Wasser heißer wurde, baute ich das Zelt zusammen und verstaute meine Sachen auf dem Motorrad. Die Sonne stand nun schon sehr hoch und ich schwitzte bereits. Es wurde immer schwieriger einen schattigen Platz zu finden. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es erst sechs Uhr war, und so wurde ich mir wieder über die Extreme dieses Landes bewusst. Zwei Scheiben Brot, ein paar Bisse von der Dosenwurst und Kaffee aus meiner blauen Emaille-Tasse stillten meinen ersten Hunger des Tages.

Ich verließ gegen sieben Uhr Goondiwindi und damit den Bundesstatt Queensland in Richtung Süden auf der A39. Die auch unter dem Namen „Newell Highway“ bekannte Straße sollte ich heute nicht mehr verlassen. Der Highway verbindet die Städte Goondiwindi und Tocumwal auf einer Strecke von 1063 Kilometern und befindet sich im Bundesstaat New South Wales. Ein eigener Internetauftritt zeigt die Bedeutung dieser Straße für die Region. Anliegende Gemeinden haben eine gemeinsame Broschüre und die Web-Seite www.newellhighway.org.au/ erstellt und werben mit Ihren Sehenswürdigkeiten um Touristen. Entlang der Strecke kann man unter anderem eine Sternwarte und das Riesenteleskop „The Dish“ bestaunen. Mein heutiges Tagesziel war die Stadt Dubbo. Herberge des „Taronga Western Plains Zoo“, ein 300 Hektar großes Freigehege. Den letzten Kreisverkehr in Goondiwindi verlassend, begrüßte mich der Fahrer eines entgegenkommenden Autos. Ich konnte sein „G’day mate!“, förmlich hören. Rosarote Papageien, eben noch auf der Straße sitzend, flogen einige Meter vor mir in die schützenden Bäume.

Ein paar Kurven später präsentierte sich mir der Highway in einer geraden Linie, wie es kein Architekt hätte besser zeichnen können. Bis zum Horizont konnte ich die Straße sehen. Keine Kurve, keine Anhöhe oder Senke störten den freien Blick auf den kilometerlangen Asphalt. Das Land um mich herum war bretteben. Schaute ich nach links konnte ich in der Ferne die Silhouette eines Gebirges sehen. Es waren Ausläufer der „Great Dividing Range“, ein Gebirgszug, der sich vom Norden bis nach Süden von Australien erstreckt. Die Vegetation veränderte sich zunehmend. Versperrten am Tag zuvor noch Bäume und dicke Sträucher den Blick auf das Umland wuchsen hier nur noch vereinzelt Bäume. Weite Gebiete waren mit Gras überzogen und wechselten sich mit bewirtschafteten Flächen ab. Um führ Roadtrains kein Hindernis zu sein fuhr ich die mittlerweile erlauben 110 km/h. Das am Vortag noch stark auftretende „Konstant-Fahr-Ruckeln“ blieb aus. Sollte das Wechseln der Zündkerze etwa schon ausgereicht haben? Es schien so. Ich ließ den kühlen Fahrtwind durch mein offenes Visier, legte meine Füße auf die weit vorne am Motorrad angebrachten „Highway-Pegs“ und lehnte mich mit dem Rücken an mein Gepäck. Entspannt glitt ich den Highway entlang.

In Naarabri. machte ich nach 200 km eine Pause. Ich tankte das Motorrad auf und suchte mir ein schattiges Plätzchen, um meinen Hunger durch ein zweites Frühstück zu stillen. In einem Park fand ich einen Tisch mit zwei Bänken unter einem großen Eukalyptusbaum.

Gegen 12 Uhr erreichte ich den nächsten Ort, die Stadt Coonabarabran. „Was haben die denn eigentlich mit ihren Ortsnamen?“, fragte ich mich am Ortseingang. Je weiter ich in das Landesinnere fuhr, desto unaussprechlicher wurden sie. Viele Orte haben die Bezeichnungen der Ureinwohner erhalten. Nun zur Mittagszeit kletterte die Temperatur auf knappe 40 Grad. Selbst im Schatten wurde es nun unerträglich heiß. Das warme Wasser aus meinen Flaschen machte nun selbst das Trinken zu einer Qual. Das Motorrad in der Sonne stehen sehend, wollte ich es in den Schatten schieben. Ich fasste die Sitzbank an und ließ sie mit einem kleinen Schrei sofort wieder los. Die schwarze Sitzbank heizte sich so sehr auf, dass ich sie nicht mehr anfassen konnte. Auch die Reifen konnte man kaum berühren.

Die Sonne brannte ohne Erbarmen. Der Fahrtwind hatte nichts mehr gemein mit der noch am Morgen so
angenehm, wohltuenden Brise. Es war als ob man in einer Sauna sitzt. Windböen von links und rechts fühlten sich wie Aufgüsse an. Völlig erschöpft erreichte ich das kleine Nest Gilgandra, trank kühles Wasser aus der örtlichen Touristeninformation und fuhr weiter. Als ich gegen 15 Uhr mit der Stadt Dubbo mein geplantes Tagesziel erreichte, entschied ich mich noch ein paar Kilometer zu fahren. So kam ich nach insgesamt 650 Kilometern in der beschaulichen Stadt Parkes an.

Ich legte gerade meine nötigsten Dinge in mein eben aufgebautes Zelt, als mich ein Mann, er muss so in den Siebzigern gewesen sein, ansprach. Er erzählte mir, dass er und seine Frau seit 10 Jahren mit einem Wohnanhänger quer durch Australien reisen. Sie bleiben für eine Weile an einem Ort, um dann der Jahreszeit angepasst weiter zureisen. Sie hatten ihr Haus vor Jahren verkauft. Nun führten beide eine Art Nomadenleben. Allerdings auf einem sehr hohen Niveau. Ich hatte von solchen Menschen schon gehört. Viele Australier kennen ihr eigenes Land fast gar nicht, und selten haben Sie ihre Stadt verlassen. Gerade die älteren Menschen hatten nie eine Urlaubsreise gemacht. Aber als Rentner schien Ihre Zeit gekommen zu sein. Sie verkaufen Haus und Hof, um dann über Jahre das eigene Land zu erkunden.

Nach einer erfrischenden Dusche und einer warmen Mahlzeit setzte ich mich auf meinen Campingstuhl und genoss den aufkommenden Wind. Auf den Bäumen um mich herum raschelte es. Es war aber nicht der Wind allein, der die Geräusche verursachte. Die Bewegungen der Baumkronen waren ungleich stärker. Ganze Äste wippten auf und ab. Es kreischte in einigen Bäumen. Mit meiner Taschenlampe leuchte ich in den Baum über mir. Ich konnte nichts entdecken. Die Geräusche wurden immer stärker, so dass ich nochmals versuchte was zu erkennen. Da schaute mich, zwischen Blättern versteckt, ein Augenpaar an. Ein Possum wurde wohl gerade munter. Diese nachtaktiven Beuteltiere leben tagsüber vor allem in und auf Bäumen, um in der Dunkelheit der Nacht auf Nahrungssuche zu gehen. Etwas später, beobachtete ich zwei weitere Possums, die von einem anderen Baum runterkletterten. Ich lag bereits auf meiner Isomatte und konnte den zwei Meter entfernten Baumstamm aus meinem Zelt sehen. „Wehe ihr macht euch an meinem Zelt zu schaffen!“, drohte ich beiden. Ich hatte erwartet, dass sie wegrennen würden. Nicht wegen des Inhaltes meiner Drohung, vielmehr vor der Stimme eines Menschen. Aber die beiden ließen sich überhaupt nicht stören! Sie stellten sich ab und zu mal auf Ihre Hinterpfoten, schauten herum, ein paar mal auch zu mir, um dann weiter im Gras nach fressbarem zu suchen. Nun gut, ich konnte keine Wache schieben und musste den Tierchen vertrauen, dass sie mich in Ruhe schlafen lassen würden.







Tag 3
Am dritten Tag meiner Tour erreichte ich gegen 11 Uhr den Ort West Wyalong. Ich verließ den Newell Highway nach insgesamt 760 km und bog auf den Mid Western Highway ab. Immer tiefer fuhr ich in das Outback. Nun Richtung Westen fahrend stand die Sonne hinter mir.

Ich beobachte den Himmel etwas genauer, denn an der Rezeption des letzten Campingplatzes warnte man mich vor Regen. Und tatsächlich konnte ich zu meiner Rechten tief dunkle Wolken ausmachen. Der Wind kam von Norden. Es würde knapp werden, aber vielleicht könnte ich schnell genug Richtung Westen kommen und so am Regengebiet vorbei fahren. Doch die Wolken kamen immer näher. Die Straße wechselte mittlerweile von einer geraden in eine kurvige Strecke. Die ersten, kleinen Regenwolken kreuzten meinen Weg. Einige Tropfen erreichten mich, verdunsteten aber sofort wieder.

Im Örtchen Hay hielt ich für einen Tankstopp. Die Straßen waren nass, hier musste es also vor kurzen geregnet haben. Das Unwetter würde aber erst kommen, so der Tankwart. Gemeinsam schauten wir auf das aktuelle Regenradar. Ein ungefähr 400 km breites Regenband zog von Norden nach Süden, und kreuzte damit meine Route. Die roten und gelben Bereiche zeigten kräftigen Regen an. „Where you wanna go today?“ fragte mich der Tankwart. „Mildura“ antwortete ich. „Oh, you gonna get wet“, sagte er und lächelte. Ich bezweifelte es, angesichts der doch ein wenig entmutigenden Bilder auf seinem Computerbildschirm, nicht.

Ich versuchte mein Gepäck, so weit es ging Wasserdicht zu verpacken. Das Topcase und die Gepäckrolle brauchten keinen extra Regenschutz. Den Rucksack, mein drittes Gepäckstück, steckte ich in zwei große Mülltüten. Ich selbst zog meine Regenjacke über. Hose, Schuhe und Handschuhe mussten auf eine wasserdichte Schutzschicht verzichten. Nachdem ich alles so gut es ging verpackt verließ ich Hay auf dem Sturt Highway.

Kaum hatte ich die Ortsgrenze erreicht, baute sich eine graue Wand vor mir auf. Der Himmel war komplett mit Wolken verhangen. Es wurde immer windiger. Sturmböen warfen mich hin und her. Nur mühsam konnte ich die Spur halten. Ich konnte genau sehen in welcher Entfernung es regnete. Es war als ob ich durch einen riesigen Wasserfall fahren müsste. Dann fuhr ich in den Regen. Wie Nadelstiche fühlten sich die Regentropfen auf meinen Armen an. In wenigen Sekunden war meine Hose komplett durchnässt. Meine Schuhe wurden von den Wassermassen regelrecht geflutet. Der Regen drang in meinen Helm ein und tropfte permanent in mein linkes Auge und lief runter zu meinem Mund. Die Sichtweite reduzierte sich auf wenige Meter. Entgegenkommende Fahrzeuge konnte ich erst kurz vor mir erkennen. Ich musste meine Geschwindigkeit deutlich verringern. Immer wieder schaute ich in meine Rückspiegel. Ich befürchtete, dass die auf mich auffahrenden Fahrzeuge, das Rücklicht meines Motorrades nicht rechtzeitig sehen würden. Selbst die Vollbremsung eines Trucks könnte dann einen Aufprall nicht mehr verhindern. Aber ich fuhr weiter.

Die Stärke des Regens hielt für ungefähr 5 Minuten an. Der Wind ließ nach und meine Sicht verbesserte sich. Allerdings lief das Wasser weiterhin ununterbrochen in meinen Helm und meine Schuhe. Nach einer Weile wurde mir immer kälter, ich zitterte und meine Beine schlugen unkontrolliert gegen den Tank. Dass Wasser entzog mir kontinuierlich meine Körperwärme.

Nun, ganz so schlimm erging es mir dieses Mal nicht. „Komm, denk an was schönes!“, sprach ich zu mir. Ich könnte die nächste Nacht in einer „Cabin“ übernachten. Diese Wohncontainer sind in jedem Caravanpark für $50-$60 zu mieten. Sie beinhalten meistens ein Doppelbett, eine Küchenzeile, TV- Kühlschrank, Herd, meist zwei weitere Doppelstockbetten und manchmal ein eigenes Bad. Ich bräuchte nicht im Regen das Zelt aufzubauen und hätte genug Platz um meine Sachen zu trocknen. Ich stellte mir vor, wie schön es wäre im Warmen und Trocknen zu essen. Aber es half alles nichts, mir wurde immer kälter. Gute 100 km bin ich im Regen gefahren und so entschied ich an der nächsten Raststätte eine Pause zu machen. Nach 20 km war es soweit. Ich fuhr vom Highway ab und folgte einer kleinen asphaltierten Straße bis zu ihrem Ende. Von hier aus konnte ich einen überdachten Tisch mit Bänken ausmachen. Da ich dringend aus meiner Kleidung raus wollte um mich anschließend erstmal abzutrocknen, es aber noch immer regnete, beschloss ich, auch das Motorrad neben den Tisch unter das Dach zu stellen. So würde weiterhin mein Gepäck trocken bleiben.
Ich hatte mir dieses Unterfangen einfacher vorgestellt. Die zehn Meter von der Straße zum Tisch standen zwar nur leicht unter Wasser, der lose Untergrund aber hatte sich durch den Regen in ein Schlammloch verwandelt. Er sah so fest aus, aber als ich mit dem Hinterrad auf dem Sand war, rutschte es weg und ich konnte nur mit Mühe das Motorrad aufrecht halten. Das Profil der Reifen war komplett mit Schlamm zugesetzt, so dass sich das Motorrad nur mit ständig durchdrehenden Reifen fortbewegen ließ. Jedes ungewollte Wegrutschen zerstörte mir meine gewählte Linie. Nach dem dritten missglückten Anlauf, das Motorrad unter das Dach zu bekommen, stieg ich ab, um es bei laufendem Motor „spazieren“ zu fahren. So blieb das Vorderrad auf der gewählten Linie und ich erreichte entkräftet und nass den trockenen Unterstand.
In Badehose und Fleecejacke eingepackt, stand ich auf dem Tisch und beobachtete drei Emus. Ich gönnte mir eine längere Pause. Um mich herum flossen kleine Bäche den Sand entlang. Es regnete ununterbrochen. Ab und zu frischte der Wind auf und der Regen wurde stärker. Dann hörte ich nur noch das Trommeln der Tropfen auf dem Dach. Wenn der Regen wieder abschwächte, konnte ich auf dem Highway vorbeifahrende Fahrzeuge hören. Ich fühlte wie meine Kräfte zurückkamen. Das Zittern meiner Beine wurde immer schwächer. Nur noch ab und zu durchzogen kalte Schauer meinen Körper.

Nach einer Stunde beschloss ich die letzten, knapp 130 km nach Mildura zu fahren. Ich zog ein trockenes T-Shirt an, darüber eine Softshell-Jacke. Zum Wärmen folgte dann meine Fleecejacke. Meine Motorradjacke und die abschließende Regenjacke komplettierten die Bekleidung meines Oberkörpers. Meine Beine schützte ich mit einer Badehose und der klitschnassen Motorrad-Jeans. Nachdem ich in die nassen Schuhe und Handschuhe geschlüpft und den ebenfalls komplett durchnässten Helm aufgesetzt hatte, kämpfte ich mich nun schon etwas besser durch den Matsch um den Highway zu erreichen.

Das Wetter wurde nicht besser. Es regnete für ein paar Minuten kräftiger, um sich dann wieder auf ein normales Niveau einzupendeln. Um die Zeit zu verkürzen, rechnete ich mir immer wieder vor, wie lange ich noch bei der aktuellen Geschwindigkeit von um die 100 km/h fahren müsste, um mein Tagesziel zu erreichen. „Nur noch 40 Minuten – nur noch 30 Minuten, bald hast du es geschafft“, ermunterte ich mich immer wieder selbst.
Ich erreichte den Ort „Gol Gol“. Laut der Straßenbeschilderung war Mildura 10 Kilometer entfernt. Ein großes Plakat machte mich auf einen Caravan Park in 500 Metern Entfernung aufmerksam. Ich folgte der Einladung und entschied, es für heute gut sein zulassen. Man kann sich solche Entscheidungen ja auch etwas schön reden. So musste ich nicht unnötig Energie und Zeit für die Suche nach einem Campingplatz in Mildura, einer etwas größeren Stadt vergeuden. Wahrscheinlich wären dort die Preise sowieso noch ein bisschen höher als hier im Kaff gewesen.

Ich bereute die Entscheidung nicht. Meine Kabine war keine 20 Meter vom Fluss „Murray River“ entfernt. Nach 30 Minuten unter der warmen Dusche und einer anschließenden warmen Mahlzeit, ging ich zum Fluss und beobachtete den feuerroten Sonnenuntergang.

Tag 4
In der Nacht sank die Temperatur merklich ab. Trotz der Kabine fror ich in meinem Schlafsack. Gegen 7 Uhr stand ich auf und stellte dabei fest, dass die Klimaanlage auch eine Heizfunktion hatte. Ich konnte mich nur kurz Ärgern, musste ich noch meine feuchten Kleidungsstücke trocknen. Am Vorabend hatte ich zwar meine nassen Klamotten aufgehängt, durch die Kälte waren sie aber am Morgen noch nicht trocken. Ich schaltete die Heizung und die Elektroheizplatten des Backofens an. Darüber hängte ich meine Handschuhe und die Polster meines Helms. Innerhalb von zwei Stunden waren alle dringend benötigten Kleidungsstücke trocken. Den Rest packte ich zum trocknen als letztes auf mein Motorrad.
Die Strecke führte mich eine Weile direkt am Murray River entlang. Der zweitgrößte Fluss Australiens bildet einen Teil der Grenze zwischen den Bundesstaaten New South Wales und Victoria. Über mir war der Himmel durch eine hellgraue, dünne Wolkendecke bedeckt. Zwar regnete es nicht mehr, dafür hatte sich aber die Temperatur gegenüber den Vortagen deutlich abgesenkt. Ich schätzte sie auf etwa 15 Grad Celsius. Am Horizont konnte ich die Grenze zwischen dem bewölkten und dem klaren Himmel erkennen. Nach zwei Stunden fing ich die ersten Sonnenstrahlen des Tages ein. Um mich aufzuwärmen hielt ich für eine Pause an. Mittlerweile war ich im Bundesstaat Victoria, der westlich von Mildura an den Bundesstaat New South Wales grenzt. Ich aß etwas und hielt auf einer Bank ein kleines Mittagsschläfchen. 200 Kilometer waren noch zu bewältigen. Ich konnte mir also Zeit lassen.
Wieder auf dem Highway wurde ich einige Kilometer weiter an einer Quarantänestation gestoppt. An der wie an einer Staatsgrenze aufgebauten Kontrollstation, muss jedes Fahrzeug anhalten. Der Bundesstaat South Australien schützt sich so vor der Einfuhr von Fruchtfliegen. Schon einige Kilometer vorher wird man durch große Informationsschilder aufgefordert Obst, Gemüse und Fleisch nicht weiter mit zu transportieren. Hohe Strafen von mehreren Tausend Dollar dienen als Abschreckung. Ein älterer dünner Mann in einem weißen Hemd und kurzer Jeans schlenderte aus seinem Grenzhäuschen heraus als er mich kommen sah. Ich stoppte. Ob ich Obst, Gemüse oder Fleisch bei mir habe wurde ich gefragt. Ich antwortete kurz und knapp dass ich nur ein paar Kekse und eine Flasche Wasser mit mir führte. Mittlerweile waren meine anderen Lebensmittel wie geplant aufgebraucht. „Drive safely“, sprach er und klopfte mir auf die Schulter. Den Kopf zum Schulterblick nach rechts gewendet, drehte ich am Gasgriff und fuhr weiter.
Mein Weg führte mich nun immer öfter durch Dörfer und kleine Städte. Manchmal kam es mir so vor, als ob ich den Ozean riechen konnte. Mir begegneten nun auch immer mehr Motorradfahrer. Bisher hatte ich seit meinem Start in Brisbane ganze zwei Motorradfahrer getroffen. Beide waren wie ich alleine unterwegs. Ihre ebenfalls bepackten Motorräder ließen auf eine größere Reise schließen. Leider kam ich mit beiden nicht ins Gespräch, da wir uns auf dem Highway bei freier Fahrt begegneten. Inzwischen kreuzten vor allem Sportmotorräder meinen Weg. Ein Grüßen, wie es in Europa zwischen Motorradfahrern üblich ist, kam nicht zu Stande. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass man im Linksverkehr die Gasgriffhand zum Straßeninneren hat und man daher die „freie“ linke Hand etwas umständlich nach rechts bewegen muss.

Gegen 16 Uhr erreichte ich die Stadt Gawler, das Ziel meiner ersten Motorradtour in Australien. Es war in vielerlei Hinsicht eine Premiere. Die erste größere Tour allein und die erste Tour ohne meine CBR 600 F, mit der ich in den letzten 10 Jahren über 100.000 Kilometer in Europa gefahren bin. Die Reise auf einer Enduro war einfacher als ich zunächst angenommen hatte. Schnell hatte ich die zum Anfang doch sehr lästigen Vibrationen des Einzylinders lieb gewonnen. Auch wenn sich unterwegs mehrmals Schrauben gelöst hatten. Darunter war eine Schelle des Auspuffs noch das unproblematischste. Einen Tag später stellte ich fest, dass sich unter anderem die Schrauben des Heckrahmens gelockert hatten.

Strecke: Brisbane – Barossa Valley 2000 km
Reisedauer: 4 Tage

Australisches Outback
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Zündkerzenwechsel
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Sonnenuntergang am Murray River in Gol Gol
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Kommentare zum Beitrag

Peter Herold
24.420
Peter Herold aus Gießen schrieb am 06.06.2011 um 11:20 Uhr
Guter Beitrag. Er hätte es verdient gehabt in 4 Teilen gebracht zu werden. Er wäre dann leicht zu lesen gewesen.
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von:  David Kiefel

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