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Wer oder was steht ideell hinter der Lumdatalbahn

Auszeichnung des Landkreises in 1991 als Beleg verkehrspolitischen handelns
Auszeichnung des Landkreises in 1991 als Beleg verkehrspolitischen handelns
Allendorf (Lumda) | In einem Leserbrief in einer Gießener Tageszeitung waren kürzlich Äußerungen über die Motive von Personen zu lesen, die sich für die Lumdatalbahn engagieren. Konkret war u.a. von einem "Grüppchen nostalgischer Eisenbahn-Pensionäre" die Rede.

In Erwiederung sei grundlegend auf folgendes aufmerksam gemacht:

Anno 1981 gründete sich eine Bürgerinitiative (BI), die gegen die Einstellung des regelmäßigen Personenverkehrs auf der Schiene nach Londorf protestierte. Es handelte sich dabei im wesentlichen um Fahrgäste, welche die Vorteile den Schienenverkehrs zu nutzen wussten. Dieser Bürgerinitiative gelang es damals, nennenswert viele Unterschriften für die Beibehaltung des Schienenverkehrs zu sammeln. Alleine in Staufenberg-Treis zeichneten in 1981 rund 2000 Bürger für die Lumdatalbahn. Die damalige Deutsche Bundesbahn als behördlich organisierter Staatsbetrieb ignorierte jedoch die Bürgerbegehren und zog sich strategisch bundesweit aus der Fläche zurück. In Mittelhessen wurden neben der Lumdatalbahn weitere andere Bahnverbindungen vielerorts gegen Bürgerproteste nach folgendem Verfahren gekappt:

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* ausgedünnter bzw schlechterer Fahrplan

* verpasste Anschlüße

* Abfahrzeiten, die nicht mit den Öffnungszeiten von Schulen oder großen Betrieben harmonierten

* veraltete Fahrzeuge

* konkurriende Busverbindungen durch die damalige Bundes-Bus-Gesellschaft

Schon damals wurde dies als falsche Strategie gebrandmarkt. Weil bundesweit nach gleicher Methode von den verschiedenen Bundesbahn Direktionen verfahren wurde und die Menschen eher in Auto, als in den Bus wandern lies. Rückblickend kann man sogar feststellen, dass sich die einzelnen Bundesbahn Direktionen untereinander in einem regelrechten Wettbewerb um eingestellte Zugverbindungen befanden. Die Fortführung dieser Strategie hätte früher oder später die Abwicklung des Verkehrssystems Rad/Schiene in der BRD bedeutet. Deshalb war die Bahnreform in 1993 nötig.

Die Einstellungen von Zugverbindungen führte dann in den 1980er Jahren auch zur Organisation von Fahrgastverbänden, die mit Ideen und Vorschlägen schon vor der Bahnreform gegen diese "Stillegungswelle" protestierten. Auch hier vor Ort im Lumdatal traten schon früh jene Organisationen auf den Plan. Hierbei seien genannt: "BFS Bürgerverband zur Förderung des Schienenverkehrs e.V., Regionalverband Mittelhessen", "VMR Verein Mittelhessische Regionalentwicklung"; "VCD Verkehrs-Club-Deutschland", "Pro Bahn", "Pro Bahn & Bus". Zeitweise war im Lumdatal auch das "ZAUG" involviert.

ehrenamtliches Engagement wird ausgezeichnet
ehrenamtliches Engagement wird ausgezeichnet
Ideell etwa so, wie Automobilclubs die Interessen von Autofahrern verfolgen.

In den 1990er Jahren war die Gründung von Aktiengesellschaften sehr publik. Neben den großen Gesellschaften, -wie die Deutsche Telekom AG oder Deutsche Bahn AG- die in jener Zeit gegründet wurden, orientierte man sich innerhalb der BI ähnlich. Im August 1995 wurde die Lumdatalbahn Aktiengesellschaft gegründet und ins Handelsregister eingetragen. Ein sechsstelliger DM-Betrag wurde durch die Ausgabe von 3.500 Inhaber Namensaktien zu je 75 DM Ausgabekurs eingeworben.

In den verschiedenen Satzungen der vorgenannten Organisationen war fast stereotyp immer wieder die Forderung nach Wiederaufnahme des schienengebundenen Verkehrs nach Londorf mit jeweils zeitgemäßen Fahrzeugen die Rede. Dies führte unter anderem auch zu mehreren Fahrzeug-Neuheiten-Präsentationen am Mainzlarer Bahnhof. Hierbei sei an den Regio-Sprinter der Dürener Kreisbahn oder den weißen "Talent 1" verwiesen.

Im Laufe der Zeit wurde natürlich immer wieder von Dritten über die Motive der agierenden Personen geunkt oder gerätselt. Bezeichnungen wie etwa: "Öko-Spinner", "Utopisten", "Nostalgiger", "Fantasten", sind mehr als einmal entlang des Schienenweges bei Streckenpflegearbeiten zu hören gewesen. Diffamierung gehört eben zum politischen Geschäft.
nennenswerter Fahrgastzuspruch bei Sonderfahrten
nennenswerter Fahrgastzuspruch bei Sonderfahrten

Unter dem Oberbegriff "Eisenbahn-Verein" lassen sich noch ganz andere Deutungen finden: "Eisenbahn-Romantiker", "Pufferküsser", "Nietenzähler", sind einschlägig bekannte, teilweise auch wenig schmeichelhafte Begriffe, die aber ausdrücklich nicht für die seit langem handelnden Personen pro Lumdatalbahn zutreffen. Die Betreuung historischer Schienenfahrzeuge stand niemals im Fokus. Zudem existiert in Gießen mit den -OEF- eine Organisation, die sich speziell um historische Triebwagen kümmert. Deshalb gebietet es alleine schon die Koexistenz sich gegenseitig nicht schädlich zu beeinflussen.

Nimmt man die Anzahl der Aktionäre, der Vereinsmitglieder, oder schlicht die Sympathisanten und eben die betroffenen Fahrgäste zusammen, ergibt sich rechnerisch eine vierstellige Personenzahl.

Die Bezeichnung "organisierte kompetente Fahrgäste" dürfte deshalb am ehesten für Mitglieder und Vorstand des Lumdatalbahn e.V. charakterisierend sein. Denn die Organisation und Aufgabenverteilung des ÖPNV ist sehr institutionalisiert.
Um einen Teil der Freizeit sowie Fahrkomfort betrogene Fahrgäste würde inhaltlich auch passen. Älteste BI im Landkreis Gießen passt vermutlich auch.

Aktie der LB AG
Aktie der LB AG
Leider eröffnet die "Windschutzscheiben-Perspektive" vieler Personen nicht den Blick auf Wünsche und Bedürfnisse von Fahrgästen im ÖPNV. Die politisch dogmatischen Vorbehalte gegen die Lumdatalbahn werden mit ihrer Wiederholung dann aber auch nicht wahrer und diskreditieren sogar den Berufsstand der Eisenbahner allgemein.

In der Bundesrepublik fanden seit der Bahnreform mehr als 50 Reaktivierungen für anschließende Nutzung im Schienenpersonennahverkehr statt. In nahezu allen Fällen wurden die gutachterlichen Prognosen bestätigt, meist sogar deutlich übertroffen. Reaktivierte Bahnen plagen sich bereits vielfach mit dem Problem der nötigen Kapazitätsausweitung.

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Kommentare zum Beitrag

Martin Wagner
2.628
Martin Wagner aus Gießen schrieb am 24.01.2018 um 13:58 Uhr
Danke für den sehr informativen Artikel.

"Grüppchen nostalgischer Eisenbahn-Pensionäre" ist ein Kampfbegriff.

Sicherlich für diejenigen, welche sich betroffen davon fühlen etwas despektierlich. Aber politscher Kampf ist nun einmal kein Kindergeburtstag.

In den 90ern habe ich auch Aktien für die unterstützenswerte Sache gekauft. Damals war ich in Lohn und Brot. Heute zähle ich mich zur Weishaarfraktion.

Nostalgie hat mich nie umgetrieben (die gibt es auch, die so genannten Pufferküsser), sondern das Wissen, dass bei Aufbau genügend großen politischen Druck auch Entwicklungen gestoppt und umgedreht werden können.

Dieses Wissen ist leider in der jüngeren Generation verloren gegangen. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass allüberall zu beobachten ist, dass fortschrittliche Bewegungen mehrheitlich von Menschen jenseits der 50 getragen werden.

Inhaltlich ist das - gut im Artikel zusammen gefasst - aber keinesfalls damit zu koppeln: Die Alten wollen nur, daß alte Zöpfe nicht abgeschnitten werden.

Die Lumbdabahn wird reaktiviert - früher oder später!
Dr. Tim Mattern
648
Dr. Tim Mattern aus Wettenberg schrieb am 24.01.2018 um 14:50 Uhr
Wenn man sich mal vor Augen führt, dass allein Frankfurt in den nächsten 2 Jahrzehnten rund 1000 Hektar Wohnbaufläche benötigt - die es nicht hat - und dass unsere Straßen vor allem auf den Hauptpendelstrecken ins Rhein-Main-Gebiet hoffnungslos überlastet sind, dann kann die Reaktivierung von Strecken wie der Lumdatalbahn oder der Horlofftalbahn nur richtig sein.
Alle setzen auf das E-Auto. Das ist weder die Lösung für die Energieprobleme, noch für die verstopften Straßen. Es muss wieder mehr Verkehr auf die Schiene.
Der Planungsverband Rhein-Main, der die Ausweisung von Siedlungsgebieten steuert, konzentriert sich auf "Gebiete leichter Erreichbarkeit", also solcher die von Frankfurt aus binnen einer Stunde per Bahn erreichbar sind. So ist z. B. rund um die Bahnhöfe von Bad NAuheim, Friedberg und Butzbach weiterer Siedlungszuwachs zu erwarten, bzw. hier kann Wohnraum geschaffen werden, der in Frankfurt fehlt. Heißt aber auch: Nur wenn wir attraktive Verbindungen in die ländlichen Regionen (wieder)beleben, dann kann das Ausbluten des ländlichen Raums durch Bevölkerungsschwund verringert werden. Und nur Kommunen mit genug EInwohnern können auch ihre Infrastruktur finanzieren.
Ob die Lumdatalbahn sich zum jetzigen Zeitpunkt rechnen würde oder nicht, vermag ich nicht zu beurteilen. Es ist aber sicherlich sinnvoll, wenn die Lumdatalbahn-Aktiven sich frühzeitig in die Planungsprozesse für die Regionalpläne Mittel- und Südhessen einbringen. Nur so kann gewährleistet sein, dass die Steuerung der Siedlungsflächenentwicklung und die Nutzung/Reaktivierung von Verkehrswegen Hand in Hand geht.
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