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Reinhold Gruninger wurde 75

Reinhold als siebzigjähriger
Reinhold als siebzigjähriger
Allendorf (Lumda) | Von Brunhilde Trenz, Leiterin des Heimatvereins Allendorf (Lumda)

Am 13. Oktober wurde Reinhold Gruninger, derzeit wohnhaft in Lich-Eberstadt, 75 Jahre alt.
Er wurde 1942, mitten im Krieg, in Allendorf (Lumda) in der Rheingasse geboren und ist dort aufgewachsen. Er ist also ein echter Allendorfer. Seine Mutter stammte aus Allendorf, aber sein Vater stammt aus Rust am Rhein. Er war in Gießen stationiert. Nach dem Kriegsende kam er als Badener in französische Gefangenschaft. Dort wurde ihm übel mitgespielt. Reinholds Mutter erfuhr davon und holte ihn zum Sterben nach Allendorf. Er starb 1947. Ein Schicksal das fast alle Freunde von Reinhold mit ihm teilten.
1949 kam Reinhold in die Grundschule in Allendorf. Dort stellte man unter anderem fest, dass er farbenblind ist und verbot ihm als Linkshänder, mit der linken Hand zu schreiben. Außerdem stellte man fest, dass er nicht singen konnte, er bekam daher im 1. Zeugnis Mangelhaft in im Fach Singen. Somit wurde seine aussichtsreiche Karriere als Sänger verhindert.
1951 wurde Allendorf Mittelpunktschule für das Lumdatal, Allendorf bekam einen
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Realschulzweig. In der 4. Klasse wurden er und seine Mitschüler aus dem Kreis Gießen geprüft, ob sie die für die Realschule geeignet waren. Reinhold bestand diese Prüfung. 1959 wurde er mit der Mittleren Reife entlassen. Aber, wie er zugibt, waren seine Noten eher schlecht. Er bewarb sich bei der Post und bei der Bundesbahn. Er wurde aber abgelehnt, da er farbenblind ist.
Und so wurde er Lehrling für den Beruf des technischen Großhandelskaufmann in einem Gießener Autohaus. 1962 bestand er die Prüfung und arbeitete bis Ende 1971 in diesem Beruf.
1964 heiratete er und wohnte weiterhin in Allendorf. Das junge Paar bekam zwei Kinder: Den Sohn Raoul Stefan und die Tochter Ricarda.

1968 sah Reinhold ein, dass er so nicht weiterkam. Er hörte vom Abendgymnasium in Gießen und meldete sich Mitte 1968 dort an. Da Beruf und Schule nur schwer vereinbar waren, zog die Familie nach Gießen. Nach seiner Arbeit ging er drei Jahre lang von 18 Uhr bis 22 Uhr an das Abendgymnasium. Im Mai 1971 nahm er eine Woche Urlaub für die schriftliche Prüfung und im Juni eine weitere Woche seines Jahresurlaubes für die mündliche Prüfung. Er bestand das Abitur mit dem Notendurchschnitt von 1,8. Er schrieb sich an der JLU Gießen für das Lehramt in Mathematik
Reinhold an seiner Konfirmation
Reinhold an seiner Konfirmation
und Physik zum WS 1971/72 ein. Er arbeitete weiter bis Ende 1971, er hatte ja eine Familie zu ernähren. Aber er musste Ende 1971 einsehen, dass er zu viel Lehrstoff versäumte. Um seine Familie zu ernähren, fuhr er zeitweise morgens ab 6 Uhr Brötchen aus und sortierte abends Zeitschriften für die Zeitungshändler der Region.
Nach seinem 1. Staatsexamen wurde er Referendar an der Gesamtschule Lollar. Es gefiel ihm dort sehr gut, und er denkt heute noch an seine lieben Kolleginnen und Kollegen zurück. Nach dem 2. Staatsexamen bekam er einen schweren Schicksalsschlag. Die damals in Hessen regierende SPD stellte keinen der neuen Lehrer als Beamte ein. Reinhold bekam eine 2/3 BAT2- Stelle, die auf drei Jahre begrenzt war, ohne Aussicht auf spätere Verbeamtung. Er bewarb sich daher an Schulen in anderen Bundesländern und wurde dort fündig. Er entschied sich für die Bundeswehrfachschule Hamburg, denn seine Stiefvater, der 1962 an Leukämie starb, stammte aus Lauenburg (Elbe) und Reinhold war gern im Norden an der Elbe und an Nord- und Ostsee.
1977 begann er dort seine Lehrtätigkeit, und die Familie zog nach Hamburg um. 1979 bekam er den Ruf an die Bundeswehrfachschule Gießen und zog im Juni 1983 nach Gießen. Ende der achtziger Jahre wurde er stellvertretender Schulleiter. Um „seine“ Schule zu stützen, studierte er neben seiner Lehrertätigkeit an der JLU Gießen drei Jahre lang Informatik für das Lehramt Informatik/EDV.
Reinhold 55
Reinhold 55
Mitte der achtziger Jahre wurde die Bundeswehrfachschule Gießen Fachoberschule. Reinhold entwickelte auf Bitten seiner Schüler neue Lehrgänge. So entwickelte er einen speziellen zweijährigen Lehrgang zum Staatlich geprüften Betriebswirt. Der berufliche Aspekt war die Ausbildung Personalwirtschaft. Etliche seiner Schüler wurden so Personalchefs in größeren Firmen, die dann Gießener Schüler übernehmen konnten. Später kam als Hauptfach Kostenrechnung und Controlling dazu. Reinhold schichtete Lehrgang so um, dass das erste Jahr die Fachhochschulreife Wirtschaft enthielt, so dass die Schüler, die nicht in das 2. Jahr wollten, die Fachhochschulreife erworben hatten. Der Sinn des zweijährigen Lehrganges in dieser Form war, dass die Schüler, die nicht im 2. Jahr zum Betriebswirt weiter bleiben wollten, wenigstens die Fachhochschulreife hatten.
Reinhold entwickelte dann weitere Speziallehrgänge wie den Lehrgang „EDV-Netzwerkorganisator“, Der Abschluss erfolgte dann mit der IHK. Er integrierte in fast alle Lehrgänge externe SAP-Ausbildung. Gerade dieser SAP-Lehrgang war für seine Schüler für den Berufsweg wichtig. Da die meisten seiner Schüler für den Betriebswirt keine kaufmännische Vorbildung hatte, entwickelt er zusammen mit der IHK den Ausbildungslehrgang zum Bürokaufmann.
Aber all das nutzte der Bundeswehrfachschule Gießen nichts, denn Ende der neunziger Jahre regierte die SPD im Bund. Der Verteidigungsminister hieß Scharping. Nach seinen Vorstellungen sollten als Ersparnisgründen zehn der zwanzig Bundeswehfachschulen geschlossen werden, darunter auch Gießen. Die Erfolge der Gießener Schulen nutzten hierbei nichts. Man schloss Gießen mit der Begründung, dass der Direktor, sein Stellvertreter und der Büroleiter zu alt seien. Gruninger wurde in dieser Situation dann der Direktor der Schule. Er musste seine Kolleginnen und Kollegen unterbringen. Hilfe vom BMVg bekam er fast nicht. Aber es gelang ihm dank seiner Kenntnisse und Verbindungen diese Problem zu lösen.
Und so wurde Reinhold zum zweiten Mal durch die SPD an den Rand seiner Existenz gebracht. Er wurde im Oktober sechzig Jahre alt und galt mit 50% Einstufung als schwerbehindert, da er ein schweres Zervikal Syndrom, das er sich bei seinem Weiterstudium zugezogen hatte. Ein Jahr zuvor hätte er damit in die Frühpensionierung gehen können, aber die rotgrüne Bundesregierung hatte das Pensionsalter auf 63 Jahre angehoben. So konnte Reinhold erst 2005 in Pension gehen.
Aber er war nach dieser Zeit nicht untätig. Er erinnerte sich an seine Oberhessischen Wurzeln und schrieb Zeitungsartikel im Dialekt des schönen Lumdatales. Walter Deissmann, der zusammen mit Brunhilde Trenz das Heimatmuseum Allendorf mit seinen drei sehenswerten Gebäuden geschaffen hatte, entdeckte einen der Artikel in einer Zeitung und fragte ihn, ob er nicht auch mit Artikeln für das Heimatmuseum tätig werden wolle. Reinhold entwickelte einen solchen Vortrag, aber Walter Deissmann verstarb überraschend. Reinhold wollte aber weiter aktiv zu werden, um das Heimatmuseum durch seine Kenntnis der Allendorfer Vergangenheit zu stützen, denn das Heimatmuseum wurde von Brunhild Trenz in hervorragender Weise weitergeführt und ausgebaut. Es folgten Autorenlesungen und zahlreiche Ausstellungen, die Allendorf bekannt machten.
Auch Reinhold beteiligte sich mit Vorträgen und Ausstellungen, speziell am Nickelsmarkt. Reinhold hat zwei Hobbies: Zum einen hat er eine Sammlung von Modelleisenbahnen verschiedener Größen und Fabrikate, die er gern im Museum vorführt. Sein anderes Hobby ist das Blechspielzeug, das natürlich thematisch gut zu unserem 50er-Jahre Haus passt. Denn Blechspielzeug war das Spielzeug der 50er und 60er Jahre. Er wollte seine prächtigen Blechspielzeuge nicht weiter in Kisten weggesperrt sehen und übergab daher seine große, prächtige Sammlung als Dauerleihgabe an das Heimatmuseum und jeder Interessierte kann es nun an Öffnungstagen sehen und bewundern. Diese Blechspielzeuge, speziell von Firmen aus dem Nürnberger Raum, zeigen auch Aufstieg und Niedergang deutscher Firmen mit Weltgeltung, wie Georg Köhler Nürnberg (GKN), Technofix, Schuco, Lehmann und vieles mehr. Besonders weh tat ihm, dass er ausgerechnet von der SPD zweimal fast um seine Existenz gebracht wurde, denn sein Großvater Reinhard Lotz, der 1932 im Alter von 36 Jahren plötzlich verstarb, hatte in den 20er Jahren den Kreisverband der SPD sowie den Ortsverband Allendorf gegründet, und er stand ihnen bis zu seinem frühen Tod vor. Reinholds Motto war immer, man muss einmal mehr aufstehen als man hinfällt.
Wir alle vom Museumsteam Allendorf haben Reinhold zu seinem 75. herzlich gratuliert und wünschen ihm weiterhin eine gute Gesundheit, dass er weitere „Events“ bei uns, auch für Anorf, durchführen kann.

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Kommentare zum Beitrag

Margrit Jacobsen
8.736
Margrit Jacobsen aus Laubach schrieb am 17.10.2017 um 12:27 Uhr
Von Herzen gute Wünsche, lieber Reinhold!
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)
1.309
Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda) aus Allendorf (Lumda) schrieb am 18.10.2017 um 22:05 Uhr
Ich danke Dir, liebe Margrit! Ich hoffe, es geht Euch gut und wir können uns wieder einmal im Heimatmuseum treffen. Am 1. Sonntag im Dezember kommt Karin Bach und stellt uns ihre Bücher vor.
Im neuen Jahr (Termin steht noch nicht fest) kommt Ingrid Kretz aus Wissenbach. Sie ist bei Recherchen zu ihrem Stammbaum im Schloss Dillenburg auf eine eigentlich schreckliche Geschichte zweier Schwestern gestoßen, die ihree Vorfahrinnen sind. Sie wurden kurz nach der Reformation dreimal als Hexen angeklagt und wurden "hochnotpeinlichen" unterworfen, aber dreimal freigesprochen. Das war kurz nach LuthersThesen. Ich dachte immer, dass mit Luther die Hexenverfolgung aufgehört hätte. Nein, das Gegenteil war der Fall. Er war ein schlimmer Hexenverfolger. Mit seinen Thesen und Schriften hat er die Bauern aufgewiegelt gegen die Lehnsherrn - und dann schreib er ein Pamphlet "wider die mörderischen und räuberischen Bauern"! Auch nicht die feine Art.
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von:  Heimat- und Verkehrsverein Allendorf (Lumda)

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